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Full text of "Die Naturwissenschaften 1930-11-28: Vol 18 Iss 47-49"

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DIE NATURWISSENSCHAFTEN 


18. Jahrgang 28. November 1930 Heft 47/48/49 








91. VERSAMMLUNG 


DER 


GESELLSCHAFT 
DEUTSCHER NATURFORSCHER UND ARZTE 


ZU KONIGSBERG I. PR. 
VOM 7.BIS ZUM 11. SEPTEMBER 1930 


* 


VORTRAGE DER ALLGEMEINEN SITZUNGEN UND 
DER SITZUNGEN DER HAUPTGRUPPEN 


ANHANG: AUTOREFERATE DER VORTRAGE IN 
DEN KOMBINIERTEN SITZUNGEN UND IN DEN 
NATURWISSENSCHAFTLICHEN ABTEILUNGEN 





Inhalt: 


Allge meine Sitzungen 


Naturerkennen und Logik. Von D. HILBERT, Göttingen 959 
Die Entwicklung und der heutige Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der 
Elemente. Zum hundertjährigen Jubiläum von LOTHAR MEYERS Geburtstag. Von 
F. PANETH, Königsberg i. Pr 964 
Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. Von Apotr v. Batockı, Bledau 976 
Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. Von 
OÖ. HEINROTH, Berlin 983 
Ub Psychoanal ys« Von OswaLp BuMKE, München 985 
Kre ils Volkskrankheit. \ OTTO RICHARD TEUTSCHLAENDER, Heidelberg 994 
Sitzung der Naturwissenschaftlichen Hauptgruppe 
Geochemiscl Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Element Von V. M 
GOLDSCHMIDT, (Göttinger 999 
D Alter der Erde. Von Orro Haun, Berlin-Dahlen 013 
Die I itung der Silikatsynthese für die Geochemie. Von WILHELM EITEL, Berlin-Dahlem 1019 
Sitzung de Medizinischen Hau} gruppe 
H Bilirubin und Porphyrin« Von Hans FISCHER, Miu el 1026 
Morphologie der Porphyrin« Von M. Borst, Miinchen 038 


\ti ) Pathogenese nd experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektior Vo 
I Popre, Rostoc 04 
B bakterien-Infekti« Klinil 1d Therapie der Erkrankungen des Menscheı Von 
WILHELM STEPP, Breslau 1047 


kombinierten Sitzungen und in den naturwissenschaft 


Autoreferate der Vorträge in den 
chen Abteilungen! 
Abteilungen erscheinen als 


medizinischen 


der Vorträge 
1930, Heft 


den 


18 


Autoreferate 


ischen Wochenschrift 


zur Klis 











Naturerkennen und Logik. 
Von D. HILBERT, Göttingen. 


Die Erkenntnis von Natur und Leben ist unsere 
vornehmste Aufgabe. Alles menschliche Streben 
und Wollen miindet dahin, und immer steigender 
Erfolg ist uns dabei zuteil geworden. Wir haben 
in den letzten Jahrzehnten iiber die Natur reichere 
und tiefere Erkenntnis gewonnen als friiher in 
ebenso vielen Jahrhunderten. Wir wollen heute 
diese giinstige Lage benutzen, um unserem Thema 
entsprechend ein altes philosophisches Problem zu 
behandeln, nämlich die vielumstrittene Frage nach 
dem Anteil, den Denken einerseits und die 
Erfahrung andererseits an unserer Erkenntnis 
Diese alte Frage ist berechtigt, denn sie 
beantworten, heißt im Grunde feststellen, welcher- 
ırt unsere naturwissenschaftliche Erkenntnis über- 


das 


haben 


haupt ist und in welchem Sinne all das Wissen, das 
vir in dem naturwissenschaftlichen Betriebe sam- 
meln, Wahrheit ist 

Ohne den alten 
Philosophen und Forschern können wir heute auf 
ine richtig« 


Vermessenheit gegenüber 


sicherer rechnen 
der erste ist 


Lösung dieser Frage 


als jene aus zwei Gründen das 


chon erwähnte rasche Tempo, in dem sich unsere 


Wissenschaften heute entwickeln. 


Die bedeutsamen Entdeckungen der älteren 
Zeit, von COPERNICUS, KEPLER, GALILEI, NEW- 
ON bis MAXWELL verteilen sich in größeren Ab- 
tanden auf fast vier Jahrhunderte. Die neuere 


Zeit beginnt mit der Entdeckung der HERTZschen 
Wellen. Nun folgt Schlag auf Schlag: RONTGEN 
ntdeckt seine Strahlen, CuRIE die Radioaktivitat, 
PLANCK stellt die Quantentheorie auf. Und in 
ıeuester Zeit überstürzen sich die Entdeckungen 
neuer Erscheinurgen und überraschender Zusam- 
menhänge, so daß die Fülle der Gesichter fast be- 
nruhigend wirkt: RUTHERFORDs Theorie der 
Radioaktivität, EINSTEINS hr-Gesetz, Bours Er- 
larung der Spektren, MosELEYs Numerierung 
ler Elemente, EınstEins Relativitätstheorie, Ru- 
HERFORDS Zerfällung des Stickstoffs, Bours Auf- 
iu der Elemente, 
So erlebten wir allein in der Physik eine un- 
nterbrochene Reihe von Entdeckungen, und was 
für Entdeckungen! An Gewaltigkeit steht keine 
ızige derselben den Errungenschaften der älteren 
Zeit nach, und überdies sind sie zeitlich enger zu- 
mmengedrängt und doch innerlich ebenso viel- 
staltig wie jene. Und darin zeigen sich beständig 
Theorie und Praxis, Denken und Erfahrung aufs 
nigste verschlungen. Bald eilt die Theorie, bald 

s Experiment immer 
stätigend, ergänzend und anregend. 


Astons Isotopentheorie 


sich gegenseitig 


Ähnliches 


voraus, 


gilt von der Chemie, der Astronomie und den 
biologischen Disziplinen. 

Wir haben also den älteren Philosophen gegen- 
über den Vorteil, eine große Anzahl solcher Ent- 
deckungen miterlebt und die dadurch bewirkten 
Neueinstellungen während ihrer Entstehung ken- 
nengelernt zu haben. Dabei waren unter den Neu- 
entdeckungen viele solche, die alte, festgewurzelte 
Auffassungen und Vorstellungen abänderten oder 
ganz beseitigten. Denken wir beispielsweise nur an 
den neuen Zeitbegriff der Relativitätstheorie oderan 
die Zerfällung der chemischen Elemente und wie da- 
durch Vorurteile beseitigt worden sind, an denen zu 
rühren früher überhaupt niemand eingefallen wäre. 


Aber noch ein zweiter Umstand kommt heute 
der Lösung jenes alten philosophischen Problems 
zugute. Nicht bloß die Technik des Experimen- 
und die Kunst, theoretisch-physikalische 
Gebäude zu errichten, ist heute auf einer nie bisher 
erreichten Höhe angelangt, sondern auch das 
Gegenstück, nämlich die logische Wissenschaft, ist 
wesentlich fortgeschritten. Es gibt heute eine 
allgemeine Methode für die theoretische Behand- 
lung naturwissenschaftlicher Fragen, die auf alle 
Fälle die Präzisierung der Problemstellung er- 
leichtert und die Lösung des Problems vorbereiten 
hilft, nämlich die axiomatische Methode. 

Was für eine Bewandtnis hat es nun mit dieser 
vielgenannten Axiomatik? Nun, die 
beruht auf der Tatsache, daß meist 
auch in umfassenden Wissensgebieten wenige 
Sätze Axiome genannt ausreichen, um dann 
rein logisch das ganze Gebäude der Theorie auf- 
zubauen. Aber mit dieser Bemerkung ist ihre 
Bedeutung nicht erschöpft. Beispiele können uns 
am ehesten die axiomatische Methode erläutern. 
Das älteste und bekannteste Beispiel der axio- 
matischen Methode ist EuKLips Geometrie. Ich 
möchte aber lieber ganz kurz die axiomatische 
Methode an einem sehr drastischen Beispiele aus 
der modernen Biologie verdeutlichen. 

Drosophila ist eine kleine Fliege, aber groß 
ist unser Interesse für sie; sie ist der Gegenstand 
der ausgedehntesten, der sorgfältigsten und er- 
folgreichsten Züchtungsversuche gewesen. Diese 
gewöhnlich grau, rotäugig, fleckenlos, 
rundflügelig, langflügelig. 


tierens 


heute so 


Grundidee 


Fliege ist 
Es kommen aber auch 
Fliegen mit abweichenden Sondermerkmalen vor: 


statt grau sind sie gelb, statt rotaugig sind sie 
weißäugig usw. Gewöhnlich sind diese fünf 
Sondermerkmale gekoppelt, d. h. wenn eine 


2% 


/ 








960 HILBERT: 


Fliege gelb ist, dann ist sie auch weißäugig und 
fleckig, spaltfliigelig und klumpflügelig. Und 
wenn sie klumpflügelig ist, dann ist sie auch gelb 
und weißäugig usw. Von dieser gewöhnlich statt- 
habenden Koppelung kommen nun aber bei ge- 
eigneten Kreuzungen unter den Nachkommen an 


Zahl geringere Abweichungen vor, und zwar 
prozentuell in bestimmter konstanter Weise. Auf 


die Zahlen, die man dadurch experimentell findet, 
stimmen die linearen Eukripischen Axiome der 
Kongruenz und die Axiome über den geometri- 
schen Begriff ‚zwischen‘, und so kommen als 
Anwendung der linearen Kongruenzaxiome, d. h. 
der elementaren geometrischen Sätze über das Ab- 
tragen von Strecken, die Gesetze der Vererbung 
heraus; so einfach und genau — und zugleich so 
wunderbar, wie wohl keine noch so kühne Phan- 
tasie sie sich ersonnen hätte. 

Ein weiteres Beispiel der axiomatischen Methode 
auf ganz anderem Gebiet ist folgendes: 

In unseren theoretischen Wissenschaften sind 
wir an die Anwendung formaler Denkprozesse und 
abstrakter Methoden gewöhnt. Die axiomatische 
Methode gehört der Logik an. Bei dem Worte 
Logik denkt man in weiten Kreisen an eine sehr 
langweilige und schwierige Sache. Heute ist die 
logische Wissenschaft leicht verständlich und sehr 
interessant geworden. Z. B. hat man eingesehen, 
daß schon im täglichen Leben Methoden und Be- 
griffsbildungen gebraucht werden, die ein hohes 
Maß von Abstraktion erfordern und nur durch 
unbewußte Anwendung der axiomatischen Metho- 
den verständlich sind. Z. B. der allgemeine Prozeß 
der Negation und insbesondere der Begriff ,,Un- 
endlich“. Was den Begriff ‚Unendlich‘ betrifft, 
so müssen wir uns klarmachen, daß ‚Unendlich‘ 
keine anschauliche Bedeutung und ohne nähere 
Untersuchung überhaupt keinen Sinn hat. Denn 
es gibt überall nur endliche Dinge. Es gibt keine 
unendliche Geschwindigkeit und keine unendlich 
rasch sich fortpflanzende Kraft oder Wirkung. 
Zudem ist die Wirkung selbst diskreter Natur 
und existiert nur quantenhaft. Es gibt überhaupt 
nichts Kontinuierliches, was unendlich oft ge- 
teilt werden könnte. Sogar das Licht hat atomi- 
stische Struktur, ebenso wie die Wirkungsgröße. 
Selbst der Weltraum ist, wie ich sicher glaube, 
nur von endlicher Ausdehnung, und einst werden 
uns die Astronomen sagen können, wieviel Kilo- 
meter der Weltenraum lang, hoch und breit ist. 
Wenn auch in der Wirklichkeit Fälle von sehr 
großen Zahlen oft vorkommen, z. B. die Entfer- 
nungen der Sterne in Kilometern oder die Anzahl 
der wesentlich verschiedenen möglichen Schach- 
spiele, so ist doch die Endlosigkeit oder die Un- 
endlichkeit, weil sie eben die Negation eines über- 
all herrschenden Zustandes ist, eine ungeheuerliche 
Abstraktion ausführbar nur durch die bewußte 
oder unbewußte Anwendung der axiomatischen 
Methode. Diese Auffassung vom Unendlichen, die 
ich durch eingehende Untersuchungen begründet 
habe, löst eine Reihe von prinzipiellen Fragen, ins- 


Naturerkennen und Logik. 





Die Natur- 
wissenschaften 


besondere werden dadurch die Kantschen Anti- 
nomien über den Raum und über die unbegrenzten 
Teilungsmöglichkeiten gegenstandslos und also die 
dabei auftretenden Schwierigkeiten gelöst. 


Wenn wir uns nun unserem Problem selber, wie 
Natur und Denken zusammenhängen, zuwenden, 
so wollen wir hier drei Hauptgesichtspunkte zur 
Sprache bringen. Der erste knüpft an das soeben 
besprochene Problem der Unendlichkeit an. Wir 
sahen: das Unendliche ist nirgends realisiert; es 
ist weder in der Natur vorhanden noch als Grund- 
lage in unserem Denken ohne besondere Vorkeh- 
rungen zulässig. Hierin schon erblicke ich einen 
wichtigen Parallelismus von Natur und Denken, 
eine grundlegende Übereinstimmung zwischen Er- 
fahrung und Theorie. 

Noch einen anderen Parallelismus nehmen wir 
wahr: unser Denken geht auf Einheit aus und 
sucht Einheit zu bilden; wir beobachten die Ein- 
heit des Stoffes in der Materie, und wir kon- 
statieren überall die Einheit der Naturgesetze 
Dabei kommt uns die Natur in Wirklichkeit bei 
unserer Forschung sehr entgegen, als wäre sie be- 
reit, ihre Geheimnisse gern zu enthüllen. Die 
dünne Verteilung der Masse im Himmelsraum er- 
möglichte die Entdeckung und genauere Bestäti- 
gung des NEwronschen Gesetzes. MICHELSON 
konnte trotz der großen Lichtgeschwindigkeit noch 
die Ungültigkeit des Additionsgesetzes der Ge- 
schwindigkeiten mit Sicherheit feststellen, weil 
unsere Erde noch gerade rasch genug dazu ihren 
Rundlauf um die Sonne macht. Der Merkur tut 
uns gerade den Gefallen, die Perihelbewegung aus- 
zuführen, so daß wir die EınstEinsche Theorie 
daran prüfen können. Und der Fixsternstrahl 
läuft gerade noch so an der Sonne vorüber, daß 
seine Ablenkung beobachtet wird. 

Aber noch auffallender ist eine Erscheinung, die 
wir in anderem Sinne als LEIBNIz die prästabilierte 
Harmonie nennen, die geradezu eine Verkörperung 
und Realisation mathematischer Gedanken ist. 
Die älteren Beispiele dafür sind die Kegelschnitte, 
die man studierte, lange bevor man ahnte, daß 
unsere Planeten oder gar die Elektronen sich in 
solchen Bahnen bewegten. Aber das großartigste 
und wunderbarste Beispiel für die prästabilierte 
Harmonie ist die berühmte Eınsteinsche Rela- 
tivitätstheorie. Hier werden allein durch die all- 
gemeine Forderung der Invarianz in Verbindung 
mit dem Prinzip der größten Einfachheit die Dif- 
ferentialgleichungen für die Gravitationspotentiale 
mathematisch eindeutig aufgestellt; und diese Auf- 
stellung wäre unmöglich gewesen ohne die tief- 
gehenden und schwierigen mathematischen Unter 
suchungen von RIEMANN, die lange vorher da 
waren. In neuester Zeit häufen sich die Fälle, 
daß gerade die wichtigsten im Mittelpunkt des 
Interesses der Mathematik stehenden mathema- 
tischen Theorien zugleich die in der Physik be- 
nötigten sind. Ich hatte die Theorie der unendlich 
vielen Variablen aus rein mathematischem Inter- 








Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


esse entwickelt und dabei sogar die Bezeichnungen 
Spektralanalyse angewandt, ohne ahnen zu können, 
daß diese einmal später in dem wirklichen Spek- 
trum der Physik realisiert werden würden. 

Wir können diese Übereinstimmung zwischen 
Natur und Denken, zwischen Experiment und 
Theorie nur verstehen, wenn wir das formale 
Element und den damit zusammenhängenden 
Mechanismus auf beiden Seiten der Natur und 
unseres Verstandes berücksichtigen. Der mathe- 
matische Prozeß der Elimination liefert, wie es 
scheint, die Ruhepunkte und Stationen, auf denen 
ebenso die Körper in der realen Welt wie die Ge- 
danken in der Geisteswelt verweilen und sich da- 
durch der Kontrolle und der Vergleichung darbieten. 

Indes auch diese prästabilierte Harmonie er- 
schöpft noch nicht die Beziehungen zwischen 
Natur und Denken und enthüllt noch nicht die 
tiefsten Geheimnisse unseres Problems. Um zu 
diesem zu kommen, fassen wir einmal den gesamten 
physikalisch-astronomischen Wissenskomplex ins 
Auge. Wir bemerken dann in der heutigen Wissen- 
schaft einen Gesichtspunkt, der weit über die 
älteren Fragestellungen und Ziele unserer Wissen- 
schaft hinausgeht: es ist der Umstand, daß die 
heutige Wissenschaft nicht bloß im Sinne der 
klassischen Mechanik aus Daten der Gegenwart 
die künftigen Bewegungen und zu erwartenden 
Erscheinungen vorauszubestimmen lehrt, sondern 
sie zeigt auch, daß gerade die gegenwärtigen tat- 
sächlichen Zustände der Materie auf der Erde 
und im Weltall nicht zufällig oder willkürlich sind, 
sondern aus den physikalischen Gesetzen folgen. 

Die wichtigsten Belege dafür sind die Bour- 
schen Atommodelle, der Aufbau der Sternenwelt 
und schließlich die ganze Entwicklungsgeschichte 
des organischen Lebens. Die Verfolgung dieser 
Methoden müßte, so erscheint es, dann wirklich 
zu einem System von Naturgesetzen führen, das 
auf die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit paßt, 
und dann bedürfte es tatsächlich nur des Denkens, 
d. h. der begrifflichen Deduktion, um alles physi- 
kalische Wissen zu gewinnen; alsdann hätte HEGEL 
recht mit der Behauptung, alles Naturgeschehen 
Aber diese 
Denn wie ist es mit 


aus Begriffen deduzieren zu können. 
Folgerung ist unzutreffend 
der Herkunft der Weltgesetze? Wie gewinnen wir 
Und wer lehrt uns, daß sie auf die Wirk- 
Die Antwort lautet, daß uns dies 
Erfahrung ermöglicht Im 
Gegensatz zu HEGEL erkennen wir, daß die Welt- 
sind 


solche ? 
lichkeit passen ? 
ausschließlich die 


gesetze auf keine andere Weise zu gewinnen 
als aus der Erfahrung. Mögen bei der Konstruktion 
des Fachwerkes der physikalischen Begriffe man- 
nigfache spekulative Gesichtspunkte mitwirken: 
Ob die aufgestellten Gesetze und das aus ihnen 
aufgebaute von Begriffen 
stimmt, das zu entscheiden ist allein die Erfahrung 
imstande. Bisweilen hatte eine Idee ihren ersten 
Ursprung im reinen Denken, wie z. B. die Ide« 
ler Atomistik bei DEMoKRIT, während die Existenz 
ler Atome erst zwei Jahrtausende später durch die 


logische Fachwerk 


HILBERT: Naturerkennen und Logik. 961 


Experimentalphysik bewiesen worden ist. Bis- 
weilen geht die Erfahrung voran und zwingt dem 
Geiste den spekulativen Gesichtspunkt auf. So 
danken wir es dem kräftigen Anstoß des MICHEL- 
sonschen Experimentes, daß das festgewurzelte 
Vorurteil der absoluten Zeit aus dem Wege geräumt 
und schließlich der Gedanke der allgemeinen 
Relativität von EINSTEIN gefaßt werden konnte. 

Wer trotzdem leugnen will, daß die Welt- 
gesetze aus der Erfahrung stammen, muß be- 
haupten, daß es außer der Deduktion und außer 
der Erfahrung noch eine dritte Erkenntnis- 
quelle gibt. 

Es haben in der Tat Philosophen und KANT 
ist der klassische Vertreter dieses Standpunktes 
behauptet, daß wir außer der Logik und der Er- 
fahrung noch a priori gewisse Erkenntnisse iiber 
die Wirklichkeit haben. Nun gebe ich zu, daB 
zum Aufbau der theoretischen Fachwerke 
apriorische Einsichten nötig sind und 
daß stets dem Zustandekommen unserer Erkennt- 
nisse solche zugrunde liegen. Ich glaube, daß auch 
die mathematische Erkenntnis letzten Endes auf 
einer Art solcher anschaulicher Einsicht beruht. 
Und daß wir sogar zum Aufbau der Zahlentheorie 
eine anschauliche Einstellung a priori 
nötig haben. Damit behält also der allgemeinste 
Giundgedanke der Kantschen Erkenntnistheorie 
Bedeutung: nämlich das philosophische 
Problem, jene anschauliche Einstellung a priori 
festzustellen und damit die Bedingung der Mög- 
lichkeit jeder begrifflichen Erkenntnis und zu- 
gleich jeder Erfahrung zu untersuchen. Ich meine, 
daß dies im wesentlichen in meinen Untersuchun- 
gen über die Prinzipien der Mathematik geschehen 
ist. Das Apriori ist dabei nichts mehr und nichts 
weniger als eine Grundeinstellung oder der Aus- 
druck für unerläßliche Vorbedingungen 
des Denkens und Erfahrens. Aber die Grenze einer- 
zwischen dem, was wir a priori besitzen, 
und andererseits dem, wozu Erfahrung nötig ist, 
müssen wir anders ziehen als Kant; Kanrt hat die 


schon 


gewisse 


gewisse 


seine 


gewisse 


seits 


Rolle und den Umfang des Apriorischen weit 
überschätzt. 
Zur Zeit Kants konnte man denken, daß die 


Raum- und Zeitvorstellungen, die man hatte, 
ebenso allgemein und unmittelbar auf die Wirk- 


lichkeit anwendbar sind wie z. B. unsere Vor- 
stellungen von Anzahl, Reihenfolge und Größe, 


die wir in den mathematischen und physikalischen 
Theorien beständig in der uns geläufigen Weise 
verwenden. Dann würde in der Tat die Lehre 
von Raum und Zeit, insbesondere also die Geo- 
metrie etwas sein, das ebenso wie die Arithmetik 
aller Naturerkenntnis Aber dieser 
Standpunkt Kants wurde bereits ehe die Ent- 
wicklung der Physik dazu zwang, insbesondere 
von RIEMANN und HELMHOLTZ verlassen — mit 


vorausgeht 


vollem Recht; denn Geometrie ist nichts anderes 
als derjenige Teil des gesamten physikalischen 
Begriffsfachwerkes, der die möglichen Lagen- 


beziehungen der starren Körper gegeneinander in 





962 HıLBert: Naturerkennen und Logik. 


der Welt der wirklichen Dinge abbildet. Daß es 
beweglichestarre Körper überhauptgibt und welches 
die Lagebeziehungen sind, ist lediglich Erfahrungs- 
sache. Der Satz, daß die Winkelsumme im Dreieck 
zwei Rechte beträgt und das Parallelaxiom gilt, 
ist eben, wie schon Gauss erkannte, lediglich durch 
das Experiment festzustellen oder zu widerlegen. 
Würden sich z. B. die sämtlichen durch die Kon- 
gruenzsätze ausgedrückten Tatsachen in Über- 
einstimmung mit der Erfahrung erweisen, fiele 
dagegen die Winkelsumme in einem aus starren 
Stäben konstruierten kleiner als ein 
Rechter aus, so würde niemand darauf verfallen, 
daß das Parallelenaxiom in dem Raume der wirk- 
lichen Körper gültig sei 

Bei der Aufnahme in den apriorischen Bestand 
ist die Vorsicht am Platze; 
viele der früher als apriorisch geltenden Erkennt- 


Dreiecke 


äußerste sind doch 
nisse heute sogar als unzutreffend erkannt worden. 
Das schlagendste Beispiel dafür ist die Vorstellung 
von der absoluten Gegenwart Eine absolute 
nicht, 
Kindheit an daran gewöhnt sind, sie anzunehmen, 


da es sich eben im täglichen Leben nur um kurze 


Gegenwart gibt es sosehr wir auch von 


Entfernungen und langsame Bewegungen handelt. 
Wäre dies anders, so würde niemand darauf ge- 
kommen sein, die absolute Zeit einzuführen. So 
so tiefe Denker wie NEwWTon und 
KANT gar nicht einmal darauf gekommen, an der 
Absolutheit der Zeit zu zweifeln. Der vorsichtige 
NEWTON formulierte Forderung 
die absolute wahre Zeit fließt 
und ihrer Natur gleichförmig 
Beziehung auf irgendeinen Gegenstand 
Newton hat damit ehrlich jeden Rückzug oder 


aber sind sogaı 


diese sogar so 
kraß wie möglich: 
an sich vermöge 


und ohne 


Kompromiß abgeschnitten, und Kant, der kri- 
tische Philosoph, erwies sich hier so gar nicht 
kritisch, indem er ohne weiteres NEWTON ak- 


befreite uns definitiv 
das wird immer eine deı 


zeptierte Erst EINSTEIN 


von diesem Vorurteil 


gewaltigsten Taten des menschlichen Geistes 
bleiben und die allzu weitgehende Apriori- 
Theorie konnte schlagender als durch diesen Fort- 


gang der physikalischen Wissenschaft nicht ad ab- 


surdum geführt werden. Die Annahme der ab- 
soluten Zeit hat 
Addition der 


setzung 


nämlich u. a. den Satz von der 
Zusammen- 
Geschwindigkeiten zur Folge 

iibrigens an sich ein Satz, der scheinbar an Evidenz 
und populärer Verständlichkeit kaum überboten 
werden und doch ergab sich aus den 
Experimenten auf den Ge- 
Astronomie und der Elek- 
Weise, daß dieser 
Geschwindigkeiten 
tatsächlich ein 
komplizierteres Gesetz für die Zusammensetzung 
Geschwindigkeiten Wir können 
in der neueren Zeit ist die von GAuss und HELM- 


Geschwindigkeiten bei 
Zweier 


konnte 

verschiedenartigsten 
bieten der Optik, deı 
trizitätslehre in 
Satz von deı 
nicht 


zwingender 
Addition deı 
richtig ist; 


es gilt anderes 


zweieı sagen: 


HOLTZ vertretene Anschauung über die empirische 
Natur der Geometrie zu einem sicheren Ergebnis 
der Wissenschaft heute für 


geworden Sie muß 





Die Natur- 
wissenschaften 


alle philosophischen Spekulationen, die Raum und 
Zeit betreffen, als fester Anhaltspunkt dienen. 
Denn die EınstEinsche Gravitationstheorie macht 
es offenkundig: die Geometrie ist nichts als ein 
Zweig der Physik; die geometrischen Wahrheiten 
sind in keiner einzigen Hinsicht prinzipiell anders 
gestellt oder anders geartet als die physikalischen. 
So sind z. B. der pythagoreische Lehrsatz und das 
Newtonsche Anziehungsgesetz miteinander we- 
sensverwandt, insofern sie von demselben physi- 
kalischen Grundbegriff, dem des Potentials, be- 
herrscht werden. Aber noch mehr ist für jeden 
Kenner der Eınsteinschen Gravitationstheorie 
sicher: diese beiden Gesetze, so verschiedenartig 
und bisher scheinbar durch Fernen getrennt, das 
eine ein schon im Altertum bekannter, seitdem 
auf der Schule überall gelehrter Satz der elemen- 
taren Geometrie, das andere ein Gesetz über die 
Wirkung der Massen aufeinander, sind nicht bloß 
von demselben Charakter, sondern nur Teile 
ein und desselben allgemeinen Gesetzes. 

Es konnte kaum drastischer die prinzipielle 
Gleichartigkeit der geometrischen und der physi- 
kalischen Tatsachen zutage treten. Freilich beim 
üblichen Aufbau und bei unseren ge- 
wöhnlichen täglichen und von Kinderzeiten her 
geläufigen Erfahrungen gehen die geometrischen 
und kinematischen Sätze den dynamischen voraus, 
und dieser Umstand erklärt es, wenn man vergaß, 
daß es überhaupt Erfahrungen sind. Wir sehen 
also: In der Kantschen Apriori-Theorie sind 
noch anthropomorphe Schlacken enthalten, von 
denen sie befreit werden muß und nach deren 
Entfernung nur diejenige apriorische Einstellung 
übrigbleibt, die rein mathematischen 
Erkenntnis zugrunde liegt: es ist im wesentlichen 
die von mir in verschiedenen Abhandlungen! 
charakterisierte finite Einstellung 

Das Instrument, welches die Vermittelung be- 
wirkt zwischen Theorie und Praxis, zwischen 
Denken und Beobachten, ist die Mathematik; sie 
baut die verbindende Brücke und gestaltet sie 
immer tragfähiger. Daher kommt es, daß unsere 
ganze gegenwärtige Kultur, soweit sie auf der 
Durchdringung und Dienstbarmachung 
der Natur beruht, ihre Grundlage in der Mathe- 
matik findet. Schon GAaLILEı sagt: Die Natur 
kann nur der verstehen, der ihre Sprache und die 
Zeichen kennengelernt hat, in der sie zu uns redet; 
diese Sprache aber ist die Mathematik, und ihre 
Zeichen sind die mathematischen Figuren. Kant 
tat den Ausspruch: „Ich behaupte, daß in jeder 
besonderen Naturwissenschaft nur so viel eigent- 
liche Wissenschaft angetroffen werden kann, als 
darin Mathematik enthalten ist.‘ In der Tat 
Wir beherrschen nicht eher eine naturwissenschaft- 
liche Theorie, als bis wir ihren mathematischen 
Kern herausgeschält und völlig enthüllt haben 
Ohne Mathematik ist die heutige Astronomie und 

1 Vgl. Über das Ann. 95 
mathem 


logischen 


auch der 


geistigen 


Unendliche. Mathem 


Die Grundlagen der Mathematik, Abh. a. d. 
Hamburgischen Universität 6. 


Sem. d 











Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


Physik unmöglich; diese Wissenschaften lösen sich 
in ihren theoretischen Teilen geradezu in Mathe- 
matik auf. Diese und die zahlreichen weiteren An- 
wendungen sind es, denen die Mathematik ihr An- 
sehen verdankt, soweit sie solches im weiteren 
Publikum genießt. 

Trotzdem haben es die Mathematiker abgelehnt, 
die Anwendungen als Wertmesser für die Mathe- 
matik gelten zu lassen. Der Fürst der Mathematiker, 
Gauss, der gewiß zugleich ein angewandter Mathe- 
matiker par excellence war, der ganze Wissenschaf- 
ten, wie Fehlertheorie, Geodäsie neu schuf, um darin 
die Mathematik die Führerrolle spielen zu lassen, 
der, als die Astronomen den neu entdeckten Pla- 
neten Ceres — einen besonders wichtigen und inter- 
essanten Planeten verloren hatten und nicht 
wiederfinden konnten, eine neue mathematische 
Theorie ersann, auf Grund deren er den Standort 
der Ceres richtig voraussagte, der den Telegraphen 
und vieles andere Praktische erfand, war doch 
derselben Meinung. Die reine Zahlentheorie ist 
dasjenige Gebiet der Mathematik, das bisher 
noch nie Anwendung gefunden hat. Aber gerade 
die Zahlentheorie ist es, die von Gauss die Königin 
der Mathematik genannt und von ihm und fast 
allen großen Mathematikern verherrlicht wird. 
Gauss spricht von dem zauberischen Reiz, der die 
Zahlentheorie zur Lieblingswissenschaft der ersten 
Mathematiker gemacht habe, ihres unerschöpf- 
lichen Reichtums nicht zu gedenken, woran sie 
alle anderen Teile der Mathematik so weit über- 
trifft. Gauss schildert, wie ihn schon in früher 
Jugend die Reize der zahlentheoretischen Unter- 
suchungen so umstrickten, daß er sie nicht mehr 
lassen konnte. Er preist FERMAT, EULER, La- 
GRANGE und LEGENDRE als Männer von un- 
vergleichlichem Ruhme, weil sie den Zugang zu 
dem Heiligtum dieser göttlichen Wissenschaft 
erschlossen und gezeigt haben, von wie großen 
Reichtümern es erfüllt ist. Und ganz ähnlich 
begeistert sprechen sich die Mathematiker vor 
GAuss und die nach Gauss, wie LEJEUNE DI- 
RICHLET, KUMMER, HERMITE, KRONECKER und 
MINKOWSKI, aus KRONECKER vergleicht die 
Zahlentheoretiker den Lotophagen, die, wenn sie 
einmal von dieser Kost etwas zu sich genommen 
haben, nie mehr davon lassen können. 

Auch Poıncarf£, der glänzendste Mathematiker 
seiner Generation, der wesentlich zugleich Physiker 
und Astronom war, ist derselben Ansicht. Poın- 
CARE wendet sich einmal mit auffallender Schärfe 
gegen Torstor, der erklärt hatte, daß die Forde- 
rung ,,die Wissenschaft der Wissenschaft wegen“ 
töricht sei. ‚Sollen wir uns‘, so hatte TorLsTtoı 
gesagt, ,,bei der Wahl unserer Beschäftigung durch 
die Laune unserer Wißbegierde leiten lassen? 
Wäre es nicht besser, nach der Nützlichkeit die 
Entscheidung zu treffen, d. h. nach unseren prak- 


HILBERT: Naturerkennen und Logik. 963 


tischen und moralischen Bedürfnissen?‘ Eigen- 
artig, daß es gerade Torstoı ist, den wir Mathe- 
matiker da als einen platten Realisten und eng- 
herzigen Utilitarier ablehnen müssen. PoIncAr& 
führt gegen Torstor aus, daß, wenn man nach 
dem Rezept Totstots verfahren hätte, eine Wis- 
senschaft überhaupt niemals entstanden wäre. 
Man braucht nur die Augen zu öffnen, so schließt 
PoINncAR£, um zu sehen, wie z. B. die Errungen- 
schaften der Industrie nie das Licht der Welt 
erblickt hätten, wenn diese Praktiker allein 
existiert hätten und wenn diese Errungenschaften 
nicht von uninteressierten Toren gefördert worden 
wären, die nie an die praktische Ausnützung ge- 
dacht haben. Der gleichen Meinung sind wir alle. 

Auch unser großer Königsberger Mathematiker 
Jacosı dachte so, JAcoBI, dessen Name neben 
Gauss steht und noch heute von jedem Studieren- 
den unserer Fächer mit Ehrfurcht genannt wird. 
Als der berühmte FoURIER einmal gesagt hatte, 
der Hauptzweck der Mathematik liege in der Er- 
klärung der Naturerscheinungen, ist es JACOBI, 
der ihn mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seines 
Temperaments abkanzelt. Ein Philosoph, wie 
FOURIER doch sei, hatte wissen sollen, so ruft 
Jacosi, daß die Ehre des menschlichen Geistes 
der einzige Zweck aller Wissenschaft ist und daß 
unter diesem Gesichtspunkt ein Problem der 
reinen Zahlentheorie ebensoviel wert ist als eines, 
das den Anwendungen dient. 

Wer die Wahrheit der großzügigen Denkweise 
und Weltanschauung, die aus diesen Worten 
Jacogıs hervorleuchtet, empfindet, der verfällt 
nicht rückschrittlicher und unfruchtbarer Zweifel- 
sucht; der wird nicht denen glauben, die heute 
mit philosophischer Miene und überlegenem Tone 
den Kulturuntergang prophezeien und sich in dem 
Ignorabimus gefallen. Für den Mathematiker 
gibt es kein Ignorabimus, und meiner Meinung 
nach auch für die Naturwissenschaft überhaupt 
nicht. Einst sagte der Philosoph ComMTE — in 
der Absicht, ein gewiß unlösbares Problem zu 
nennen , daß es der Wissenschaft nie gelingen 
würde, das Geheimnis der chemischen Zusammen- 
setzung der Himmelskörper zu ergründen. Wenige 
Jahre später wurde durch die Spektralanalyse 
von KIRCHHOFF und BUNSEN dieses Problem ge- 
löst, und heute können wir sagen, daß wir die 
entferntesten Sterne als wichtigste physikalische 
und chemische Laboratorien in Anspruch nehmen, 
wie wir solche auf der Erde gar nicht finden. Der 
wahre Grund, warum es CoMTE nicht gelang, ‘ein 
unlösbares Problem zu finden, besteht meiner 
Meinung nach darin, daß es ein unlösbares Problem 
überhaupt nicht gibt. Statt des törichten Ignora- 
bimus heiße im Gegenteil unsere Losung: 

Wir müssen wissen, 
Wir werden wissen. 





964 PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 


Die Natu 
wissenschaften 


Die Entwicklung und der heutige Stand unserer Kenntnisse über das natürliche 


System der Elemente. 
(Zum hundertjährigen Jubiläum von Lothar Meyers Geburtstag.) 
Von F. PAneErH, Königsberg. 


Vor hundert Jahren, am 19. August 1830, wurde 
LOTHAR MEYER geboren. Der Name dieses deut- 
schen Chemikers ist neben dem des Russen MENDE- 
LEJEFF für alle Zeiten mit der Entdeckung des 
natürlichen Systems der chemischen Elemente ver- 
knüpft, und die Gesellschaft Deutscher Natur- 
forscher und Ärzte hat darum beschlossen, bei der 
heurigen Tagung eine Stunde der Erinnerung dem 
Leben dieses Mannes und der Geschichte seiner 
Entdeckung zu widmen. Zu einem solchen Rück- 
blick ist der gegenwärtige Zeitpunkt, abgesehen von 
dem besonderen Anlaß des Jubiläums, deswegen 
wohl geeignet, weil die stürmische Umformung 
unserer Vorstellungen über das natürliche System, 
die die letzten Jahre gebracht haben, heute zu 
einem gewissen Abschluß gekommen ist 

Was versteht man unter dem natürlichen 
System der chemischen Elemente? Wir kennen 
gegenwärtig 89 verschiedene chemische Elemente; 
diese müssen zum Zweck der Übersicht geordnet 
werden, und zwar möglichst frei von Willkür, mög- 


lichst „natürlich“. Vor sechzig Jahren gelang es 






Verbindungsgew | | 
Spezifisches Gew 


75 + Ne ee eee ee eee eee ee ESS SS SESS SSS SSS SS SSeS! 


65 4 En EEE ER EEE ER ER 


er 
so NSS SS SS SS SS SS SSS SS Sees U 
er) 


[77,1 HHH U U EEE HH 3+ +4 





my 


$ mi fer! 


Fig. ı \tomvolumina 


LOTHAR MEYER und MENDELEJEFF, eine An- 
ordnung zu finden, die in so hohem Grade natur- 
gemäß war, daß alle weiteren Forschungen sie nur 
in Einzelheiten verbessern konnten, und die wir 
gerade auf Grund neuester Kenntnisse geneigt sind, 
als endgültig anzusehen. MEYER und MENDELE- 
JEFF erkannten nämlich, daß es am besten ist, die 
Atomgewichte, oder, wie wir aus noch zu be- 
sprechenden Gründen heute lieber sagen, die Ver- 
bindungsgewichte der Elemente der Gruppierung 
zugrunde zu legen; wenn man die Elemente nach 
der Größe ihrer Verbindungsgewichte in eine Reihe 
ordnet, so läßt das so entstehende ‚‚natürliche 
System“ erkennen, welche Elemente ähnliche Eigen- 
schaften haben. Wie überzeugend eine in dieser 
Weise durchgeführte rein mechanische Anordnung 
nach der Größe der Verbindungsgewichte die ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen zwischen den Ele 
menten zutage treten läßt, das kann man auch heute 
noch am schönsten nach der von LOTHAR MEYER 
in seiner grundlegenden Arbeit vom Jahre 1870 
angewendeten Darstellungsform zeigen (s. Fig. 1) 














012 m 16 70 20 22 2026280 2 MH E39 00 V2 VY YE V8 0 32 SU SC IB 60 62 60 06.68 70727976 78 80 82 BY'06 8B 90 Ii 
He Be C 0 NeMGSt\5 A lah lr fe Mi inGeSe tr Sr Zr MoRu fd ldSn Te X bale Wd SnbGdby fr Vo lif Was Pi igo Po LmRalh U 
Ahr F NGAP aK St V Mrlolu Ga Aas br fb Wb Ma hh fg he 56 J C3 la fh - Gullo ola Ot ia fe J Aull Bi - - Ac fa 


und Röntgenspektren 














28. Ir. 1930 

Auf der Abszisse sind hier die chemischen Ele- 
mente in der Reihenfolge der Verbindungsgewichte 
aufgetragen, und auf der Ordinate die sog. Atom- 
volumina, d. h. der Raum, den die Atome der 
einzelnen Elemente beanspruchen. Man erkennt, 
daß das Atomvolumen mit einer gewissen Regel- 
mäßigkeit steigt und fällt, daß es eine Art perio- 
discher Funktion des Verbindungsgewichtes ist. 
Wer mit den chemischen Eigenschaften der Ele- 
mente vertraut ist, sieht auch sofort, daß stets 
Elemente mit ähnlichen chemischen Eigenschaften 
auf den einander entsprechenden Stellen der 
Kurve stehen; z. B. sind die Wendepunkte der 
Kurve durch die einander in jeder Beziehung ähn- 
lichen Alkalimetalle Lithium, Natrium, Kalium, 
Rubidium und Cäsium besetzt. Daraus folgt, daß, 
wenn nicht das Atomvolumen, sondern irgendeine 
andere zahlenmäßig gut faßbare Eigenschaft der 
chemischen Elemente Ordinate aufgetragen 
wird, stets ähnliche periodische Kurven erhalten 
werden ; immer zerfällt die Reihe der 89 chemischen 
Elemente in Abschnitte derselben Länge. Wenn 
man daher die zueinander gehörenden Elemente 
in übersichtliche Gruppen zusammenfassen will, 
ist es am zweckmäßigsten, die durch die Wende- 
punkte der Kurve angezeigten Perioden als Zeilen- 
lange einer tabellarischen Darstellung zu wählen. 
Immer wenn in der Kurve eine neue Periode be- 
ginnt, schreiben wir in der Tabelle eine neue Zeile. 
Man erhält so folgende Tabelle ı: 


als 


Heft py PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 


965 


Elemente oft auch in der folgenden, sog. ,,kurz- 
periodigen‘ Form geschrieben (Tabelle 2 nächste 
Seite). 

In jedem Lehrbuch der Chemie findet sich 
seit Dezennien eine solche Tabelle; ich darf daher 
vielleicht voraussetzen, daß sie allen Ärzten aus 
der Vorbereitungszeit auf das Physikum, und auch 
den meisten der anwesenden Naturforscher bekannt 
ist. Früher wurde wohl meist die ‚‚kurzperiodige‘‘ 
Tabelle im Unterricht verwendet, heute ist zur 
Besprechung theoretischer Zusammenhänge in der 
Regel die ‚langperiodige‘‘ Form vorzuziehen. 

Nach der eben gegebenen Darstellung könnte es 
scheinen, als ob die Zusammenfassung der chemi- 
schen Elemente zum natürlichen System so nahe- 
liegend ist, daß man kaum versteht, wieso sie einst 
als so bedeutende wissenschaftliche Leistung be- 
wertet worden ist. Die wesentlichen Gründe, 
warum um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die 
Erkennung dieser Zusammenhänge viel schwieriger 
als heute war, lagen darin, daß erstens eine größere 
Anzahl von Elementen noch unbekannt und daher 
viele leere Stellen im System vorhanden waren, 
und daß zweitens auch von manchen der bekannten 


Elemente die Verbindungsgewichte falsch be- 
stimmt waren. Dadurch waren die Zusammen- 


hänge so gestört und verdunkelt, daß nur ein be- 
sonders tief dringender Blick sie zu erkennen ver- 
mochte. Wieso war es aber gerade LOTHAR MEYER 
und MENDELEJEFF beschieden, unabhängig von- 














Tabelle 1. Langperiodige Form des natürlichen Systems der Elemente. 
Gruppe 
Periode PI 

I 2 4 6 7 5 9 10 II 12 13 14 15 10 17 is 

I 1H 2 He 
1,0078 4,002 
lI 3 Li | 4 Be B 6( IN so 9F |1oNe 
6,940 9,02 10,82 12.000 14.008 16.0000 19,00 20,18 

Ul ııNa 12Mg 13 Al 14 Si ı5 I 16S 17Cl «Ar 
22,997 24,32 26,97 28,06 31,02) 32,06 |35,457 39,94 

IV 19 K | 20Ca | 21 Sc 24 Cr 25Mn y 27Co' 28Ni | 29Cu 30Zn 31 Ga! 32Ge | 33 As 35Br 36 Kr 
39,104 40,07 45,10 52,01 54,93 55,84 | 58,94 | 58,69 63,57 \65,38 69,72 72,60 | 74,96 79,916 82,9 

v 37Rb| 38Sr | 39Y 42Mo  43Ma|44Ru/45Rh | 46Pd| 47Ag '48Cd | 49 In | 50oSn | 5ı Sb 53] 5s4X 
85,45 | 87,63 | 88,93 96,0 - 101,7 | 102,9 | 106,7 107,880 112,41 114,8 118,70 121,76 126,93 130,2 
VI 55 Cs | 56 Ba |57—91| 72 Hf | 73 Ta 74W | 75 Re! 760s| 77Ir | 78 Pt | 79Au | 80Hg 8ı TI| 82 Pb | 83 Bi 85 — | 86Em 
132,81 137,36) 8. Erd.‘ 178,6 181,5 184,0 | 186,3 190.9 | 193,1 195,23| 197,2 200,61 204,39 207,21 209,00 _ 222 

: 87 —|88Ra| 89Ac| 90Th | 91 Pa’ 92U 
Vu 225,97; — (232,12| - 238,14 
1 Seltene Erden. 

VI 57 La 58 Ce 59 Pr 60 Nd 61 62 Sm 63 Eu 64 Gd 65 Tb 66 Dy 67H 68 Er 69Tu 70 71 Cp 
57—71 158,90 140,13 140,92 144,27 150,43 152,0 157,3 159,2 162,46 163,5 167,64 169,4 173,5 175,0 


In dieser Tabelle sind nun selbstverstandlich die 
Alkalimetalle Lithium bis Cäsium in eine 
rechte Gruppe zusammengefaßt, und ebenso stehen 


Ele- 


senk- 


wuch sonst überall die zusammengehörigen 
mente senkrecht untereinander, 

Wenn man nicht, wie wir es getan haben, die 
\tomvolumina, sondern die Zahlen für die Wertig- 
keit der chemischen Elemente Ordinate auf- 
trägt, findet man dieselben Perioden, außerdem 
aber läßt jede der langen Perioden eine Unter- 
Für chemische 


als 


teilung in zwei kürzere erkennen. 
hat auch Darstellung gewisse Vor- 
und darum wird das natürliche System der 


Zwecke diese 


teile 


einander und so gut wie gleichzeitig, diese große 
Entdeckung zu machen? ist interessant, die 
Wege der beiden Forscher zu verfolgen, und dies 


Es 


wird uns gleichzeitig auch gewisse Unterschiede 
in ihrer Auffassung erkennen lassen. 

LOTHAR MEYER, geboren in Varel an der Jade 
Großherzogtum Oldenburg, erwarb erst den 


ehe er sich der Chemie 


im 
medizinischen Doktorgrad, 
widmete. Entscheidend für seine Hinwendung zur 
Chemie, speziell zu den Problemen der physika- 
lischen Chemie, war sein Aufenthalt in BUNSENs 
Laboratorium in Heidelberg in den Jahren 1854 bis 


1856. Aus dieser Zeit stammt ein Bild von LOTHAR 








Die Natur- 














966 PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. ] 
wissenschaften 
Tabelle 2. Kurzperiodige Form des natiirlichen Systems der Elemente. 
Peri- Gruppe I Gruppe II Gruppe III Gruppe IV Gruppe V Gruppe VI Gruppe VII Gruppe VIII 
ode a b a b a b a b a b a b a b a b 
: 1H 2 He 
I 1,0078 4,002 
ll 3 Li 4 Be 5B 6C 7N 80 oF 10 Ne 
6,940 9,02 10,82 12,000 14,008 16,0000 19,00 20,18 
Wl 11Na 12 Mg 13 Al 14 Si 15P 16S 17 Cl 18 Ar 
22,997 24,32 26,97 28,06 31,02 32,06 35,457 39,94 
19K 20 Ca 21 Sc 23V 24Cr 25 Mn 26Fe 27Co 28Ni 
IN 39.104 10.07 15,10 51,95 52.01 54.93 55.84 58.94 58.69 
29 Cu 30 Zn 31 Ga 32 Ge 33 As 34 Se 35 Br 36 Kr 
63,5 65,38 69,72 72,60 74,96 79,2 79,916 82,9 
37 Rt 8 Sr 39 Y 40 Zr 41 Nb 42 Mo 43 Ma 44 Ru 45 Rh 46 Pd 
\ 85,45 87,63 88.93 91,22 93,5 96,0 101,7 102,9 106,7 
47 Ag 48 Cd 49 In 50 Sn 51 Sb 52 Te 53] 54 X 
107,880 112,41 114,8 118,70 121,76 27.5 126,93 30,2 
55 ( 56 Ba 57 bis 71 72 Hi 73 Ta 74 W 75 Re 760s 77Ir 78 Pt 
vi 132,81 36 Seltene Erden! | 178,6 181,5 184,0 186,3 190,9 193,1 195,23 
» Au 80 Hg 81 TI 82 Pb 83 Bi 84 Po 85 86 Em 
197,2 200,61 204,39 207,21 209,00 210 _- 222 
was 88 Ra JA 0 Th Pa — | U 
. 225,9 32,12 238,13 
! Seltene Erden: 
VI 57 La Ce » Pr 60 Nd 61 62 Sm 63 Eu 64 Gd 65 Tb 66 Dy 67 Ho 68 Er 69 Tu 70 Yb 71 Cp 
7—-71| 138,90 140,13 140,92 144,27 150,43 52,0 157,3 159,2 162,46 163,5 167,64 169,4 173,5 175,0 
MEYER inmitten befreundeter Studiengenossen, die war von WELTZIEN, Wurtz und KEKULE ein- 


erößtenteils auch dem Bunsenschen Laboratorium 
angehörten (s. Fig. 2 auf Taf.1). Daßsich damals dort 
die talentvollsten der jüngeren Chemiker zusammen- 
fanden, die ungewöhnlich große Zahl der 
Namen aus diesem Freundeskreis, die später einen 
guten Klang in der chemischen Welt erlangt haben. 
Wir sehen auf dem Bilde, außer LOTHAR MEYER, 
Chemikern BEILSTEIN, 


zeigt 


ROSCOE, 


an bekannten 
LANDOLT, CARIUS, KEKULE (damals Privatdozent 
in Heidelberg) und PEBAL! 

Nach den Heidelberger Studienjahren ging 
LOTHAR MEYER für drei Semester hierher nach 


Königsberg, um die Vorlesungen über theoretische 


Physik bei FRANZ NEUMANN zu hören. Vorliebe 
und Verständnis für Fragen der theoretischen 
Physik ist ihm sein ganzes Leben hindurch ge- 


manchen seiner wissenschaft- 
vielen Abschnitten 
Lehrbuches ‚Moderne Theorien 
Chemie“ ihren ganz Wert 
Neben den planmäßigen Studien war aber auch 


blieben und verleiht 
Arbeiten und seines 


der 


lichen 
berühmten 
besonderen 


ein mehr zufälliges Ereignis von bedeutendem 
Einfluß auf LoTHAR MEYERS wissenschaftliche 
Entwicklung, ein Ereignis, das ich deswegen be- 


unterstreichen möchte, da auch im 
Leben MENDELEJEFFs eine entscheidene Rolle 
gespielt hat: der Chemikerkongreß in Karlsruhe 
Jahre Dieser internationale Kongreß 
1 Ich verdanke Bild und die Mehrzahl der 
folgenden der Freundlichkeit des Sohnes von LOTHAR 
MEYER, des Herrn Sanitätsrats WALDEMAR LOTHAR 
MEYER in Dresden, den wir die Freude haben, heute 
unter den Festgästen begrüßen zu dürfen. Nächst ihm 
bin ich auch dem langjährigen Schüler und Freunde 
LOTHAR MEYERS, Geheimrat CARL SEUBERTin Hanno- 
ver, der Monaten seinen 80. Geburtstag 
feiert, für Überlassung biographischen Materials zu auf- 
richtigem Dank verpflichtet 


sonders es 


ım 18060 


dieses 


in wenigen 


berufen worden, um der heillosen Verwirrung in 
der Festsetzung der ‚Atomgewichte‘‘ der Elemente 
ein Ende zu machen. Wohl selten sind auf einer 


Chemikerversammlung so viele der glänzend- 


sten Namen aus allen europäischen Ländern ver- 
treten gewesen; unter den jüngsten Teilnehmern 
war LOTHAR MEYER und auch MENDELEJEFF, 


der damals gerade in Deutschland weilte, da nun 
er bei BUNSEN in Heidelberg studierte. Es ist sehr 
interessant, daß in den autobiographischen Auf- 
zeichnungen beider Männer und 
Vortragenden gedacht wird, dessen Auftreten auf 
dem Kongreß ihnen einen besonders starken Ein 
druck hinterlassen hat, nämlich Italieners 
CANNIZZARO. CANNIZZARO war in jener Zeit der 
einzige Chemiker, der zur Festsetzung der Atom- 
gewichte ein willkürfreies Verfahren zur Anwendung 
brachte, und zwar die konsequente Anwendung 
der AvoGaproschen Theorie auf die chemischen 
Moleküle. Gegenüber den Autoritäten des Kon 
gresses, z. B. dem präsidierenden Dumas, welcher 
kein Harm darin sah, in der organischen Chemie 


eines desselben 


des 


andere Atomgewichte zu benutzen als in der 
anorganischen, hatte CANNIzZARO keinen durch 
schlagenden Erfolg; sogar KeKkuLf lehnte zu- 


nächst die physikalischen Methoden zur Bestim- 
mung der chemischen Moleküle ab. In den 
Köpfen von LoTHAR MEYER und MENDELEJEFI 
fielen aber CANNIZZAROs Anregungen auf frucht- 


barsten Boden. In der Sicherheit, mit der si 
beide nun, seinen Weisungen folgend, die ein- 
deutigen Atomgewichte — nicht bloß die wech- 


zu bestimmen ver- 
Überlegenheit 


selnden Aquivalentgewichte 
standen, war nicht zuletzt die 
ihres Systems der Elemente gegenüber den früheren 


tastenden Versuchen eines DÖBEREINER und 
PETTENKOFER begründet. (DE CHANCOURTOIS 











NATURWISSENSCHAFTEN. 18. Jahrg. ro 


verge! 


Nationalékonom! Roscot LOTHAR MEYER 
RIUS, KEKULI v. PEBAI 


OTHAR MEYER und MENDELEJEFF in Manchester im Jahre 1887 
chts: WisLicEnus, LOTHAR MEYER, ATKINSON, (JUINCKE. Untere Reihe: MENDELEJEFF, 
Frau LOTHAR MEYER geb. VOLKMANN, ROSCOE, 











Heft 47/48/49-] PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 967 


28. II. 1930 


hatte sich allerdings beim Entwerfen seiner Vis 
Tellurique auch schon von CANNIZZAROs Atom- 
gewichten leiten lassen, aber seine Gedanken 
durch allzu phantastische Spekulationen dis- 
kreditiert; bei NEWLANDS dagegen ist es nur 
durch die besondere Ungunst der Verhältnisse 
zu erklären, daß er mit seinem durch Anwendung 
der richtigen Atomgewichte gefundenen ‚Gesetz 
der Oktaven‘ gar keinen direkten Einfluß auf die 
Entwicklung der Chemie gewann.) 

Schon vier Jahre nach dem Karlsruher Kongreß 
konnte LOTHAR MEYER in der ersten Auflage seines 
bereits erwähnten Lehrbuches ,,Moderne Theorien 
der Chemie‘‘ in einem der ‚Natur der Atome‘ 
gewidmeter Kapitel acht Gruppen von Elementen 
durch die Regelmäßigkeit ihrer Atomgewichts- 
differenzen als zueinander gehörig nachweisen; 
dieselben Gruppen finden sich auch heute noch 
in jeder Tabelle des natürlichen Systems. 1868 
stellte LOTHAR MEYER für eine Neuauflage der 
‚„Modernen Theorien‘‘ eine noch wesentlich voll- 
ständigere, schon 52 Elemente umfassende Tabelle 
zusammen, in der wir die wesentlichen Züge der 
später so bekannt gewordenen Darstellung des 
natürlichen Systems vorgebildet sehen; ehe aber 
diese Tabelle, die sich nur handschriftlich er- 
halten hat, publiziert wurde, erschien im Jahre 
1869 in Rußland die große und entscheidende 
Arbeit von MENDELEJEFF ‚Über die Beziehungen 
zwischen den Eigenschaften der Elemente und 
ihren Atomgewichten‘. Mit dieser Arbeit wurde 
LOTHAR MEYER durch ein Referat in deutscher 
Sprache bekannt; dies veranlaßte ihn, im Jahre 
1870 in Liebigs Annalen eine Abhandlung über 
„Die Natur der chemischen Elemente als Funktion 
ihrer Atomgewichte‘‘ erscheinen zu lassen, in der 
zum erstenmal die Kurve der Atomvolumina mit- 
geteilt wird, die ich zu Beginn dieses Vortrages 
projiziert habe. Im folgenden Jahr erschien, 
ebenfalls in Liebigs Annalen, MENDELEJEFFs Arbeit 
in erweiterter Form unter dem Titel, ‚Die periodi- 
sche Gesetzmäßigkeit der chemischen Elemente“ 
und wurde dadurch erst in ihrem vollen Umfang 
und mit ihrem unerschöpflichen Ideenreichtum den 
deutschen Chemikern bekannt. 

Es ist nicht verwunderlich, daß bei diesem par- 
allelen Vorrücken der beiden Forscher sehr verschie- 
lene Ansichten darüber geäußert worden sind, wem 
las Hauptverdienst an der Entwicklung des natür- 
lichen Systems gebührt. Fest steht jedenfalls, 
daß sie unabhängig voneinander den Weg ge- 
funden haben. Genau so wie wir bei LOTHAR 
MEYER, ausgehend von dem Karlsruher Kongreß, 
ine ununterbrochene Gedankenreihe aufzeigen 
konnten, haben sich auch die Ideen des vier Jahre 
jüngeren MENDELEJEFF von dem gleichen Zeit- 
punkt an folgerichtig entwickelt. Und ebenso wie 
ei MEYER war auch bei ihm die Abfassung eines 
Buches der äußere Anlaß, der diese Ideen zur 
vollen Reife brachte. MENDELEJEFF selber be- 
ichtet, daß er beim Entwerfen seiner ‚Grundlagen 
ler Chemie“, die für Generationen russischer Che- 


miker das wichtigste Lehrbuch bildeten und auch 
heute noch ungemein lesenswert sind, die Not- 
wendigkeit empfand, eine von der Willkür des 
Schreibenden möglichst unabhängige Gruppierung 
zu benutzen. Als Fundament dafür boten sich 
ihm die Atomgewichte dar, und auf sie gestützt 
fand er die ‚periodische Gesetzmäßigkeit‘‘ der 
Elemente. 

Daß die chemische Welt, statt sich darüber zu 
streiten, wer größer sei, sich lieber nach GOETHES 
Wort freuen solle, ,,zwei solche Kerle zu besitzen‘, 
brachte sehr schön die Royal Society in London 
dadurch zum Ausdruck, daß sie im Jahre 1882 
LOTHAR MEYER und MENDELEJEFF gemeinsam 
die Goldene Davy-Medaille verlieh. (Es sei er- 
wähnt, daß nachträglich 1887 auch noch 
NEWLANDS dieselbe Ehrung zuteil wurde.) 

Es dürfte Sie interessieren, Bilder LOTHAR 
MEYERs kennenzulernen, die ihn in der Lebens- 
periode zeigen, in der er die Gedanken des natür- 
lichen Systems entwickelte. Sie sehen ihn hier 
(Fig. 3) als Privatdozent in Breslau im Jahre 1865 
und auf dem folgenden Bilde (Fig. 4) im Jahre 1868 
beim Antritt der chemischen Professur an der 
Technischen Hochschule Karlsruhe, die er nach 
einer nur zweijährigen Tätigkeit an der Forstaka- 
demie Eberswalde übernahm. Das persön- 
liche Verhältnis zwischen MEYER und MENDELE- 
JEFF war in späteren Jahren durchaus freund- 
schaftlich; eine hübsche Erinnerung daran bietet 
folgendes Bild (Fig. 5), welches während der 
Tagung der British Association in Manchester im 
Jahre 1887 entstanden ist. Außer LOTHAR MEYER 
und seiner Frau und MENDELEJEFF sind darauf 
ROSCOE, WISLICENUS, ATKINSON und QUINCKE zu 
sehen MENDELEJEFF sandte im Anschluß an 
dieses harmonische Beisammensein LOTHAR MEYER 
seine in England angefertigte Photographie, deren 
Reproduktion ich Ihnen gleichfalls hier vorführe 
(Fig. 6). 

LOTHAR MEYER hatte Karlsruhe schon im 
Jahre 1876 verlassen, um den Lehrstuhl der Chemie 
an der Universität Tübingen zu übernehmen. 
(Einen gleichen Ruf hierher nach Königsberg hatte 
er einige Jahre früher abgelehnt.) In Tübingen 
sind ihm noch lange Jahre fruchtbarsten Wirkens 
als Forscher und Lehrer beschieden gewesen, und 
dort ist er im Jahre 1895 in voller Arbeitskraft 
plötzlich verschieden. Sein Aussehen gegen Ende 
seines Lebens (1887) zeigt Ihnen besser als das 
Gruppenbild folgendes Porträt (Fig. 7). 

Wenn auch MEYER und MENDELEJEFF schließ- 
lich zur selben Anordnung der Elemente kommen 
mußten — es gibt ja nur ein ‚natürliches‘ System —, 
so spiegelte sich dennoch dieses Schema in beiden 
Köpfen in recht verschiedener Weise. Es scheint 
mir lohnend, diesem Unterschied in der Auffassung 
des natiirlichen Systems, der sich bei seinen beiden 
Entdeckern zeigte, einmal etwas näher nachzu- 
gehen 

Für MENDELEJEFF stand die Systematik im 
Vordergrund des Interesses, die regelmäßige Ab- 





068 PanetH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. [ Die Natur- 
ss wissenschaften 


wandlung der chemischen Eigenschaften beim 
Übergang von jedem Element zu seinen Reihen- 
und Gruppennachbarn. Die Eigenschaften der 
Elemente sah er dabei mit ganz ungewöhnlicher 
Deutlichkeit vor sich. Wohl für jeden Chemiker, 
der über genügende Laboratoriumserfahrung ver- 
fügt, stellen die wichtigeren chemischen Elemente 
vertraute Individuen dar, deren Gesamtcharakter 
sich aus zahllosen einzelnen Zügen in ähnlicher 
Weise zusammensetzt wie etwa der eines guten 
Freundes. Dieses Gefühl für den ganz bestimmten 
individuellen Charakter der chemischen Elemente 
besaß nun MENDELEJEFF in einer außerordent- 
lichen Stärke. Seine „Grundlagen der Chemie‘ 
lassen auf jeder Seite erkennen, wie tief er sich in 
die Elemente ‚‚hineingedacht‘‘ hatte (um seinen 
eigenen Ausdruck zu gebrauchen). Mit der ganzen 
Lebhaftigkeit seines Geistes und Temperaments 
empfand er die schöne von ihm entdeckte chemische 
Regelmäßigkeit im natürlichen System; er war von 
der unverbrüchlichen Geltung dieser Regelmäßig- 
keit überzeugt und pflegte daher auch von einem 
periodischen ‚Gesetz‘ zu sprechen, das keinerlei 
\usnahme dulde, wie etwa eine grammatikalische 
‚Regel‘. Zu einer Zeit, als LOTHAR MEYER noch 
davor warnte, Atomgewichte, die sich nicht in das 
natürliche System einfügen wollten, bloß aus diesem 
Grunde zu korrigieren, nahm MENDELEJEFF bereits 
eine Reihe solcher Änderungen vor, und in den 
meisten Fällen hat die spätere experimentelle 
Untersuchung ihm recht gegeben. Und mehr als 
das: wo in dem System eine Lücke war, dort 
postulierte er nicht nur das Vorhandensein eines 
noch unentdeckten Elementes Ähnliches hatten 
schon J. B. RıICHtTEr und DÖBEREINER versucht 
sondern er wagte es sogar, die Eigenschaften dieser 
fehlenden Elemente und ihrer Verbindungen in 
allen Einzelheiten unter zahlenmäßiger Angabe 
ihrer Konstanten zu prophezeien. LOTHAR MEYER 
selber hat später erklärt: ‚Ich gestehe bereitwillig 
zu, daß mir die Kühnheit zu so weitgehenden Ver- 
mutungen fehlte, wie sie Herr MENDELEJEFF mit 
Zuversicht aussprach.‘‘ Wie wunderbar sicher 
MENDELEJEFF bei diesen Voraussagen aus seinem 
„periodischen Gesetz‘ zu schließen verstand, er- 
kannte die chemische Fachwelt, als im Laufe der 
nächsten Jahre nicht weniger als drei der voraus- 
gesagten Elemente (1875 das Gallium, 1879 das 
Scandium und 1886 das Germanium) entdeckt 
wurden und ihre Eigenschaften in verblüffendster 
Weise genau so gefunden wurden, wie MENDELEJEFI 
sie schon im Jahre 1871 im Geist erschaut hatte. 
Man hat diese Auffindung theoretisch voraus 
gesagter Elemente sehr oft mit der Entdeckung des 
Planeten Neptun auf Grund astronomischer Rech- 
nungen verglichen, aber die Dinge liegen doch recht 
verschieden. Im Fall des Neptun waren ablenkende 
Wirkungen erkennbar, als deren Ursache ein un- 
bekannter Planet nach Masse, Bahn und Position 
berechnet werden konnte. In unserem Fall da- 
gegen sprach keine einzige experimentelle Be- 
obachtung für das Vorhandensein der neuen Ele 


mente, nur das Schema wies noch Lücken auf. 
Diesen Unterschied zu beachten, ist wichtig, denn 
wenn auch in der Folgezeit noch eine Reihe weiterer 
Lücken des Systems sich durch die Entdeckung der 
Elemente Polonium, Radium, Emanation, Akti- 
nium, Protaktinium, Hafnium, Masurium und 
Rhenium geschlossen hat — eine recht stattliche 
Reihe, verglichen mit den nur zwei astronomischen 
Beispielen der Planeten Neptun und Pluto! —, so 
können wir daraus doch nicht den Schluß ziehen, 
daß auch noch die letzten drei fehlenden chemi- 
schen Elemente existieren müssen und von einem 
glücklichen Entdecker gefunden werden können; 
denn keinerlei Wirkung geht von fehlenden Ele- 
menten wie von fehlenden Planeten aus, nur 
Plätze sind für sie im natürlichen System reserviert, 
falls sie je aufgefunden werden sollten. (Wenn man 
demnach eine Analogie aus der Astronomie heran- 
ziehen will, so scheint mir die Auffindung der 
Asteroiden in dem unerwartet großen Zwischen- 
raum zwischen Mars und Jupiter viel besser dem 
von der Chemie angewendeten Verfahren bei der 
Voraussage fehlender Elemente zu entsprechen.) 

Es ist begreiflich, daß nichts so sehr zur all- 
gemeinen Anerkennung des natürlichen Systems 
beigetragen hat wie die Bestätigung der MENDE- 
LEJEFFschen Prophezeiungen durch die Auffindung 
der neuen Elemente. Und ebenso begreiflich ist es, 
daß MENDELEJEFF persönlich überzeugt war, daß 
es nur weiterer experimenteller Forschungen be- 
dürfe, um die letzten Unstimmigkeiten, die der 
Anerkennung der von ihm behaupteten ausnahms- 
losen Geltung des periodischen Gesetzes im Wege 
standen, zu beseitigen. Solcher Unstimmigkeiten 
gab es mehrere: Die seltenen Erden ließen keine 
deutliche Periodizität erkennen, sondern fügten sich 
dem allgemeinen Schema nur in sehr verwaschener 
und undeutlicher Weise ein; und noch schlimmer, 
die Verbindungsgewichte gewisser Elementpaare 
schienen vertauscht: Jod mußte auf Grund seines 
chemischen Verhaltens nach dem Tellur ein 
geordnet werden, obwohl sein Verbindungsgewicht 
das kleinere war, und derselbe Fall kehrte bei 
Nickel und Kobalt und bei Kalium und Argon wie- 
der. Überhaupt zeigten die Verbindungsgewichte 
die doch die Basis aller Betrachtungen bildeten, 
ein recht unregelmäßiges Ansteigen, das allerdings 
nur in den drei erwähnten Fällen zu offenen Wider- 
sprüchen mit dem System führte. 

Mit dem Nachweis ausnahmsloser Gültigkeit 
seines periodischen Gesetzes hätte MENDELEJEFI 
aber die Aufgabe dieses Schemas im wesentlichen 
als erfüllt angesehen. Er hat es stets auf das 
schärfste abgelehnt, aus dem natürlichen Systen 
weitergehende Schlüsse auf die innere Verwandt 
schaft der Elemente untereinander zu ziehen. Hieı 
sehen wir einen interessanten Gegensatz zwischeı 
seiner Einstellung und der LOTHAR MEYERS, und 
wir werden nicht zögern, LOTHAR MEYER ir 
dieser Frage den tieferen Blick zuzuschreiben. 
Bei LOTHAR MEYER steht im Anfang aller seiner 
Atomgewichtsbetrachtungen die Uberlegung: Sind 














Heft 47/48 >) PANETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 969 


28. II. 1930 


die Atome einfach oder zusammengesetzt? Unter 
den Griinden, die fiir ihre Zusammengesetztheit 
aus „Atomen höherer Ordnung‘ sprechen, zählt 
er schon in der ersten Auflage seiner ,,Modernen 
Theorien‘‘ die damals bekannten Zahlenbezie- 
hungen zwischen den Verbindungsgewichten auf, 
und die ,,Existenz von 6c oder noch mehr grund- 
verschiedenen Urmaterien‘‘ scheint ihm über- 
haupt „an sich wenig wahrscheinlich“. Dem- 
gegenüber ist es sehr überraschend, zu sehen, mit 
welcher Heftigkeit sich MENDELEJEFF an ver- 
schiedenen Stellen seiner Schriften gegen alle 
derartigen Spekulationen wendet, in denen er 
eine verderbliche Hinneigung zu der bei den 
griechischen Philosophen üblichen und von ihm 
als reine Phantasterei betrachteten Annahme 
einer Urmaterie sieht. MENDELEJEFF zeigt hier, 
daß jeder die Fehler seiner eigenen Vorzüge zu 
tragen hat; gerade die abnorme Vorstellungskraft, 
mit der er jedes einzelne chemische Element als 
ein mit festen unwandelbaren Zügen ausgestatte- 
tes Individuum vor sich sah, hinderte ihn offenbar, 
den Gedanken eines Aufbaues aller Elemente aus 
gleichen gemeinsamen Bausteinen vorurteilslos 
zu betrachten; ging er doch gelegentlich sogar so 
weit, die chemischen Elemente mit den Axiomen 
der Geometrie zu vergleichen. Uns Heutigen 
scheint der schon von LOTHAR MEYER und manchen 
anderen Chemikern der damaligen Zeit vertretene 
Gedanke, daß die Zahlenregelmäßigkeiten keine 
andere Deutung zulassen, als Aufbau aller Atome 
aus gemeinsamen Bestandteilen, so überzeugend, 
daß mehr als ein Historiker der Chemie, der 
MENDELEJEFFS eigene Äußerungen zu dieser 
Frage übersehen hat, ihn geradezu als Kronzeugen 
für den Glauben an die Einheitlichkeit der Materie 
zitiert. So z. B. erklärt der um das Verständnis 
chemiegeschichtlicher Fragen ungemein verdiente 
französische Erkenntnistheoretiker EMILE MEYER- 
SON es für einen absurden Gedanken, daß jemand 
nach Zahlenbeziehungen zwischen den Elementen 
suchen könne, ohne vorher von der Existenz einer 
Urmaterie überzeugt zu sein!. Gerade das aber war 
das Vorgehen MENDELEJEFFs! Wir sehen hier 
an einem besonders klaren Fall, daß die Entwick- 
lung der Gedanken in den Köpfen der einzelnen 
Forscher nicht nach einfachen logischen, sondern 
nach sehr verworrenen psychologischen Gesetzen 
erfolgt. 

Das Verbot MENDELEJEFFs konnte aber nicht 
verhindern, daß das natürliche System sich im 
Laufe der Zeit immer mehr in der von ihm für 
abwegig gehaltenen Richtung auswirkte. Denn 
wenn wir die Schicksale des Systems bis zum 
heutigen Tage in groben Zügen betrachten, 
können wir zwei Abschnitte unterscheiden. In 
len ersten Dezennien nach der Aufstellung des 
Systems konzentrierte sich die wissenschaftliche 
Arbeit tatsächlich fast ausschließlich auf die von 
MENDELEJEFF als wichtig betrachteten Fragen, 

1 EMILE MEYERSON, De l’explication dans les 
ciences. (Payot, Paris 1921.) Tome I, p. 304 


wie die Bestimmung unsicherer Elementkonstanten, 
die Einreihung noch wenig erforschter Elemente 
auf Grund neuer Experimentalarbeiten, oder die 
immer erneuerten Versuche, die Stellung der sel- 
tenen Erden im System durch ein verfeinertes 
Studium ihrer geringen Unterschiede festzulegen 
- ein Bestreben, das übrigens genau so erfolglos 
blieb wie alle Anstrengungen, die vorher erwähnte 
Anomalie bei den drei Elementpaaren durch den 
Nachweis von Fehlern in der Bestimmung ihrer 
Verbindungsgewichte zu beseitigen. Prinzipielle 
Fragen, wie etwa die nach der Urmaterie, nach den 
Griinden fiir die Lange der Perioden oder fiir 
die Unregelmäßigkeiten in den Verbindungs- 
gewichten, wurden damals von ernst zu nehmenden 
Chemikern fast nie behandelt. Wie berechtigt 
diese Zurückhaltung war, zeigte sich in dem 
zweiten, etwa die Zeit seit 1900 umfassenden 
Forschungsabschnitt, während dessen dank den 
Fortschritten, die auf anderen Gebieten der 
Naturwissenschaften erzielt worden waren, die 
Lösungen dieser Grundfragen des Systems den 
Chemikern wie reife Früchte in den Schoß fielen. 
Wir können uns eines wehmütigen Bedauerns 
nicht erwehren, daß LOTHAR MEYER diesen zweiten 
Abschnitt nicht mehr erlebt hat, in dem es gelang, 
Probleme zu lösen, die seinen theoretisch-physika- 
lisch eingestellten Geist stets beschäftigt haben, 
wenn auch seine streng kritische Veranlagung 
ihn davor bewahrt hat, sich wie so viele Dilettanten 
in fruchtlosen Bemühungen um Fragen zu er- 
schöpfen, für die die Zeit noch nicht gekommen war. 

Ganz kurz nur kann ich die Entwicklung 
schildern, die unsere Vorstellungen über das 
natürliche System in dieser letzten Forschungs- 
periode genommen haben. Die meisten Auf- 
klärungen haben wir der Physik zu danken, der 
experimentellen sowohl wie der theoretischen. 
Die Erkenntnis, daß aus allen chemischen Ele- 
menten dieselben kleinsten Teilchen negativer 
Elektrizität, die sog. Elektronen, frei gemacht 
werden können, war der erste experimentelle 
Hinweis auf einen gemeinsamen Urbestandteil 
aller Stoffe; wenige Jahre später lehrte dann die 
Radioaktivität in den Alphateilchen materielle 
Bausteine kennen, die ebenso wie die Elektronen 
aus sehr verschiedenen chemischen Elementen 
erhalten werden konnten und die nichts anderes 
waren als positiv geladene Heliumatome; und 
schließlich gelang es durch die sog. ‚künstliche 
Atomzertrümmerung‘ auch noch, positive Wasser- 
stoffatome aus einer großen Reihe verschiedener 
Elemente in Freiheit zu setzen. Durch diese 
Forschungen ist also der experimentelle Beweis 
dafür erbracht, daß zum mindesten eine beträcht- 
liche Zahl von chemischen Elementen dieselben 
Bausteine enthält. 

Da die positiven Heliumteilchen ihrerseits 
wahrscheinlich aus Wasserstoffteilchen und Elek- 
tronen bestehen, nimmt man als primäre Bausteine 
der chemischen Elemente heute nur die Elektronen 
und die positiven Wasserstoffatome, die sog. 





970 

Protonen, an. Protonen und Elektronen sind offen- 
bar imstande, durch verschiedene Zahl und 
Gruppierung die Gesamtheit der chemischen 


Elemente zu bilden. Unsere Kenntnisse iiber den 
Aufbau der Elemente waren sehr gering und 
unsicher, wenn sie sich nur auf die oben erwähnten 
experimentellen Befunde stützen müßten. In- 
dessen hat sich auch die theoretische Physik 
etwa seit dem Jahre 1910 mit immer steigendem 
Erfolge mit dem Problem des Atombaues be- 
schäftigt und in engster Fühlung mit Experimental- 
arbeiten die uns interessierenden Fragen einer 
prinzipiellen Klärung zugeführt. Namentlich durch 
die Deutung des ungeheuren in Spektralbeobach- 
tungen niedergelegten Materials ist es gelungen, 
über die Verteilung der Elektronen in den Atomen 
Näheres zu erfahren, während über die positiven 
Teile des Atoms besonders die Versuche mit radio- 
aktiven Substanzen Aufklärung gebracht haben. 
Zusammengefaßt sind die Ergebnisse in der sog. 
RUTHERFORD-Bourschen Atomtheorie. Nach dieser 
Theorie müssen wir in dem Atom jedes Elementes 
streng unterscheiden: einen elek- 
geladenen Teil, den sog. Kern, 
welcher nur verschwindend kleinen Teil 
des Atominnern erfüllt, und die um ihn herum 
angeordneten negativ geladenen Elektronen, deren 
Entfernung vom Kern die Größe des Atoms be- 
stimmt Die Zahl der Elektronen ist 
ebenso groß wie die positive Ladung des Kerns, 
Atom nach außen neutral erscheint. 
Wir hier natürlich nicht die Leistungs- 
fähigkeit dieses Atommodells in den verschiedenen 
Zweigen der Physik, namentlich in der Spektro- 
Lichtes und der Rd6ntgenstrahlen, 
in der Lehre von den Wechselwirkungen zwischen 
Elektrizität und Licht, oder in dem großen Gebiet 
der Radioaktivität betrachten. Wir müssen uns 
darauf beschränken, kurz anzudeuten, was dieses 
Atommodell für die Theorie des natürlichen 
Systems zu leisten vermag; dabei wird es beson- 
ders lehrreich sein, zu sehen, wie die so lange Zeit 
hindurch störenden Ausnahmen nunmehr 
befriedigende Erklärung finden 

Wenn wir uns auf den Boden der RUTHERFORD- 
Bourschen Atomtheorie stellen, hängen die Eigen- 
schaften eines Elementes nicht in erster Linie vom 
Gewicht des Atoms ab, sondern von der Größe der 
positiven Ladung des Atomkerns, durch die die 
Zahl und Anordnung auch der umgebenden 
negativen Elektronen festgelegt sind. Diese Größe 
bezeichnet man als die ‚„Kernladungszahl‘‘ des 
betreffenden Elementes, oder als „Atom- 
nummer“, oder auch als seine ,,Ordnungszahl", da 
sie für die Ordnung der Elemente maßgebend ist; 
denn im Rahmen der RUTHERFORD-BOoHRschen 
Theorie ist die einzig sinngemäße Gruppierung der 
Elemente die, daß sie nach der Größe ihrer Kern- 
ladungszahl in eine Reihe gebracht werden. Da 
sich diese Kernladungszahl von einem Element im 
System zum nächst höheren immer 


zwei Regionen 


trisch positiv 


einen 


negativen 


so daß das 


können 


skopic des 


eine 


seine 


natürlichen 


um die Einheit der positiven Ladung, also stets um 


PaNnETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 





Die Natur- 
wissenschaften 


den gleichen Betrag ändert, war zu erwarten, daß 
eine Anordnung der Elemente in regelmäßigen Ab- 
ständen der früher üblichen nach den unregel- 
mäßigen der Verbindungsgewichte vorzuziehen 
sein müßte. Den experimentellen Beweis, daß es 
sich tatsächlich so verhält, erbrachte im Jahr 1913 
MoseLey. Er fand, daß eine der zahlenmäßig am 
schärfsten faßbaren Eigenschaften der Elemente, 
nämlich die charakteristische Röntgenstrahlung, 
die sie unter der Einwirkung von Kathoden- 
strahlen aussenden, sich vollkommen regelmäßig 
mit der Ordnungszahl des Elementes ändert. Am 
besten kann man dies graphisch zeigen; wenn man 
die Elemente in regelmäßigen Abständen auf 
der Abszisse aufträgt und die Quadratwurzel aus 
der Frequenz der charakteristischen Röntgen- 
linien auf der Ordinate, so erhält man ganz 
gleichförmig verlaufende Linien, die man in 
erster Näherung als Gerade betrachten kann. 
Ich führe Ihnen nochmals die als erste proji- 
zierte Zeichnung (Fig. ı) vor und bitte Sie nun 
zu beachten, daß darin außer der schon be- 
sprochenen Atomvolumenkurve von LOTHAR 





MEYER auch diese MosELEyschen Geraden ein- 
gezeichnet sind. Wären die Elemente auf der 
Abszisse nicht in regelmäßigen Abständen auf- 


getragen, sondern nach den schwankenden Diffe- 
renzen der Verbindungsgewichte, so würde sofort 
die Gleichförmigkeit der MosELEvschen Geraden 
einer ganz unregelmäßigen Kurve weichen. (Die 
LOTHAR MEYER-Kurve, die keinem so strengen 
mathematischen Gesetz gehorcht, sieht bei dieser 
modernen Darstellung fast genau so aus wie bei der 
historischen, bei der die Elemente nach den Zahlen- 
werten ihrer Verbindungsgewichte aufgetragen 
waren.) In der gleichen Arbeit konnte MosELEY 
auch bereits zeigen, daß die Anomalien Tellur- Jod, 
Argon-Kalium, Kobalt-Nickel verschwinden, sowie 
wir die Elemente nach ihren Kernladungszahlen 
ordnen; denn das Jod z. B., welches aus chemischen 
Gründen im natürlichen System hinter dem Tellur 
stehen muß, hat auch tatsächlich eine um eine Ein- 
heit höhere Kernladung, obwohl sein Verbindungs- 
gewicht niedriger als das des Tellurs ist. 

Wir müssen daher seit MOSELEY als natürliches 
System der Elemente die Anordnung nach den 
Atomnummern oder Ordnungszahlen, nicht mehr 
wie zu MEYERS und MENDELEJEFFs Zeiten, nach 


den Verbindungsgewichten, als die richtige be- 
trachten. Die- Ordnungszahlen lassen sich, als 


die Größe der positiven Ladung des Atomkerns, 
durch verschiedene Methoden bestimmen, und so 
kann über die Stellung eines Elementes innerhalb 
des natürlichen Systems und über die noch vor- 
handenen Lücken kein Zweifel mehr sein. Wie in 
diesem Sinne alle heute bekannten Elemente be- 
stimmten Zahlen der Zahlenreihe zuzuordnen sind, 
läßt folgende Tabelle 3 erkennen. 

Diese Tabelle stellt das natürliche System der 
Elemente nach dem heutigen Stande der Wissen 
schaft dar, und wir dürfen wohl behaupten, daß 
die Anordnung endgültig ist. Um die chemischen 








50 


Ib 
in 


d, 





Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 971 


28. 11. 1930 


Tabelle 3. Zuordnung der chemischen Elemente zu den 
Ordnungszahlen 1— 92. 














F Fy 
a E| 282 |#: 3 
E Element 2 235 83 Element ® 
& | »*& TE a 

1 Wasserstoff | H 1,008 | 47 | Silber Ag 

2 Helium He 4,00 48 | Cadmium Cd 

3 «©Lithium Li 6,94 49 | Indium In 

4 Beryllium Be 9,02 so | Zinn Sn 

s Bor B 10,82 sı Antimon Sb 

6 Kohlenstoff | C 12,00 52 Tellur Te 

7 Stickstoff N 14,008 s3 Jod J 

8 Sauerstoff oO 16,000 s4 Xenon x 

9 Fluor F 19,00 55 | Cäsium Cs 

ı0o Neon Ne 20,2 s6 Barium Ba 

ıı Natrium Na 23,00 57 | Lanthan La 

ı2 Magnesium Mg 24,32 58 Cer Ce 

13. Aluminivm Al 26,97 sg Praseodym Pr 

14 Silicium Si 28,06 60 Neodym Nd 

15 Phosphor P 31,04 61 

16 Schwefel Ss 32,07 62 Samarium Sm 

17 Chior Cl 35,46 63 | Europium Eu 

18 Argon Ar 39,88 64 Gadolinium Gd 

ı9 Kalium K 39,10 65 Terbium Tb 

20 Calcium Ca 40,07 66 Dysprosium Dy 

2x Scandium Sc 45,10 67 Holmium Ho 

22 Titan Ti 48,1 68 Erbium Er 

23 Vanadium V 51,0 69  Thulium Tu 

24 Chrom Cr 52,01 70  Ytterbium Yb 

25 Mangan Mn 54,93 71 Cassiopeium Cp 175,0 
26 Eisen Fe 55,84 72 Hafnium Hf 178,6 
27 | Kobalt Co 58,97 73 Tantal Ta 181,5 
28 || Nickel Ni 58,68 74 Wolfram W 184,0 
29 | Kupfer Cu 63,57 75 Rhenium Re 186,3 
30 | Zink Zu 65,37 76 Osmium Os 190,9 
31 | Gallium Ga 69,72 7 Iridium Ir 193,1 
32 Germanium Ge 72,60 „8 Platin Pt 195,2 
33 As 74,96 79 Gold Au 197,2 
4 Se 79 5 Quecksilber Hg 2 6 
35 Br 79,92 81 Thalliur: rl 204,4 
36 ton Kr 82,9 82 Blei Pb 207,2 
37 | Rubidium Rb 85 83 Wisn Bi ),0 
38 Strontium Sr 87.6 84 Poloni I 

39 || Yttrium Y 89,0 5 

4 Zirkonium Zr 1,2 (i Emanation Em 

41 Niobium Nb 93,5 57 

42 | Molybdän Mo 96,1 88 | Radiun Ra 2 

43 Masurium Ma » | Actinium Ac 

44 Ruthenium Ru | 101,7 90 | Thoriun Th I 
4 Rhodium Rh | 102,9 91 Protactinium Pa 

46 || Palladium Pd | 106,7 92 | Uran U 238,2 





Gesetzmäßigkeiten hervortreten zu lassen, kann 
diese Reihe der Elemente in der eingangs er- 
wähnten Weise in lange oder kurze Perioden unter- 
teilt und so in Tabellenform gebracht werden, oder 
man kann, wie das Beispiel der Kurven der Atom- 
volumina und R6ntgenfrequenzen zeigt, ebene 
Diagramme zur Darstellung wählen oder schließ- 
lich auch, wie es gelegentlich geschehen ist, räum- 
liche Spiralen und andere kompliziertere Mittel der 
Veranschaulichung benützen. Wie immer aber 
auch, dem speziellen Zweck und dem persönlichen 
Geschmack entsprechend, die Form der Darstellung 
gewählt werden mag, die Reihenfolge der Elemente 
ist ein für allemal durch die Zuordnung zu den in 
der Tabelle ersichtlichen Zahlen gegeben. In dieser 
Tabelle liegt das von aller Willkür freie endgültige 
natürliche System beschlossen 
Bei dieser Gelegenheit möchte ich betonen, daß 
lie Einordnung der chemischen Elemente in die 
einzelnen Felder einer Tabelle, die naturgemäß in 
rleichen Abständen aufeinanderfolgen, ohne daß 
dies ausgesprochen wurde, doch stets schon gleich- 
jedeutend war mit der Ersetzung der unregel- 
1ABig verteilten und gebrochenen Zahlen der Ver- 
indungsgewichte durch die ganzzahligen Ord- 


nungszahlen. Dies ist der tiefere Grund, warum 
die tabellenmäßige Darstellung des natürlichen 
Systems stets einen Vorzug vor der Wiedergabe in 
Kurvenform voraus hatte. Die Tabellen bieten 
auch den bequemsten Weg, um-über den chemi- 
schen Charakter noch fehlender Elemente Näheres 
zu erfahren, da hier die Gruppenzugehörigkeit am 
klarsten in die Erscheinung tritt. So können wir 
an der Hand der früher gezeigten Tabelle des lang- 
periodigen oder kurzperiodigen Systems — in die 
die Ordnungszahlen der Elemente bereits eingetragen 
sind — sofort erkennen, daß das Element 61 eine 
seltene Erde, 85 ein Halogen und 87 ein Alkali- 
metall sein müßte. Daß es aber durchaus fraglich 
ist, ob diese Elemente existieren, darauf habe ich 
schon hingewiesen. 

Aus dieser kurzen Schilderung werden Sie 
bereits erkannt haben, daß seit der Aufstellung 
des natürlichen Systems kaum irgendeine Ent- 
deckung so viel zur Vertiefung unserer Kenntnisse 
beigetragen hat wie die fundamentale Arbeit MosE- 
LEYS; und da aus der Reihe der großen Forscher, 
die nach LoTHAR MEYER und MENDELEJEFF 
Grundlegendes zum Verständnis des natürlichen 
Systems beigetragen haben, MoseELEy als einziger 
nicht mehr am Leben ist, seien ein paar bio- 
graphische Daten über ihn mitgeteilt. MosELEY 
wurde als Sproß einer englischen Gelehrtenfamilie 
im Jahre 1887 geboren. Seine große Entdeckung 
machte er, sechsundzwanzigjährig, im Labora- 
torium von RUTHERFORD in Manchester. Kurz 
nach Kriegsbeginn rückte er ein und fiel schon im 
August 1915, vor Erreichung des achtundzwanzig- 
sten Lebensjahres, bei einem der englischen An- 
griffe auf die Dardanellen ein durch nichts zu 
ersetzender Verlust für die wissenschaftliche Welt. 
Er starb vor der Ausbreitung seines Ruhmes; nur 
einem kleinen Kreis seiner Lehrer und Kollegen 
war damals schon seine überragende experi- 
mentelle und theoretische Begabung bekannt ge- 
worden. Das einzige Bild, das von ihm existiert, ist 
eine gelegentliche Aufnahme im Laboratorium; 
trotz ihrer technischen Fehler gibt sie für alle, die 
\losELEY kannten, sein Wesen gut wieder (s. Fig. 8 
auf Tafel I, Rückseite) 

Wenn wir heute die Kernladung der Atome und 
nicht mehr das Verbindungsgewicht als Grund- 
lage des natürlichen Systems ansehen, so erhebt 
sich selbstverständlich die Frage, wieso seinerzeit 
doch auch auf Grund der Verbindungsgewichte eine 
bis auf wenige Ausnahmen richtige Reihenfolge 
der chemischen Elemente erhalten werden konnte. 
Die Antwort ist die, daß im allgemeinen mit steigen- 
der Kernladung auch das Verbindungsgewicht 
ansteigt. Der Kern der Atome besteht aber nicht 
nur aus positiven Protonen, sondern enthält immer 
auch gleichsam als Kitt, um den positiven Teil- 
chen das Zusammenhalten zu ermöglichen 
eine geringere Anzahl negativer Elektronen. Der 
Überschuß der Protonen über die Elektronen ergibt 
die positive Kernladung, zu der, wie früher er- 
wähnt, im neutralen Atom eine entsprechende 





972 PANETH 


Zahl auBen befindlicher Elektronen gehért. Jedes 
Proton hat die Masse 1; das Gewicht eines Atoms 
ist daher wenn wir von dem viel geringeren Ge- 
wicht der Elektronen und dem spater noch kurz zu 
erwähnenden ‚Packungseffekt‘‘ absehen gleich 
der Zahl der Protonen. Bezeichnen wir diese Zahl 
mit P und die Zahl der im Kern befindlichen Elek- 
tronen mit E, so ist die Kernladung Z gegeben 
durch die Gleichung 
Z r E. 

Wenn wir in der Reihe der Elemente um einen 
Platz weitergehen, steigt jedesmal Z um den Wert ı 
an. Im allgemeinen steigt gleichzeitig auch P. Wir 
sehen aber aus der Gleichung, daß kein eindeutiger 
Zusammenhang zwischen Z und P besteht. Die- 
selbe Kernladung Z kann auf verschiedene Weise 
erreicht werden, denn jedesmal, wenn wir sowohl 
ein P wie ein E zufügen, bleibt die Kernladung Z 
unverändert, und doch ist das Atomgewicht um 
das Gewicht eines Protons schwerer geworden 
Wir erkennen aus dieser theoretischen Betrachtung, 
daß es denkbar ist, daß Atome existieren, die 
verschiedenes Gewicht besitzen und dennoch zum 
gleichen chemischen Element gehören, da sie das- 
selbe Z haben. Solche Atome gibt es tatsächlich; 
zuerst hat man bei radioaktiven Stoffen die Be- 
obachtung gemacht, daß sic verschiedenes Ge- 
wicht (und auch verschiedene radioaktive Eigen- 
schaften) haben können und trotzdem chemisch 
dasselbe Element mit genau denselben quali- 
tativen Reaktionen sind. Man nennt solche Stoffe 
Isotope, weil sie an dieselbe Stelle des natürlichen 
Systems gehören. Fast gleichzeitig wurde auch auf 
dem Gebiet der inaktiven Elemente festgestellt, daß 
ein und dasselbe Element aus Atomen verschiede- 
nen Gewichtes bestehen kann. Hier waren es die 
Untersuchungen von J. J. THomson und Aston 
über die Ablenkbarkeit von Kanalstrahlen deren 
Entdecker GOLDSTEIN vor wenigen Tagen hier in 
Königsberg seinen achtzigsten Geburtstag ge- 
feiert hat welche den Beweis erbrachten, daß 
weitaus die Mehrzahl der chemischen Elemente 
nicht so einfach aufgebaut ist, wie es seinerzeit 
DALTON bei der Begründung der chemischen Atom- 
theorie angenommen hatte. Darron hatte den 
Satz aufgestellt: ,,Jedes Element besteht aus 
einer ganz bestimmten Art von Atomen.‘‘ Die Zahl 
der Atomsorten mußte demnach gleich der der 
chemischen Elemente sein. Heute wissen wir, daß 
es viel mehr Atom- als Elementarten gibt; denn 
die meisten Elemente sind keine sog. ,,Rein- 
elemente‘, sondern ‚Mischelemente‘‘, d. h. sie 
bestehen aus mehr als einer Atomart. Das Ver- 
bindungsgewicht eines Mischelements ist durch die 
Gewichte und durch das Mischungsverhältnis 
seiner verschiedenen Atomarten bestimmt. Dies 
ist der Grund, warum wir heute die durch chemi- 
sche Methoden bestimmbaren Gewichtsverhält- 
nisse, nach denen die Elemente miteinander in 
Reaktion treten, nicht mehr als Atomgewichte 
bezeichnen, sondern als Verbindungsgewichte. 
Das Element Chlor z. B. hat das durch chemische 





Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 





Die Natur- 
wissenschaften 


Analysen festgestellte Verbindungsgewicht 35,457. 
Seine Atomgewichte sind nicht durch chemische, 
sondern nur durch physikalische Methoden zu er- 
kennen, es sind die ganzzahligen Gewichte 35 und 37. 

Folgende Tabelle 4 zeigt Ihnen an einem Teil 
der chemischen Elemente, wie außerordentlich 
mannigfaltig ihre atomistische Zusammensetzung 
ist; die in der Tabelle eingeklammerten Isotope 
wurden erst neuerdings durch ein ganz besonders 
empfindliches Verfahren, nämlich durch spektro- 
skopische Beobachtungen, nachgewiesen und sind 


Tabelle 4. Die Atomarten der chemischen Elemente. 

















Ord- Verbin- 
nungs- Element dungs- Atomgewichte 
zahl gewicht 
I Wasserstoff | 1,0078 1,0078 
2 Helium | 4,002 4 
3 Lithium 6,940 6, 7 
4 Beryllium 9,02 9 
> Bor 10,82 10 It 
6 Kohlenstoff 12,000 12, (13 
7 Stickstoff 14,008 14 
8 Sauerstoff 16,0000 16, (17), (18 
9 Fluor 19,00 19 
10 Neon 20,18 20 21 22 
II Natrium 22,997 23 
12 Magnesium 24,32 2 25, 20 
13 Aluminium 26,97 
14 Silicium 28,06 29, 30 
15 Phosphor 31,02 
16 Schwefel 32,06 32, 33 34 
17 Chlor 35,457 35, 37 
18 Argon 39,94 36, 40 
19 Kalium 39,104 39, 41 
20 Calcium 40,07 40, tt 
21 Scandium 45,10 45 
22 Titan 47,90 48 
23 Vanadium 50,95 51 
2 Chrom 52.01 52 
25 Mangan 54,93 55 
26 Eisen 55,84 54, 5¢ 
27 Kobalt 58,94 59 
28 Nickel 58,69 58, 60 
29 Kupfer 63,57 63, 65 
30 Zink 65,38 64 65, 66, 67, 68, 69, 
70 
RI Gallium 2 69, 71 
2 Germaniun 79, 71 72, 7 74 75 
70, 77 
33 Arsen 74,96 75 
34 Selen 79,2 74 76, 77 75 80 82 
35 Brom 79,916 79, 8ı 
36 Krypton 82,9 78, so 82 83 84 R¢ 
37 Rubidium 85. 87 
38 Strontium 86, 88 
39 Yttrium 89 
40 Zirkonium 90, 92 94 
47 Silber 107, 109 
48 Cadmium 110, III, 112, 113, 114, 116 
49 Indium 115 
50 Zinn 112, 114 115, 116, 117, 118, 
119, 120, 121, 122, 124 
sı Antimon 121,76 121, 12 
52 Tellur 126, 128, 130 
53 Jod 127 
54 Xenon . 130,2 124, 126, 128, 129, 130, 131 
132, 134, 136 
55 Cäsium 132,81 133 
56 Barium 137,36 138 
57 Lanthan 138,90 139 
58 Cerium 140,13 140, 142 
59 Praseodym 140,92 141 
60 Neodym 144,27 142, 144, 146 
80 Quecksilber 200,61 196, 198 199, 200, 201, 202, 
204 
82 Blei 207,21 206, 207, 208, 210, 212, 214 
83 Wismut 209,00 209, 210, 212, 214 
84 Polonium 210, 212, 214, 216, 218 
86 Emanation 222 220, 222 
88 Radium 226,0 224, 226, 228 
89 Actinium 228 
90 Thorium 232,1 228, 230, 234 
91 Protactiniun 234 
92 Uran 238,2 234, 238 





14 





Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 973 


28. Ir. 1930 


nur in verschwindend geringem Prozentsatz vor- 
handen. Wir sehen, daB z. B. das Element Sauer- 
stoff neben den altbekannten Atomen vom Ge- 
wicht 16 auch Isotope 17 und 18 in minimaler 
Menge enthält. Wir erkennen ferner aus der 
Tabelle, daß öfters das Element mit niedrigerer 
Ordnungszahl unter der Reihe seiner isotopen 
Atome auch solche hat, welche schwerer sind als 
ein Isotop des höheren Elements. Ein solcher Fall 
liegt z. B. beim Chlor und Argon vor; das Chloratom 
37 ist schwerer als das Argonatom 36, aber das 
Verbindungsgewicht des Chlors, welches sich 
aus der Mischung der Atome 35 und 37 ergibt, ist 
doch noch geringer als das des Argons, welches aus 
Atomen 35 und 4o sich zusammensetzt. Es 
ist aber klar, daß wir uns bei dem offenkundigen 
Fehlen einfacher Regeln in der Verteilung der 
isotopen Atome nicht wundern können, wenn ge- 
legentlich die Verbindungsgewichte nicht in der- 
selben Reihenfolge ansteigen wie die Ordnungs- 
zahlen; beim Argon z. B. ist das schwerere Isotop 40 
in wesentlich größerer Menge vertreten als das 
leichtere 36, beim Kalium dagegen das leichtere 39 
in größerer Menge als das schwerere 41. Die 
Folge ist, daß das Argon, das Element mit der 
niedrigeren Ordnungszahl, trotzdem das höhere 
Verbindungsgewicht hat. Hier in der Isotopie der 
Atome liegt also die Erklärung für die historischen 
drei Anomalien des natürlichen Systems. Wir ver- 
stehen heute nicht nur die Unmöglichkeit, sie 
durch immer erneute Bestimmung der Ver- 
bindungsgewichte aus der Welt zu schaffen, 
sondern erkennen auch die Aussichtslosigkeit aller 
Bemühungen, eine Deutung für sie zu finden, ehe 
auf ganz anderen Gebieten der Wissenschaft grund- 
legende Fortschritte gemacht waren. 

Aber noch ein höheres Ziel ist ebenfalls durch 
die moderne Atomtheorie erreicht worden, nämlich 
die Erklärung der periodischen Wiederkehr der 
chemischen Eigenschaften beim Aufsteigen in der 
Reihe der Elemente. Auf der Grundlage des 
RUTHERFORD-BoHRschen Atommodells mußte an- 
genommen werden, daß die chemischen Eigen- 
schaften von den Elektronen abhängen, welche am 
weitesten außen den positiven Kern umgeben; 
Wiederkehr ähnlicher chemischer Eigenschaften 
muß also durch Wiederkehr einer ähnlichen An- 
ordnung der äußersten Elektronen gedeutet werden. 
Dieser Gedanke ist, anknüpfend an weiter zurück- 
liegende Ideengänge J. J. THOMSONs, in den 
letzten Jahren von der theoretischen Physik mit 
größtem Erfolg aufgenommen und durchgearbeitet 
worden. Ich muß es mir versagen, hier näher 
darauf einzugehen; eine exakte Darstellung ist 
nur mit mathematisch-physikalischem Rüstzeug 
zu:geben, und auch ein Versuch, bloß die Leit- 
linien herauszuarbeiten, würde mehr Zeit er- 
fordern, als mir noch zur Verfügung steht. So 
bitte ich Sie, sich mit dem Hinweis zu begnügen, 
daß aus allgemeinen physikalischen Prinzipien 
- nicht etwa aus ad hoc gemachten Hypothesen — 
bewiesen werden kann, warum zuerst in den 


Nw. 1930 


kurzen Perioden nach acht Elementen und dann 
in den langen nach 18 Elementen ähnliche chemi- 
sche Eigenschaften wiederkehren. Die Verschie- 
denheit in der Länge der Perioden ist heute erklärt. 
Und auch hier zeigt sich die Leistungsfähigkeit 
der Theorie in besonders hohem Maße darin, daß 
sie auch den die Chemiker bei der Gruppierung der 
Elemente seit jeher störenden Ausnahmefall der 
seltenen Erden zu deuten vermag. Es ist BoHR 
gelungen zu zeigen, daß gerade dort, wo in der 
Reihe der Elemente die seltenen Erden beginnen, 
mit steigender Ordnungszahl keine Änderung in 
der Zahl und Anordnung der äußersten Elektronen 
zu erwarten ist, sondern daß hier die neu hinzu- 
kommenden Elektronen in tiefere Schichten der 
Elektronenhülle eintreten. Daraus erklärt es sich, 
warum die seltenen Erden in den chemischen 
Reaktionen einander so außerordentlich ähnlich 
sind und warum an dieser Stelle des natürlichen 
Systems die normale Periodizität zusammenbricht. 
In diesem für die chemische Systematik seit jeher 
schwierigsten Gebiete konnte die Boursche Theorie 
sogar nicht nur die bekannten auffälligen Tatsachen 
erklären, sondern auch der chemischen Forschung 
eine sehr wichtige Anregung geben. BoHr schloß 
aus seiner Theorie, daß das damals noch unent- 
deckte Element von der Ordnungszahl 72 keine 
seltene Erde sein könne, sondern in seinem Bau 
dem Zirkon ähnlich sein müsse. Bis dahin hatte 
man nach dem Element 72 fast stets unter den 
seltenen Erden gefahndet; nun wurden Zirkon- 
mineralien analysiert. In kürzester Zeit konnten 
die im Bourschen Institut arbeitenden Herren 
HEVESY und Coster feststellen, daß tatsächlich 
das bisher von den Chemikern stets vergeblich ge- 
suchte Element in sämtlichen Zirkonmineralien 
bis zu mehreren Prozent enthalten ist. Das neue 
chemische Element erhielt zu Ehren der Stadt 
seiner Entdeckung, Kopenhagen, den Namen 
Hafnium. 

Aufs nächste verwandt mit diesen theoretischen 
Untersuchungen sind auch die Bemühungen der 
Physiker, eine Erklärung für die Erscheinung 
der chemischen Valenz zu geben. Auch hier sind 
bereits sehr bedeutende Erfolge erzielt worden, 
die sich vor allem an die Namen Kosseı, G. N. 
Lewis, Lonpon und HEITLER knüpfen; aber hier 
gilt vielleicht in noch höherem Maße, daß nur mit 
einer guten Kenntnis der Methoden der heutigen 
theoretischen Physik die den Chemikern so ge- 
läufige Tatsache zu verstehen ist, warum ein 
Atom eines Elementes sich nur mit einer ganz 
bestimmten Zahl von Atomen eines anderen 
Elementes zu einem Molekül vereinigt. Der Che- 
miker alter Schule mag es bedauern, daß auf 
seinem ureigensten Gebiet Fremdlinge nun ganz 
neue Methoden der Forschung eingesetzt haben, 
wird aber diesen Prozeß nicht aufhalten können. 
Er mag einen Trost darin finden, daß erstens 
die Chemie als Technik von der Wandlung 
dieser Dinge kaum berührt wird, und daß 
zweitens nur auf diesem Wege es möglich war, 


73 





974 


die theoretisch so unbefriedigende Sonderstellung 
der chemischen Valenz als einer Kraft sui ge- 
neris zu beseitigen und die chemischen Reak- 
tionen einzuordnen in das allgemeine physi- 
kalische Naturgeschehen. Kein Chemiker wird 
sich der Erkenntnis verschließen, daß die hier kurz 
skizzierte Entwicklung unserer Vorstellungen vom 
natürlichen System nicht nur einzelne Kompli- 
kationen, sondern in weit höherem Maße Klarheit 
und großartige Vereinfachung gebracht hat. Wenn 
heute so oft über die durch die gesteigerte Aktivität 
auf den Einzelgebieten immer mehr zunehmende 
Trennung und Spezialisierung der Wissenschaften 
geklagt wird, so ist besonders die moderne Atom- 
theorie, in der sich die Gesamtheit der anorgani- 
schen Naturwissenschaften begegnet, ein 
reiches Beispiel dafür, daß gerade der selbständige 
Fortschritt der einzelnen Wissenschaften es ist, 
der sie auf einer höheren Ebene wieder zur Einheit 
des naturwissenschaftlichen Weltbildes zusammen- 
führt. 

Sie werden nun verstehen, warum ich eingangs 
sagen konnte, daß in der Entwicklung unserer 
Kenntnisse vom natürlichen System heute ein 
gewisser Abschluß erreicht ist. Wir kennen nicht 
nur die endgültige Reihenfolge, in der die chemi- 
schen Elemente zu gruppieren sind, sondern wissen 
auch, daß die Kernladungszahl der tiefere Grund 
ist, warum sie gerade in dieser Reihe geordnet 
werden müssen, und wir wenigstens im 
Prinzip den Weg vor uns, wie sich aus dieser 
einen Zahl der ganze Bau des Atoms und sein 
physikalisch-chemisches Verhalten ableiten läßt. 
Wir werden an den berühmten, seiner Zeit voraus- 
Satz von DE CHANCOURTOIS erinnert: 
„Die Eigenschaften der Stoffe sind die Eigen- 
schaften der Zahlen.‘ Doch möchte ich nicht 
versäumen, am Schlusse meines heutigen Vor- 
trages darauf hinzuweisen, daß neben diesen 
Forschungen, durch die die Kenntnis der chemi- 
schen Elemente eine weitgehende Abrundung 
erfahren hat, sich eine neue Gedankenrichtung 
bemerkbar macht, die ihren Ursprung gerade 
wieder natürlichen System aus nimmt und 
die bisher fast nur Probleme präzisiert hat und 
noch keine Lösungen zu geben vermag. Es zeigt 
sich hier in der Chemie eine analoge Erscheinung, 
wie wir sie in anderen Naturwissenschaften 
beobachten können: Zuerst wird die Systematik 
ausgearbeitet, mit dem Nebeneinander der genau 


- 
sCili- 


sehen 


eilenden 


vom 


auch 


studierten Typen ist die Forschung dann aber nicht 
zufrieden, sondern stellt die weitere bedeutungs- 
volle Frage nach der Entwicklung dieser Typen. 

Entwicklung‘ dieser Gedanke war bekannt- 
lich eines der groBen Leitmotive der Naturwissen- 
schaften in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts. Hatte man sich früher begnügt, z. B. 


in der Botanik oder Zoologie eine möglichst voll- 
ständige Systematik der Arten aufzustellen, so trat 
nun die neue Frage auf: Bestehen diese Arten seit 
jeher, oder sind sie auseinander oder aus gewissen 
Urtypen 


entstanden? Der ganze Unterschied 


PAnETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. [ 





Die Natur- 
wissenschaften 


zwischen der Geisteswelt eines LINNE oder CUVIER 
und der eines LAMARCK, GOETHE, DARWIN oder 
WALLACE tritt vor unser Auge. Und schon zu 
Darwıns Zeit, als der Kampf nicht nur um seine 
spezielle Lehre, sondern auch um die Grundfrage 
einer Entstehung der Arten noch unentschieden 
war, wurde der Versuch gemacht, den Gedanken 
der Entwicklung auf die gesamten Wissenschaften, 
die anorganischen sowohl wie die biologischen, 
auszudehnen. Dieser Versuch stammte von dem 
englischen Philosophen HERBERT SPENCER und 
mußte scheitern aus denselben Gründen, aus denen 
Jahrzehnte früher die Systeme der deutschen 
Naturphilosophie zusammengebrochen sind. Das 
Fachwort ‚Evolution‘ und das Programm einer 
allgemeinen Entwicklungslehre ist aber von SPEN- 
cers Werk übriggeblieben. 

Es ist nun nicht zu verkennen, daß die Chemie 
heute auf dem Wege ist, denselben Schritt zu 
tun wie friiher die biologischen Wissenschaften, 
nämlich von der Systematik zur Entwicklungs- 
geschichte. Dabei will ich keineswegs sagen, daß 
sich die Chemie hier etwa eines Leitgedankens 
der Biologie bedient; im Gegenteil, der Gedanke 
einer Entwicklung nämlich soweit er sich über 
das Erscheinungsgebiet des direkt beobachtbaren 
Wachsens der Organismen emporhebt zur An- 
nahme eines allmählichen Entstehens anscheinend 
unveränderlicher Dinge ist zuerst in der an 
organischen Naturwissenschaft zu Hause gewesen. 
Die Kosmogonien primitiver Völker waren die 


älteste Form des Entwicklungsgedankens, und 
auch die erste wissenschaftliche Fassung einer 


Weltentwicklungslehre, die wir Kant verdanken, 
erschien ein Jahrhundert vor Darwıns „Ent- 
stehung der Arten‘. Aber auch in unserem speziel- 
len Gebiet, der Chemie, ist die Vorstellung einer 
Entstehung der Elemente jahrhundertelang durch- 
aus heimisch gewesen, und Reste davon finden Sie 
noch heute literarisch konserviert. ‚Der Gott, 
der Eisen wachsen ließ‘, der ist keine poetische 
Lizenz, sondern ein Uhberbleibsel der Volks- 
meinung; im Harz kennt man heute den 
Segensspruch: ‚Es blühe die Tanne, es wachse das 
Erz.‘‘ Und wenn wir auch noch aus der klassischen 
Literatur einen Beweis nennen wollen: „Wo das 
Eisen wächst in der Berge Schacht, da entspringen“ 
nach Schiller „der Erde Gebieter.‘“ 

Die Beobachtungen der Bergleute, die zu 
dem Glauben an ein Wachsen der Erze führten, 
deuten wir heute allerdings anders. Die Elemente 
entstanden nicht neu, sondern wurden nur aus 
ihren chemischen Verbindungen oder aus Lösungen 
in Freiheit gesetzt; und doch müssen wir zunächst 
feststellen, daß die Annahme einer Entstehung 
der Elemente auseinander sofort sinnvoll er- 
scheint, sowie wir von einer gemeinsamen Materie 
aller Elemente zu sprechen berechtigt sind. Der 
Begriff Urstoff hatte schon bei den griechischen 
Naturphilosophen einen Doppelsinn; er bezeichnete 
den Stoff, aus dem alle Körper bestehen und aus 
dem sie im Laufe der Zeiten entstanden sind. 


noch 








d 
n 
n 


er 
N- 


1e 





Heft 47/48/49.] PaNETH: Heutiger Stand unserer Kenntnisse über das natürliche System der Elemente. 975 


28. 11. 1930 


Können wir heute wieder in beiden Bedeutungen 
von einem Urstoff reden? 

Nach unserer heutigen Anschauung bestehen 
alle Atome aus Protonen und Elektronen. Wir 
sind demnach zweifellos zur Urstofflehre in ihrem 
ersten Sinn zurückgekehrt mit der nicht sehr 
wesentlichen Änderung, daß wir vorläufig nicht 
einen, sondern zwei Urstoffe, oder um LOTHAR 
MEYERS Worte zu wiederholen, zwei Arten von 
„Atomen höherer Ordnung‘‘ annehmen müssen. 
Die von MENDELEJEFF als Utopie bekämpfte uralte 
Anschauung ist damit fest begründete natur- 
wissenschaftliche Theorie geworden. Es ist äußerst 
merkwürdig, daß der Urstoffgedanke, der im 
Altertum und Mittelalter und auch noch zu BoyLes 
Zeit in der Chemie durchaus herrschend war und 
erst beim Beginn der sog. wissenschaftlichen Che- 
mie durch die LAvortsterRsche Elementenlehre ver- 
dunkelt wurde, damit wieder völlig zum Leben 
erweckt ist, und es wäre einer eigenen Unter- 
suchung wert, zu zeigen, wie überraschend stark das 
Bedürfnis der Chemiker nach Annahme eines 
solchen Urstoffes auch zu jenen Zeiten war, als 
keinerlei experimentelle Tatsachen zu seinen 
Gunsten angeführt werden konnten. Es wäre hier 
zu untersuchen, wieweit allgemeine Denkgesetze, 
etwa das seit den griechischen Atomistikern herr- 
schende Bestreben der Zurückführung aller Quali- 
täten auf Quantitäten, hier eine Rolle gespielt, oder 
ob es sich um die bewußte oder unbewußte An- 
wendung eines Forschungsprinzips von der Art 
des KEPpLErRschen ‚Natura simplicitatem amat“ 
gehandelt hat wobei die der Natur zugeschrie- 
bene Vorliebe wohl auch aus dem Einheitsbedürf- 
nis des menschlichen Geistes entsprungen sein 
dürfte; doch wollen wir auf diese mehr in das 
Gebiet der Philosophie als der Naturwissenschaften 
gehörige Frage, die sich nahe mit dem von Ge- 
heimrat HILBERT heute behandelten Thema be- 
rührt, nicht eingehen. Wir wollen nur betrachten, 
ob wir den modernen Urstoff auch bereits in der 
zweiten Bedeutung als Stoff, aus dem die Dinge 
entstanden sind auffassen dürfen, mit anderen 
Worten, ob Tatsachen für eine Entwicklung der 
Elemente sprechen. 

Hier müssen wir nun sofort bekennen, daß wir 
nicht einmal über die Richtung, in der die Ent- 
wicklung der Elemente vor sich gegangen sein 
dürfte, etwas Sicheres aussagen können. In anderen 
Wissenschaften, in denen der Evolutionsgedanke 
im einzelnen auch noch manchen Schwierigkeiten 
begegnet, ist wenigstens die Richtung der Ent- 
wicklung nicht zweifelhaft (wenn wir von Aus- 
nahmen wie etwa der in der Anthropologie unter 
biblischem Einfluß entstandenen Vorstellung ab- 
sehen, daß primitive Menschenrassen nicht auf 
einer tieferen Stufe der Entwicklung stehenge- 
blieben, sondern sündhafterweise so tief herab- 
gesunken sind). Wenn man früher es immer als 
selbstverständlich angesehen hatte, daß die Ent- 
wicklung der Materie ebenso wie die der Organis- 
men vom Einfachen zum Komplizierteren gehen 


müsse — ich denke an die Spekulationen nicht 
nur eines Philosophen wie SPENCER, sondern auch an 
die von Chemikern wie LOCKYER oder CROOKES —, 
so hat die erste tatsächliche Beobachtung einer 
Neubildung von Elementen uns genau das Gegen- 
teil gezeigt. Bei den radioaktiven Stoffen können 
wir bekanntlich eine Verwandlung der chemischen 
Elemente beobachten. Hierbei gehen die schwer- 
sten Atome, also die mit dem kompliziertesten 
Aufbau, in einfachere über; die letzten Elemente 
des natürlichen Systems, Uran und Thor, zerfallen 
unter Bildung von verschiedenen Zwischenproduk- 
ten und verwandeln sich schließlich in Blei und 
Helium. Hier liegt also eine Elemententstehung 
vor, die wir genau kennen, viel genauer als etwa 
ein Zoologe die Entstehung einer neuen Art kennt, 
und diese Elemententstehung ist nicht Evolution, 
sondern Devolution, ist nicht Aufbau, sondern 
Abbau. Man hat gelegentlich die Annahme ge- 
macht, daß alle Elemente in schwächeren Massen 
radioaktiv seien, daß also ganz allgemein in der 
Welt ein Abbau von Materie vor sich gehe. Hierfür 
fehlt jeder Beweis. Im Gegenteil, bei den leichteren 
Elementen ist es gelungen, allerdings bisher nur 
unter Benutzung der konzentrierten Energie zer- 
fallender radioaktiver Stoffe, in minimalsten Men- 
gen auch einen Aufbau herbeizuführen; wenn man 
Stickstoff vom Atomgewicht 14 mit Alpha-Strahlen 
beschießt, wird zwar aus dem Stickstoff Wasser- 
stoff abgespalten, gleichzeitig tritt aber allem An- 
schein nach das schwerere Alpha-Teilchen in den 
Atomkern ein. Das Resultat ist das Sauerstoff- 
Isotop vom Gewicht 17, welches wir auf der früher 
gezeigten Tabelle 4 gesehen haben, hier also liegt 
Aufbau eines komplizierteren Atoms vor. 

Schon die natürliche Radioaktivität ist aber 
ein sehr selten zu beobachtender Vorgang, und die 
erwähnte atomaufbauende Wirkung spielt sich 
auf unserer Erde in noch unvergleichlich viel 
geringerem Maße ab. Wir möchten aber gern 
etwas über die Entstehung der großen Zahl stabiler 
Elemente wissen. Hier ist natürlich eine direkte 
Beobachtung ausgeschlossen, aber wir befinden 
uns trotzdem in keiner schlimmeren Lage als 
etwa die Astronomen, deren Leben auch viel zu 
kurz ist, um die Entwicklung der Sterne jemals 
beobachten zu können und die trotzdem wohl- 
fundierte Theorien über das Vergehen und Er- 
löschen der Sterne aufstellen konnten. Keine 
Wissenschaft teilt mehr den naiven ‚Rosen- 
glauben‘, daß Gärtner unsterblich sind aus dem 
in dem bekannten KELLERschen Gedicht an- 
geführten Grunde, ‚solange die Rose zu denken 
vermag, ist niemals ein Gärtner gestorben‘. Eine 
aufmerksame Beobachtung kann auch dem kurz- 
lebigen Wesen ein Nebeneinander verschiedener 
Stufen des länger Lebenden enthüllen: es gibt alte 
und junge Gärtner und Gärtnerskinder. So gibt es 
auch nebeneinander alte und junge Sterne und 
Sternnebel, und auf dieses Nebeneinander von 
Sternen verschiedener Temperatur und Größe 
gründeten die Astronomen ihre Theorien über das 


7. 





976 
Nacheinander in der Sternentwicklung. Ein 
analoges Verfahren wird voraussichtlich auch 


einmal die Chemiker zu einer Lehre von der Ent- 
wicklung der stabilen Elemente führen. Es sind 
bereits gewisse hoffnungsvolle Ansätze vorhanden. 
Ich habe früher erwähnt, daß das Gewicht eines 
Atoms sich einfach aus der Zahl seiner Protonen 
ergibt; doch haben die wunderbar genauen Mes- 
sungen Astons in den letzten Jahren gezeigt, daß 
diese Berechnung nicht exakt richtig ist; manche 
Elemente haben bei ihrer Bildung einen relativ 
größeren, andere nur einen unmeßbar geringen 
Verlust an Masse erlitten. Die theoretische Physik 
deutet diesen „Packungs-Effekt‘‘ genannten 
Verlust an Masse als die Folge einer Aussendung 
von Energie bei der Bildung des betreffenden Atoms. 
Je genauer diese äußerst geringen Massenunter- 
schiede zwischen den Atomen bekannt sein werden, 
um so eher können wir hoffen, hieraus etwas über 
die Art ihrer Bildung zu erfahren. Ja vielleicht 
kommt uns bei diesem Bestreben auch noch von 
einer ganz anderen Seite her Hilfe. Die Massen- 
verluste sind klein, die ihnen äquivalenten Energie- 
mengen aber nach einer bekannten Formel von 
EINSTEIN außerordentlich groß. Diese Energie 
wird vermutlich in der Form von äußerst harter 
Strahlung frei. Seit den Forschungen von Hess, 
KOHLHÖRSTER, MILLIKAN, HOFMANN und STEINKE 
um nur die wichtigsten Arbeiter auf diesem 
Gebiet zu nennen ist es bekannt, daß eine solche 
äußerst harte Strahlung aus dem Weltenraum zu 
uns kommt. Man schließt daraus, daß die Bildung 
der Elemente nicht nur der Vergangenheit angehört, 
sondern in den Sternen auch heute noch vor sich 
geht, und Elementbildung hat vielleicht 
für uns alle nicht nur eine theoretische, sondern 
auch eine außerordentlich große praktische Be- 
deutung. Schon lange war es ein Rätsel, wieso die 
Sterne durch Jahr-Billionen beständig Energie aus- 
zustrahlen vermögen, ohne sich zu erschöpfen. Es 


diese 


v. Batrockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 





Die Natur- 
wissenschaften 


ist nicht unwahrscheinlich, daß diese ‚unbekannte 
Energie‘, die in astrophysikalischen Werken vor- 
läufig — wie ein „unbekannter Gott‘ — unter 
diesem Namen geführt wird, ebenso wie die kos- 
mische Strahlung ihre Quelle in der Neubildung 
von chemischen Elementen im Innern der Sonne 
und der anderen Fixsterne hat. Vielleicht ent- 
stehen dort die auf der Erde völlig stabilen Ele- 
mente, vielleicht zunächst nur die radioaktiven 
Stoffe, welche dann zerfallen, vielleicht aber geht 
dort auch die Reihe der Elemente noch über die 
Kernladung 92, über das schwerste irdische Ele- 
ment Uran, hinaus. Hierüber wissen wir bis zum 
heutigen Tage gar nichts Sicheres, da die zwei 
einzigen Wege, die zur chemischen Analyse des 
Weltalls bisher vorliegen, hier versagen: Meteorite, 
die man früher öfters als Proben von Fixstern- 
material angesehen hat, stammen wahrscheinlich 
nur aus einem zertrümmerten Planeten, und die 
Spektralanalyse, die bis zu den fernsten Sternen 
reicht, enthüllt uns doch nur die Oberfläche und 
nicht das Innere dieser Gestirne. Von welcher Art 
immer aber auch die Elemente sein mögen, die in 
den Sternen sich bilden, falls wirklich durch ihr 
Entstehen und ihren Zerfall die Strahlung der 
Sterne durch die Äonen aufrechterhalten wird, 
so müssen wir daraus den Schluß ziehen, daß die 
Temperatur der Sonne und damit auch alles Leben 
auf unserer Erde von diesen noch völlig geheimnis- 
vollen Prozessen der Elementverwandlung ab- 
hängt. 

Sie sehen, trotz aller Erfolge in der Erklärung 
des natürlichen Systems, gibt es auch in der 
Frage der Elemente noch manche Dinge auf der 
Erde und besonders im Himmel, von denen unsere 
Schulweisheit eben erst anfängt zu träumen. Eine 
der vielen Fragen, deren Lösung erst die Zukunft 
bringen wird, ist die nach Entstehungsart, Ent- 
stehungsort und Entstehungszeit unserer chemi- 
schen Elemente. 


Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 


Von Apoır v. Batock!, Bledau. 


Ihr Vorstand hat mir die ehrenvolle Aufgabe 
gestellt, Ihnen in Ergänzung der tiefgründigen 
fachwissenschaftlichen Arbeiten dieser Tagung 
kurze Ausführungen zu machen über die Bedeutung 
der Landwirtschaft im Rahmen der gesamten Volks- 
wirtschaft. Unsere vom Reich abgeschnittene und 
von schwerster wirtschaftlicher Not bedrückte 
Ostmark ist das deutsche Agrargebiet katexochen, 
wo Wirtschaft, Wohlstand, Kultur und Volkskraft 
weit mehr als anderswo vom Gedeihen der Land- 
wirtschaft abhängig sind. Wenn die von allen 
Ostpreußen mit herzlichem Dank begrüßte Ver- 
legung Ihrer diesjährigen Tagung den Sinn hat, 
Naturforschern und Arzten aus ganz Groß-Deutsch- 
land durch persönliche Fühlungnahme die deutsche 
Aufgabe unserer Ostmark und die Gefährdung 
ihrer Erfüllung durch unsere Abschnürungsnot 


näherzubringen, so gehört die Behandlung eines 


agrar -politischen Problems sinngemäß in den 
Tagungsrahmen. 

Entsprechend dem Charakter Ihrer Arbeiten 
möchte ich von der Erörterung aktueller, mehr in 
das Gebiet der Politik fallender Fragen, insbeson- 
dere der akuten. Wirtschaftsnot der Ostmark und 
ihrer Abhilfe, absehen und das Problem mehr von 
allgemeinen Gesichtspunkten aus behandeln. 

Der alte Römer sagt: Nulla ars melior, nulla 
homine libero dignior agricultura. Tatsächlich ist 
die Landwirtschaft auch heute noch trotz des 
technisch wissenschaftlichen Einschlags eine Kunst, 
ihre erfolgreiche Ausführung ist eine Frage des 
Könnens. Das Können, das sich beim Landwirt 
wie beim sonstigen schaffenden Menschen auf 
Wollen, Wissen, gefühlsmäßiges Erfassen gründet, 
ist vergleichbar dem ähnlich gegründeten Können 
des Arztes. Das Wissen war bis vor kaum 60 Jahren 











Heft 47/48/49 
28. 11. 1930 


auch bei den führenden Landwirten wesentlich 
empirisch. Von den Vorfahren her gesammelte, 
vielfach in Bauernregeln zusammengefaBte Er- 
kenntnisse von Tieren, Bodenfriichten, Wettcr 
usw. bildeten die Grundlage, die wie immer in 
solchen Fallen falsches oder doch nicht mehr 
richtiges Traditionsgut mit noch vollwertigem 
vermischte. Es war damit nicht viel anders wie 
mit der ärztlichen Kunst in den auch noch nicht 
so sehr weit zuriickliegenden Zeiten, wo in deren 
Gebiet die exakt wissenschaftliche Forschung erst 
in schr bescheidenem Umfange wirksam war und 
Empirie und Tradition herrschten. Ein Arzt, 
THAER, und ein Naturforscher, LiEBIG, haben die 
Anfänge wissenschaftlicher Forschung, positiven 
exakt ermittelten Wissens in die Kunst der deut- 
schen Landwirtschaft eingeführt, die in der Folge 
in vieler Hinsicht dann führend innerhalb der 
Landwirtschaft der Welt geworden ist. Wie auf 
allen anderen Gebieten, sind die Fortschritte 
exakter wissenschaftlicher Erkenntnis auch auf 
dem der Landwirtschaft vor allem in den letzten 
Jahrzehnten, gewaltig gewesen; weit Gewaltigeres 
bleibt aber sicherlich noch zu erreichen, bis in 
dieser Hinsicht die Landwirtschaft der Industrie 
ebenbürtig wird. 

Das Durchdringen wissenschaftlicher Erkennt- 
nisse in die Praxis wird bei der Landwirtschaft im 
allgemeinen und der deutschen im besonderen 
dadurch viel mehr wie in anderen Erwerbszweigen 
erschwert, daß Millionen einzelner Familien, fern 
vom Verkehr, in einsamen Gehöften oder Dörfern 
wohnend, weit überwiegend auf einfachste Bildung 
durch ein- oder zweiklassige Landvolksschulen be- 
schränkt, zur Ausübung der landwirtschaftlichen 
Kunst berufen sind. Nur ein Viertel des landwirt- 
schaftlich genutzten Bodens Deutschlands ist in 
der Hand von großen Betrieben, die übrigen drei 
Viertel liegen in Bauernhänden. Auch Ostpreußen 
ist, entgegen im Reich vielfach herrschenden Auf- 
fassungen, zu zwei Drittel Bauernland, und nur ein 
Drittel des Bodens ist in der Hand von großen Be- 
trieben, die übrigens durch private Aufteilung und 
durch die Siedlungstätigkeit der öffentlichen Hand 
an Zahl und Fläche sich von Jahr zu Jahr ver- 
ringern. 

Der überwiegend bäuerliche Charakter der 
deutschen wie fast der gesamten europäischen 
Landwirtschaft erschwert naturgemäß die schnelle 
Verbreitung neuer wirtschaftlicher Erkenntnisse 
in die Praxis. Es ist vom Staat aus in Preußen 
schon seit den ersten Hohenzollernkönigen und im 
zunehmenden Maße wieder in der neuesten Zeit 
daran gearbeitet worden, die positiven Fachkennt- 
nisse des landwirtschaftlichen Nachwuchses zu 
heben. Das ist verhältnismäßig leicht in den Ge- 
bieten, wo die Produktionsfaktoren: Bodenbeschaf- 
fenheit, Klima, Absatzverhältnisse, einheitlich 
sind. Es ist auch verhältnismäßig leicht, in Gebieten 
mit starker Ausfuhr von Agrarprodukten, wie z. B. 
Holland, Dänemark und die Ostseestaaten. Denn die 
Agrarausfuhrware läßt sich verhältnismäßig leicht 


v. Barockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 977 


durch die öffentliche Hand nach ihrer Beschaffen- 
heit ordnen und beeinflussen, und diese Ordnung 
und Beeinflussung greift dann von selbst auf den 
im Lande selbst verbrauchten Teil der Agrarproduk- 
tion über. Dieser Vorteil der Agrarausfuhrländer 
ist, neben der Hemmung der wirtschaftlichen Ent- 
wicklung Deutschlands in der Kriegs- und In- 
flationszeit, der Grund dafür, daß die genannten 
Ausfuhrländer in der Qualitätserzeugung die deutsche 
Landwirtschaft stark überflügelt haben. Die Be- 
seitigung dieser Rückständigkeit durch schnelle 
Verbesserung der wirtschaftlichen und technischen 
Schulung und des genossenschaftlichen Zusammen- 
schlusses der landwirtschaftlichen Bevölkerung, 
vor allem in der Richtung eigentlicher Qualitäts- 
erzeugung, wird immer allgemeiner als das Gebot 
der Stunde erkannt. 

Was die Menge der Agrarproduktion anlangt, 
so hat die deutsche Landwirtschaft trotz der er- 
wähnten Hemmnisse gegenüber dem Durchschnitt 
Europas gewaltige Fortschritte gemacht. Dabei ist 
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen der agrari- 
schen und der industriellen Produktionsmöglichkeit 
im Auge zu behalten. Jede Erzeugungsstätte ist 
an den Besitz einer Bodenfläche gebunden, die 
Fabrik, die Bergwerksanlage, Speicher und Ver- 
kaufsräume des Händlers wie der Betrieb des 
Landwirtes. Die in Betracht kommende Boden- 
fläche ist aber außerhalb der Landwirtschaft im 
Verhältnis zum Betriebsumfange verschwindend 
gering. Deshalb ist, räumlich betrachtet, die Aus- 
dehnungsfähigkeit von Industrie und Handwerk 
auch in einem so eng zusammengedrängten Volke, 
wie heute das deutsche, praktisch unbeschränkt. 
Soweit Arbeitskräfte, Unternehmertüchtigkeit, Kapi- 
tal und Absatz vorhanden sind, kann die indu- 
strielle Produktion beliebig erweitert, kann eine 
Fabrikanlage an die andere gereiht werden. Für 
die Landwirtschaft ist dagegen die Bodenfläche 
das Hauptproduktionsmittel, und diese Tatsache 
bedeutet in Ländern wie Deutschland, wo der 
landwirtschaftlich nutzbare Boden bereits mit ge- 
ringen Ausnahmen in Nutzung genommen ist, 
eine starke Einschränkung der Möglichkeit zur Aus- 
dehnung der Agrarproduktion und der landwirt- 
schaftlichen Erwerbsgelegenheit. 

Es ist deshalb eine außerordentliche Leistung, 
wenn z. B. in der Zeit von 1820— 1875 der Getreide- 
ertrag von 100 ha landwirtschaftlicher Fläche nach 
SOMBART in einer Reihe von ihm herangezogener 
Betriebe sich von etwa 800 auf etwa 2400 Zentner 
erhöht, also verdreifacht hat und wenn in den 
letzten 20 Jahren vor dem Kriege eine weitere 
Steigerung um durchschnittlich das Einhalbfache 
erreicht ist. Eine fast noch größere Leistung ist es, 
wenn die deutsche landwirtschaftliche Produktion 
nach ihrer völligen Zerrüttung durch Krieg und 
Zwangswirtschaft in der kurzen Zeit von 1920 bis 
1930 trotz aller Hemmungen den Produktionsstand 
von 1913 wieder erreicht und in vielen Zweigen 
überschritten hat. 

Wenn, um das gleich hier zu erwähnen, trotz 





978 v. Barockı: Die Landwirtschaft 
des hohen Ergebnisses im Bruttoertrage ein groBer 
Teil der deutschen Betriebe seit 1923 keine Netto- 
ertrdge erzielt, sondern im Gegenteil Verluste er- 
litten hat, wenn dadurch viele Betriebe aller Größen, 
ganz besonders in Ostpreußen, zum Zusammen- 
bruch oder dicht vor den Zusammenbruch gekom- 
men sind, so liegt das an einer ganzen Reihe von 
Umständen: Aufeinanderfolge ungünstiger Ernten, 
schwere Viehseuchengänge, Überspannung der öf- 
fentlichen Belastung, hohe Zinssätze, untragbares 
Verhältnis zwischen dem, was der Landwirt für 
sein Produkt erhält und dem, was er für seine 
Betriebsmittel bezahlt. Viele ‚Ärzte‘, berufen 
und unberufene, Fachmänner und Pfuscher nehmen 
sich der Krankheit der deutschen Landwirtschaft 
an. Ein Teil dieser Ärzte hat in den ersten Stabili- 
sierungsjahren ein System empfohlen, das sich 
etwa mit der Pharmakopoea elegans vergleichen 


läßt: der Rat zu äußerster Modernisierung, In- 
tensivierung und Rationalisierung, Vergrößerung 


des Maschinenparks, starker Anwendung von 
Kunstdünger usw., um möglichst schnell eine mög- 


mit 


lichst reichliche Versorgung Deutschlands 
eigenen Lebensmitteln zu erreichen. Die An- 
wendung dieser Methode hat nur allzuoft den 


Geldbeutel des Landwirtes geleert, ohne den Erfolg 
seines Betriebes entsprechend zu stärken, wıe das 
ja auch in Fällen körperlicher Krankheit bei 
Anwendung neuer und kostspieliger Heilmethoden 
manchmal vorkommen soll. Wie zum Hohn wird 
den Landwirten, die solchen Ermahnungen der Re- 
gierungssachverständigen gefolgt und dadurch in 
Not geraten sind, jetzt von denselben Leuten 
vorgeworfen, daß sie durch verfehlte Investitionen 
ihr Unglück selbst herbeigeführt hätten. Als 
hoffnungslos sehe ich trotz aller augenblicklichen 
Not die Lage der deutschen und insbesondere der 
am schwersten betroffenen ostpreußischen Land- 
wirtschaft deswegen nicht an, weil sich in letzter 
Zeit immer mehr in Deutschland die Erkenntnis 
verbreitet hat, wie sehr das Schicksal aller übrigen 
Gruppen der Wirtschaft und der Bevölkerung 
von dem Schicksal der Landwirtschaft abhängt 
und weil diese Erkenntnis zu entsprechenden ge- 
setzgeberischen Taten geführt hat und hoffentlich 
weiterführen wird 

Wenn ich eben von Fehlinvestitionen ge- 
sprochen habe, so sind damit nur Aufwendungen 
gemeint, deren Umfang zur Zeit mit den vor- 
handenen Kapitalkräften nicht vereinbar ist. 
Auch bei der deutschen Industrie ist es wohl mit 
ein Grund ihrer heutigen schweren Krise, daß sie 
im Tempo der Investitionen über die Grenze der 
deutschen Kapitalkraft allzusehr hinausgegangen 
ist. Damit ist selbstverständlich weder bei der 
Industrie noch bei der Landwirtschaft gemeint, 
daß sie in der Stärkung und technischen Verbesse- 
rung ihres Produktionsapparates einen Stillstand 
eintreten lassen sollten. Bei all den Hemmungen, 
denen die deutsche Wirtschaft nach unserem Zu- 
sammenbruch im Rahmen der Weltwirtschaft 


unterliegt, ist gerade die Erhaltung und Verstär- 





Die Natur- 
wissenschaften 


als Glied der Volkswirtschaft. 


kung unseres Vorsprunges in technischer Hinsicht 
unser einziges Aktivum. Trotz allem, was durch 
die Zusammenarbeit zwischen den Naturwissen- 
schaften und der landwirtschaftlichen Praxis an 
Produktionsverbesserung wie erwähnt schon er- 
reicht ist, bleibt ja noch unendlich viel weiter zu 
erreichen sowohl durch Gewinnung neuer wissen- 
schaftlicher Erkenntnisse, wie — und das ist noch 
wichtiger — durch Verwertung des landwirtschaft- 
lichen Erkenntnisgutes für die breite Praxis. 
Einige Beispiele aus diesem umfangreichen 
Gebiet: Die Feststellung des Bedarfes des Bodens 
an den Hauptpflanzennährstoffen Kali, Phosphor 
säure, Stickstoff, wurde noch vor wenigen Jahr- 
zehnten auch in den fortgeschrittenen Wirtschaften 
rein empirisch und gefühlsmäßig von den Land- 


wirten getroffen. Dann folgten Versuche, die 
Nährstoffgehalte chemisch festzustellen. Bald er- 


kannte man, daß nicht der Gehalt an sich, sondern 
die Löslichkeit der Nährstoffe durch die Pflanzen- 
wurzel entscheidend sei. Da auch diese chemische 
Untersuchungsart nur unvollkommene Ergebnisse 
hatte, ging man zum biologischen Düngungsversuch 
auf dem Felde über, indem kleine, nebeneinander- 
liegende Parzellen eines Ackerstückes mit ver- 
schiedenen Mengen des einzelnen Nährstoffes ge- 
düngt und die Ergebnisse verglichen wurden. Da 
hierbei das Ergebnis durch andere Wachstums- 
faktoren wie Niederschlagsmenge, Lagerung, tie- 
rische und pflanzliche Schädlinge, Ernteverluste 
durch Regen allzusehr getrübt wurde, kam man 
dazu, Bodenproben, die systematisch von allen 
Teilen des betreffenden Ackerschlages entnommen 
und gemischt wurden, in Töpfen unter Verhält- 
nissen, welche die erwähnten Zufälligkeiten mög- 
lichst ausschlossen, verschieden gedüngt, mit einer 
bestimmten Zahl von Pflanzen zu besäen und die 
Ergebnisse zu vergleichen. Neben anderen Me- 
thoden hat sich die von dem Königsberger Mir- 
SCHERLICH auf diesem Gebiet ausgebaute Fest- 
stellungsmethode weit über Deutschland hinaus 
verbreitet. 

Heute wird kaum ein Zwanzigstel des deutschen 
Kulturbodens nach solchen Methoden planmäßig 
auf sein Nährstoffbedürfnis untersucht und ent- 
sprechend zur Erzielung gesteigerter Erträge ge- 
düngt. Das übrige Land wird noch auf gefühlsmäßi- 
ger, empirischer Grundlage oder überhaupt nicht 
mit künstlichen Dungstoffen versehen. Würde die 
exakte Methode allgemein ausgedehnt, so würde 
allein dadurch der Ertrag des deutschen Ackers 
um die gesamte, heute noch nötige Einfuhrmenge 
von etwa 4 Millionen t Getreide im Wert von fast 
ı Milliarde RM. jährlich gesteigert werden können. 
Ein anderes Beispiel: Die Anwendung der neuen 
Ergebnisse der Vererbungslehre und Biologie ermög- 
licht bei Rindvieh Züchtungs- und Fütterungs- 
methoden, welche bei voller sachgemäßer Durch- 
führung das Doppelte und Dreifache der heute in 
Deutschland durchschnittlich von der Kuh erzielten 
Milchmenge ergeben. Eine ganze Anzahl fort- 
geschrittener Betriebe hat dieses Doppelte und 











Heft 47/48 oo) v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 979 


28. 11. 1930 


Dreifache des Durchschnittes bereits erreicht. 
Macht sich auch nur ein erheblicher Teil der ge- 
samten Betriebe diese Fortschritte voll nutzbar, 
so steigt die deutsche Milchproduktion ohne wei- 
teres um die ganze reichliche halbe Milliarde RM., 
die Deutschland heute an Milchprodukten einführt. 
Diese Beispiele lassen sich vervielfältigen, aber 
schon das Gesagte zeigt, welche gewaltigen Er- 
folge ein weiterer Ausbau der planmäßigen Zu- 
sammenarbeit zwischen einer fortschreitenden 
naturwissenschaftlichen Erkenntnis und der breiten 
landwirtschaftlichen Praxis bei uns erreichen kann. 
Auch abgesehen von der bereits erwähnten 
Kapitalknappheit sind die Hemmnisse gegen solche 
Fortschritte bei der deutschen Landwirtschaft weit 
größer als anderswo. In den Getreidegebieten der 
Vereinigten Staaten und Kanadas handelt es sich 
um riesige Flächen mit im wesentlichen gleich- 
artigen Boden und Klima. Die einzelnen Getreide- 
farmen haben alle etwa gleiche Größen, die zwischen 
denen deutscher Bauern- und Großbetriebe liegen. 
Die gleichmäßigen natürlichen Grundlagen ermög- 
lichen äußerste Gleichförmigkeit in den Betrieben, 
so die Anwendung gleichmäßigen Saatguts und 
gleichmäßiger Bestellungs- und Erntemethoden, 
die auf stärkster Benutzung typisierter, Hand- 
arbeit sparender Maschinen beruhen. Unter diesen 
Verhältnissen ist es der dort vom Staat muster- 
gültig ausgebauten agrartechnischen Forschung 
leichter möglich, ihre Arbeiten auf bestimmte 
Punkte zu konzentrieren und deren Ergebnisse 
schnell bis zur entferntesten Farm in die Praxis 
zu übertragen. Bei uns dagegen sind Klima, Ver- 
kehrs- und Absatzverhältnisse örtlich ganz ver- 
schieden. Das bunte Durcheinander der ver- 
schiedensten Betriebsformen und Betriebsgrößen, 
die durch Klima und Wirtschaftsverhältnisse ge- 
gebene Notwendigkeit, den einzelnen Betrieb nicht 
einseitig auf viehlose Getreidewirtschaft oder auf 
reine Weidewirtschaft oder auf den Anbau be- 
stimmter Gemüse- und Obstsorten zu beschränken, 
sondern vielseitig zu gestalten; alle diese Dinge 
machen jeden Betrieb bei uns zum Individuum 
eigener Art, das nicht mechanisch nach bestimm- 
ten Weisungen einer wissenschaftlich technischen 
Zentralstelle geleitet werden kann, sondern vor- 
wiegend auf die persönliche Tüchtigkeit und An- 
passungsfähigkeit des Inhabers gegründet ist, bei 
dem also gewissermaßen das mechanische Element 
gegenüber dem ,,Kiinstlerischen“ zurücktritt. 
Beim großen landwirtschaftlichen Betrieb liegen 
die Dinge für technische Fortschritte naturgemäß 
günstiger. Das hat die Machthaber des russischen 
Riesenreiches veranlaßt, den Boden, den sie vor 
ıo Jahren mit Blut und Brand aus Grofbetriebs- 
land zu Bauernland gemacht hatten, wieder unter 
neuer Gewaltanwendung zu mechanisierten fabrik- 
mäßigen Riesenbetrieben zusammenzufassen. Ohne 
Zerstörung wirtschaftlicher Werte in untragbarem 
Umfange ist das höchstens in einem Lande wie 
Rußland möglich, wo der gewaltige Bodenvorrat 
grundlegende Umwälzungen der Bodennutzung 


verhältnismäßig ungefährlich macht und wo wegen 
der primitiven Wohn- und Wirtschaftsweise der 
Bauern durch die Umwälzung nur geringe Werte 
an Gebäuden und Inventar zerstört werden. Im 
alten Kulturlande Deutschland besteht der 
Wert der landwirtschaftlichen Betriebe im Osten 
gänzlich und im Westen zum größten Teil aus den 
Gebäuden, dem Inventar und der in den einzelnen 
Schlägen steckenden Bestellungsarbeit. Für den 
Grund an sich bleibt nach Abzug dieser Werte vom 
Gesamtwert der Betriebe nichts oder wenig übrig. 
Käme deshalb in Deutschland jemand auf den 
wilden Gedanken, die Millionen von Bauernhöfen 
in einige tausend Riesenbetriebe umzuwandeln, so 
würde die damit verbundene Zerstörung bestehen- 
der Produktionsmittelwerte völlig unerträgliche 
Folgen haben. 

Tatsächlich ist die Entwicklung der Land- 
wirtschaft in Deutschland in dieser Hinsicht be- 
kanntlich umgekehrt wie im heutigen Rußland 
und auch umgekehrt wie in unserer sich immer 
stärker konzentrierenden Industrie. Sie geht von 
selbst dahin und wird von der öffentlichen Hand 
unter Aufwendung großer Mittel noch stark dahin 
gebracht, daß durch Aufteilung bestehender Groß- 
betriebe bäuerliche und kleinere Stellen geschaffen 
werden. Freilich ist auch damit zunächst eine Zer- 
störung großer Werte an Produktionsmitteln des 
alten Großbetriebes verbunden, so daß aus Finanz- 
gründen bei unserer heutigen Lage der Beschleu- 
nigung dieser Entwicklung, die man als innere 
Kolonisation bezeichnet, verhältnismäßig enge 
Grenzen gesetzt sind. Trotzdem muß sie aus be- 
völkerungspolitischen Gründen nach Möglichkeit 
gepflegt werden. 

Wenn wir uns nach diesem Überblick auf die 
gegenwärtige Lage der Landwirtschaft innerhalb 
der Volkswirtschaft in Deutschland zu mehr all- 
gemeinen Fragen wenden, so ist zunächst ein 
kurzer entwicklungsgeschichtlicher Überblick zu 
geben. 

In der primitiven Wirtschaft bilden landwirt- 
schaftlich nutzbarer Kulturboden und sein Besatz 
an Vieh neben der überaus bescheidenen Befriedi- 
gung des Bedarfes an Wohnung, Kleidung und 
Schmuck fast die alleinige Grundlage des Volks- 
reichtums wie des Privatvermögens. Die Herr- 
schaft über Völker und kleinere Gruppen beruht 
deshalb auf dem Obereigentum des Herrschers am 
Boden, das im Lehnsrecht seine rechtliche Fest- 
legung findet. Wohlstand und Rang wird nach der 
beherrschten Flache an Nutzboden, auch nach 
dem Besitz an lebendem Inventar berechnet. 
Pecunia kommt von pecus her. Innenpolitische 
und äußere Kämpfe beziehen sich auf den Anteil 
am Boden und seinem lebenden Besatz. Die Her- 
stellung von Wohnraum, Kleidung und primitivem 
Ackergerät ist im wesentlichen Nebenarbeit des 
Landmannes. Der Handel beschränkt sich auf 
wenige Gegenstände des Luxusbedarfes. Erst 
nach und nach treten selbständiges Handwerk 
und umfangreicherer Handel ergänzend neben die 








980 v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 


Arbeit des Bauern und wirken städtebildend, 
bleiben aber noch lange auf Gedeih und Verderb 
von der die ganze Wirtschaft beherrschenden 
Agrarproduktion abhängig. 

Bei Beginn des Weltkrieges waren die meisten 
Länder der Erde noch in diesem Sinne überwiegend 
Agrargebiet. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung 
war dort in Handwerk und Industrie zur Deckung 
des Bedarfes des Landes tätig, der Boden ergab 
über den Eigenbedarf hinaus Erträge, welche den 
dichtbevölkerten, hochzivilisierten Ländern West- 
und Mitteleuropas zur Bedarfsdeckung zugeführt 
wurden. Im Austausch lieferten diese den Agrar- 
ländern die Erzeugnisse ihrer Industrie. Die 
Industrieländer gelangten durch den dabei er- 
zielten Überschuß zu schneller Entwicklung ihrer 
eigenen industriellen Produktionsmittel, zu schnell 
wachsendem Wohlstand und zu gesteigerter Lebens- 
haltung der weiter schnell wachsenden Bevölke- 
rung. Das typische Beispiel ist das älteste moderne 
Industrieland England. Das KRiesenreich mit 
unterworfenen Agrarvölkern, die kaum eigene 
Industrie besaßen, aber sich durch die Beherrscher 
an das Bedürfnis nach Industriewaren gewöhnen 
ließen, bildete ein gesichertes Absatzgebiet für die 
englische Industiie. Auf dieser Grundlage konnte 
sie bald so erstarken, daß sie auch Absatz in den 
nicht der englischen Herrschaft unterworfenen 
Ländern gewann. Denn fast ganz Europa war zu 
einer Zeit, wo die englische Industrie sich schon 
lebhaft entwickelt hatte, noch industriearmes 
Agrarland. In seinem Imperium hielt England die 
unterworfenen Völker sorgsam von eigener indu- 
strieller Entwicklung fern. Am rücksichtslosesten 
geschah das in dem dicht vor Englands Tür ge- 
legenem Irland ; dessen Bevölkerung mußte bei den 
für eine intensive Landwirtschaft wenig geeigneten 
natürlichen Verhältnissen der Insel, da England 
die Schaffung industrieller Arbeitsgelegenheit ver- 
hinderte, verarmen und mangels Erwerbsgelegen- 
heit im Lande zu Millionen auswandern, bis der 
Weltkrieg für Irland die Freiheit brachte. Eine 
ähnliche Entwicklung scheint sich in Indien anzu- 
bahnen, und die Dominien über See zeigen immer 
mehr Neigung zur selbständigen Entwicklung von 
Industrien und zur Befreiung von der als Aus- 
beutung empfundenen industriellen Vorherrschaft 
Englands. Die englische Kolonie in Nordamerika 
wurde schon früh so stark, daß sie die englische 
Herrschaft zerbrach und sich so Freibeit zu eigener 
industrieller Entwicklung schuf. Diese hat dank 
Englands früherem Eintritt in den Weltkrieg heute 
die des Mutterlandes weit überflügelt. 

Seit zwei Menschenaltern hat England die Ent- 
wicklung der Ausfuhrindustrie einseitig auf Kosten 
der eigenen Landwirtschaft gefördert, Nahrungs- 
mittel für seine Industriebevölkerung billig aus 
Übersee bezogen und die eigene landwirtschaftliche 
Erzeugung vernachlässigt. Von der Gesamtzahl 
der Erwerbstätigen entfallen in England ıgıı 
knapp 9%, 1921 nur noch knapp 8% auf Land- 
wirtschaft, Forst und Fischerei, dagegen etwa die 


Die Natur- 
wissenschaften 


Hälfte der Gesamtzahl auf Industrie und Bergbau 
und ein Viertel auf Handel und Verkehrsgewerbe. 
So mußte die Unabhängigmachung der Agrarländer 
von der englischen Industrie Absatzkrise und 
Massenarbeitslosigkeit in England erzeugen. 

Dies Schicksal unseres siegreichen Hauptfeindes 
im Weltkrieg, welcher von der Niederschlagung 
Deutschlands eine Steigerung des Wohlstandes sei- 
nes Landes erhofft hatte, könnte uns Deutsche 
mit Schadenfreude erfüllen, wenn wir nicht selbst 
in ähnlicher Lage wären. Deutschland war viel 
später als England, aber seit der Jahrhundertwende 
in um so schnellerem Tempo den Weg Englands 
gegangen, seine Wirtschaft immer mehr auf die Aus- 
fuhr von Industriewaren und den damit verbunde- 
nen Handel zu gründen. Der ganze deutsche Be- 
völkerungszuwachs fand hierin Beschäftigung, und 
heute gehört kaum ein Drittel der Bevölkerung der 
Landwirtschaft im weiteren Sinne an. 

Frankreich mit etwa 42% Anteil der Landwirt- 
schaft, 32% der Industrie und 14% des Handels an 
der Zahl der Erwerbstätigen hat den agrarischen 
Charakter viel weniger abgelegt, noch weit weniger 
Italien mit weit über 50% Anteil der Landwirt- 
schaft. Die planmäßige Förderung, welche diese 
in Frankreich von jeher und in Italien vor allem 
unter dem heutigen Regime erfahren hat, trägt 
wohl neben anderen Umständen stark dazu bei, daß 
diese Länder heute von der Krise minder schwer 
betroffen werden. 

Typisches Agrarland ist heute noch Polen mit 
76% und noch mehr Rußland mit 80% aller Er- 
werbstätigen in der Landwirtschaft. Beide Staaten 
suchen, Polen mit milderen Mitteln alter Art, 
Sowjetrußland mit den radikalen Maßnahmen des 
Fiinfjahresplanes, sich des einseitigen Agrar- 
charakters möglichst schnell zu entäußern. Auch 
die kleineren Staaten in Europa und Übersee 
folgen mehr oder weniger diesem Beispiel. Auch 
sie suchen durch Entwicklung eigener Industrien 
ihre Wirtschaft autarkischer zu gestalten, um durch 
Stützung auf eingeführte Industriewaren nicht in 
einer Abhängigkeit von den alten Industriestaaten 
zu bleiben, die sie als Tributpflicht empfinden. 

Welche Folgen diese Entwicklung der Weltwirt- 
schaft für die alten Industriestaaten, insbesondere 
auch für Deutschland, haben wird, ist noch nicht 
abzusehen; daß es Folgen überaus ernster Art 
sind und noch verstärkt werden können, führt die 
Massenarbeitslosigkeit in den Industrieländern 
England, Deutschland und neuerdings auch Nord- 
amerika uns deutlich vor Augen. 

Bei allen älteren Kulturländern zeigt sich ebenso 
wie in Deutschland die Erscheinung, daß nach In- 
gebrauchnahme des kulturfähigen Bodens durch 
die Landwirtschaft zwar durch bessere Methoden 
eine wesentliche Steigerung ihrer Produktion ein- 
tritt, daß aber die Zahl der in ihr Beschäftigten 
kaum wächst, ja vielfach infolge vermehrter An- 
wendung arbeitsparender Verfahren und Geräte 
sinkt. Der Spielraum für die Einstellung vermehr- 
ter Arbeitskräfte auf der gegebenen Bodenfläche 











Heft 47/48/49 | 
28. ı1. 1930 


ist in der Landwirtschaft so eng, daß starke Be- 
völkerungszunahme in rein agrarischen Ländern, 
die nicht über viel noch ungenutztes Land ver- 
fügen, bald zu verhängnisvoller Übervölkerung 
und Verelendung führt. Die Theorie von MALTHUs, 
daß ein schnelleres Steigen der Bevölkerung der 
Welt Mangel an Nahrungsmitteln und dadurch 
Verelendung herbeiführen müsse, beruht bekannt- 
lich auf seiner grundfalschen Auffassung von den 
Steigerungsmöglichkeiten derWeltagrarproduktion. 

Tatsächlich hat, obwohl heute noch gewaltige 
Flächen kulturfähigen Bodens der Erde gar nicht 
oder nur ganz mangelhaft ausgenutzt werden, die 
Agrarproduktion der letzten Jahre nach schneller 
Überwindung der Kriegsfolgen schon den Weltbe- 
darf überschritten und dadurch die Absatzkrise 
auf dem Weltmarkt für Agrarprodukte hervor- 
gerufen. Der Überschuß ist so groß, daß durch ihn 
schon heute die in einzelnen Ländern wie Rußland 
und China zum Hunger führenden Fehlbeträge 
reichlich gedeckt werden könnten. Wäre erst ein- 
mal der ganze kulturfähige Boden der Welt der 
Nutzung zugeführt und würden davon im all- 
gemeinen im Durchschnitt solche Erträge erzielt, 
wie sie jede einigermaßen fortgeschrittene Wirt- 
schaft bereits heute auf Grund der gegebenen, 
selbstverständlich noch stark verbesserungsfähigen 
technischen Grundlagen erreicht, so würde bei der 
heutigen Weltbevölkerungszahl die Absatzkrise ins 
Unerträgliche gesteigert werden, ja die Produktion 
an Nahrungsmitteln, Webstoffen und sonstigen 
Boden- und Viehprodukten würden bald für das 
Doppelte und Dreifache der heutigen Weltbevölke- 
rung ausreichen. 

Aus diesen Tatsachen folgt allgemein und ins- 
besondere auch für Deutschland, daß der Bevölke- 
rungszuwachs eines Landes, dessen Boden schon 
voll erschlossen ist, im wesentlichen auf nicht land- 
wirtschaftliche Erwerbsgelegenheit angewiesen ist. 
So führt die Entwicklung in solchen Ländern 
zwingend dazu, daß die Bedeutung der Landwirt- 
schaft für die Arbeitsgelegenheit und für die Ge- 
samtproduktion relativ zurückgeht und von der 
Bedeutung der anderen Erwerbszweige immer mehr 
überflügelt wird. 

Neben den freien Berufen und dem öffentlichen 
Dienst, die beide mit steigender Zivilisation und 
Lebenshaltung an Zahl zunehmen müssen, wendet 
sich der Bevölkerungsüberschuß, wenn er in der 
Landwirtschaft keine Beschäftigung findet, im 
Laufe der Entwicklung zunächst dem zu größerer, 
selbständiger Bedeutung gelangten Handwerk und 
demnächst in der modernen Entwicklung der 
Industrie zu. Diese Entwicklung und die steigende 
Lebenshaltung belebt zugleich Handel und Verkehr 
und steigert die Zahl der in diesen Zweigen Be- 
schäftigten. Je mehr die Möglichkeit unserer 
Industrieausfuhr in bisherige Agrarländer zurück- 
geht, desto wichtiger wird für unsere gesamte 
Wirtschaft und unseren allgemeinen Wohlstand die 
Erhaltung eines kaufkräftigen inneren Marktes in 
der eigenen Agrarbevölkerung. 


v. Batrockı: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 981 


Nach der preußischen Statistik gehörten 1843 
61 % der Erwerbstätigen der Landwirtschaft, 23 % 
den Gewerben aller Art, 2% dem Handel und Ver- 
kehr, 5 % dem 6ffentlichen Dienst und den sonstigen 
Berufen an. Schon 1907 war die Zahl bei der Land- 
wirtschaft nur 29%, bei Industrie und Handwerk 
43%, bei Handel und Verkehr 13% und bei den 
übrigen Berufen 15 %. Seitdem ist die Entwicklung 
im selben Sinne noch weiter geschritten. 

Wirtschaftspolitisch liegt in solcher Entwicklung 
die Gefahr, daß mit dem sinkenden Anteil der Land- 
wirtschaft an der Bevölkerung eines Landes auch 
ihr in früheren Perioden entscheidend gewesener 
Einfluß auf die Gesetzgebung sinkt und die öffent- 
liche Hand infolgedessen die landwirtschaftlichen 
Belange vernachlässigt. Die Schärfe der gegen- 
wärtigen Agrarkrise in Deutschland, insbesondere 
in Ostdeutschland, ist wohl zum größten Teil auf 
in dieser Hinsicht gemachte Fehler zurückzuführen. 
Erst in allerjüngster Zeit ist die darin für das ge- 
samte Land liegende Gefahr von den maßgebenden 
Kreisen erkannt und die Abhilfe entschlossen in 
Angriff genommen worden. Gerade in diesen Tagen 
stehen wir ja in dieser Hinsicht vor wichtigen Ent- 
scheidungen. 

Heute bleibt auf dem Weltmarkt sowohl in der 
Industrie wie auch in der Landwirtschaft die Kauf- 
kraft der Verbraucher hinter der jetzigen Er- 
zeugungsmenge und noch mehr hinter den durch 
die Produktionsmittel gegebenen Erzeugungs- 
möglichkeiten zurück. In solcher Zeit neigen alle 
Staaten, auch die früher unbedingt freihändleri- 
schen wie England, dazu, trotz aller schönen 
Redensarten von der Beseitigung der wirtschaft- 
lichen Schranken zwischen den Völkern sich in der 
Erzeugung und im Verbrauch autarkisch abzu- 
schließen, ihrer Industrie den Absatz wenigstens in 
ihrer Landwirtschaft und ihrer Landwirtschaft den 
Absatz in ihrer Industriebevölkerung zu sichern. 

Die Agrarvölker können auf Grund ihrer niedri- 
gen Lebenshaltung ihre Agrarproduktion mit niedri- 
gen Löhnen erzeugen und zu Preisen über die 
Grenze vertreiben, welche für die Landbevölkerung 
des höher zivilisierten Landes den Ruin bedeuten. 

Die große nicht landwirtschaftliche Mehrheit 
der Bevölkerung in Ländern wie Deutschland 
wünscht vom Standpunkt ihrer Lebenshaltung und 
ihrer Produktionskosten naturgemäß an sich mög- 
lichst niedrige Preise für ihren Nahrungsbedarf. Hat 
das Land, wie das England der Vorkriegszeit, einen 
sicheren und günstigen Auslandsabsatz fürden Groß- 
teil ihrer industriellen Erzeugnisse, dann kann der 
Gesichtspunkt der billigen Lebensmittel den Anlaß 
geben, auf Produktion und Kaufkraft der eigenen 
Landwirtschaft zu verzichten und ruhig zuzusehen, 
wie deren Anteil am Wohlstand immer mehr her- 
abgeht. Unter den heutigen völlig veränderten 
Verhältnissen tritt freilich selbst in England diese 
freihändlerische Einstellung mehr und mehr zurück. 

In Deutschland ist die landwirtschaftliche Be- 
völkerung nach Zahl und Bedeutung für die Pro- 
duktion wie für die Kaufkraft trotz der Industrie- 





982 v. Batocki: Die Landwirtschaft als Glied der Volkswirtschaft. 


entwicklung der letzten Jahrzehnte noch von 
höchster Bedeutung für die gesamte Wirtschaft. 

Einige schlagwortartige Beispiele. Die deutsche 
Landwirtschaft produziert an Getreide und sonsti- 
gen Bodenerzeugnissen jährlich Werte von 4!/, Mil- 
liarden RM., an Schlachtvieh aller Art Werte in 
derselben Höhe und an Milch den Wert von fast 
3'/, Milliarden RM. Demgegenüber beträgt die 
Gesamtproduktion der Schwerindustrie an Kohlen, 
Roheisen und Koks knapp 4 Milliarden RM., steht 
also zwischen dem Wert der Erzeugung an Schlacht- 
vieh und an Milch. Nach Abzug des Verbrauches 
in der eigenen Wirtschaft ergibt sich eine Lieferung 
der Landwirtschaft an die übrige Bevölkerung im 
Wert von 10 Milliarden RM. Der Gesamtwert der 
gewerblichen Produktion wird auf 26 Milliarden 
geschätzt. 

Von der Einfuhr an Lebensmitteln, welche in den 
letzten Jahren ziemlich gleichbleibend stark 
4 Milliarden RM. betrug, entfallen über 3 Milliarden 
auf Produkte, die auch in Deutschland erzeugt 
werden könnten. 

Es ist nur eine Frage einigermaßen ausreichender 
Rentabilität, genügender Kapitalzufuhr und fort- 
schreitender Schulung der landwirtschaftlichen Be- 
völkerung, daß auch diese Einfuhrmengen im wesent- 
lichen in Deutschland erzeugt werden können. Der 
Erfolg MussorLınıs in dem an fruchtbaren Gebieten 
verhältnismäßig armen Italien hinsichtlich des 
raschen Vorwärtstreibens der landwirtschaftlichen 
Produktion kann uns in mancher Hinsicht ein 
Vorbild sein. 

Ein schweres Hemmnis besteht bei uns in dem 
allzu großen Anteil an dem von den Verbrauchern 
zu zahlende Preise, welchen Verarbeitung und Ver- 
trieb der Nahrungsmittel in Anspruch nehmen. Man 
hat berechnet, daß die deutschen Verbraucher für 
deutsche landwirtschaftliche Erzeugnisse und dar- 
aus hergestellten Waren im ganzen fast 20 Milliar- 
den RM. bezahlen, von denen die Landwirtschaft 
nur 10 Millionen erhält. In den Niederlanden 
sollten bei zweckmäßigerer Organisation von Ver- 
kehr und Handel, nicht wie bei uns in Deutsch- 
land 50, sondern 60% der Verbraucherpreise den 
landwirtschaftlichen Erzeugern zufallen. Wäre ein 
gleiches Prozentverhältnis in Deutschland zu er- 
reichen, so würde allein dadurch ohne Mehrbe- 
lastung der Verbraucher der landwirtschaftlichen 
Bevölkerung ein Mehrertrag von 2 Milliarden jähr- 
lich zufließen, der die Agrarkrise beseitigen und eine 
schnelle Weiterentwicklung der Produktion und 
der Kaufkraft der Landwirtschaft ermöglichen 
würde. 

Ich habe von den Beziehungen zwischen der 
Wirtschaft der Industrie und der Agrarvölker und 
deren Verschiebung in dem letzten Jahrzehnt ge- 
sprochen. Naturgemäß zerfällt auch das einzelne 
Industrieland wieder in Gebiete von überwiegend 
industriellem und solche von mehr agrarischem 
Charakter. Theoretisch wäre die beste Lösung eine 
möglichst gleichmäßige örtliche Mischung der ver- 
schiedenen Erwerbsgruppen. Dann könnte das 





Die Natur- 
wissenschaften 


Produkt der Landwirtschaft wie der Industrie auf 
kürzestem, billigstem Wege zum Verbraucher ge- 
langen, und beide Zweige würden besser gedeihen. 
Würden die für die Beschäftigung des Bevölke- 
rungszuwachses jedes Bezirkes nötigen Fabriken 
im wesentlichen in dem Selbstbezirk errichtet sein, 
so brauchte der Bevölkerungszuwachs nicht abzu- 
wandern, und die relative Bevölkerung des einen 
wie die Übervölkerung des anderen Bezirkes käme 
zum Stillstand. 

In einem diese Dinge behandelnden Buche habe 
ich den deutschen Volks- und Wirtschaftskörper 
in dieser Hinsicht mit dem eines rachitischen Kindes 
verglichen, bei dem durch falsche Regelung des 
Säfteumlaufes einzelne Glieder verkümmern und 
in anderen sich die Säfte ungesund anstauen. Groß- 
Berlin als Skrofelbauch an Bevölkerungsdichte, 
das Ruhr- und Rheingebiet als Wasserkopf und das 
Land östlich der Oder als verkümmerte Beine. Ein 
noch fast rein agrarisches Volk wie etwa heute noch 
Polen und Rußland paßt seine Lebenshaltung all- 
gemein einem bescheidenen Arbeitsertrage an, wie 
ihn die dortige Landwirtschaft ohne kaufkräftigen 
industriellen Abnehmer eben nur bieten kann. 
Es verfügt in seinem primitiven Wirtschafts- 
zustande zumeist noch über die Möglichkeit, durch 
Heranziehen unbenutzten und durch intensivere 
Bearbeitung bereits in Nutzung genommenen 
Bodens dem Bevölkerungszuwachs in der engeren 
Heimat landwirtschaftliche Erwerbsgelegenheit zu 
schaffen. 

In Deutschland ist die Arbeitskapazität des land- 
wirtschaftlichen Bodens zwar nicht völlig, aber nahe- 
zu erschöpft. Produktionssteigerung in der Land- 
wirtschaft wird mehr durch arbeitsparende Technik 
wie durch vermehrte Menschenarbeit auf der ge- 
gebenen Fläche zu erreichen sein. Die Aufnahme- 
fähigkeit der Industrie für Menschenarbeit hat 
zwar bis zum Kriege in Deutschland schneller als 
die Bevölkerung zugenommen und die Aufnahme 
von einer Million ausländischer Arbeitskräfte ver- 
anlaßt. Zur Zeit ist unsere Industrie infolge schnel- 
ler Durchführung handarbeitsparender Rationali- 
sierungsmaßregeln und, seit Einsetzen der jetzigen 
Krise, auch wegen Absatzmangel für einen Be- 
völkerungszuwachs nicht mehr aufnahmefähig, viel- 
mehr sogar gezwungen, mehr als zwei Millionen der 
vorhandenen Bevölkerung arbeitslos zu setzen. 

In solcher Lage ist es schwer, frühere wirtschaft- 
liche Unterlassungssünden wiedergutzumachen. 
Die Zusammenballung von Menschenmassen in 
Deutschland war wirtschaftlich nicht nötig und 
hätte ohne irgendwelche scharfen Eingriffe durch 
Verkehrs- und Steuermaßregeln von einer ziel- 
klaren Staatsführung verhindert werden können. 
Es war nicht nötig, daß in den Jahrzehnten indu- 
strieller Blüte vor dem Kriege Fabrikbetriebe, die 
nicht wie die Schwerindustrie an die Kohle örtlich 
gebunden waren, immer wieder an denselben 
Stellen entstanden, daß die immer wieder den Be- 
völkerungsüberschuß der übrigen Gebiete an sich 
zogen und daß sie so eine ganz unglückliche Ver- 








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in 





Heft no HEINROTH: Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. 983 


28. II. 1930 


teilung der Erwerbsgelegenheit und demgemäß der 
Bevölkerungsdichte, Ubervélkerung der Industrie- 
gebiete und relative Entvélkerung der Agrargebiete 
Deutschlands entstehen lieBen. 

Sie wissen als Arzte am besten, welche Gefahr 
gerade unserem auf engem Raum lebenden deut- 
schen Volk an Leib und Seele erwächst aus der 
übermäßigen Verstädterung, aus der völligen Los- 
lösung der Massen von der Fühlung mit der freien 
Natur, aus ihrer Zusammenpferchung im Häuser- 
meer. Sie wissen, wie unsere die Menschen schnell 
verbrauchenden Großstädte und Industriebezirke 
den Jungbrunnen einer kräftigen Landbevölkerung 
nötig haben, um nicht zu verkümmern und ab- 
zusterben. 

Ich bin am Schluß. Ich habe versucht, Ihnen 
darzulegen, daß auch in einem Industrieland wie 
Deutschland eine leistungsfähige Landwirtschaft 
und eine gedeihende landwirtschaftliche Bevölke- 
rung wirtschaftlich unentbehrlich ist als Produzent 
von Lebensmitteln wie als Abnehmer von Industrie- 
erzeugnissen. 

Ich habe ausgeführt, daß für unsere landwirt- 
schaftliche Produktion schon heute die technischen 
Möglichkeiten gegeben sind und in Zukunft durch 
Zusammenwirken von Wissenschaft und Praxis 
noch in viel weiterem Maße gegeben werden können, 
um das deutsche Volk im wesentlichen aus Eigenem 
zu ernähren. 

Hinsichtlich des Absatzes der Industrie habe ich 
hervorgehoben, daß für diese eine aufnahme- 
fähige Landwirtschaft um so unentbehrlicher wird, 
je mehr die alten Industrieländer ihren Außen- 
absatz durch die fortschreitende Industrialisierung 
der bisherigen Agrarländer bedroht sehen. 

Ich habe sodann ausgeführt, daß es auf die 
Dauer nicht angeht, in einem national geschlossenen 
Wirtschaftsgebiet wie Deutschland zuzulassen, daß 
Erwerbsverhältnisse und Lebenshaltung des land- 
wirtschaftlichen Bevölkerungsteils durch den un- 


gezügelten Wettbewerb anderer Agrarvölker mit 
niedriger Lebenshaltung und entsprechend billigere 
Produktion unter den Zuschnitt der übrigen deut- 
schen Bevölkerung herabgedrückt werden. 

Ich habe schließlich die schweren Gefahren be- 
tont, welche für die körperliche und seelische Volks- 
gesundheit und Volksentwicklung aus der falschen 
Verteilung der Bevölkerungsdichte entstehen. 

Abwanderung und Zusammenballung der Be- 
völkerung oder richtige Verteilung ist fast aus- 
schließlich eine Frage der Erwerbsgelegenheit. 
Die Erwerbsmöglichkeit in der Landwirtschaft ist 
wegen des beschränkten Bodens und der gebotenen 
weiteren Rationalisierung der Betriebsform nicht 
wesentlich vermehrbar. Die Aufgabe, neue Arbeits- 
gelegenheit zu schaffen, ruht hauptsächlich auf 
der Industrie. Nur ein mäßiger Teil von dieser ist 
unbedingt ortsgebunden. Es ist deshalb nötig 
und möglich, die Arbeitsstätten besser zu verteilen; 
es ist ferner nötig und möglich, der schon zu eng 
wohnenden Bevölkerung durch lockere Siedlungs- 
form wieder mehr Fühlung mit der Natur, mehr 
Luft und Sonne und damit bessere körperliche und 
seelische Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. 

Sie sind durch Ihren hohen Beruf als Forscher 
und Ärzte mit berufen, bei der Lösung solcher Auf- 
gaben beratend und führend unserm deutschen 
Volk zu dienen. Durch Ihren Besuch in unserer 
äußersten Ostmark wird Ihnen eine Seite der Be- 
völkerungsnot, der Abwanderungsverlust und die 
relative Entvölkerung eines einseitigen agrarischen 
Wirtschaftsgebietes vor Augen geführt. Die andere 
Seite ist Ihnen, die Sie aus dem Reich und über 
seine Grenzen gekommen sind, schon größtenteils 
aus eigener Anschauung bekannt. Wenn die hier 
gewonnene Erkenntnis und wenn auch meine Dar- 
legungen in Ihnen den Willen fördern, bei der Ab- 
wehr der Gefahr mitzuhelfen, dann ist der Zweck 
der Ausführungen, die ich Ihnen zu machen die 
Ehre und Freude hatte, erfüllt. 


Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. 


Von O. HEINROTH, Berlin. 


Der Möglichkeiten, aus einem Ei ein völlig 
fertiger Vogel zu werden, gibt es sicher ebenso viele 
wie die entsprechenden beim Säugetiere; man 
denke dabei an die winzig und unentwickelt zur 
Welt kommenden Beuteltiere einerseits und an 
ein junges Gnu andererseits, das mit noch nasser 
Nabelschnur so flüchtig vor dem eingeborenen 
Jäger dahinsprengt, daß er es nicht einzuholen 
vermag. Die Vettern der Vögel, die Kriechtiere, 
kommen wohl sämtlich als selbständige, keiner 
Pflege bedürftige und den Eltern meist bis auf die 
Größe vollkommen gleichende Geschöpfe aus dem 
Ei. Bei den Säugern ist wenigstens stets eine 
Bindung zwischen Mutter und Kind durch die Milch 
vorhanden, bei Vögeln kann etwas Ähnliches vor- 
kommen, aber dann wird, wie bei den Tauben, der 
Nährstoff von beiden Eltern abgegeben. 

Eingehende vergleichende Beobachtungen und 


photographische Festlegungen der Jugendent- 
wicklung sämtlicher einheimischer Vogelgruppen 
fehlten bisher, und diese Lücke versuchten meine 
Frau und ich in bisher etwa 25jähriger Arbeit 
auszufüllen; in den noch nicht lange erschienenen 
drei Bänden unsrer ‚Vögel Mitteleuropas‘‘ haben 
wir insgesamt 3337 Aufnahmen und die dazu- 
gehörigen Beobachtungen veröffentlicht. In diesem 
Vortrage will ich versuchen, mit 78 Lichtbildern 
eine kleine Vorstellung recht verschiedener Nest- 
hocker und Nestflüchter zu geben. Hier im Bericht 
seien die Hauptgesichtspunkte dargelegt. 

Die allbekannte Amsel, Turdus merula, wiegt 
bei der Geburt etwa 5,5 g, das Ei um 7 g, und man 
findet, daß so ziemlich bei allen Vögeln, sei es ein 
Zaunkönig oder eine Trappe, das frischgeschlüpfte 
Junge zwei Drittel des frischgelegten Eies wiegt, 
nur sind die neugeborenen Nesthocker und Nest- 





984 


flüchter sich darin nicht gleichwertig, daß erstere 
nur einen geringen, letztere dagegen einen oft sehr 
großen Dottervorrat in der Bauchhöhle haben. Die 
Nesthocker-Eier enthalten nämlich nur 15 bis un- 
gefähr 20, die Nestflüchter-Eier häufig 40% und 
mehr an Dotter. Da sich während der Bebrütung 
der Körper des Keimlings im wesentlichen aus dem 
Eiweiß aufbaut, so bleibt bei den Nestflüchtern 
viel Dotter übrig, so daß sie nach dem Verlassen der 
Eischale zunächst noch nicht und dann nur wenig 
zu fressen brauchen, was ja bei schlechtem Wetter 
oder wenn größere Ortsveränderungen nötig wer- 
den, durchaus zweckmäßig ist. Zum Beispiel: 
Höckerschwan-Ei etwa 375g, Dotter 150g = 40%, 
neugeborenes Küken um 225 g, Dotter im Küken 
60 g, also fast ein Viertel des Eigengewichtes, so- 
daß der junge Schwan ohne Vorratsdotter nur 
Der 


190 g, also die Hälfte seines Eies, wiegt. 
Kormorankeimling, Phalacrocorax carbo, birgt 
beim Schlüpfen nur 1—2 g Dotter in sich, er 


wiegt gegen 40 g, und die Dottermenge des Eies 
betrug nur 6,6 g 16%. Nun zur Amsel zurück: 
Meist verläßt das Junge hüpfend und noch kaum 
flugfähig mit ı3 Tagen das Nest und ist von 5,5 
auf 63 g herangewachsen. Rein triebhaft, ohne je 
schlechte Erfahrungen gemacht zu haben, hüpfen 
die Jungen stets in eine Deckung, und natürlich 
machen dies die vom Menschen aufgezogenen 
genau so. Ferner sitzen sie, ähnlich wie Lerchen, 
Ammern und viele andere, stets einzeln, sodaß ein 
Raubtier jeweils immer nur einem Stück gefährlich 
wird. Mit einem Monat pflegen die heimischen 
Kleinvögel voll erwachsen zu sein, dann sind auch 
die Kiele des Großgefieders verhornt. Da bei den 
meisten die Flügel- und Schwanzfedern ein volles 
Jahr lang getragen werden, so muß dann auch schon 
das Endgewicht erreicht sein, d. h. Körperschwere 
und Tragflächen müssen für den für die Art be- 
zeichnenden Flug zueinander passen. Vögel, die 
das Nest spät verlassen und dann schon richtig 
fliegen können, sind am Ende der Nestzeit häufig 
schwerer als die Eltern, wie z. B. Schwalben. Beim 
Flüggewerden fressen sie meist wenig oder nichts, 
trotzdem die Alten Futter anbieten. 

Vogelarten, deren Nester durch Überschwem- 
mung, Feinde usw. sehr gefährdet sind, haben meist 
kurze Brutdauer und rasche Jugendentwicklung. 
Inselformen und andere gesichert brütende können 
sich eine langsame Entwicklung, also langsame Zell- 
teilung leisten, dies wird an der Feldlerche, Alauda 
arvensis, einerseits, die schon mit 9 Tagen das 
Nest verläßt, und am Kleiber, Sitta, andererseits, 
der in bis auf ein enges Loch zugemauerter Höhle 
brütet und sich erst mit zwei Wochen zu befiedern 
anfängt, gezeigt. Die merkwürdigen Artgewohn- 


heiten des alten und jungen Kuckucks wurden be- 
sprochen und zum Teil bildlich veranschaulicht. 

Die Sauberhaltung des Nestes durch alt und 
jung wird bei den einzelnen Gruppen durch recht 
verschiedene Triebhandlungen gewährleistet: So 
wird bei den meisten insektenfressenden Jung- 
vögeln der mit einer schleimigen ‚Schicht um- 





HEINROTH: Die körperlichen und geistigen Jugendentwicklungsweisen einheimischer Vögel. Die Natur- 
wissenschaften 


hüllte Kot der Nestlinge von den Eltern ab- 
genommen und entweder verschluckt oder weg- 
getragen, junge Raubvögel dagegen spritzen ihn 
bis zu 2 m weit in gerader Richtung über den Horst- 
rand. Während für alle Singvögel, den Kuckuck 
und den Wiedehopf, der übrigens sein Nest genau 
so sauber hält wıe z. B. ein Star, der Sperr-Reflex 
für die Jungen bezeichnend ist, nehmen junge 
Ziegenmelker, Mauersegler, Eisvögel, Spechte, 
Tauben, Eulen, Raubvögel, Störche, Reiher und 
Kormorane die Nahrung in anderer, bei den 
einzelnen Gruppen verschiedener Weise den Eltern 
ab. Schon im Nest üben die meisten Nesthocker 
mit noch unentwickelten Flügeln den artgemäßen 
Flug, der offenbar im Riickenmarke fest ver- 
ankert ist. Kein Vogel lernt fliegen, am aller- 
wenigsten durch das Vorbild der Alten, sondern er 
kann es, sobald sein Körper und seine Federn hin- 
länglich entwickelt sind. Bei den sehr unent- 
wickelt aus dem Ei kommenden Spechten bilden 
sich zunächst Sitzwarzen an den Fersen, da die 
Tiere ja auf hartem Holze groß werden, später ver- 
schwinden diese Hautgebilde wieder. Der neu- 
geborene Schwarzspecht wiegt 9 g und verläßt 
in 27 Tagen, flugfähig, mit 250 g die Nesthöhle. 
Mit 16 Tagen hatte er es bereits auf 235 g gebracht, 
sich also versechsundzwanzigfacht, das ist so, wie 
wenn ein menschlicher Säugling von 6 Pfund in der- 
selben Zeit auf ı!/, Zentner heranwachsen würde. 

Die Bilder der teils nackten, teils schwach und 
teils stark bedaunten Nestjungen, sowie die mehr 
oder weniger schnelle und verschiedenartige Ent- 
wicklung des Federkleides geben Gelegenheit, auf 
die Mauser junger und alter Vögel einzugehen. Die 
Erstlingsdaunen stehen später auf den Spitzen der 
sprossenden Federn und werden allmählich abge- 
rieben. Die sogenannten Pelzdaunen sprossen zwi- 
schen den Federanlagen hervor und bilden dann einen 
dichten Pelz unter den eigentlichen Federn. Das 
Jugendgefieder wird bei verhältnismäßig wenigen 
Vögeln bald vollständig gewechselt (Jugendfrüh- 
und Vollmauserer), gewöhnlich bleibt das Groß- 
gefieder bis zum nächsten Jahre stehen (Jugendfrüh- 
und Teilmauserer). Nur sehr wenige alte Vögel er- 
neuern ihr ganzes Gefieder jährlich zweimal 
(doppelte Vollmauser), die meisten tun dies nur 
einmal, und zwar im Sommer, nicht im Herbst. 
Häufig findet zum Frühjahr nur eine Kleingefieder- 
und dann im Sommer eine Vollmauser statt. Dabei 
wird gewöhnlich ein verschieden gefärbtes Kleid 
angelegt (sogenanntes Brutkleid und Ruhekleid). 
Es würde zu weit führen, hier auf all diese Unter- 
schiede einzugehen. 

Die Nestfliichter kommen körperlich und 
geistig sehr entwickelt zur Welt, jedoch gibt es da 
auch viele Abstufungen. Gegen den menschlichen 
Pfleger sind diejenigen, die nur kurze Zeit der 
elterlichen Fürsorge bedürfen, also von Anfang an 
sehr selbständig sind, häufig sofort sehr scheu, 
flüchten und verstecken sich. Andere, lange Zeit 
der Führung bedürftige, wie Gänse und Kraniche, 
schließen sich sofort innig und unzertrennlich an 








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Heft ig 
28. Ir. 1930 


den Menschen an. Bei allen sind zunächst die 
Beine sehr entwickelt. Der Laufknochen des Kra- 
nichs wächst in der dritten Woche um 7 mm täglich. 
Bei Formen, die in Deckung leben, wie z. B. Rallen, 
erscheinen die Schwungfedern erst spät, bei Step- 
penvögeln früh, sodaß eine Trappe, Otis tarda, 
schon mit 5—6 Wochen fliegen kann. Die Wild- 
hiihner der ganzen Erde haben als Kiiken einen nur 
ihnen zukommenden, so eigenartigen Schwung- 
federwechsel, daß Körpergewicht und Trag- 
flächen fortlaufend im richtigen Verhältnis stehen, 
manche (Pfau, Großfußhühner) kommen mit fast 


BumKe: Über Psychoanalyse. 985 


oder ganz gebrauchsfähigen Flügeln aus dem Ei. 
Das sehr frühe Aufbaumen zur Nacht und das 
Dahinschnurren beim Aufstöbern von der Erde 
schützt die Tiere vor Bodenfeinden. 

Die Steißfüße oder Lappentaucher, Podiceps, 
machen unter den meisten anderen eigentlichen 
Wasservögeln insofern eine Ausnahme, daß sie nicht 
mit den Alten umherschwimmen und -tauchen, son- 
dern sich in das Federkleid ihrer Eltern verkriechen 
und wie junge Beuteltiere umhergeschleppt werden. 
ja, sie unternehmen selbst Luftreisen auf dieseWeise, 
Erst spät sind siein der Lage, Nahrung zu erwerben. 


Über Psychoanalyse. 


Von OswAaLD BUMKE, München. 


Ich möchte diesen Vortrag mit einer allge- 
meinen Bemerkung beginnen. Man mag darüber 
streiten, wieweit Gelehrte bei lebhaften Meinungs- 
verschiedenheiten überhaupt objektiv bleiben 
können; bei der Psychoanalyse hängt, wie die Er- 
fahrung lehrt, schon die Darstellung des Tat- 
bestandes davon ab, ob ein Autor zu den Anhän- 
gern oder zu den Gegnern gehört. Mir scheint, das 
liegt nicht nur an dem Inhalt, sondern fast ebenso 
an der geschichtlichen Entwicklung dieser Lehre, 
die, ursprünglich als Grundlage einer rein ärztlichen 
Behandlungsweise gedacht, für viele längst zur 
Weltanschauung oder doch zum Ausgangspunkt 
und zur Voraussetzung philosophischer und päda- 
gogischer, prähistorischer und geschichtlicher, lite- 
rarischer und künstlerischer Betrachtungen ge- 
worden ist. Wer diese Entwicklung und die 
Kämpfe verfolgt hat, von denen sie begleitet ge- 
wesen ist, wird notwendig zu der Frage gedrängt, 
ob man sich hier wirklich noch verständigen kann. 
Ist es nicht — wie in Sachen der Weltanschauung 
und der Denkmethoden so oft — der Gegensatz 
verschieden veranlagter Köpfe, der Anhänger und 
Gegner verhindert, über Inhalt, Wesen und Be- 
gründung der Psychoanalyse einer Meinung zu 
sein? 

Ich erklare deshalb von vornherein: seit fast 
einem Menschenalter gehöre ich zu den Gegnern 
der psychoanalytischen Schule. Ich erkenne an, 
daß FrEUD eine der bedeutendsten geistigen Er- 
scheinungen der letzten Jahrzehnte gewesen ist, 
und daß man sich beim Lesen seiner Schriften 
stets in der Gesellschaft eines ungewöhnlich geist- 
reichen und vorurteilslosen Mannes befindet; daß 
wir ihm auf manchen Gebieten wertvolle Erkennt- 
nisse verdanken, und daß gewisse Anschauungen, 
die ich für richtig halte, ohne seine Vorarbeit heute 
noch nicht möglich sein würden; ja schließlich so- 
gar, daß ich meine eigene Auffassung vom Dualis- 
mus, von den sich widersprechenden Strebungen 
der menschlichen Seele, die ich an anderer Stelle! 
ausführlich auseinandergesetzt habe, zum Teil auch 
der kritischen Beschäftigung mit psychoanalyti- 
schen Schriften verdanke. Aber FrEups Dogmen 

1 Das Unterbewußtsein, 2. Aufl. Berlin: Julius 
Springer 1926. 


lehne ich ab, und noch mehr als den Inhalt seiner 
Lehre bekämpfe ich seine Methode, weil sie sich, 
davon bin ich fest überzeugt, mit den Grund- 
sätzen einer exakten und damit nachprüfbaren 
wissenschaftlichen Forschung in keiner Weise ver- 
trägt. 

Es ist eigentümlich, wie verschieden sich die 
Psychoanalyse heute in den verschiedenen Köpfen 
widerspiegelt. Während ein Anhänger FREUDs, 
HEINZ HARTMANN!, jeden Gegensatz zwischen 
dieser und den sonstigen wissenschaftlichen Denk- 
weisen ebenso bestreitet wie das Vorhandensein 
einer Brücke, die von ihr zu irrationalen Erkennt- 
nissen führe, und während ALLERS?, KRONFELD®, 
Straus‘, ich selbst® und viele andere seit Jahr- 
zehnten gerade das am meisten an der Psycho- 
analyse bekämpfen, daß sie das Seelische zu ma- 
terialisieren und das Unbewußte zu rationalisieren 
versucht, hat kein Geringerer als THOMAS MANN® 
jüngst genau das Entgegengesetzte gesagt. Für 
ihn ist Freups Libidolehre Naturwissenschaft 
gewordene Romantik, und die Psychoanalyse wird 
als der Riickschlag gegen die mechanistisch- 
materialistischen Neigungen des vorigen Jahr- 
hunderts und als eine Erscheinungsform des mo- 
dernen Irrationalismus gedeutet. 

Auch daß ein Forscher von der Einstellung 
v. WEIZSÄCKERs, und daß manche evangelische 
Geistliche in allen möglichen Formen der Ab- 
stufung Sympathien für die psychoanalytische Be- 
wegung bekunden, gehört in gewissem Sinne hier- 
her. Denn FreEup selbst hat in seinen Büchern 
über ‚das Ende einer Illusion‘ und über ,,das 
Unbehagen in der Kultur“ nicht bloß eine Religion, 
sondern die ‚Religion schlechthin so heftig bekämpft, 
daß man meinen könnte, der Begründer der mo- 

1 Die Grundlagen der Psychoanalyse. Leipzig: 
Thieme 1927. 

2 Über Psychoanalyse. Berlin: S. Karger 1922. 

3 Über die psychologischen Theorien FREUDs und 
verwandte Anschauungen. Leipzig: Engelmann 1912. 

# Geschehnis und Erlebnis. Berlin: Julius Springer 
1930. 

51. c. 

6 Die Stellung Freups in der modernen Geistes- 
geschichte. Die psychoanalytische Bewegung, 1, H. 1, 
Mai-Juni 1929. Internat. Psychoanalyt. Verlag, Wien. 





086 


nistischen Aufklärung, ERNST HAECKEL, der Ver- 
fasser der ,,Weltratsel‘‘, hätte diese Bücher ge- 
schrieben. Man denke: ein Romantiker, der die 
„Empfindung der Ewigkeit nicht kennt, der 
nach seinem eigenen Geständnis das Gefühl von 
etwas Unbegrenztem, Schrankenlosem, gleichsam 
„Ozeanischem‘‘ niemals in sich entdeckt hat! 

Hier klafft ein Widerspruch. Hat Tmomas 
MANN FREupD mißverstanden, verstehen wir an- 
deren ihn falsch, oder ist nicht vielmehr die Psycho- 
analyse in sich selbst widerspruchsvoll, und lassen 
sich diese Widersprüche nicht deuten’? 

Ein Anhänger der Psychoanalyse, CHARLES 
MAYLAN!, hat eine solche Deutung versucht. Wenn 
man den Inhalt seines Buches mit einem heute 
beliebten Schlagwort wiedergeben will, so hat das 
„Ressentiment‘‘ die Psychoanalyse geschaffen. 
Freups Haß gegen seinen Vater, gegen den Papst, 
den er mit dem Vater gleichsetzt und in dem er 
zugleich das Oberhaupt der von ihm auch ge- 
haßten Christenheit sieht, gekränkte Eigenliebe 
zugleich, die Verstimmung gegen die offizielle 
akademische Wissenschaft, die ihn nicht früh'genug 
anerkannt habe, alle Minderwertigkeits-, 
Haß- und Rachegefiihle haben nach MAyYLAN 
SIGMUND FREUD die Feder geführt. „Das ist der 
Haß‘, heißt es, „der FrREu» in den äußersten 
Intellektualismus seiner letzthin materialistisch 
orientierten, geist- und gemütsfernen psychoanaly- 
tischen Wissenschaft hinaufpeitscht und in der 
Angst seiner Umkrallung ihn dort festhält.‘‘ Wie 
man das schreiben und sich einen Psychoanalytiker 
nennen, und wie man glauben und doch 
psychoanalytische Methoden anwenden kann, das 
verstehe ich nicht, und ich kann mir schwer 
denken, daß es außer MAYLAN überhaupt jemand 


diese 


das 


versteht. Den meisten wird es gehen wie mir: 
sie werden schon aus menschlichen Gründen 
wünschen, daß ein solches Buch gegen einen 


Siebzigjährigen niemals geschrieben sein möchte. 
Aber eines ist doch wichtig: daß die psycho- 
analytische Methode auch solche ungeheuerlichen 
Schlüsse erlaubt. Man kann mit ihr einfach alles 
sich weder auf unwiderlegliche 
klares 


beweisen, weil sie 
Tatsachen stützt 
mäßiges Erkennen. 

Ich vermesse mich 


noch auf ein verstandes- 
nicht, die Grenzen der 
menschlichen Forschung und den Begriff der 
Wissenschaft zu bestimmen. Aber vielleicht wäre 
doch eine Definition denkbar, die diese Grenzen 
mit denen des verstandesmäßigen. Erkennens 
grundsätzlich zusammenfallen ließe. Daß Wissen- 
schaft und Forschung, wie man sie auch definieren 
mag, niemals alles Geistige ausschöpfen werden, 
versteht sich dabei für mich freilich vollkommen 
Aber darf man wirklich jemand nur 
deshalb einen Romantiker nennen, weil er seine 
Behauptungen anstatt auf Beweise auf subjektive 
Einfälle stützt, weil er dauernd allenfalls mögliche 

1 


von selbst. 


FREUDs tragischer Komplex. 
Psychoanalyse. 2. Aufl. München: 
1929. 


Eine Analyse der 
Ernst Reinhardt 


Bumke: Über Psychoanalyse. 





Die Natur- 
wissenschaften 


mit bewiesenen Zusammenhängen und Deutungen 
mit Tatsachen verwechselt, weil er, wie ALLERS 
es ausdrückt, nicht seine Einsichten seiner Methode 
verdankt, sondern seine Methode erst seinen Ein- 
sichten anpassen mußte, oder, um es viel kürzer 
zu sagen: ist der ein Romantiker, der materialisti- 
sche Anschauungen mit irrationalen Methoden zu 
begründen versucht? 

Niemand kann die Romantik als geistige 
Epoche, niemand kann die unsterblichen Werke, 
die sie uns hinterlassen hat, höher einschätzen als 


ich. Aber die Zeit der Romantiker hat uns leider 
auf medizinischem Gebiet auch einen Haufen 
blühenden Unsinns beschert — wer mir das nicht 


glaubt, den darf ich bitten, einmal eine Rektorats- 
rede nachzulesen, in der FRIEDRICH VON MÜLLER 
Proben dieser Art niedergelegt hat!. Wir ver- 
danken der Romantik freilich auch einen Psycho- 
logen von großer Begabung, C. G. Carus, den ich 
immer wieder lese, seitdem mir vor fünfundzwanzig 
Jahren seine Vorlesungen über Psychologie zu- 
fällig in die Hände gerieten. Carus darf man wohl 
sicher zu den Romantikern rechnen. Aber man 
beachte, mit welcher zarten Behutsamkeit er in 
seinen Vorlesungen das, was wir über die mensch- 
liche Seele wissen oder was man zu seiner Zeit zu 
wissen vermeinte, von dem unterscheidet, was man 
über die Seele vermuten und jenseits der mensch- 
lichen Seele sich denken kann. Man lese den Satz?, 
der von den besonderen Formen des Seelenlebens 
nach dem Tode handelt, von jenem Zeitraum, 
„dessen wahrhaftes Sein der schauenden Vernunft 
ebenso gewiß ist, als ihr jede im gegenwärtigen 
Leben vermutete Art der Ausfüllung desselben 
nur, wie jener Sterbende sagte, als ein großes 
Vielleicht erscheinen kann‘. Man lese diesen Satz 
und lese von Carus viel mehr, und dann lese man 
Bücher von FREUD, und man wird sehen, was ihm 
zum Romantiker fehlt. Ohne Ehrfurcht, ohne di 
Ehrfurcht vor den letzten unerforschlichen Dingen 
kann ich mir keinen Romantiker denken 

Man wird eine Erscheinung wie die 
nur aus der Zeit verstehen können, in der sie auf- 
getreten ist. Es war in den neunziger Jahren des 
vergangenen Jahrhunderts. Die Philosophie hatte 
den Materialismus bereits überwunden; in der 
Naturwissenschaft und in der Medizin herrschte 
er unbeschränkt fort. In der Psychologie wurde 
alles zuerst in Atome zerlegt und dann, wenn 
möglich, mit hirnphysiologischen Namen benannt. 
Die ‚Psychologie der Elemente hat EDUARD 
SPRANGER diese Richtung genannt, die freilich 
hoffte, auf dieser elementaren Grundlage später 
auch die höheren Stockwerke des Seelischen auf- 
bauen zu können. Damals aber hat sich alle 
akademische psychologische Arbeit in sinnes- 
physiologischen Untersuchungen und in experi 
mentellen Prüfungen des menschlichen Gedächt 


Mün 


FREUDS 


! Spekulation und Mystik in der Heilkunde 


chen: J. Lindauersche Universitätsbuchhandlung 1914 
ri 


* Vorlesungen über Psychologie. 
Fleischer 1831. 


Leipzig: Gerhard 








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DS 


if- 





Heft 47/48/49. 
28 ır. 1930 


nisses erschöpft. Wer etwas von der Seele, wer 
zum Beispiel wissen wollte, warum und womit 
denn Menschen sich quälen, aus welchen wahren 
Gründen sie in Wirklichkeit handeln, der mußte 
sich an Dichter und Schriftsteller halten ; die wissen- 
schaftliche Psychologie — es sei denn, man rechnet 
FRIEDRICH NIETZSCHE hierher —, die Assoziations- 
psychologie jedenfalls reichte ihm Steine statt 
Brot. 

Um diese Zeit traten zwei Männer auf, die beide 
das Format gehabt hätten, eine neue Seelenkunde 
zu schaffen: DıLTHEy und FrEUD. Und hier 
beginnt die Tragik. DiLTHEy, ein scharfsinniger 
Denker, der seine Anschauungen mit bewunderns- 
werter Klarheit und mit einer Voraussicht ent- 
wickelt hat, die ihm erst heute volle Anerkennung 
verschafft, DiLTHEy war doch nicht lebensnah 
genug, um der Psychologie seiner eigenen Zeit 
wirklich helfen zu können. Man hat ihn kaum 
beachtet und den Psychologen in ihm durch Jahr- 
zehnte beinahe vergessen. 

DILTHEYs Gegenspieler jedoch, SIGMUNDFREUD, 
ist ausgesprochen psychologisch begabt, hat den 
künstlerischen Blick auch für tiefe und dunkle 
Zusammenhänge der menschlichen Seele, aber er 
ist zugleich gebunden durch jene materialistische 
Einstellung, die, wie wir wissen, von seiner Genera- 
tion Naturforscher und Ärzte nur ausnahmsweise 
zu überwinden vermochten. So muß auch FrREUD, 
wenn er psychologisch arbeiten will, zunächst alles 
Psychische ins Biologische übersetzen, es als dyna- 
misch und energetisch betrachten und von Natur- 
wissenschaft reden, wenn er das Seelische meint. 
Wie die Tauchente, sagt Erwin Straus, pflegen 
gewisse Forscher jedesmal in den dunklen und 
unbekannten Tiefen der Biologie zu verschwinden, 
wenn ihre Psychologie irgendeine Frage nicht 
beantworten kann. Es ist gewiß wahr, daß der 
ausdrückliche Hinweis auf das Biologische in den 
späteren Schriften von FREUD immer seltener wird; 
aber seine materialistische Grundeinstellung ge- 
ändert hat der Schöpfer der Psychoanalyse niemals. 

So ist denn geschehen, was unter solchen Vor- 
aussetzungen eintreten mußte. Ein Forscher mit 
FREUDs psychologischem Blick muß dem Irratio- 
nalen begegnen, muß auf das Unbewußte als den 
Urquell alles Seelischen stoßen. Da es aber doch 
für seine Zeit etwas Irrationales nicht gibt, so 
wird es einfach dialektisch beseitigt: dem Unbe- 
wußten wird ein klar und scharf denkender Ver- 
stand unterstellt. Das Ergebnis sind Hypothesen, 
von denen man nun in der Tat sagen kann, daß sie 
sich methodisch als irrational und inhaltlich als 
grob materialistisch ansehen lassen. 

Was ist das Unbewußte bei FrEeup? Ein 
Heinzelmännchen, das im Verborgenen schafft, 
nur nicht ganz so liebenswürdig und gütig wie das 
kleine Männchen des Märchens; eine Unterseele, 
die mit den Gefühls- und den Verstandesmitteln 
des OberbewuBtseins arbeitet, ohne dem Bewußt- 
sein je etwas anderes als Fertigware zu liefern; 
eine Küche im Keller, in der man die raffinier- 


BUMKE: Über Psychoanalyse. 987 


testen Gerichte bereitet, um sie im Aufzug nach 
oben zu schicken; das eigentliche Ich, das denkt, 
fühlt und will, begehrt und ablehnt, haßt und 
liebt, das vor allem aber immer geil ist; das nicht 
bloß die anderen, sondern auch das eigene Ober- 
bewußtsein dauernd belügt und betrügt, das dazu 
die umständlichsten Erwägungen anstellen muß — 
und das dann schließlich doch nichts ist als ein 
Hirngeschehen, das zwangsläufig rein energetischen 
Prinzipien gehorcht. 

Für alles dies fehlt sicher jeder Beweis, aber 

dafür ist die ganze Lehre ausgeklügelt und wird 
mit allen Mitteln der Dialektik gestützt. Die 
’sychoanalyse ist nicht nur keine Naturwissen- 
schaft, sondern für den, der von der Forschung vor 
allem Beweise verlangt, überhaupt keine Wissen- 
schaft!. Und doch ist sie auch kein Märchen, weil 
ihr die Unmittelbarkeit fehlt und jeder poetische 
Hauch, weil sie nicht aus dem Herzen stammt, 
sondern aus einem eiskalten, grüblerischen und 
dabei verirrten Verstand. 

Bei FREUD ist das, was wir Bewußtsein nennen, 
ein armer Tropf, der zu schieben glaubt und ge- 
schoben wird, ein gelegentlicher einzelner Akt, ein 
Anteil, ja eigentlich überhaupt nicht die Psyche, 
sondern bloß ein ‚Sinnesorgan‘‘, das seelische 
Eigenschaften ‚wahrnehmen‘ kann. So erhalten 
wir von unserer Psyche im Bewußtsein nur einen 
Ausschnitt, und noch dazu einen, der falsch ist und 
schief, der sich also auch nicht verstehen läßt, bis 
man ihn durch die unbewußten Reihen ergänzt, 
die den Schlüssel ‘fiir dieses Verständnis enthalten. 
Im Bewußtsein liegen die größten Widersprüche 
nebeneinander, in der eigentlichen Psyche aber 
gibt es sie nicht. Hier stellt sich bei tieferer — 
psychoanalytischer — Einsicht auch das scheinbar 
Absurde als sinnvoll, zweckmäßig und notwendig 
heraus. 

Sinn, Zweck und Notwendigkeit werden dabei 
durch den Egoismus, durch das Lustbedürfnis des 
Menschen bestimmt, das mit den Anforderungen 
unseres Lebens dauernd in Widerspruch gerät. 
Die Kultur ist nach FrREUD unter dem Antrieb 
der Lebensnot auf Kosten der Triebbefriedigung 
geschaffen worden, und sie wird zum großen Teil 
immer wieder von neuem erschaffen, indem der 
einzelne, der neu in die menschliche Gesellschaft 
eintritt, die Opfer an Triebbefriedigung zugunsten 
des Ganzen wiederholt. So hinterläßt jeder Tag 
einen Rest enttäuschter Hoffnungen und nicht 
gelöster Konflikte, die ins Unbewußte verdrängt, 
im Bewußtsein also nicht mehr erinnert werden. 
Vom Unterbewußtsein aus wirken aber diese ver- 
drängten Erinnerungen vermöge des ihnen an- 
haftenden Unlustaffektes weiter und erzeugen auf 
diese Weise alle Neurosen und manche Psychosen. 
Dabei ist z. B. für die Angst, die bei vielen Ner- 
vösen in der Tat eine erhebliche Rolle spielt, nach 
FREuUD der Geburtsakt Quelle und Vorbild ge- 

1 Ähnlich schreibt ARTHUR KRONFELD: „Mit der 
Wissenschaft und ihren Maßstäben sachlicher Strenge 
hat die Lehre nichts zu tun.“ 





988 


worden. Die erste Angst war eine toxische, durch 
die starke Reizsteigerung bei der Unterbrechung 
der Bluterneuerung im Geburtsvorgang bedingt. 
Bei der Vererbung durch ungezählte Geschlechter 
wird die Anlage zur Wiederholung dieses ersten 
Angstzustandes dem Menschen so gründlich ein- 
verleibt, daß ihm niemand zu entgehen vermag. 

Aber das Unbewußte und besonders die Trieb- 
regungen spielen nicht nur in der Entstehung der 
Nerven- und Geisteskrankheiten eine nach FREUD 
bisher nie genug gewürdigte Rolle. Er meint, daß 
dieselben sexuellen Regungen, deren Unterdrük- 
kung so oft zu nervösen Störungen führe, auch 
von ihren eigentlichen sexuellen Zielen abgelenkt 
(sublimiert) werden könnten und daß sie dann 
mit erheblichen Beiträgen an den höchsten kultu- 
rellen, künstlerischen und sozialen Schöpfungen 


des menschlichen Geistes beteiligt seien. Und 
schließlich sollen auch im täglichen Leben des 
Durchschnittsmenschen, der weder genial noch 


krank ist, und zwar im Traum sowohl wie im Ver- 
sprechen, Verschreiben, Vergessen sowie in zahl- 


reichen scheinbar harmlosen und gleichgültigen 
Bewegungen und Gesten, stets unerfüllbare ero- 


tische Wünsche, sexuelle Enttäuschungen, pein- 
liche Erinnerungen, verborgene Absichten, kurz 
tausend Beweggründe wirken, von denen das 
Bewußtsein unmittelbar nichts mehr erfährt 

Ich darf hier einflechten, daß ich von diesen 
„Fehlleistungen des Alltags‘, von denen ich zu- 
nächst sprechen möchte, viele anerkenne, ohne 
daß ich deshalb ein unbewußtes seelisches Ge- 
schehen voraussetzen muß. 
streite ich ja nicht das Unbewußte an sich, sondern 


Ganz allgemein be- 


das Unterbewußtsein, ein Unbewußtes von psychi- 
scher Art. Aber bitte urteilen Sie selbst: Ein 
Professor soll seinem Vorgänger einige Worte des 
Gedächtnisses widmen. Er hält von diesem nicht 


viel, und so sagt er: „Ich bin nicht geneigt‘‘, über 
die Verdienste dieses Mannes zu sprechen. Sein 


FREUD, zwingt ihn zu 
OberbewuBtsein habe 
sagen wollen, ‚ich bin nicht geeignet‘. Oder ein 
Abgeordneter erklärt, gewisse literarische und 
künstlerische Erzeugnisse, die er für unsittlich 
hält, seien in letzter Zeit in bedrohlicher Menge 


meint 
Entgleisung; 


Unterbewußtsein, 


dieser sein 


zum „Vorschwein‘‘ gekommen. — Nun, wenigstens 
die zweite Entgleisung ist ganz gewiß typisch. 
Aber auch der Professor hat, wenn sein Ver- 


sprechen überhaupt einen Sinn hat, sicher gewußt, 
wie ungern er etwas Gutes an seinem Vorgänger 
ließ, genau so wie der Abgeordnete unter jeder 
Voraussetzung gewußt haben muß, daß er draußen 
„Schweinereien‘‘ gesagt haben würde. Er hat sich 
eben parlamentarisch ausdrücken wollen, und nur 
der durch sein Bewußtsein schon in Gang gesetzte 
körperliche Apparat hat dem neuen Befehl nicht 
mehr gehorcht. Auf diese Weise haben wir uns 
doch schon alle versprochen; es geschieht nichts 
anderes dabei, als wenn uns auf dem Fahrrad 


oder im Auto eine plötzlich notwendig gewordene 
Kurve nicht mehr vollkommen gelingt. 


Deshalb 


BumkeE: Über Psychoanalyse. 





Die Natur- 
wissenschaften 


hat unser Unterbewußtsein doch nicht gleich je- 
manden totfahren wollen. 

Übrigens bestreitet FREUD auch rein physio- 
logische Ursachen nicht, die beim Versprechen, Ver- 
schreiben und sogar beim Verlieren immerhin vor- 
kommen möchten. Wahrscheinlich hätten die 
meisten Fehlleistungen dieser Art aber doch einen 
Sinn, und Störungen der Aufmerksamkeit, in der 
Ermüdung z. B., könnten ihr Auftreten höchstens 
erleichtern. Beim Vergessen und Verlegen dagegen 
setzt FREUD grundsätzlich und immer eine Absicht 
(des Unterbewußtseins) voraus. Auch alle Zufalls- 
und Symptomhandlungen, wie er sie nennt, alle 
diese spielend ausgeführten, anscheinend harm- 
und zwecklosen Verrichtungen an unserer Klei- 
dung, an Teilen unseres Körpers, an uns gerade 
erreichbaren Gegenständen haben nach ihm einen 
tieferen Sinn. Sie sollen wichtige seelische Vor- 
gänge verraten, von denen nur unser Bewußtsein 
nichts weiß. Eine Dame, die bei einer Unter- 
haltung wiederholt in die Handtasche greift — 
sagen wir, um das Taschentuch herauszuziehen —, 
meint damit etwas (d.h. nicht sie, sondern ihr 
Unterbewußtsein), was ihr Mund sicher niemals 
aussprechen würde, was aber für die Erhaltung 
des Menschengeschlechts notwendig ist und was 
sie selber sich wünscht. Es ist klar, daß es hier 
für die Phantasie unbegrenzte Möglichkeiten gibt, 
und namentlich FrEeups Schüler haben ihren 
Patienten und uns seit Jahrzehnten von diesen 
Möglichkeiten kaum eine geschenkt. Wer also 
bei der Mahlzeit oder am Schreibtisch mit irgend- 
einem Gebrauchsgegenstand spielt, der hüte sich 
wohl, daß ihn ja kein Psychoanalytiker sieht! 
Das ist kein Spaß; ich kenne viele, denen hat man 
auf diese Weise schließlich jede Harmlosigkeit im 
Umgang mit sich und mit anderen geraubt, und 
diese Leute haben gar nichts zu lachen. 

Aber ich muß Ihnen noch mehr von den Fehl- 
leistungen des Alltags berichten. Eine junge Frau 
setzt unter ein Schriftstück den Namen, den sie 
bis zu ihrer Heirat geführt hat. Die Ehe ist später 
unglücklich ausgegangen. FREUD schließt: das 
Unterbewußtsein der Frau hat das schon bei 
diesem Verschreiben gewußt. — Eine Dame er- 
kundigt sich bei dem Arzt nach einer gemeinsamen 
Bekannten, nennt sie aber bei ihrem Mädchen- 
namen, weil sie den Namen des Mannes vergessen 
hat. Sie gibt zu, daß sie diesen Mann nicht leiden 
kann. Nach KrREUD ist ihr deshalb sein Name 
entfallen. — Ein Mann verlegt ein Buch und kann 
es lange nicht finden. Das Buch ist ein Geschenk 
seiner Frau. Nach einem halben Jahr findet er 
es in einem Fach seines Schreibtisches — inzwi- 
schen war eine Trübung seiner Ehe beseitigt. — 
Ein Stelldichein wird vergessen, weil sich die Ver- 
liebtheit abgekühlt hat, und die Sitzung eines 
Vereins, weil das Mitglied inzwischen gewisse 
äußere Vorteile erreicht hat, um derentwillen er 
in den Verein eingetreten war. 

Ich glaube, man wird diese Fälle, deren Zahl 
sich allein aus FrEups Schriften sehr erheblich 











Heft 47/48/49. 
23. II. 1930 


vergrößern ließe, nicht alle einheitlich beurteilen 
dürfen. Wenn jemand ein ernsthaftes Versprechen 
oder ein Stelldichein vergißt, so würde ich ihm das 
meistens einfach nicht glauben. Er hat gar nichts 
vergessen, er hat nur nicht gewollt. Daß sich eine 
junge Frau jedoch, die zwanzig oder mehr Jahre 
ihren Mädchennamen geschrieben hat, einmal ver- 
schreibt, braucht uns eigentlich doch noch nicht 
mißtrauisch zu machen. Und wenn FREUD von 
jungen Eheleuten berichtet, die ihre Trauringe 
verlören, weil ihr Unterbewußtsein ihre Ehe mög- 
lichst bald getrennt sehen möchte, so muß man 
nach allgemeinen wissenschaftlichen Grundsätzen 
unbedingt die Gegenprobe verlangen: hat nicht 
auch in glücklichen Ehen eine junge Frau einmal 
ihren Mädchennamen unter ein Schriftstück ge- 
setzt oder mit ihrem Ring gespielt und ihn darüber 
verloren? Und umgekehrt: haben alle jungen 
Frauen, die allein in Deutschland in den letzten 
zehn Jahren geschieden worden sind, zunächst 
einmal ihren Trauring vermißt? In der ganzen 
psychoanalytischen Literatur bin ich niemals auch 
nur dem Versuch begegnet, sich mit diesem Ein- 
wand auseinanderzusetzen. Das ist grundsätzlich 
wichtig. Man behauptet etwas, was allenfalls sein 
könnte, und anstätt Beweise zu bringen, überläßt 
man die Widerlegung dem Gegner. 

Ich darf dabei noch etwas anderes anmerken. 
FREUD und seine Anhänger haben oft gemeint, 
ihre Gegner wollten die Tatsachen bestreiten, die 
sie, die Analytiker, aufgedeckt hätten. Das liegt 
uns vollkommen fern. Ich glaube an das Hand- 
täschchen, ich glaube an den Ring und glaube an 
alles, was den Namen einer Tatsache verdient. 
Für manche der bisher erwähnten Beispiele schließe 
ich sogar aus den Tatsachen, ähnlich wie FREUD, 
daß der Mensch einen seelischen Grund zu seiner 
Fehlleistung gehabt hat. Nur sehe ich keinen An- 
laß, diesen Menschen deshalb in Stücke zu reißen. 
Ich kann Ihnen an einem Zitat von FREUD leicht 
klarmachen, wie ich das meine. Lesen Sie bitte 
den Satz: ,,Es ist sehr wahrscheinlich, daß 
der Träumer es doch weiß, was sein Traum be- 
deutet, nur weiß er nicht, daß er es weiß, und glaubt 
darum, daß er es nicht weiß.‘ Es ist klar, daß hier 
das Ich, das weiß, und das Ich, das nicht weiß, 
daß es weiß, nicht miteinander identisch sein 
können. Es müßte also der Beweis erbracht wer- 
den — und das wäre schließlich das A und O der 
Psychoanalyse —, daß es in einem und demselben 
Menschen zwei solche Ichs geben kann. Dieser 
Beweis ist aber weder FREUD noch einem seiner 
Schüler gelungen. FREUD erinnert daran, daß 
hypnotisierte Leute nach dem Aufwachen von 
ihren ‚„‚somnambulen‘ Erlebnissen zunächst nichts 
wüßten, sich auf eindringliches Befragen aber doch 
schließlich an sie erinnern könnten. Ich verstehe 
nicht, was damit bewiesen sein soll. Lassen wir 
doch die Hypnose; hier wie auf dem verwandten 
Gebiet der Hysterie hat es von jeher so viel 
Schwindel und Hokuspokus gegeben, daß man fast 
nie weiß, was wirklich gewesen ist und was einer 


Nw. 1930 


BuMKE: Über Psychoanalyse. 989 


aus irgendwelchen Gründen glaubt uns vorreden 
zu müssen. Aber es gibt doch überhaupt keine 
Erinnerungen — man denke doch an die Ver- 
nehmung von Zeugen —, die nicht zuzeiten 
für uns unzugänglich sein können; ein anderes Mal 
werden sie dann mit oder ohne Nachhilfe wieder 
bewußt. Das bestreitet doch niemand; was ich 
bestreite, ist nur, daß diesen Erinnerungen in- 
zwischen irgendeine Form von psychischer Existenz 
zukommen soll, daß über sie nachgedacht, in ihrem 
Sinne gehandelt wird, kurz, daß sie wirken, als 
seien sie nicht unbewußt, sondern bewußt. 

Dagegen ist etwas anderes richtig, daß unser 
Bewußtsein nämlich nicht bloß beim Versprechen, 
sondern auch beim Vergessen oft auf physiologische 
Einrichtungen stößt, die die Fehlleistung und das 
Vergessen veranlassen oder erleichtern. Um diesen 
Vorgang auszuschließen und die aktive Tätigkeit 
des Unbewußten deutlicher zu machen, spricht 
FREUD in bestimmten Fällen anstatt vom Ver- 
gessen von der Verdrängung. Eine solche Ver- 
drängung selbst kommt sicherlich vor. Bei 
NIETZSCHE, der ja so viele moderne psychologische 
Einsichten vorweggenommen hat, finden Sie den 
Satz — für den genauen Wortlaut stehe ich nicht — : 
„Ich habe es getan, sagt das Gedächtnis, ich kann 
es nicht getan haben, sagt die Eigenliebe, und 
das Gedächtnis gibt nach.‘‘ Wir wollen an eine 
Sache nicht denken, die uns quält, deren wir uns 
schämen, die wir aus unserem Bewußtsein, wenn 
irgend möglich, auslöschen möchten. Wir würden 
vielleicht auch nicht weiterleben können, wenn wir 
an alles denken müßten, was zu denken peinlich 
ist und was uns den Umgang mit uns selber er- 
schwert. So schieben wir solche Gedanken beiseite, 
schalten sie aus unserem Gedankengang aus. Was 
aber dann kommt, das kennt jeder, das ist uns 
aus sehr harmlosen Zusammenhängen vollkommen 
geläufig. Dinge, an die wir lange nicht gedacht 
haben — es mögen Vokabeln sein oder Eigennamen 
oder was sonst —, Erinnerungen, die lange nicht 
aufgetaucht sind, die haben zunächst wenig Aus- 
sicht, ohne unser Zutun doch wieder in unser 
Bewußtsein zu treten. Das gilt genau so für 
Gegenstände, die uns bloß gleichgültig, wie für 
die, die uns peinlich sind. Die einen würden wir, 
da wir sie vielleicht doch noch einmal gebrauchen, 
im Grunde lieber behalten; die anderen aber ver- 
gessen wir gern. Nur geschieht nicht immer das, 
was wir möchten: Geschichtszahlen, Namen, eine 
fremde Sprache, das alles vergessen wir leicht; 
peinliche Erinnerungen aber tauchen leider sofort 
wieder auf, sobald uns ein Mensch oder ein Er- 
lebnis lieblos an sie erinnert. Nicht unser Unter- 
bewußtsein, sondern wir selbst können sie wissen, 
sobald wir es wollen, und wir müssen sie wissen, 
wenn irgendein Anlaß diese Erinnerungen in 
unseren Denkzusammenhang rückt. 

Dies ist ein wichtiger Punkt. Alles, was ich an 
Freudschen ‚Mechanismen‘ zugebe, spielt sich nach 
meiner Überzeugung im Bewußtsein des Menschen 
ab, in dem einzigen Bewußtsein, das er besitzt und 


74 





990 


dem unbewußte seelische Vorgänge nicht gegen- 
überstehen. Was auf dieser Bühne nicht erscheint, 
ist unbewußt im eigentlichen Sinne. Es kann be- 
wußt werden, ist aber, solange es nicht bewußt 
ist, seelisch auch wirklich nicht da. 

FrREuUD lehrt das Gegenteil. Nach ihm bemüht 
sich selbst im Schlaf eine eigene Behörde, die 
„Zensur‘‘, eifrig darum, daß verdrängte Gedanken 
auf der Traumbühne nicht ohne Verkleidung er- 
scheinen. Für die Psychoanalyse beweist der 
Schlaf, daß der Mensch es in der Welt, in die er so 
ungern gekommen ist, nicht ohne Unterbrechung 
aushält, und daß er sich deshalb zeitweise in den 
warmen, dunklen und reizlosen Zustand der 
Mutterleibsexistenz zurückzieht. ‚Es soll keine 
seelische Tätigkeit im Schlaf geben. Rührt diese 
sich doch, so ist uns eben die Herstellung des 
fötalen Ruhezustandes nicht gelungen. Reste einer 
solchen Tätigkeit haben sich nicht ganz vermeiden 
lassen. Diese Reste, das wäre das Träumen.“ 
Wir träumen also worüber sich übrigens reden 
läßt , wir träumen nur, weil etwas (es mag von 
innen oder von außen kommen) der Seele keine 
Ruhe läßt. Aber darum brauchte der Traum noch 
lange keinen Sinn und keine psychologische Be- 
deutung zu haben; es könnte immer noch so sein, 
als striche der Wind über die Saiten eines Instru- 
ments, auf dem sonst im Wachen nur der 
Bogen zu spielen vermag. Nach FrEuD hat aber 
der Traum einen Sinn, nur daß das Bewußtsein 
diesen Sinn (ohne psychoanalytische Hilfe) nie- 
mals erfährt. Auch im Traum erscheinen nämlich 
nur Verhüllungen, ‚Symbole‘ für das, das 
UnbewuBte eigentlich denkt, und für diese Ver- 
hüllungen sorgt die ‚Zensur‘. 

Glauben Sie bitte nicht, daß ich das Wort er- 
funden hätte, um die ganze Konstruktion ad ab- 
surdum zu führen. FREUD meint wirklich, im 
Traum würde eine besondere und, wie Sie sehen 
werden, unter Umständen ziemlich verwickelte 
Arbeit geleistet, um das OberbewuBtsein über die 
wahren Triebe, Gedanken, Gefühle, Wünsche und 
Absichten des Unterbewußtseins im Dunkeln zu 


was 


lassen. Wieder darf ich. Ihnen einige Beispiele 
geben. Zunächst zwei, die einfach sind und 
zeigen, daß auch das Unbewußte die Sprache 


benutzt, um seine eigentlichen Gedanken zu ver- 
bergen: Ein Träumer zieht eine bestimmte, ihm 
bekannte Dame hinter dem Bett hervor. Er selbst 
findet (im sog. Assoziationsexperiment) den Sinn: 
er gibt dieser Dame den Vorzug. Ein anderer 
träumt, sein Bruder stecke in einem Kasten. Als 
er sagen soll, was er über den Traum denkt, er- 
setzt er „Kasten‘‘ durch ‚Schrank‘, und nun ergibt 
sich die Deutung: der Bruder schränkt sich ein. 

Und jetzt ein an sich auch einfacher Traum, dessen 
Deutung aber viel umständlicher ist: Eine junge, 
aber schon seit Jahren verheiratete Dame träumt, 
sie sitzt mit ihrem Mann im Theater. Eine Seite 
des Parketts ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt 
ihr, Elise L. und ihr Bräutigam hätten auch gehen 
wollen, hätten aber nur schlechte Sitze bekommen, 


BumkE: Über Psychoanalyse. 





Die Natur- 
wissenschaften 


drei für 1 Gulden und 50 Kreuzer, und die konnten 
sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch kein 
Unglück gewesen. Bei der Untersuchung ergibt 
sich, daß sich Elise L., die drei Monate jünger ist 
als die junge Frau, jetzt verlobt hat, weiter, daß 
die Patientin wirklich mit ihrem Mann eine Woche 
vorher ins Theater gegangen ist und dort eine 
Seite des Parketts beinahe leer gefunden hat. Ihr 
Mann hatte sie, da sie eine Vorverkaufsgebühr 
bezahlt hatte, damit geneckt. Schließlich aber 
hätte eine Schwägerin der Dame in den letzten 
Tagen von ihrem Mann 150 Gulden geschenkt be- 
kommen und sich dafür gleich ein Schmuckstück 
gekauft. Aus alledem schließt FrEup: Die Kranke 
hat (ähnlich wie ihre Schwägerin) voreilig gehan- 
delt, nicht weil sie sich zu früh Theaterbillette be- 
sorgt, sondern weil sie ihren Mann geheiratet hat. 
Hätte sie wie ihre Freundin noch sechs Jahre ge- 
wartet, so hätte sie einen besseren bekommen. 
Die Freundin, die nur drei Monate jünger ist 
deshalb bietet man ihr im Traum drei Karten an, 
obwohl sie doch nur zwei gebraucht —, hat einen 
Verlobten, der hundertmal wertvoller ist als der 
eigene Mann; denn das ist doch klar, daß 150 Gul- 
den hundertmal mehr sind als 1 Gulden 50 Kreuzer. 
Sie sehen, die Traumarbeit hat es nicht leicht. 
Wir glauben, uns des Nachts auszuruhen, und unser 
Unbewußtes stellt inzwischen Erwägungen, Be- 
rechnungen, Betrachtungen an, mit denen sich 
keineswegs alle Menschen sehr oft am Tage be- 
lasten. Freilich, es ist nicht immer so. Viele von 
den Symbolen, die die verdrängten und von der 
„Zensur‘‘ selbst im Traum nicht zugelassenen Ge- 
danken im Bewußtsein vertreten sollen, haben 
einen ganz bestimmten Kurs, eine leidlich be- 
ständige Währung; das Unbewußte arbeitet mit 
ihr wie wir mit der Mark oder dem Schilling. 
Wasser bedeutet die Geburt, das Abreisen das 
Sterben, Kleider und Uniformen die Nacktheit, 
der Verlust der Zähne, aber ebenso die Erblindung 
und Blendung die Kastration, Stöcke aber, 
Schirme, Stangen, Bäume, Messer, Dolche, Lanzen, 
Säbel, Gewehre, Pistolen, Wasserhähne, GieB- 
kannen, Springbrunnen, Hängelampen, Bleistifte, 
Federstiele, Nagelfeilen, Hämmer, Flugmaschinen, 
Zeppeline, Reptilien, Fische und Schlangen ver- 
treten einen bestimmten Teil des männlichen 
Körpers. Der entsprechende weibliche Teil wird 
durch Schächte, Gruben, Höhlen, Gefäße, Flaschen, 
Schachteln, Dosen, Koffer, Büchsen, Kisten, 
Taschen, Schränke, Zimmer, Türen, Tore, Holz, 
Papier, Tische, Bücher, Schnecken, Muscheln, 
Kirchen, Kapellen, durch Schmuck und manches 
andere, die weiblichen Brüste werden durch Äpfel 
und Pfirsiche angedeutet. Mit dem Träumen von 
Süßigkeiten jedoch und vom Klavierspiel, aber 
auch vom Gleiten, Fliegen, Tanzen, Reiten und 
Steigen oder von einem Kaminkehrer wird die 


Vereinigung beider Geschlechter gemeint. 

Und nun fragen Sie: wie wird das alles be- 
wiesen? Ja, zunächst durch das, was ich die Plus- 
Minus-Rechnung der Psychoanalyse nennen möchte 








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st 





Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


Wenn jemand dem Analytiker sagt, daß er dies 
und das gemeint habe oder gemeint haben könne, 
so ist natürlich alles vollkommen klar. Leugnet 
er aber oder kann er sich auf etwas nicht mehr be- 
sinnen, ja dann ist die Sache erst recht so. Das 
Unbewußte leistet dann Widerstand, ganz ähnlich 
wie es sich bei uns Gegnern gegen die Anerkennung 
der psychoanalytischen Feststellungen sträubt, ob- 
wohl oder vielleicht gerade weil es weiß, daß diese 
Behauptungen stimmen. 

Mir scheint, auf diese Weise kann man so 
ziemlich alles beweisen. Aber es bleibt noch nicht 
einmal dabei. Ich sagte erst, daß es in der Symbol- 
lehre im allgemeinen ziemlich feste Spielregeln 
gibt. Trotzdem wird auch hier gelegentlich das 
Plus durch ein Minus ersetzt. Träumt ein junger 
Mann von einer schönen jungen Frau, so weiß man, 
wonach er sich sehnt. Es kann aber auch ein 
häßlicher alter Mann sein, der ihm im Traume 
erscheint. Das Bewußtsein soll ja nicht wissen, 
woran das Unbewußte eigentlich denkt. 

Dann hat die Psychoanalyse noch für eine 
eigentiimliche Rückversicherung gesorgt. Hat 
man für einen Menschen einmal einen Gegenstand 
der belebten oder unbelebten Welt als Symbol für 
den Phallus oder sonst irgend etwas erklärt, so 
gilt das da, wo es (sc. dem Analytiker) paßt, für 
jeden anderen träumenden Menschen. Aber auch 
uralte Volkssitten, selbst solche, von denen wir 
herzlich wenig wissen, religiöse Gebräuche, Mythen, 
Sagen, Märchen werden im Sinne der Psycho- 
analyse gedeutet!, nur weil man von diesem oder 
jenem Kranken her gewisse Symbole zu kennen 

1 Man lese die folgende Erklärung für die Sage vom 
Prometheus, eine Erklärung, die FREUD zwar mit allem 
Vorbehalt gibt, die aber doch seine ganze Denkweise 
kennzeichnen kann: ,,Psychoanalytisches Material, 
unvollständig, nicht sicher deutbar, läßt doch wenig- 
stens eine phantastisch klingende Vermutung 
über den Ursprung dieser menschlichen Großtat zu. 
Als wäre der Urmensch gewohnt gewesen, wenn er dem 
Feuer begegnete, eine infantile Lust an ihm zu be- 
friedigen, indem er es durch seinen Harnstrahl aus- 
léschte. An der ursprünglichen phallischen Auf- 
fassung der züngelnden, sich in die Höhe reckenden 
Flamme kann nach vorhandenen Sagen kein Zweifel 
sein. Das Feuerlöschen durch Urinieren — auf das 
noch die späten Riesenkinder Gulliver in Lilliput und 
Rabelais’ Gargantua zurückgreifen war also wie ein 
sexueller Akt mit einem Mann, ein Genuß der männ- 
lichen Potenz im homosexuellen Wettkampf. Wer 
zuerst auf diese Lust verzichtete, das Feuer ver- 
schonte, konnte es mit sich forttragen und in seinen 
Dienst zwingen. Dadurch, daß er das Feuer seiner 
eigenen sexuellen Erregung dämpfte, hatte er die 
Naturkraft des Feuers gezähmt. Diese große kulturelle 
Eroberung wäre also der Lohn für einen Triebverzicht 
Und weiter, als hätte man das Weib zur Hüterin des auf 
lem häuslichen Herd gefangen gehaltenen Feuers 
bestellt, weil ihr anatomischer Bau es ihr verbietet, 
einer solchen Lustversuchung nachzugeben. Es 
ist auch bemerkenswert, wie regelmäßig die analytischen 
Erfahrungen den Zusammenhang von Ehrgeiz, Feuer 
ind Harnerotik bezeugen.‘ (Das Unbehagen in der 
Kultur. Anmerkung S. 47/48.) 


BuUMKE: Über Psychoanalyse. 991 


vermeint, die nun auch in diesem Zusammenhang 
angewendet werden. Und umgekehrt ist es genau 
so: aus dem Verhalten des Lebenden bei Tag und 
bei Nacht wird alles Mögliche deshalb geschlossen, 
weil man einem Wort oder einem Vorgang in der 
Mythologie einmal einen sexuellen Inhalt zu- 
diktiert hat. 

Sie haben alle schon vom Ödipuskomplex 
etwas gehört. HocHeE hat kürzlich über ihn ge- 
schrieben!: „Es ist eine merkwürdige Sache 
hiermit. Ich habe mich ehrlich bemüht, in langen 
Jahren jemanden zu finden, der seine Mutter 
begehrte und den Wunsch hatte, seinen Vater 
totzuschlagen. Es ist mir nicht gelungen. Anderen 
erfahreneren Kollegen geht es nicht anders. 
Der Ödipuskomplex fährt in der Literatur herum 
wie der fliegende Holländer auf den Meeren; jeder 
spricht von ihm, einige glauben an ihn, aber nie- 
mand hat ihn gesehen.‘‘ Nun, ich kenne eine ein- 
zige AuBerung in der Literatur, die deshalb un- 
verdächtig ist, weil sie lange vor FREUD nieder- 
geschrieben worden ist. Sie stammt von STEN- 
DHAL?, und ich darf sie vielleicht wörtlich wieder- 
geben: „Ich war in meine Mutter verliebt. Ich 
setze schleunigst hinzu, daß ich 7 Jahre alt war, 
als ich sie verlor... Ich wollte meine Mutter 
immer küssen und wünschte, daß es keine Kleider 
gäbe. Sie liebte mich leidenschaftlich und schloß 
mich oft in ihre Arme, und ich küßte sie mit so viel 
Feuer wieder, daß ich fast gezwungen war, davon- 
zugehen. Ich verabscheute meinen Vater, wenn 
er dazukam und unsere Küsse unterbrach. Ich 
wollte sie ihr immer auf die Brust geben.‘‘ Danach 
wird man zugeben müssen, daß eine sinnliche 
Liebe eines Kindes zu seiner Mutter vorkommt. 
Daß sie häufig ist, bestreite ich. Es wäre doch 
merkwürdig, wenn man unter all den psycho- 
pathischen Kindern — von den gesunden ganz 
zu schweigen als Nervenarzt fast niemals eines 
zu sehen bekäme, das sich in dieser Weise ver- 
hielte, obwohl gleich Scharen von solchen Kindern 
herumlaufen sollen. Aber der Ödipuskomplex 
ist ja mit diesem Bericht STENDHALS auch in 
keiner Weise erschöpft. Nicht nur, daß nach der 
Psychoanalyse wohl so ziemlich alle Buben ihre 
Mutter mit sinnlicher Inbrunst lieben und den 
Vater deshalb als Nebenbuhler und Störenfried 
verabscheuen sollen, sondern alle diese Buben 
sollen zugleich fürchten, daß der Vater sie zur 
Strafe und aus Rache kastrieren wolle. Am 
häufigsten scheint sich diese Angst im Traum als 
die Angst vor Blendung oder Erblindung zu 
äußern. Das ist der Ödipuskomplex. Ich weiß 
nicht, wie die Psychoanalyse dazu kommt, in der 
Sage von Ödipus die Erblindung durch die Kastra- 
tion zu ersetzen. Ich weiß nur, daß sie es tut, 
und zwar mit derselben Sicherheit, mit der der 
Chemiker behauptet, daß das Wasser aus Wasser- 
stoff und Sauerstoff zusammengesetzt ist. Ich 

! Zbl. Neur. 55, H. 3/4, S. 206 (1930). 

2 Das Leben eines Sonderlings. Leipzig: Insel- 
Verlag 1921, S. 93/94. 


74* 





992 


verstehe aus diesen und aus vielen anderen Griin- 
den gut, daß die Psychoanalyse im Unbewußten 
infantile, primitive, urmenschliche Regungen wie- 
dererkennen will, ein Schluß, der sich übrigens 
auch dann aufrechterhalten läßt, wenn man dem 
Unbewußten die ihm von FREUD zugeschriebenen 
psychischen Eigenschaften nimmt und in ihm 
einfach den geheimnisvollen physischen Quell so 
vieler seelischer und besonders aller Triebregungen 
sieht. Aber ich verstehe auch, daß ein Mensch, 
der sich nun einmal in die Symbollehre verstrickt 
hat, bestimmten Symbolen und ihren Deutungen 
überall und immer wieder begegnen muß. Ich 
darf wieder HocHe zitieren!: ‚Das Verfahren 
der Psychoanalytiker, die in ihren Fällen das ent- 
decken, was das Dogma hineinprojiziert, erinnert 
an die Väter, die mit erfreuter Miene vor ihren 
Kindern die Ostereier finden, die sie ver- 
steckt haben.‘ ALLERS gebraucht 
Bild: „Wenn jemand zu mir kommt und sagt: in 
dieser oder jener Substanz habe ich Chlor gefunden, 
und er erklärt auf meine Frage nach der Methode: 
habe die Substanz in verdünnter Salzsäure 
aufgelöst dann kann er nicht erwarten, daß ich 


Se lber 


ein anderes 


ich 


seinen Befund mit seiner Methode nachpriife; 
denn Chlor muß er ja finden, wenn er Salzsäure 
zusetzt. Natürlich schließt das nicht aus, daß in 
dem Stoff doch Chlor enthalten sei.‘ Daß der 


ganze Ödipuskomplex Unsinn ist, schließt natür- 
lich auch nicht aus, daß STENDHAL seine Mutter 
auf seine Weise geküßt hat. Aber der Ödipus- 
komplex wird auch nicht damit bewiesen, daß es 
irgendwo eine Stelle wie die von STENDHAL 
zitierte in der Weltliteratur gibt. 

Ich möchte hier nicht mißverstanden werden. 
Was ich an der Psychoanalyse bekämpfe, ist nicht 
die Überschätzung der Sexualität. Dem berühmten 
Chemiker LıeBıG wird das Wort zugeschrieben: 
„Für die Chemie gibt es keinen Dreck.‘‘ Das Wort 
gilt in übertragenem Sinne für die Wissenschaft 
überhaupt. Darum, daß jemand die Schlüsse der 
psychoanalytischen Schule für unerfreulich hält, 


könnten sie immer noch wahr sein. Wären sie 
aber wahr, so hätte die Wissenschaft sie an- 
zuerkennen. Das wäre auch gar nicht so arg. 


Die Sexualität ist von allen menschlichen Eigen- 
schaften noch lange nicht die schlimmste, und 
wenn ihre Rolle in unserem Leben noch größer 
sein sollte, als sie unzweifelhaft ist die letzten 
13 Jahre haben wohl auch dem Harmlosesten die 

, dann würden wir uns 
müssen, auch 


Augen darüber geöffnet 
damit nicht nur abfinden 
abfinden können 

Was ich an der Psychoanalyse bekämpfe, ist 
die Methode, ist ihre Gepflogenheit, Dinge zu be- 
haupten, die niemand widerlegen kann, nicht weil 


1 1 
sind, 


sondern 


niemals Beweis 


ist ihr Anspruch, 


sie wahr sondern weil ein 


auch nur versucht worden ist, 
Erklärungen 
und ist ihre 


deı 


fernliegende und unwahrscheinlich: 

als Tatsachen hinstellen zu dürfen, 

Verachtung selbst der einfachsten 
1 ] ‘ 


Regeln 


BumkeE: Uber Psychoanalyse. 





Die Natur- 
wissenschaften 


Logik. Bitte, widerlegen Sie mich, wenn ich be- 
haupten wollte, die Elektronen, die um einen 
Atomkern kreisen, flüsterten ihm inzwischen 
zotige Bemerkungen zu. ,,Wir finden‘, schreibt 
ALLERS, „daß die psychoanalytische Theorie nicht 
aus dem von ihr als solches bezeichneten empiri- 
schen Ausgangsmaterial herzuleiten ist; daß viel- 
mehr solche Herleitung nur unter der Voraus- 
setzung der Theorie gelingen kann.‘‘ SCHILDER, 
einer der eifrigsten Anhänger FrREups, hat darauf 
geantwortet: „Man kann Tatsachen und Ergeb- 
nisse nicht auf logischem Wege widerlegen. Die 
Schullogik ist Tatsachen gegenüber unzuläng- 
lich... Nun ist die Schullogik aber nicht die 
Logik selbst. Die neuere Logik hat ihren wert- 
vollsten Antrieb dadurch erhalten, daß sie von 
den Formeln zum Schauen, zur intuitiven Einsicht 
in Wesenheiten zurückgekehrt ist; mit dieser Logik 
verträgt sich aber die Psychoanalyse.“ 

Ich darf dazu bemerken, daß wir Tatsachen, 


wie gesagt, nirgends bestreiten. Wenn man aber 
unter Ergebnissen nicht Tatsachen, sondern die 


aus diesen Tatsachen gezogenen Schlüsse versteht, 


dann wird man ohne Logik nicht auskommen 
können. Versucht man es doch, so sehe ich nicht, 
wie überhaupt noch wissenschaftliche Ausein- 


andersetzungen möglich sein sollen. HussErRLs 
Phänomenologie aber, auf die SCHILDERS Bemer- 
kung offensichtlich gemünzt ist, scheint mir weder 
geneigt noch geeignet zu sein, die Schlußfolge- 
rungen der Psychoanalyse zu decken. HusseErıl 
hat wiederholt erklärt, daß die Phänomenologie 
überhaupt keine Tatsachen feststellen will, sondern 
das Wesen der Dinge hinter den Tatsachen sucht. 
Von einer Plus-Minus-Rechnung, von einer Rück- 
versicherung, von einem Hexeneinmaleins, auf die 
doch die psychoanalytische Symbolik hinausläuft, 
ist in phänomenologischen Schriften meines Wis- 
sens niemals die Rede. SCHILDER sollte sich des- 
halb lieber nicht auf HusSERL, sondern besser auf 
eine andere ‚„Logik‘‘ — das Wort in Anführungs- 
zeichen gesetzt —, nämlich auf die der Anthropo- 
sophen und Yogis berufen. Diese Erkenntnisart, 
habe ich schon vor Jahren geschrieben, die dem 
Menschen das Sonnen- und das Mondhafte in sich 
vermittelt, die ihn zum Beispiel erkennen läßt, daß 
die Zähne Stoffe aufnehmen, um uns in einem be- 
kömmlichen Zustand von Dummheit zu erhalten, 
und daß wir in unserer Überheblichkeit unser: 
Zähne krank werden lassen, bloß um unser Gehirn 
vor diesen Stoffen und uns selbst vor der gott 


gewollten Dummheit zu schützen diese Logik 


braucht freilich für nichts einen Beweis. Went 
sich mit ihr die Psychoanalyse verträgt gut, 


aber eine Wissenschaft ist sie dann nicht. 
Ich daß die 


Unterbewußtsein, ein Unbewußtes von psychischer 


bestreite also, Psychoanalyse ein 


Art bewiesen hat. Aber ich glaube an ein Unbewuß- 
tes und ich kann beweisen, daß es das gibt. Di 
überwiegende Menge dessen, was unser Gedächt- 
nis ausmacht, besteht in bewußter Form gewöhn- 
lich nicht 


Alle unsere Kenntnisse und Erfahrungen 








ten 


en 
en 


Tl- 


em 
ich 
laß 
be- 
en, 
ere 
irl 
tt 

gil 
ni 
ut 


ein 





Heft 47/48/49. 
28. ı1. 1930 


mit Ausnahme der wenigen, an die wir gerade 
denken, sind nicht bewußt, sie können nur jeder- 
zeit bewußt werden. Daß also bewußte Vorgänge 
ständig ins Unbewußte versinken, daß aber außer- 
dem alle menschlichen Triebe, Wünsche und Ent- 
schlüsse und daß alle geistigen Leistungen — 
nicht bloß die höchsten — in letzter Linie aus dem 
Unbewußten geboren werden, das ist nicht zweifel- 
haft. Wir Naturforscher und Ärzte sind gewohnt, 
dieses Unbewußte, das in Wirklichkeit doch nur 
ein Ungewußtes und von uns nicht Verstandenes 
ist, als etwas Physisches zu denken und es gewissen, 
von bewußten seelischen Erlebnissen nicht be- 
gleiteten Gehirnvorgängen entsprechen zu lassen. 
Aber darauf kommt es schließlich nicht an. Auch 
wer — ich muß hier wieder eine frühere Arbeit 
zitieren — einen solchen Hinweis auf das körper- 
liche Geschehen im Gehirn für unbefriedigend und 
zur Erklärung der psychischen Zusammenhänge 
die Annahme einer eigentlichen Seelensubstanz, 
einer in ihrem bewußten wie in ihrem unbewußten 
Wirken von materiellen Zuständen und Zustands- 
änderungen unabhängigen Seele für geboten hält, 
auch der wird den unbewußten Teil ihrer Tätig- 
keit allenfalls unbewußt psychisch nennen, aber 
ihm Eigenschaften des bewußten Seelenlebens 
darum doch nicht ohne Beweis zusprechen dürfen. 

Aber nicht nur das Unbewußte erkenne ich an. 
Auch daß es Stufen der Bewußtheit gibt, daß Wahr- 
nehmungen, Vorstellungen, Gedanken und Hand- 


lungen denken Sie, Sie hören eine Sinfonie 
oder einen Vortrag oder Sie verrichten eine körper- 
liche oder geistige Arbeit ‚daß alle seelischen 


Vorgänge nahezu immer nicht bloß von Gefühlen, 
sondern auch von verschwommenen (anderen) 
Wahrnehmungen, von unklaren Nebenvorstellun- 
gen, von kurz auftauchenden Einfällen und Ab- 
sichten umkreist und durchschnitten werden, auch 
dies gebe ich zu. Schon daraus folgt, daß das Be- 
wußtsein nicht alles und jedes gleich deutlich er- 
lebt oder, anders ausgedrückt, daß das alte Bild 
von dem Blickpunkt und dem Blickfeld des Be- 
wußtseins immer noch gut ist. Aber ich gehe noch 
weiter. Wir alle haben erlebt, daß ein Gedanke 
sich erst allmählich formt, aus einem mehr nebel- 
haften Ahnen langsam klar wird und immer 
schärfer umrissen. Ja zuweilen taucht er sogar 
in den Nebel zurück, zuweilen sieht es so aus, 
als stünde eine Erinnerung, ein Name zum Beispiel, 
schon an der Schwelle unseres Bewußtseins — 
jetzt habe ich es gleich, sagen wir dann, oder: ich 
habe den Namen schon auf der Zunge —, und dann 
kehrt sie wieder um, wir bekommen sie nicht zu 
Gesicht. HERBART hat also recht, daß die Deut- 
lichkeit eines Gedankens bis auf den Nullpunkt 
u sinken vermag. Nur daß Gedanken unterhalb 
lieses Nullpunktes fortleben, daß sie hier im 
Unbewußten als Gedanken weitergesponnen 
verden, das ist nicht wahr, oder das hat jedenfalls 
noch niemand bewiesen. 

Wohl aber kommt etwas anderes vor. Wir be- 
commen eine Nachricht, die uns unruhig, oder 


BumKeE: Über Psychoanalyse. 993 


einen Brief, der uns ärgerlich macht. Dann müssen 
wir arbeiten, wir haben zu tun. Die Gereiztheit, 
die Unruhe bleibt, aber an den Brief denken wir 
nicht. Bloß wenn wir unsere Arbeit unterbrechen 
und uns prüfen, was uns denn eigentlich quält, 
dann sind der Brief und die Nachricht sofort 
wieder da. Was ist inzwischen geschehen? Nun 
offenbar ist die Verstimmung durch körperliche 
Vorgänge am Herzen und am Gefäßsystem 
zum Beispiel — festgehalten und verankert ge- 
wesen. Bekanntlich gibt es nur zwei Wege, mit 
einem solchen Zustand fertig zu werden. In 
schweren Fällen wird man sich mit dem peinlichen 
Erlebnis irgendwie abfinden müssen, es aus der 
Welt schaffen, wieder gut machen, sich ausspre- 
chen oder meinetwegen sich rächen. Man muß 
also viel an die Sache denken, damit man innerlich 
und, wo es nottut, auch nach außen mit ihr ab- 
schließen kann. Kleine Affekte aber drängen wir 
mit den zu ihnen gehörenden Gedanken beiseite; 
wir denken nicht an die Sache, und wenn sie 
längere Zeit nicht in uns auftaucht, dann kommt 
auch der Körper zur Ruhe. Es ist ein großes Stück 
Lebenskunst, das eine und das andere zu können 
und beide Fälle voneinander zu scheiden. 

Um mich hier ganz verständlich zu machen, 
muß ich Sie allerdings noch an eine Feststellung 
der neueren Psychologie erinnern, die, soweit ich 
sehe, FREUD niemals beachtet hat. Wir müssen 
nicht immer in Worten denken. Es gibt Gedanken, 
die jedes sinnlichen Anteils, aller anschaulichen 
Grundlage entbehren. Es ist in diesem Zusammen- 
hange gleichgültig, ob dieses unanschauliche Den- 
ken häufig ist und wieweit man es zum Beispiel bei 
manchen wissenschaftlichen Arbeiten benutzt. 
Sicher ist, daß wir die Klarheit der inneren sprach- 
lichen Formulierung — auch das nur gedachte 
Wort bedeutet ja einen anschaulichen Bestandteil 
des Denkens — mit Vorliebe bei solchen Gedanken 
vermeiden, die uns ärgerlich sind und an die wir 
uns später ungern erinnern. Das ist der Grund, 
warum sich Menschen so häufig einreden wollen, 
sie hätten bestimmte peinliche Dinge überhaupt 
nicht gedacht. Sie versuchen, es sich einzureden, 
aber es gelingt ihnen schlecht, und deshalb werden 
sie auch nur selten ganz ruhig dabei. Es ist also 
besser, vor sich selber nicht Verstecken zu spielen. 
Man wird klarer dadurch und kann auch gegen 
andere nachsichtiger sein. 

Damit bin ich am Ende. Außer dem Unbewuß- 
ten, außer dem, was wir Naturforscher und Arzte 
als physiologische Überbleibsel vergangener und 
als die physiologischen Voraussetzungen gegen- 
wärtiger und späterer Bewußtseinsakte betrachten, 
gibt es nur noch eines: das, was wir von uns nicht 
wissen möchten und leider nur allzu gut 
wissen. FREUD selbst hat einmal gesagt, niemand 
hätte Lust, sein eigenes Unbewußtes kennenzuler- 
nen. Das setzt doch wohl voraus, daß man es 
kennenlernen könnte, wenn man nur wollte, und 
daß es also doch nicht ganz unbewußt ist. FREUD 
meint auch, das Unbewußte sei amoralisch. Ge- 





TEUTSCHLAENDER: 


994 

wiB, aus den geheimnisvollen Quellen unserer 
Körperlichkeit werden in uns dauernd Trieb- 
regungen wach, mit denen sich unser ethisches 


Wollen dann mehr oder weniger erfolgreich herum- 
schlagen muß. Aber wir wissen um unsere Triebe 
sehr wohl, und wenn etwas in uns amoralisch ist, 
so ist es nicht ein geheimnisvolles Unterbewußtsein, 
sondern wir selbst. 

Und nun darf ich versuchen, der 
analytischen Bewegung eine Prognose zu stellen. 
Mir scheint, sie hat den Gipfel ihres Aufstiegs bereits 
vor einigen Jahren erreicht und ihn schon wieder 
verlassen. Sie geht den Weg, den so viele gute 
und schlechte geistige Bewegungen vor ihr ge- 
gangen sind: erst spalten sie sich, wie sich von 
FREUD JUNG, ADLER und STEKEL abgespalten 
haben, dann werden sie populär und dabei ver- 
dünnt und verwässert, und schließlich bleibt vom 
Kern der Lehre nichts übrig. Bei der Psycho- 
analyse muß man schon heute das eigentliche 
Dogma von unendlich vielen Behauptungen tren- 
nen, die sich in der Tagespresse und in Romanen, 
die sich aber auch in zahllosen medizinischen 
Schriften finden und die FREUD selbst sicher nicht 


psycho- 


Krebs als Volkskrankheit. 





Die Natur- 
wissenschaften 


Und auch Mitläufer gibt es 
wie bei jeder richtigen Sekte. Auf jeden Arzt — 
von den Laien gar nicht zu reden —, der recht- 
gläubig und anerkannt ist, kommt mindestens ein 
Dutzend, das sich aus dem Ganzen nur ein paar 
Teile herausgeschält hat: einer lehnt so ziemlich 
alle Schlußfolgerungen ab und bekennt sich trotz- 
dem zu der Methode; manch anderer aber, der 
diese verwirft, meint, an der Lehre selbst müsse 
doch etwas sein. 

Was wird also werden? Freuds Methode wird 
vergehen, weil sie den Untergang aller Wissenschaft 
bedeuten würde: und das wird die Menschheit auf 
die Dauer doch wohl nicht wollen. Gewisse Er- 
kenntnisse aber, die wir nicht der Methode, sondern 
der unmittelbaren psychologischen Begabung ihres 
Schöpfers verdanken, die werden bleiben. Und 
was noch wichtiger ist: bleiben wird die grundsätz- 
liche Einsicht, die vor 40 Jahren immerhin not- 
wendig war, daß es nämlich keine Psychologie 
geben kann, die nicht den ganzen Menschen zu er- 
jassen versucht, und daß man Ziel mit 
einiger Sicherheit immer nur am einzelnen Menschen 
erreicht. 


gutheißen würde. 


dieses 


Krebs als Volkskrankheit. 


Von Orro RICHARD TEUTSCHLAENDER, Heidelberg. 


Wohl keine Krankheit ‚‚passioniert‘‘ die Ge- 
müter so sehr wie die Krebskrankheit. Die Bös- 
artigkeit des Leidens, das oft unter schweren 
Qualen zum Tode führt, seine Häufigkeit sowie 
das geheimnisvolle Dunkel, das nach einer weit- 
verbreiteten Meinung auch heute noch über dem 
Wesen und der Entstehung des liegt 
und das diese Krankheit nur um so unheimlicher 

läßt, rechtfertigen das mit Grausen 
Interesse. Ihre außerordentliche Ver- 
und die Tatsache, daß meist Leute in 
Jahren, also von größtem Wert für die 
erhebt das 


Krebses 


erscheinen 
gepaarte 
breitung 
reiferen 

Gesellschaft, von ihr befallen werden, 
Krebsproblem zu einem der wichtigsten Kapitel 
der Medizin und Volksgesundheitslehre und -pflege. 


Dies wird auch in allen Kulturstaaten erkannt. 
Überall rüstet man zum Kampfe gegen diese 
„Menschheitsgeißel‘, der auf der ganzen Welt 


alljährlich wohl eine Million Menschen zum Opfe r 
fallen 

Die Ansicht, daß ihr Wesen gänzlich 
im Dunkeln liegt, muß als zu pessimistisch zurück- 
Freilich ist auch dieses Problem 
restlos gelöst. Von welchem 
Problem kann aber eine solche Lösung 
werden? Mir möchte scheinen, daß 
über Krebs mehr als über viele 
Krankheiten wissen: 


noch 


gewiesen werden 


nicht bio- 


anderen 
logischen 
behauptet 
wir gerade den 
andere 

Der Krebs ist ein 
artiges Gewächs, d.h. ein Herd dauernder, zunächst 
örtlich umschriebener Vermehrung abgearteter, so- 
zusagen „wildgewordener‘‘ Körperzellen. Durch 
eine Art Mutation gewissermaßen zu einer neuen 
Zellrasse unterscheiden sich nämlich 


Gewächs, und zwar ein bös- 


geworden, 


die Krebszellen von den normalen Körperzellen 
durch eine ganze Reihe mehr quantitativer als 
qualitativer Abweichungen ihrer Eigenschaften, 
welche sie als körpereigene Parasiten erscheinen 
lassen. 

„Metastrukturell‘, da in einer feineren, mor- 
phologisch zwar nicht faßbaren, aber als logisches 
Postulat erscheinenden Strukturveränderung be- 
besonderen biologischen, 
chemischen und physikalischen Charaktereigen- 
schaften am Krankenbett, im Experiment am 
Tier und in Reinkultur der Krebszellen, in vitro, 
deutlich hervor. 

Das zunächst örtlich beschränkte, 
anderen Organen Kolonien, Metastasen 
bildende Gewächs ist aber nicht die Krebskrank- 
heit, sondern bloß die hervorstechendste Er- 
scheinung dieser krankhaften Veränderung des 
Organismus, durch welche Körperzellen die spezi- 
fische Reaktionsfähigkeit erlangen, Regenerations- 
reize am Ort der Einwirkung nicht nur mit Ersatz 
des Verlustes, sondern mit bösartiger Geschwulst- 
Der Krebsbildungsprozeß 
„allergische‘‘ 


gründet, treten diese 


später ın 


sog. 


bildung zu beantworten. 
kann demnach 
Reaktion eines zur Krebsbildung disponierten Or 
ganismus bezeichnet werden, deren Frucht die Krebs- 
bildung ist. Wir wissen, daß bei dieser Erkrankung 
nicht nur örtliche, celluläre, sondern auch all- 
gemeine Veränderungen des Regulationsapparates, 
insbesondere des Stoffwechsels, eine hervorragende 


als eine spezifische 


Rolle spielen. 

Die in der Krebsbildung zum Ausdruck kom- 
mende Reaktion kann durch sehr verschiedene 
Reize ausgelöst werden und unterscheidet sich von 








ir 
ften 


en 
als 
N, 
en 








Heit 47 ng 
28. Ir. 1930 


allen anderen durch ihre Nachhaltigkeit, indem sie, 
einmal ausgelöst, auch nach Wegfall des äußeren 
Reizfaktors im allgemeinen nicht mehr zum 
Stillstand kommt, wenn der Herd nicht total 
zerstört oder entfernt wird. Die Krebskrankheit 
ist also eine Naturerscheinung ganz besonderer, 
eigener Art. 

Die krankhaften Erscheinungen, welche den 
Patienten zum Arzte führen, sind bloß Folge- 
erscheinungen der Geschwulstbildung, uncharak- 
teristische Organsymptome, hervorgerufen durch 
Verdrängung lebenswichtiger Organe, Verschluß 
von Kanälen, Druck auf Nerven, Zerstörung von 
Gefäßen u. ähnl. durch die wachsende Geschwulst. 
Sind einmal diese Erscheinungen vorhanden, dann 
ist es höchste Zeit, oft bereits zu spät, zur Be- 
handlung, während die eigentliche unkomplizierte 
Krebskrankheit und das Gewächs sich ganz un- 
auffällig zu entwickeln pflegt. Dies ist der Grund, 
weswegen die Krebsbildung meist zu spät zur 
Behandlung kommt. Dies und die Angst vor der 
Wahrheit und dem Messer des Chirurgen, welche 
nur allzu oft den Patienten in die Hände des 
Kurpfuschers treiben, während bei frühzeitiger 
Erkennung des Leidens oft unblutige Behandlung 
genügt, eine völlige Heilung zu erzielen. Früh 
genug sachgemäß behandelt, ist nämlich Krebs durch- 
aus und dauernd heilbar. 


Und nun, nach dieser allgemeinen Orientierung, 
zum eigentlichen Thema: Krebs als Volkskrankheit, 
das heißt als Massenerscheinung. 

Welche Bedeutung hat sie? Wodurch wird sie 
bedingt? Nimmt sie zu oder nicht? und wie ist 
ihr zu begegnen? 

Welche Bedeutung diese Krankheit für Deutsch- 
land hat, mögen einige Zahlen dartun: Im ganzen 
Reich werden alljährlich etwa 70 000 Krebstodes- 
fälle gemeldet. 1928 verzeichnete die amtliche 
Statistik 67 200 Fälle. Da die Gesamtmortalität 
(einschl. der Säuglings- und Kindersterblichkeit) 
769 588 betrug, ginge also fast jeder zehnte 
Deutsche (der stirbt) an Krebs zugrunde. Unter 
uns 66 000 000 Lebenden wäre jedem Tausendsten 
und von den über Vierzigjährigen jedem Zehnten 
dies traurige Los beschieden. 

Mortalität ist aber keineswegs gleichbedeutend 
mit Morbidität! Nicht alle Krebskranken sterben 
im Jahre des Ausbruchs des Leidens und mehr als 
gemeiniglich bekannt z.B. 92% mancher Haut- 
, werden dauernd geheilt. Die Krebs- 
morbidität ist also unvergleichlich viel größer als 
dies in der Mortalitätsstatistik zum Ausdruck kommt; 
diese gibt nur einen Bruchteil aller Krebsfälle 
wieder. Solange keine ärztliche Anzeigepflicht 
für Krebs besteht, werden wir über seine wahre 
Häufigkeit keine klare Vorstellung haben. Wir 
sind daher auf Schätzungen angewiesen. Ich glaube 
aber, ohne Furcht, zu übertreiben, die Zahl der 
Krebskranken auf mindestens I00— 120 000 im 
Jahre schätzen zu dürfen. Lazarus schätzt die 
\lorbidität nach einschlägigen Beobachtungen in 


krebse! 


TEUTSCHLAENDER: Krebs als Volkskrankheit. 995 


den allgemeinen Krebsanstalten sogar auf etwa 
3mal so hoch als die Mortalität. Dies wären 
jährlich etwa 200000 Krebserkrankungen und 
Krebskranke in Deutschland. 

Dabei wird bei uns, wie fast in allen Staaten, 
eine fortschreitende Zunahme der Krebssterblichkeit 
festgestellt. Die mittlere Zunahme betrug ‚,in 
den vier europäischen Großstädten Wien, Berlin, 
London, Paris während der ersten 20 Jahre dieses 
Jahrhunderts 39%‘. Bei so anhaltender Zunahme 
dürfte sich bis 1951 die Krebstodesziffer, 1900 
gegenüber, weiter verdoppelt haben, wie sie sich 
in London, das die älteste Statistik besitzt, in den 
Jahren 1851—1900 von 420 auf 850 auch ver- 
doppelt hat. Dies bedeutet mit der Zeit eine 
ganz ungeheuerliche geometrische Progression, 
wie man von dem einen Weizenkorn, das auf 
jedes Schachbrettfeld je verdoppelt in Anrechnung 
gebracht werden sollte, weiß. ScHMitz stellt auf 
Grund seiner Düsseldorfer Krebsstatistik die Zu- 
nahme als Parabel dar. Die Krebsmortalität 
wächst nach seiner Ausdrucksweise ,,ohne Sprünge, 
aber mit parabolischer Genauigkeit‘. 

Bei aller Skepsis bezüglich des Wertes der 
Statistik im allgemeinen haben wir meines Er- 
achtens keinen Grund, aus dem Ansteigen der 
Mortalität nicht auch eine progressive Zunahme 
der Krebskrankheit anzunehmen, die nach An- 
sicht mancher erschreckende Aussichten eröffnet, 
wenn den Dingen ihr Lauf gelassen wird. 

Man hat versucht, eine echte Zunahme des 
Krebses zu leugnen. Die Zunahme sei bloß schein- 
bar, der Ausdruck der besseren Erkennung und 
Erfassung der Krebsfalle. Wohl mag dies die 
statistische Zunahme der Krebsbildungen der 
inneren Organe zum Teil erklären; nicht aber 
das gleichzeitige Ansteigen der Sterblichkeit an 
Haut-, Mund- und Brustkrebs, die heute kaum 
besser diagnostiziert und erfaßt werden als früher, 
dagegen besonders oft geheilt werden, also der 
Mortalitätsstatistik heute noch öfter entgehen 
als früher. Dies kann, da weder die Allgemein- 
mortalität noch die Bevölkerungszahl, noch auch 
die Überalterung im gleichen Maße gestiegen ist, 
kaum anders denn im Sinne einer Zunahme der 
Krebsbildungen gedeutet werden. 

Daß gewisse Krebsbildungen im Zunehmen 
begriffen sind, unterliegt gar keinem Zweifel. 
So kennen wir heute eine ganze Reihe von durch 
berufliche Schädigungen bedingten Krebsbildun- 
gen, die es noch vor kurzem gar nicht gab, da für 
sie die Voraussetzung fehlte: 10 Jahre nach Ein- 
führung der Braunkohlenindustrie in Deutsch- 
land, 1873, entdeckte VoLKMANN die bis dahin 
unbekannten Krebsbildungen bei Paraffin- und 
Teerarbeitern. 1902, 7 Jahre nach Entdeckung 
der Röntgenstrahlen (1895), werden die ersten 
Hautkrebse bei Röntgentechnikern beobachtet, 
bald darauf, der späteren Anwendung dieser 
Strahlen in der Medizin entsprechend, auch bei 
Röntgenärzten und -laboranten. Diese Beispiele 
mögen genügen. Heute besitzen wir, trotzdem 





996 TEUTSCHLAENDER: 
viele Fälle verschwiegen werden, eine große 
Literatur über einschlägige Krebsbildungen, Be- 
Produkte der Neuzeit 


rufskrebse und andere, die 


sind. 

Als Todeskrankheit steht die Krebskrankheit 
schon heute im Begrif/, der Tuberkulose den Rang 
abzulaufen 

Dank der gegen sie gerichteten Maßnahmen 
wird bei der Tuberkulose nämlich, ziemlich all- 
gemein, ein Absturz der Sterblichkeit verzeichnet. 
Besonders deutlich zeigt sich dieses gegensätzliche 
Verhalten von Krebs und Tuberkulose auch hier, 
in Königsberg: gibt doch der städtische Jahres- 
bericht 1926 auf 3972 Todesfälle bloß 333 an 
Tuberkulose, dagegen 543 an Krebs, d. i. 84: 137 % 
an. Damit ist die Krebskrankheit in der Mortalitäts- 
statistik zur dominierenden Krankheit unseres V olks- 
körpers, zur „Volkskrankheit‘‘ geworden. 

Ihre ökonomische Bedeutung geht aus folgenden 
Zahlen hervor: Der alljährliche ökonomische Ver- 
lust, den in den Vereinigten Staaten die etwa 
300 000 Krebsopfer bedingen, wird auf !/, Billion 
Dollar geschätzt. Für die fünfmal kleinere Zahl 
der Krebstodesfälle Deutschlands entspräche dies 
einem jährlichen Verlust von 50 Milliarden RM. 


Die Krebsinvaliditätszahlen und damit die 
Fürsorgeleistungen wachsen von Jahr zu Jahre 
noch schneller als die Zunahme der Mortalität: 


In bloß 2 Jahren ist in Berlin die Invalidisierung 
wegen Krebs von 62 auf 100 gestiegen! 

Diese Tatsachen mögen genügen! Das Volk 
darf dem Existenzkampf, den uns die tückische 
Krankheit aufzwingt, nicht mehr rein passiv zu- 
schauen. Sie muß auch in dem Sinne zur ,, Volks- 
krankheit‘‘ werden, daß Volk in ihr seinen 
ärgsten Feind sieht, der mit allen Mitteln zu be- 
kämpfen ist und auch bekämpft werden kann, 
wenn auch nicht so leicht, wie dies für die Tuber- 
kulose mit so ausgezeichnetem Erfolg geschehen ist. 


das 


Die Bekämpfung besteht einerseits in der Be- 
kämpfung der fertigen Krankheit, Therapie, anderer- 
seits in der Bekämpfung der Krebsentstehung, der 
Krebsverhütung 

Die Therapie ist Sache Arztes und 
Patienten, nur soweit sie Fürsorgeangelegenheit 
wird, Sache der Allgemeinheit; gehört daher nicht 
zu unserem Thema wie die Krebsverhütung oder 
Prophylaxe. Diese ist, soweit sie den Krebs als 
Massenerscheinung, als Volkskrankheit betrifft, 
eine Angelegenheit der gesamten Nation. 

Voraussetzung für eine erfolgreiche Prophylaxe 
ist möglichst genaue Kenntnis der Ursachen der zu 
bekämpfenden Krankheit. 

Über die Ursachen der Krebsentstehung sind wir 
auf Grund der Erfahrungen an Menschen und der 
in biologisch-ursächlichen Fragen wissenschaftlich 
noch wertvolleren Ergebnisse der experimentellen 
Forschung recht gut unterrichtet. 

Bei der Krebsbildung wirken, wie bei jeder 


des des 


anderen biologischen Reaktion, drei gleichwertige 


Faktoren zusammen: 


Krebs als Volkskrankheit. 





Die Natur- 
wissenschaften 


1. ein auf wucherungsfähige Zellen wirkender 
Regenerationsreiz, verursacht durch einen von 
außen her einwirkenden oder aber im Körper selbst 
entstehenden Faktor, das Agens, das entweder 
unbelebt, physikalischer oder chemischer Natur, 
oder aber belebt, ein höherer Parasit oder ein 
Mikroorganismen sein kann; 

2. die (lokale und eine allgemeine) Bereitschaft 
oder Disposition des betreffenden Organismus, welche 
diesen, das ,, Reagens‘‘, befähigt, den Reiz in beson- 
derer Weise mit einer Krebsbildung zu beantworten ; 

3. falls die Disposition noch nicht reif ist, 
eine genügende Exposition, d. h. Gelegenheit zu 
genügend langer Einwirkung des Reizfaktors auf 
den Organismus, des ,,Agens‘‘, auf das ,,Reagens“. 

Alle 3 Momente müssen vorhanden sein, aber 
ihre Größe bzw. ihre Eignung kann variieren. Je 
größer bzw. geeigneter eines, desto geringer können 
die anderen So erklärt sich die Tatsache, 
daß die Krebsbildung bald mehr als Ausdruck 
einer besonderen erworbenen oder ererbten Kon- 
stitution, bald als durch bestimmte Umwelt- 
faktoren bzw. die Lebensweise bedingt erscheint. 

In Teerexperimenten z. B. tritt die Bedeutung 
der Disposition insofern zurück, als kaum eine (lang 
genug mit Teer gepinselte) Maus diesen äußeren 
Reiz nicht mit Krebsbildung beantwortet. Diese 


sein. 


Resultate beweisen die bereits vor 150 Jahren 
von dem Engländer PercıvaL Port erkannte 


Notwendigkeit eines exogenen Agens. Die Tat- 
sache, daß der Erfolg der Teerwirkung in der 
Regel nur bei längerdauernder Pinselung eintritt, 
läßt auch die Bedeutung der genügenden Ex- 
position erkennen. Beim Menschen scheint eine 
mehrjährige Einwirkung nötig zu sein. Gewisse 
„relativ-spezifische‘‘ Agentien chemischer, physi- 
kalischer, parasitärer Natur wie der Teer oder ge- 
wisse höhere Parasiten, scheinen zur indirekten 
Krebserzeugung besonders geeignet. Im 
satz zu „banalen‘‘ Reizen vermögen sie in einem 
vorher normalen Organismus auch die nötige 
Disposition zu schaffen. Ist dagegen die Bereit- 
schaft sehr groß, so kann zweifellos jeder be- 
liebige ,,banale‘‘ Reiz Krebsentstehung ,,auslésen“‘. 
Eine einmalige Verletzung, ein Schlag, eine Ver- 
brennung (Fall von Bang), ja sogar physiologische 
Reize wie die Sonnenstrahlen, die zum Leben un- 
entbehrlich sind, können bei besonders Disponier- 
ten Krebs erzeugen! Solche Fälle sind aber Aus- 
nahmen und bestätigen als solche die Regel, daß 
der Krebs nur auf einem vorbereiteten Boden ent- 
stehen kann. Diese Bereitschaft kann von Haus 
aus vorhanden, ererbt sein oder muß, falls dies 


Gegen- 


nicht bereits geschehen ist, durch einen länger 
dauernden Reizzustand erworben werden. 
Das spezifische Moment kommt nicht von 


außen, ist nicht das variable Agens, sondern liegt 
oder entsteht im Körper selbst, ist endogen. 


Hier interessieren uns mehr die Momente, 


welche das Massenauftreten oder gar eine Zunahme 
der Volkskrankheit 


1 


ainpen 


bedingen oder auch nur be- 
könnten. 








fen 


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Heit 47/48/49. 
28. 11. 1930 | 


Nicht alle zur Erklärung der Massenerscheinung 
herangezogenen Momente halten einer kritischen 
Beobachtung stand. So die zunächst naheliegende 
Annahme der Weiterverbreitung durch Ansteckung 
oder Vererbung. 

Diejenigen, welche immer noch an den angeb- 
lich so oft entdeckten, aber nie bestätigten Krebs- 
erreger glauben, werden an eine epidemische Aus- 
breitung durch Ansteckung denken. Alles spricht 
aber gegen eine spezifische Infektionskrankheit, 
und eine Ansteckung durch Krebskranke gibt es 
nicht! Durch direkte operative Übertragung von 
Geschwulstmaterial kann Krebs zwar ‚‚über- 
tragen‘‘ werden, aber das hat mit ‚Ansteckung‘ 
im Sinne der Infektionskrankheiten nichts zu tun 
und kommt unter gewöhnlichen Verhältnissen 
kaum vor! Der Krebskranke bedeutet also keine 
besondere Gefahr für seine Umgebung! Größte 
Reinlichkeit ist aber trotzdem auch bei der Pflege 
Krebskranker geboten! Eine eigentliche Bekämp- 
fung der Krebskrankheit ist, da es keine einheit- 
liche Krebsursache gibt, im Gegensatz zu den In- 
fektionskrankheiten nicht möglich! 

Die viel gefürchtete Vererbung kommt zwar als 
direkte Übertragung der Krebsdisposition mit der 
Erbmasse vor, ist aber beim Menschen nur verhält- 
nismäßig selten einwandfrei nachweisbar und spielt 
bei uns auch zweifellos keine so große Rolle wie 
z.B. in gewissen besonders gezüchteten Mäuse- 
stämmen. Als Ursache einer Massenzunahme der 
Krebsbildungen kommt sie kaum in Frage. Vor- 
sicht in der Gattenwahl, Eugenik, Vermeidung von 
Heiraten zwischen Belasteten wäre immerhin zu 
empfehlen. 

Statistische Untersuchungen sprächen nach 
NICEFORO zwar dafür, daß die nordische und die 
alpine Rasse mehr zu Krebsbildung disponieren 
als die mediterrane, und nach einer Weltstatistik, 
in. welcher HoFFMANN die Krebsmortalität der 
Jahre 1908— 1912, darunter auch zahlreiche süd- 
amerikanische, vergleicht, stehen die nordisch 
und die nordisch gemischt zusammengesetzten 
Staaten an erster Stelle. 

An erster Stelle die Schweiz. Dann folgen 
Holland, Schottland, Schweden, England und 
Wales, Norwegen und an siebenter Stelle Deutsch- 
land. Diese Länder sind aber nicht nur der Wohn- 
sitz der nordischen Rasse, sondern gleichzeitig mit 
die ,,fortschrittlichsten Länder‘‘, in denen ärztliche 
Diagnostik und Statistik am höchsten entwickelt 
ind. Letzteres erklärt, auch ohne Zuhilfenahme 
ler Vererbung und KRassenzusammensetzung, 
venigstens zum Teil den betrüblichen Vorrang 
ler genannten Kulturstaaten. 

Mit dieser Feststellung haben wir bereits den 
eroßen Faktor berührt, der an sich schon eine 
Massenzunahme zu erklären vermag, ja uns eine 
Zunahme zahlreicher Krebsbildungen geradezu als 
ogisches Postulat nahelegt, ich meine die Ent- 
wicklung unserer Kultur. 

Die zunehmende Überalterung der Kultur- 
völker ist auch bei uns mit ein wesentlicher Grund 


TEUTSCHLAENDER: Krebs als Volkskrankheit. 997 


der Krebszunahme. Dies geht aus dem Parallelis- 
mus des Krebsansteigens mit dem Überhand- 
nehmen anderer Alters- oder Nachkrankheiten 
(Krankheiten der Kreislauforgane, die als Folge 
anderer krankhaften Zustände auftreten, Gehirn- 
schlag) unzweideutig hervor. Daß mit der ,,zu- 
nehmend stärkeren Besetzung der höheren Alters- 
klassen‘‘ auch die Mortalität an Krebs steigen 
muß, ist klar. Dies ist nur die statistische Be- 
stätigung der bekannten Tatsache, daß der Krebs 
vorwiegend in der zweiten Lebenshälfte aufzu- 
treten pflegt, also auch zu den Alterskrankheiten 
gehört. 

Wenn aber daraus geschlossen wird: nicht 
der Krebs, sondern bloß die Zahl der alten Leute, 
also gewissermaßen bloß das Terrain hat zugenom- 
men, die Krebszunahme ist nur ein Phänomen 
dieser „senotropen Tendenz‘‘ der Kulturvölker, 
so scheint mir doch manches für ein tatsächliches 
Überhandnehmen der Krebsursachen durch unser 
Kulturleben zu sprechen: einerseits die Zunahme 
einer ganzen Reihe ätiologischer Faktoren in 
unserem Kulturleben, die mit der Zunahme der 
älteren Jahrgänge der Bevölkerung nichts zu tun 
hat, andererseits die Tatsache, daß wir heute eine 
immer mehr zunehmende Reihe von Krebsbil- 
dungen kennen, die nur dem Fortschreiten der 
kulturellen Entwicklung ihre Entstehung ver- 
danken und deswegen geradezu als ‚„Kulturkrebse‘‘ 
bezeichnet werden können. 

Die fortschreitende Kulturentwicklung mit 
ihrer Entfernung von der Natur in Lebensweise 
und Sitten, durch berufliche Einspannung und 
fortschreitende Industrialisierung, bringt zweifellos 
ein vermehrtes Zusammentreffen aller drei krebs- 
ätiologischen Faktoren mit sich. 

Die noch kein Jahrhundert alte Teer- und Far- 
benindustrie, deren gewaltige Fortschritte wir alle 
bewundern, z. B. erzeugt tagtäglich neue Produkte, 
die zum Teil krebserregende Eigenschaften be- 
sitzen. Die Industrie bringt auch die Gelegenheit 
zur genügenden Einwirkung derselben, eine gerade- 
zu experimentwertige berufliche Exposition mit 
sich, die ihrerseits eine vorzeitige Disposition 
im Gefolge hat, wie sie physiologischerweise nur 
im Alter erworben wird. 

Die unzweckmäßige Ernährung der Kultur- 
völker vermag einerseits durch direkte Reizwirkung 
auf die Schleimhaut der Verdauungswege, anderer- 
seits aber indirekt auf dem Wege über Vergiftungs- 
und Stoffwechselstörungen disponierend zu wirken. 

Auch die hochgradige Verstaubung der At- 
mosphäre und gasförmige Beimischungen (wie 
\utomobilgase, Teerstaub u. a.), künstliche, zum 
Teil arsenhaltige Bei- und Düngemittel der Land- 
wirtschaft könnten eine Rolle bei der Zunahme, 
insbesondere der Lungenkrebse spielen. 

Als typische Kulturkrebsbildungen sind zu- 
nächst die immer zahlreicher werdenden Berufs- 
krebsarten zu bezeichnen. Außer den bereits ge- 
nannten Röntgen- und Paraffinkrebsen kennen wir 
berufliche Hautkrebse bei Radiumtechnikern, fer- 





998 TEUTSCHLAENDER: 


ner durch Arsenik, durch Schmieröl verursachte 
Krebsbildungen in Petroleumraffinerien, bei Kreo- 
sotarbeitern und in Teerdestillerien, die durch 
Pechstaub erzeugten Carcinome der Pechverlader, 
bei Brikettfabrikarbeitern und Brikettheizern der 
Eisenbahn und Marine u. a. Aber auch Krebs- 
bildungen innerer Organe verdanken der beruf- 
lichen Tätigkeit ihre Entstehung. So die häufigen 
Harnblasenkrebse der Farbenindustrie und der 
Tuchfärber und der Lungenkrebs der Schneeberger 
Bergleute im Sächsischen Erzgebirge, dem früher 
bis 75 % der Belegschaft zum Opfer fielen, der aber 
infolge Schließung der emanationshaltigen Kobalt- 
Arsengruben bald nur noch historisches Interesse 
haben wird. 

Außer den zahlreichen Berufskrebsen gibt es 
aber auch andere Kulturkrebse: so infolge chroni- 


schen Arsengebrauchs und nach unsachgemäßer 
Röntgenbestrahlung zu Heilzwecken. Zum min- 
desten gehört hierher auch ein Teil der Krebs- 


bildungen des Verdauungskanals, insbesondere des 
Magens, die bei uns in bezug auf Häufigkeit an 
der Spitze aller Krebsbildungen stehen, beim Tier 
dagegen so gut wie nicht vorkommen und bei 
wilden Völkern selten sind. Heißes und gewürztes 


Essen, Reiz- und Genußmittel, Rauchen usw. 
werden wohl mit Recht dafür im Sinne einer 
direkten Reizwirkung oder indirekt über In- 
toxikation dafür verantwortlich gemacht Daß 


auch die vitaminarme und sonstige naturwidrige 
Ernährung bei der Krebsbildung eine disponierende 
Rolle spielen könnte, ist längst von ärztlicher Seite 
vermutet und zum Teil bereits experimentell 
wahrscheinlich gemacht 

Auch die außerordentliche Häufigkeit 
Krebsbildungen bei Haustieren, und zwar beson- 
ders bei solchen (Hund und Huhn), die durch ihr 
Verhältnis zum Menschen gezwungen 
sind, seine anormale Lebensweise zu teilen, kann 
geradezu als Beweis für die Bedeutung der Kultur 
(Domestikation), insbesondere der naturwidrigen 
Ernährung hingestellt werden Die im gleichen 
Sinne sprechenden Angaben älterer Kolonialärzte, 
daß früher z. B. in Marokko und Algier und bei den 
Basutos Krebs sehr während 
er jetzt daselbst kaum weniger häufig ist als in 
Europa, und daß die Krebsbildungen im Inneren 
Afrikas viel seltener seien als an der Küste, können 
leider heute nicht mehr auf ihre Richtigkeit nach- 
geprüft werden 

Der Einfluß der und 
Sitten geht auch aus dem unterschiedlichen Ver- 
halten verschiedener Völker und der Anhänger 
verschiedener Religionen in bezug auf 
Krebslokalisationen hervor. So stellt bei 
Hindus der Krebs des männlichen Gliedes 
aller bei ihnen überhaupt vorkommenden Krebs- 
fälle dar, während den Mohammedaner in Indien die 
rituelle Beschneidung einen Schutz gegen diesen 
Krebs verleiht. Bei den Hindufrauen ist Krebs 


von 


intimeres 


selten gewesen sei, 


Lebensgewohnheiten 


gewisse 
den 


20 % 


derMundschleimhaut auBerordentlich haufig, 38mal 
haufiger als bei den Englanderinnen. Dies wird mit 


Krebs als Volkskrankheit. 





Die Natur- 
wissenschaften 


dem gewohnheitsgemäßen Kauen der Betelnuß in 
Zusammenhang gebracht. — Der in Japan sehr 
verbreitete Speiseröhrenkrebs der Reisschnaps- 
„sake‘‘-Trinker hat sein Gegenstück in der Fest- 
stellung des Magenarztes Boas, nach welchem 
bei uns 40% aller Fälle von Speiseröhrenkrebs bei 
Schnapstrinkern vorkommen. — Der bloß in 
Kaschmir und den kalten Gegenden Japans beob- 
achtete Krebs der Bauchhaut ist auf die Verwen- 
dung sog. Bauchwärmer (Kohlenbecken) und die sie 
hervorgerufenen Verbrennungen zurückzuführen. 

Das gegensätzliche Verhalten der Tuberkulose- 
und Krebssterblichkeit scheint auf einen Zusam- 
menhang zwischen beiden hinzuweisen in dem Sinn, 
daß infolge der zum Teil durch die erfolgreiche 
kulturelle Großtat der Eindämmung der Tuber- 
kulose die Gelegenheit zur Krebsbildung häufiger 
gegeben ist. Eine wirkliche Zunahme mancher 
Krebsbildungen ist also als Folge der Kulturent- 
wicklung nicht von der Hand zu weisen und wird 
durch eine der Glanzleistungen unserer Kultur 
geradezu mitbegünstigt. 

Mag nach dem Gesagten auch ein Körnchen 
Wahrheit in der Behauptung des Bankiers AME- 
RONGEN enthalten sein, der in einem weitverbrei- 
teten Flugblatt den Konservengebrauch für die 
Häufigkeit des Krebses verantwortlich macht, so 
schlägt es doch den Tatsachen ins Gesicht, wenn 
er ,, TELLIER, den Vater der Kälteindustrie, auch 
zu gleicher Zeit den Vater der Krebskrankheit“ 


und den 1873 verstorbenen ,,LIEBIG, den Vater 
der chemischen Ernährung, hierin seinen Ge- 
nossen‘‘ nennt. Der Krebs wird nämlich bereits 


in dem 2000 Jahre v. Chr. erschienenen indischen 


Werke ,,Ramajana“, in den Papyros EBERs 
(1500 v. Chr.) sowie in einer assyrischen Keil- 
inschrift der Bibliothek von Ninive (aus dem 


Jahre 800 v. Chr.) erwähnt! 

Scheint die Zivilisation und Kultur der Krebs- 
krankheit in mancher Beziehung Vorschub zu 
leisten, so geht es doch nicht an, den Krebs ganz 
allgemein als ,,Kulturkrankheit zu bezeichnen 


Wenn darunter verstanden wird, der Krebs sei 
eine erst durch die höhere Zivilisation hervor- 
gerufene, bloß auf die zivilisierten Völker und 


domestizierten Tiere beschränkte Naturerschei- 
nung, so ist dies zweifellos falsch: kommen doch 
bösartige Gewächsbildungen nicht nur bei Men- 
schen jeder Kulturstufe und Lebensweise und aller 
Rassen, sondern domestizierten, in 
Gefangenschaft und wild lebenden Tieren, sogar bei 
Hochseefischen zur Beobachtung, ja ein ameri- 
kanischer Autor behauptet, daß auch bei einem 
fossilen Saurier Veränderungen festgestellt seien, 
die nach ihm darauf hinweisen, daß der Krebs 
bereits vor Jahrmillionen existierte, also viel älter 
Menschengeschlecht und die Zivili- 
sation. — Auch hier ganz in der Nähe haben wir 
einen Beweis dafür, daß die uns interessierende 
Naturerscheinung nicht an die Kultur gebunden 
ist: Bei den Fischern am Kurischen Haff kommt 
ein besonderer Leberkrebs endemisch vor. Dieser 


ebenso bei 


sei als das 








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Heft m GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 999 


28. ı1. 1930 


Krebs verdankt seine Entstehung geradezu einer 
kulturwidrigen Unsitte der Fischer, die oft finnen- 
haltigen Fische roh zu verzehren. Auf diese Weise 
infizieren sie sich mit einer Art Egel (Opisthorchis 
felineus), der sich in den Gallengängen festsetzt und 
nun indirekt über Leberverhärtung Leberkrebs 
erzeugt. Auch die durch einen anderen Wurm, 
die Bilharzia, hervorgerufene Häufigkeit der Harn- 
blasenkrebse in Ägypten, die in den Kranken- 
häusern Kairos 5mal häufiger sein sollen als in 
London, sind wohl so alt, wie das Nildelta bewohnt 
ist. In den Bewässerungsgräben Unterägyptens 
hält sich nämlich die Trematode auf, deren Em- 
bryonen, die Miracidien, mit dem Trinkwasser auf- 
genommen werden oder indirekt durch die Haut 
in die Blutgefäße eindringen, um sich dann in 
der Harnblase festzusetzen. 

Die Krebskrankheit ist also nicht erst durch die 
Kultur entstanden. Diese scheint nur die Zunahme 
des Krebses zu begünstigen. Aber auch die Zunahme 
ist keine notwendige Begleiterscheinung der Kul- 
tur, sind wir doch heute schon in der Lage, manche 
Krebsbildungen zu verhüten. Dies ist zum Teil 
sehr leicht: Es genügt z. B., daß die Fischer die 
Fische garkochen, um dem Leberkrebs am Kuri- 
schen Haff seine ursächliche Grundlage zu ent- 
ziehen. Durch ein Verfahren, welches die Bildung 
von Pechstaub in den Brikettfabriken ausschließt, 
kann der Brikettarbeiterkrebs verhütet werden. 
Gewissermaßen durch Erlaß, die Schließung der 
Schneeberger Gruben bestimmend, ist die ursäch- 
liche Berufsexposition der seit Jahrhunderten be- 
kannten Schneeberger Bergkrankheit aus der Welt 
geschafft. Durch Befristung der Anstellung in den 
Farbwerken und Abdichtung der Apparatur können 
die Harnblasenkrebse vermieden werden, durch 


verbesserten Schutz die Röntgencarcinome. Be- 
sonders auf dem Gebiete der Gewerbehygiene sind 
bereits anerkennenswerte Erfolge in der Krebs- 
prophylaxe erzielt worden. Es wird aber wohl nie 
gelingen, den Krebs bloß durch hygienische MaB- 
nahmen gänzlich auszurotten; denn die äußeren 
Ursachen sind zu zahlreich und verschieden und 
die Vorbedingungen zu oft erfüllt. Die Hoffnung 
ist aber berechtigt, daß es durch prophylaktische 
Maßnahmen gegen ‚präcanceröse‘‘ Krankheiten 
und Zustände, durch Belehrung, Mahnung zur 
Reinlichkeit, wahre Hygiene in der Ernährung, 
Lebensweise und Eugenik einerseits, frühzeitige 
Behandlung und Heilung der als ‚Vorkrank- 
heiten‘‘ bekannten, oft den Patienten nur wenig 
störenden pathologischen Erscheinungen anderer- 
seits gelingt, die Zahl der Krebskranken noch weiter 
zu vermindern und damit schweres Leiden, Siech- 
tum und Verluste meist gerade auf der Höhe ihrer 
Wirksamkeit stehender Mitmenschen zu verhüten. 
Krebs verhüten ist noch besser, oft auch leichter, 
als Krebs heilen. 

Erst wenn es gelingt, eine einfache und zu- 
verlässige, etwa serologische Methode zu finden, 
die gestattet, die Krebskrankheit vielleicht sogar 
schon vor der Gewächsbildung zu diagnostizieren 
und damit auch versteckte oder latente Krebs- 
bildung sicher zu erkennen, so daß man jedem 
40-jährigen zumuten kann, sich damit alljährlich 
mindestens einmal auf seinen Gesundheitszustand 
prüfen zu lassen, erst dann werden unsere Be- 
kämpfungsmaßnahmen vollen Erfolg haben kön- 
nen und werden wir eine fühlbare Abnahme der 
Krebsmortalität und -morbidität verzeichnen 
können. Dann wird der Krebs als Volkskrank- 
heit seine Schrecken verlieren. 


Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 


Von V.M. GoLpDscHMIDT, Göttingen. 


Eine Untersuchung über die relative Häufigkeit 
der verschiedenen chemischen Elemente beginnt 
zweckmäßig zunächst mit dem Gesteinsmaterial, 
das uns an der Erdoberfläche unmittelbar zu- 
gänglich ist. Über die chemische Zusammen- 
setzung dieses Gesteinsmaterials sind wir wohl 
unterrichtet. Einerseits liegt durch F. W. CLARK! 
und H. S. WASHINGTON eine Durchschnittsberech- 
nung aus etwa 5000 Analysen unzersetzter Eruptiv- 
gesteine vor. Bei einer solchen Zusammenstellung 
könnte allerdings bezweifelt werden, ob sie wirklich 
die Durchschnittszusammensetzung der festen 
Erdrinde zutreffend darstellt, da ja die Gesteins- 
körper nicht nach Maßgabe ihrer Größe berück- 
sichtigt werden, sondern nur gemäß der Anzahl 
vorliegender Analysen, die sich großenteils auf 
seltenere Gesteinstypen beziehen. Wenn man die 
Möglichkeit hätte, von einem großen Gebiete der 
Erdoberfläche, bestehend vorwiegend aus krystal- 
linen Gesteinen, eine Durchschnittsprobe zur 
Analyse zu beschaffen, würde dieser mögliche Ein- 
wand entfallen. Eine solche Durchschnittsprobe 


kann man erhalten, wenn man große Proben der 
norwegischen quartären Lehme analysiert, ent- 
nommen an einer großen Anzahl verschiedener 
Fundorte. Die Durchschnittsberechnung aus 81 
vollständig analysierten Proben südnorwegischer 
Lehme ergibt die unter II. angeführten Zahlen. Man 
erkennt die überraschend genaue Übereinstimmung 
mit jener Berechnung, welche CLARKE und WASHING- 
ron für die Durchschnittszusammensetzung der 
Eruptivgesteine ausgeführt haben. Abweichend 
ist im wesentlichen nur der Gehalt an jenen 
zwei Basen, die durch Wasser am schnellsten aus 
Gesteinsproben ausgelaugt werden, die also in 
den Lehmen schwächer vertreten sein müssen 
als im Durchschnittsmaterial von CLARKEs Ana- 
lysen; es sind dies Kalk und Natron. Es entspricht 
dies vor allem der hydrolytischen Spaltung der 
basischen Plagioklase, wobei deren Tonerde- 
gehalt im Lehm verbleibt, teilweise als freies 
Hydroxyd. 

Die Eruptivgesteine der äußeren Erdrinde be- 
stehen ganz überwiegend aus Sauerstoffverbin- 





1000 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze 








I Il 
Mittlere Zusammensetzung der Mittlere Zusammensetzung 
äußeren Lithosphäre Norwegischer Lehme 
Hauptbestandteile 

SiO, 59,09 Sit de 59,19 
Al, Os, . 15,35 AlO, 16,68 
Fe,( )s FeO 6,88 Fe,( ds FeO 6,96 
MgO 3,49 MgO 3,38 
CaO 5,08 CaO 3,20 
Na,O. 3,84 Na,O . 2,10 
K,O 3,13 K,O 3,74 
H,O 1,14 H,O 3,06 
TiO, 1,05 re 0,80 
P,( ), 0,30 P,O, a ae 0,21 


dungen, insbesondere ausSilikaten des Aluminiums, 
Calciums, Magnesiums, Natriums, Kaliums und 
Eisens. Atomprozentisch beträgt die Sauerstoff- 
menge mehr als 60% der beteiligten Elemente; 
rechnen wir die Volumina der einzelnen Atomarten, 
bzw. Ionenarten für dieselben Gesteine 

beträgt der Anteil des Sauerstoffes mehr als 90 % 
des gesamten von Atomen erfüllten Volumens; 
die äußere Hülle unseres Planeten, die Litho- 
sphäre, ist im wesentlichen eine Packung von negativ 
geladenen Sauerstoffpartikeln, zusammengehalten 
durch das Silicium und die meist relativ kleinen 
positiv geladenen Ionen der metallischen Elemente. 


aus, so 





Gewichts Atom Radius Volum 
prozente prozent: 4 prozente 
() 40,59 02 46 1,32 oI 77 
Ne) | 27,72 21,01 0,39 0,50 
Al 5,13 0,44 0,57 0,70 
Fe 5,01 1,93 0,82 0,68 
Mg 2,09 1,84 0,78 0,56 
Ca 3,63 1,93 1,06 1,48 
Na 2,85 2,66 0,98 1,60 
K 2,60 1,43 1,33 2,14 
i 0,63 0,28 0,64 0,22 
100,01 
Die Zusammensetzung der Lithosphäre kann 
aber nicht dem durchschnittlichen chemischen 


Bestande der gesamten Erde entsprechen. Unter- 
suchungen über die durchschnittliche Dichte der 
Erde, über Geschwindigkeit Erdbeben- 
wellen und der Vergleich mit solchem Gesteins- 
material (Meteoriten), das kosmischen Ursprungs 
ist, lehrt uns, daß die Zusammensetzung des Erd- 
innern verschieden von dem typischen Bestande 
der oberen Lithosphäre sein muß. Wir gelangen 
zu folgender Architektur des Erdballes, der in eine 
Anzahl konzentrischer Schalen geteilt ist, angeord- 
net nach Maßgabe des spezifischen Gewichtes. 
Die verschiedenen chemischen Elemente sind 
nicht gleichmäßig durch ganzen Erdball 


die von 


den 


verteilt, sondern haben sich nach ihıen chemischen 
und 
schieden. 

In Atmosphäre und Hydrosphäre finden wir 
vorzugsweise die atmophilen Elemente, wie Wasser- 


physikalisch-chemischen Eigenschaften ge- 





Die Natur- 
wissenschaften 


und kosmische Häufigkeit der Elemente. 


stoff, Stickstoff, Edelgase. Elemente, die be- 
sonders leicht flüchtig sind oder leicht flüchtige 
Verbindungen bilden. 


D=38 





SSikat hiille 
\ | Eklogitschale 
1200 kin m (kompromerte Silikate) 


\  Qn5S-6 J 
\ Sulfid-Oxya'- Schale 


2900 kim 
\ O=ca8-0/ 
\ ) Metallkern 
\ (Mekeleisen) 
/ 
4 


Fig. 1. Schematischer Querschnitt durch die Erde. 

In der Lithosphäre finden wir vorzugsweise 
die Elemente, welche Ionen vom Bautypus der 
Edelgase liefern und sich durch starke chemische 
Affinität zu Sauerstoff auszeichnen; es sind dies 
etwa Natrium, Calcium, Aluminium, Silicium, 
wir bezeichnen sie als lithophile Elemente. 

In der Sulfid-Oxydschale der Chalkosphäre 
finden wir vorzugsweise solche Elemente ange- 
reichert, die sich einerseits durch starke Affinität 
zu Schwefel auszeichnen, und deren Schwefel- 
verbindungen außerdem in Eisenmonosulfid leicht 
löslich sind. Es handelt sich beispielsweise um 
Kupfer, Silber, Arsen; solche Elemente, welche die 
wichtigsten Bestandteile der sulfidischen Erz- 
minerale sind, wir als chalkophile 
Elemente 

Diejenigen Elemente, welche sich durch ver- 
hältnismäßig geringere Affinität zu Sauerstoff oder 
Schwefel auszeichnen und welche teils in freiem 
Zustande, teils als Eisenverbindungen in geschmol- 


bezeichnen 


zenem Eisen leicht löslich sind, bezeichnen wir 
als siderophile Elemente. Es sind dies u. a. Nickel, 
Rhodium, Platin. 


Endlich kénnen wir als eine fiinfte geochemi- 
sche Gruppe, deren kennzeichnende Eigenschaften 
allerdings erst spat in der geologischen Entwick- 
lungsgeschichte der Erde zur Geltung kamen, 
solche Elemente bezeichnen, die in der lebenden 
organischen Substanz, in der Biosphäre, angerei- 
chert werden, wie Kohlenstoff, Phosphor, Jod, wir 
mögen sie biophile Elemente nennen. 

Die Scheidung in die vier erstgenannten geo- 
chemischen Hauptgruppen von Elementen trat 
bereits bei der ersten Entmischung der schmelz- 
fliissigen Erdkugel in Erscheinung, zu einer Zeit, 
die weit vorden ersten geologischen Uberlieferungen 
der zugänglichen Erdoberfläche liegt, zu einer Zeit, 
die eher der astronomischen als der geologischen 
Zeitrechnung angehört, weit vor den Zeitpunkten, 
dieetwadurchdieradioaktiven Altersbestimmungen 
fixiert werden können. 

Wir können die geochemische Verteilungsweise 
der Elemente in der folgenden Zusammenstellung 
schematisch darstellen. 

















Heft 47/48 ) GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1001 
28. Il. 1930 
Geochemische Zonen. 
Radiale Dicke Dichte ne Wie htigste chemische W ichtigste physikalische ; Welche Gruppe von ‘ 
Kennzeichen Kennzeichen Elementen ist angereichert ? 
Mehrere 0— 0,0015 Atmosphäre Ny, O, Gas Atmophile Elemente 
100 km H,O, CO, 
Edelgase 
o—ıı km etwa I Biosphäre | OrganischeSubstanzen Fest und flüssig, oft in} Biophile Elemente 
und Skelettminerale |kolloidaler Verteilung 
o—ıı km I Hydrosphäre| Ozean und Binnen- Flüssig Atmophile Elemente 
gewässer, Schnee u. Eis (z. T. fest) und gelöste lithophile 
Elemente 
60— 120 km 2,8 Silikate der Gewöhnliche Fest Lithophile Elemente, 
Erdrinde Sifikatgesteine mit Anreicherung der 
Restkrystallisationen 
aus Mutterlaugen 
ı 100 km 3,6—4 Eklogitschale| Silikatgesteine wahr- Fest, sehr dichte Lithophile Elemente, 
scheinlichangereichert | Packungen der Atome| mit Anreicherung der 
an Mg,SiO, (Eklogit-Facies) Frihkrystallisationen 
1700 km 5—6 Sulfid-Oxyd- | Gekennzeichnet durch Fest Chalkophile Elemente 
Schale große Mengen von Sul- 
fiden und Oxyden deı 
Schwermetalle, beson- 
ders des Eisens 
3 500 km 8— 10 Nickeleisen- | Legierung von Eisen Fest Siderophile Elemente 
Kern und Nickel ’teilweisenoch flüssig 
Geochemische Klassifikation der Elemente. 
A B C D I 
Eisen Sulfid Silikat Gashiille Organismen 
Siderophil Chalkophil Lithophil Atmophil Biophil 
Fe, Ni, Co (O)), S, Se, Te O, (S), (P), (H H, N%, C?, (Cl?), J C, H, O,N, P, S, Cl, J 
P, (As), C, (Ge) Fe, (Ni), (Co), Mn? Si, Ti, Zr, Hf, Th He, Ne, A, Kr, X (Ca, Mg, K, Na) 
Pt, Ir, Os? (Pd), Cu, Zn, Cd, Pb F, Ci, Be, J (V, Mn, Fe, Cu) 
Ru, Rh, Mo(W) (Sn?), Ge, (Mo?) B, Al, (Ga), Sc, Y, 
As, Sb, Bi La, Ce 
Ag, Au, Hg Pr, Nd, Sm, Eu, Gd, 
Pd, (Ru?), (Pt) Tb 
Ge, In, Fi Ds, Ho, Er, Tu, Yb, 


Cp 
Li, Na, K, Rb, Os 
Be, Mg, Ca, Sr, Ba 
(Fe), V, Cr, Mn, 
((Ni)) ((Co)) 
Nb, Ta, W, U, Sn 
(C) 

1 Als Cog. 


2 


2 Bei hohen Temperaturen vielleicht siderophil in (Nitriden) 


Diese geochemische Klassifizierung in die vier bei Edelgasen und den unmittelbar vorangehenden 


erstgenannten Hauptgruppen können wir in Be- Elementen. Lithophile Elemente finden wir auf 
ziehung bringen zu der Bauart der betreffenden den absteigenden Zweigen der Atomvolumkurve 
Atomarten bzw. Ionenarten, wie er nach den heuti- edelgasähnliche Ionen), chalkophile Elemente auf 
gen Ansichten im periodischen System der Ele- den aufsteigenden Zweigen der Kurve (edelgas- 
mente zum Ausdruck gelangt, und wie wir sie unähnliche Ionen) 


auch an der Hand der bekannten Atomvolumen- 
kurve veranschaulichen können. Die siderophilen 
Elemente finden sich bei den Minimalwerten der 


Es ist diese Tabelle natürlich nicht derart zu ver- 
stehen, daß ein gegebenes Element beispielsweise 
nur in der Eisenphase gefunden wird, falls es als 


Atomvolumkurve, vor allem unter den Elementen siderophil zu bezeichnen ist, sondern die Einteilung 


mit Ladungsdefekten in den äußeren Elektronen- besagt nur, daß es mit der relativ größten Konzen- 
schalen. Atmophile Elemente finden sich besonders tration in die Eisenphase eintritt. Bei einer großen 
in den Gebieten hoher Atomvolumina, wie etwa Anzahl von Elementen sind die geochemischen 





1002 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze 


Eigenschaften so ausgeprägt, daß die Konzen- 
tration in einer der Phasen um eine oder mehrere 
Zehnerpotenzen höher ist als in den anderen 
Phasen, beispielsweise ist Silicium in diesem Sinne 
lithophil, Kupfer in diesem Sinne chalkophil. 
Bei manchen Elementen ist die Trennung bei 
dem Verteilungsgleichgewicht keine voll- 
ständige, man beobachtet insbesondere bei 
denjenigen Elementen, welche im periodischen 
System nahe der Grenze zwischen zwei geochemi- 
schen Hauptgruppen stehen. 

In unserer geochemischen Systematik der 
Elemente ‚messen wir die Verteilungsverhältnisse 
im Vergleich zu jenen ist 
Eisen, als vorherrschendes Schwermetall der drei 


so 


dies 


des Eisens; es das 
flüssigen Phasen, unser Bezugselement 

Die Trennung in die genannten vier Haupt- 
gruppen ist der erste wichtige Schritt in der geo- 
chemischen Verteilung der verschiedenen Elemente, 
er bezieht sich auf die Sonderung nach chemischen 
Eigenschaften zwi- 
(Silikatschmelz- 


und physikalisch-chemischen 
schen mehreren flüssigen Phasen 





Die Natur- 
wissenschaften 


und kosmische Häufigkeit der Elemente. [ 


die Minerale der Feldspatfamilie, also Silikate von 
Aluminium, Calcium und Alkalimetallen, ferner die 
Silikate, welche Magnesium und Eisen enthalten, 
zum Teile auch neben Calcium, wie Olivin, Augit, 
Hornblende, die oxydischen Eisenerze, wie Ma- 
gneteisenstein und Titaneisenstein. 

Das Verhalten der selteneren Elemente im 
Silikatschmelzflusse bei diesen Trennungsvor- 
gängen ist vor allem durch eine Beziehung ge- 
regelt, die bei dem ersten großen geochemischen 
Stoffscheidungsvorgange noch nicht in Erschei- 
nung treten konnte, nämlich die Beziehung des 
Krystallbaues zu den Größenverhältnissen der be- 
teiligten Atomarten (oder Ionenarten). Während 
die Verteilung einer Atomart zwischen flüssige 
(oder gasförmige) Phasen durch die physikalisch- 
chemischen Affinitätseigenschaften der betreffen- 
den Atomarten geregelt wird, kommt für das Ein- 
treten in ein bestimmtes Krystallgebäude wesent- 
lich in Betracht, ob das betreffende Atom (oder 
Ion) mit einem Hauptbestandteil des betreffenden 
Krystallgitters in bezug auf Größe so nahe über- 


Oligo- 
Labrador Andesin klas 
> > Kalifeldspat 
A A A a”? a Muskovit 
A A A A a aQuarz 
Gabbromagma > Dioritmagma > Granitmagma > Wässerige Restlaugen 
v vv v v 4 
>» >» >» >» 
Olivin | |Augite Augit Amphibol Amphibol Biotit 
v Y v 
> 
Chromeisen- Titaneisen Magnetit 
stein und Magnetit 
Eisensulfidmagma 


Fig 


fluß, Sulfidschmelzfluß, Eisenschmelzfluß) und 
einer Gasphase, der Uratmosphäre 

Das zweite Stadium geochemischer Trennungs- 
auf die Verteilung der 
der allmählichen Abkühlung der 
die nach und nach Er- 
unter Ausscheidung krystallisierter Pha- 
hat. Uns interessiert in diesem Zu- 
sammenhange insbesondere die weitere Sonderung 
des Silikatschmelzflusses, deren Produkte uns 
an der Erdoberfläche unmittelbar zugänglich sind. 
In der bekannten schematischen Darstellung, 
welche sich an die Darlegungen von N. L. BowEn 
Krystallisation der Gabbro- 


vorgänge bezieht sich 
Elemente 
Schmelzflüsse, 
starrung 
sen geführt 


bei 


zu einer 


über die fraktionierte 
magmen anschließt, ist der Gang dieser Sonderungs- 
vorgänge angedeutet 

Neben einer Ausscheidung sekundär entmisch 
ter Sulfidschmelzflüsse geschieht die Sonderung 
des Silikatmagmas durch fraktionierte Krystalli- 
sation, unter Ausscheidung vor allem der gewöhn- 
Minerale. Es sind dies 


lichen gesteinsbildenden 


Entwicklung magmatischer Gesteine. 


einstimmt, daß es in dasselbe Krystallgebäude 
aufgenommen werden kann. Bereits H. G. GRIMM 
hatte zeigen können, daß die Fähigkeit zur Misch- 
krystallbildung von dem Größenunterschiede der 


Atomabstände in den gleichgebauten Krystall- 
arten abhängt, der wiederum durch den Unter- 
schied der Größen der substituierten Atomarten 


bedingt sein muß 

Die fraktiorierte Krystallisation einer Lösung 
eines Schmelzflusses führt dazu, daß 
alle Atomarten, die in die betreffenden Krystall- 
ausscheidungen nicht aufgenommen werden, in 
der Mutterlauge des Krystallisationsprozesses zu- 
rückbleiben und in dieser Mutterlauge relativ 
angereichert werden, bis ihre Konzentration so weit 
gestiegen ist, daß sie ihre eigenen Krystallarten 
aufbauen können. 

In dieser Weise werden in den Mutterlaugen der 
Silikatmagmen allem Atomarten an- 


oder also 


vor solche 


gereichert, die entweder zu klein oder zu groß sind, 
gewöhnlichen 


um in die Minerale der Silikat- 











Heft 47/48 oT GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1003 


28. 11. 1930 


magmen einzugehen. Es sind dies solche relativ 
kleine Atom- bzw. Ionenarten, wie Beryllium und 
Bor, oder so groBe wie etwa Lanthan, Thorium, 
Uran. Die Anreicherung dieser an sich seltenen 
Atomarten bedingt, daß wir in den Produkten 
magmatischer Mutterlaugen, vor allem in den 
Pegmatitgängen, eine große Anzahl von Mineralen 
finden, welche an anderwärts seltenen Elementen 
sehr reich sind. Nicht alle Stoffe magmatischer 
Mutterlaugen finden sich in den Mineralen der 
Pegmatitgänge wieder, manche werden als Bil- 
dungen aus entweichenden Gasphasen (pneumato- 
lytische Mineralbildung), wieder andere vor- 
zugsweise aus wässerigen Restlösungen (an Magmen 
geknüpfte hydrothermale Erzgänge) ausgeschieden. 

Die folgende Tabelle gibt einige Beispiele von 
kennzeichnenden Elementen dieser drei ver- 
schiedenen Produkte magmatischer Mutterlaugen. 





Typische Elemente und Radikal-lonen aus Mutterlaugen 
der Silikatmagmen 


Hydrothermale 
Mineralbildung 


Mineralbildung aus 


Dass . : 
Pegimatite magmatischen Gasen 


Li, (Cs) Li Ag, Au 
Be (Mn) Cu Zn, Pb, Cu, Ba, 
(Sr), Mn 
B B (B) 


Sc, ¥, ia, Ce Pe Sc, As As, Sb, Bi 
Nd, Sm, Eu, Gd 
Tb, Dy, Ho, Er 


Tu, Yb, Cp 


Ti, Zr, Ce, Hf, Th Sn 
Nb Ta (P) P (Ta) 
Mo (W) U Mo, W (Mo) U 
F, Cl, OH F, Cl, OH F, Cl, OH 
CO, CO, CO, 
(S) S S, Se, Te 


Die fraktionierte Krystallisation der Silikat- 
magmen führt zu Produkten verschiedenen spe- 
zifischen Gewichtes, es äußert sich dies in bezug 
auf die Verteilungsweise der einzelnen Elemente 
besonders auch darin, daß spezifische schwere 
Magmen und spezifisch schwere krystalline Aus- 
scheidungen zum Absinken nach dem Erdinneren 
neigen, spezifisch leichte Restmagmen, wie Syenite 
ind Granite und noch mehr deren wässerige 
Mutterlaugen, dagegen zum Aufsteigen gegen die 
Erdoberfläche hin. Wir finden daher in den aller- 
obersten Teilen der Lithosphäre eine relativ sehr 
starke Anreicherung einer Reihe von chemischen 
Elementen, die in solchen leichten Restmagmen 
und Mutterlaugen angesammelt waren. Deshalb 
sind zum Beispiel die Elemente Uran und Thorium, 
trotz ihres hohen Atomgewichtes und des hohen 
spezifischen Gewichtes ihrer Verbindungen, über- 


wiegend in den allerobersten Teilen der Litho- 
sphäre angereichert worden. 

Andererseits sind gewisse Elemente, die an 
schwere Frühausscheidungen des Silikatmagmas 
geknüpft sind, wie Magnesium, Nickel, Chrom und 
auch Platinmetalle, in den tieferen Teilen der 
Lithosphäre angereichert worden. 

Typische Elemente der Frühkrystallisationen aus Silikatmagmen. 


Cr, Ni, Co, Mg, Ti, Fe, V 


In den Mutterlaugen der Silikatmagmen sind, wie 
oben erwähnt, solche seltenen Elemente vorzugsweise 
stark angereichert worden, die sich durch besonders 
kleine oder besonders große Atomradien von den 
gewöhnlichsten gesteinbildenden Elementen glei- 
cher Valenz unterscheiden. 

Wir beobachten jedoch in den Mutterlaugen 
keine nennenswerten Anreicherungen seltener Ele- 
mente, deren Radien nahe Übereinstimmung mit 
den Radien eines der gewöhnlichen gesteinbildenden 
Elemente gleicher Valenz aufweist. So bewirkt die 
uahe Ubereinstimmung der Radien von Gallium und 
Aluminium, daB sich das Gallium in allen Mineralien 
des weitaus haufigeren Aluminiums findet, es hat 
sich durch die große Ähnlichkeit der Ionengrößen 
darin verborgen; wie bezeichnen solche Fälle als 
Tarnung (Camouflage) von Elementen. Die 
nahe Übereinstimmung der Ionenradien zeigt sich 
in der Übereinstimmung der Gitterdimensionen 
von Aluminium- und Galliumverbindungen. Andere 


Gitterdimensionen von Aluminiumverbindungen und 
von Galliumverbindungen. 


A A 
Al,O, 5,13 &=55°16’ Ga,O, . 5,28 «1=55°35’ 
LaAlO, 3,78 LaGaO, 3,89 
AIP . 5,451 GaP. . 5,436 
AlAs. . 5,628 GaAs . 5,635 
AISb. . 6,091 GaSb . 6,093 


Beispiele sind die Tarnung des Germaniums durch 
Silicium. Einige bekanntere Fälle von Tarnung 
sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt. 
Ähnlichkeit der Ionenradien bei Elementen gleicher Valenz 
Mg 0,78 = 5 


27 Al 0,57 Si 0,39 Zr 0,87 
Ni 0,78 Pb 1,32 


Ga 0,63 Ge 0,44 Hf 0,86 

Auch innerhalb der Gruppe der Elemente der 
Restlösungen beobachteten wir analoge Tarnungs- 
Erscheinungen. So ist das Element Hafnium in 
den Mineralien des Zirkoniums getarnt, in welchen 
es 1923 von HEvEsy und Coster entdeckt worden 
ist. Auf Ähnlichkeit der Ionenradien beruhen auch 
die eigentümlichen und früher ganz unerklärbaren 
\ssoziationsgesetze der seltenen Erdmetalle. So 
findet sich das Yttrium in der Natur stets in 
denselben Mineralien wie die Elemente der Sama- 
rium-Cassiopeiumreihe, die sog. Yttererden, eben 
wegen der Übereinstimmung der Radien, die ins- 
besondere bei Yttrium einerseits, Holmium anderer- 
seits eine so nahe ist, daß beide Elemente in kry- 
stallchemischer Beziehung sich fast identisch ver- 
halten und sogar durch die Hilfsmittel des chemi- 
schen Laboratoriums nur sehr schwer voneinander 





1004 


Ionenradien von Yttrium und dreiwertigen Lanthaniden. 


Gd 1,11 
Tb 1,090 
DE a ee Se 
z+ ee > 
BR ar Weak tae A 
| gitar Sr ers 
Tu en © 8 ew oC eee 
ae oa "a eee 
Cp 0,99 
getrennt werden können. Erst als auf röntgen- 


spektrographischem Wege die Analyse der Mine- 
rale, welche seltene Erdmetalle enthalten, auf die 
einzelnen Elemente dieser Familie ausgedehnt 
werden konnte, und erst als man die Radien der 
betreffenden Ionen durch röntgenkrystallographi- 
sche Messungen bestimmen konnte, gelang es, die 
merkwürdigen Verteilungsweisen dieser Elemente 
auf ein einfaches Prinzip zurückzuführen, auf die 


Ordnung nach Maßgabe der Atomgrößen, ins- 
besondere auch durch die Entdeckung einer 
merkwürdigen Beziehung zwischen den Größen- 
verhältnissen und den Ordnungszahlen dieser 


Elemente, die als Lanthanidenkontraktion bezeich- 
net wird 

Falls unsere Betrachtungen richtig sind, durfte 
es kein Mineral geben, in dem nur ein einzelnes 
Lanthanidenelement, abgesehen von 
Elementen der Lanthaniden- 
allein oder ganz vorherrschend vorkommt, 
denn der natürliche Sortierungsprozeß nach Maß- 
gabe der Atomradien vermag ein solches Element 
nicht den Nachbarlanthaniden abzutrennen. 

Es gab in der Literatur die Angabe, es existiere 
ein Mineral, Sipylit, das wesentlich ein Niobat des 
Lanthanidenelementes Erbium Die Existenz 


dreiwertiges 
den 
reihe 


endstandigen 


von 


sei. 


eines solchen Minerals würde unseren Schluß- 
folgerungen ganz den Boden entziehen. Nach- 
prüfung des Originalmaterials ergab, daß die 


Angabe irrtümlich war, daß nicht Erbium allein, 
sondern ganz gewöhnlicher Lanthaniden- 
bestand zusammen mit der üblichen Yttriummenge 
im Sipylit vorkommt. 

Die krystallchemische Verwandtschaft zweier Ele- 
mente ist eine besonders nahe, wenn die Ionen zweier 
Elemente bei gleicher Ladungszahl und gleichem 
Vorzeichen auch nahezu gleichen Radius aufweisen, 
wie im Falle Gallium-Aluminium, Hafnium-Zirko- 
nium, Holmium-Yttrium. Eine krystallchemische 
Analogie zweier Elemente kann jedoch auch ein- 
treten, wenn zwar die Radien zweier Ionen nahezu 


ein 


Abhnlichkeit der Ionenradien bei Elementen ungle icher 


Valenz. 

I II I II 
Li Mg Na Ca 
0,78 0.78 0,98 1,06 

I II I] III 

Ix Ba Ca Y 
1,33 1,43 1,006 1,00 

111 IV IV \ 
St Zı ri Nb 
0,83 0,87 0,64 0,69 


GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze 





Die Natur- 
wissenschaften 


und kosmische Häufigkeit der Elemente. 


gleich, und die Vorzeichen der elektrischen Ladun- 
gen gleich sind, die absoluten Werte der Ladungen 
aber verschieden. Unsere Tabelle zeigt einige 
charakteristische Fälle solcher Übereinstimmung 
der Ionengröße bei Ionen verschiedener Ladungen. 
Daneben zeigen wir einige einfache Fälle von 
Isomorphie, in denen Elemente ungleicher Valenz 
einander vertreten, bei naher Übereinstimmung 
der Gittergrößen. 


GER .. +. 8 3,80 A 
Wo 5 5 _ 3,67 .» 
LaAlO,. . . . a 3,78 . 
NaNbO, . . . a 3,89 ,, 


Es ist dies ganz analog den Grimmschen Misch- 
krystallen von Alkalipermanganat und Barium- 
sulfat, zu denen er bereits auf Grundlage seiner 
ersten Betrachtungen über Beziehungen von 
Ionengrößen gelangt war. 

So kann Calcium für Natrium in Krystall- 
gebäude eintreten, Yttrium für Calcium, Zirkonium 
für Yttrium, sofern nur gleichzeitig der Ladungs- 
haushalt des Krystalles durch eine Substitution 
anderer Bausteine zur richtigen Bilanz (Kompen- 
sation der positiven und der negativen Ladungs- 
summen) gebracht wird, etwa durch Ersatz von 
Silicium durch Aluminium, von Aluminium durch 
Magnesium, von einwertig negativem Hydroxy] 
oder Fluor durch zweiwertig negativen Sauerstoff. 

Auf Grundlage dieser Betrachtungsweise ist es 
F. MATCHASCHKI gelungen, die bisher rätselhafte 
chemische Konstitution zahlreicher kompliziert 
zusammengesetzter Minerale in einfachster Weise 
aufzuklären. So wird z. B. im Orthite nicht etwa 
das Aluminium durch Ceriterden ersetzt, sondern 
zweiwertige Calcium, gleichzeitig wird eine 
entsprechende Menge des dreiwertigen Aluminiums 
durch zweiwertiges Eisen oder Magnesium ver- 
treten. Zahlreiche hübsche Beispiele für solche 
Fälle von Isomorphie an komplizierten Krystall- 
gebäuden könnten noch angeführt werden neben 
dem eben genannten Fall des Orthits, der von 
MACHATSCHKI studiert worden ist, etwa auch die 
Isomorphie der Minerale Homilit und Gadolinit. 
Hierbei wird das zweiwertige Calcium durch drei- 
wertiges Yttrium vertreten, gleichzeitig das drei- 
wertige Bor durch zweiwertiges Beryllium, wie 
die folgende Tabelle zeigt. 


das 


Homilit 
Gadalinit 


FeCa,B,Si,( 10 
FeY,Be,Si,0,o 


III 

Epidot Ca, (Al, Fe), Si,(O, OH, F), 
Ill Il 

Orthit (Ca, La), (Al, Fe, Fe, Mg), Si,(O, OH, F), 5 


Die Betrachtungsweise, daB Ionen des gleichen 
Radius einander trotz ungleicher Wertigkeit vei 
5 la} 


treten können, läßt uns voraussehen, daß z. B. in 
Calcium- oder Strontiummineralien oft Element: 
der seltenen Erden eintreten werden, ein Schluß 


der durch analytische Nachprüfungen weitgehend 
bestätigt werden konnte. Zahlreiche quantitative 


Untersuchungen über die seltenen Erden in Apatit 








ten 


n- 
en 
ge 
ng 
n. 
on 
nz 


ng 


h- 
m- 
ler 
on 


cyl 


fte 





Heft 47/48 49-] GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsge 


5. 11. 1930 


und anderen Mineralien der Erdalkalien ergaben 
die Gegenwart der Lanthanidenelemente, und 
zwar nicht etwa einzelner herausgegriffener Ver- 
treter dieser Elemente, wie man bislang geglaubt 
hatte, sondern stets die großen Bestände, die 
nach Maßgabe der lIonenradien vergesellschaftet 
waren. 

Die geochemischeVerteilungder Elemente, soweit 
wir sie bisher erörtert haben, ist somit in zwei auf- 
einanderfolgenden Stufen erfolgt, erst die Trennung 
in atmophile, lithophile, chalkophile und sidero- 
phile Elemente, nach Maßgabe der physikalisch- 
chemischen Verteilungsquotienten, sodann bei der 
fraktionierten Krystallisation die Trennung auf 
krystall-chemischer Grundlage nach Maßgabe der 
Radien von Atomen und Ionen 

Die Scheidungsvorgänge der chemischen Ele- 
mente sind jedoch mit diesen beiden Stufen der 
Verteilungsvorgänge noch nicht beendigt, es 
folgen sodann alle jene geochemischen Vorgänge, 
welche dem sekundären Kreislauf der Elemente 
angehören, die Wanderung und Abscheidung der 
Elemente bei den Vorgängen der Verwitterung, 
der Sedimentbildung, der Gesteinsmetamorphose, 
welchen fast allen gemeinsam ist, daß es sich 
um physikalisch-chemische Vorgänge in wässe- 
rigen Lösungen handelt Es sind vor allem 
zwei Arten chemischer Bestimmungsgrößen, die 
neben den physikalischen Daten der Temperatur 
und des Druckes für die Verteilung der Elemente 
in diesem sekundären Kreislaufe maßgebend 
sind, nämlich einerseits die Wasserstoffionenkon- 
zentration der betreffenden wässerigen Lösungen, 
andererseits die Höhe des Oxydations-Reduktions 
Potentiales 

Sowohl die physikalischen wie die chemischen 
Bestimmungsgrößen im sekundären Kreislaufe deı 
Elemente sind weitgehend durch die geologischen 
Verhältnisse der Mineralbildung geregelt, sie sind 
für den Menschen besonders bedeutungsvoll, 
wenn es sich um die Bildung nutzbarer Lagerstätten 
technisch wertvoller Elemente handelt. 

Endlich kommt zu den hier besprochenen Vor 
eängen der Verteilung chemischer Elemente noch 
die Wechselwirkung von Atmosphäre, Hydrosphäre 
und Lithosphäre mit der organischen Substanz der 
Biosphäre; besonders W. VERNADSKY hat die 
große geochemische Bedeutung solcher Vorgänge 
erkannt und sie in wichtigen Untersuchungen 
bearbeitet, wie auch sonst das Forschungsgebiet 
der Geochemie durch russische Gelehrte, vor allem 
FERSMAN, weitgehend gefördert worden ist 

\ls Beispiele für Elemente und Elementgrup 
pen, deren Geochemie bereits weitgehend erforscht 
ist, mögen wir neben den seltenen Erdmetallen 
etwa noch das Jod nennen, nach den Unter 
suchungen TH. VON FELLENBERGS und G. LUNDEs, 
oder die Edelmetalle, iiber deren Vorkommen in 
geringeren Konzentrationen nun bereits viele 
Daten vorliegen, aus neuerer Zeit durch die Unter 
suchungen von F. HABER und Mitarbeitern am 
Meerwasser, durch G. LuxpE und M. JOHNSON 


Nw. 1930 


‚setze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1005 


Hést an wesentlich norwegischen Gesteinen, 
Erzen und Mineralen. 

Einige Daten über die Geochemie der Edel- 
metalle mögen über das Vorkommen dieser Ele- 
mente in gewöhnlichen Gesteinen und Erzen 
orientieren. 

So zeigt die folgende Tabelle, daß die Verteilung 
der Platinmetalle zwischen einem Basalte einerseits, 
dem darin eingeschlossenen metallischen Eisen!, 
deutlich den siderophilen Charakter der Platin- 
metalle erkennen läßt, nach Analysen von 
M. Jounsox-Hösr. 

Platin-Metalle, Gramm per Tonne 
Eisen aus Basalt, Ovifak, Disko . . . ... 4,0 


| 0,02 
meet, Asek, DMG. 0a 2 ae See 
| 0,24 
In relativ großer Menge findet man die Platin- 
metalle in solchen Eruptivgesteinen, welche den 
silikatischen Erstkrystallisationen basischer Mag- 
men entsprechen, vor allem in den Olivingesteinen. 
Die nächste Tabelle gibt den Durchschnitt einer 
Anzahl von Analysen norwegischer Olivinfelse, 
veröffentlicht von G. LunpE und M. JoHNson- 
Hösı 








26 Analysen norwegischer Olivinfelse 


Min. Max Mittel 
Gramm per Tonne . 0,08 0,74 0,25 


Die magnesiumreichen magmatischen Gesteine 
enthalten fast immer als Nebengemengteil auch 
Chromeisenstein, das Mineral Chromit; die Platin- 
metalle sind oft zusammen mit dem Chromeisen- 
stein angereichert, wie folgende Daten, ebenfalls 
nach LUNDE und JOHNsoNn-Hösrt, erkennen lassen 





Gramm Pt per Tonne 
Min Max Mittel 
5 Serpentine von Feragen 0,01 0,37 0,12 
4 Chromite aus Serpentin 
von Feragen, Norwegen 0,80 1,28 1,12 


Als flüssige Ausscheidungen aus basischen 
Silikatmagmen beobachten wir vielerorts die be- 
sonders von J.H.L.VocGr petrographisch er- 
forschten Sulfidmagmen, vor allem diejenigen 
[ypen, die bei der Erstarrung Gesteine aus über- 
wiegendem Magnetkies, untergeordnetem Kupfer- 
kies und Eisennickelkies liefern. In diesen Sulfid- 
schmelzfliissen wird der Gehalt des Mutter- 
Magmas an Edelmetallen weitgehend angereichert 
Wir finden in diesen Sulfidgesteinen viel Silber, 
etwas Gold und bemerkenswerte Mengen der 


ı Das Eisen im Basalte der Insel Disko, Grönland, 
entstammt natürlich nicht dem Eisenkerne der Erde, 
sondern ist durch rein örtliche Reduktionsvorgänge auf 
Kosten der Eisenverbindungen im Basaltschmelzflusse 
entstanden, hat aber die im Basaltmagma enthaltenen, 
kleinen Mengen von Platinmetallen großenteils auf- 
genommen 





1006 UOLDSCHMIDT 


Platinmetalle, meist 0,5—3g Pt per Tonne Ge- 
stein, ausnahmsweise sogar den zehnfachen Platin- 
gehalt. Gewöhnlich ist Palladium in der 2 
Menge des Platins angereichert worden. Das Silber 
ist, Analysen von M. Jonnsoxn-Hösı 
hervorgeht, ganz überwiegend mit dem Kupfer- 
kies vergesellschaftet, wohl auch das Gold, wäh- 
rend Platin dem Magnetkiese und dem Eisennickel 


kiese folgt 


- 3fachen 


wie aus 


Bei der Verwitterung primärer Gesteine werden 
Gehalte Edelmetall teils in die Sediment- 
gesteine teils, zum kleineren Teil, 
Meerwasser zugeführt, wo deren 
Menge HABERS fest 
gestellt ist 

Die folgende Tabelle gibt fiir die obere Litho 
sphare die Zahlen fiir Silber, Gold und Platin, die 
mir nach M. JoHNson-H6stTs 


norwegische 


die an 
übernommen, 
dem 


durch 1 


worden 


werden sie 


Untersuchungen 


Untersuchungen 


übeı Gesteine als wahrscheinliche 


Durchschnittswerte erscheinen, für das Meerwasser 





den Durchschnitt der von F. HABER veröffent 
lichten Zahlen 
Gran per Tonn 
Silber Gold Plati 
H ydrosphare 0,00030 0,0000I 
Obere Lithosphare 0,050 0.002 0,005 
Es ist natiirlich schwierig, fiir den Durch- 


schnitt der gesamten oberen Lithosphäre geeignete 
Berechnungs-oder Schätzungsgrundlagen zu finden. 
So beträgt der Mittelwert für Silber aus 145 Be 
stimmungen des Silbergehaltes an verschiedenen 
\lkalieruptivgesteinen des Oslogebietes 0,12 g per 


lonne, während die bisher untersuchten quartären 





Lehme Norwegens zu einem niedrigeren Mittel 
wert führen, wie aus folgender Tabelle über geo 
logisch junge Sedimentgesteine hervorgeht 
Silber, Gramm per Tonne! 
Mir Ma Mitt 

ı norwegische quartäre Lehme 0.01 0,17 0,05 
10 Tiefseesedimente, Challenger 

Expedition 0.01 0,23 O.11 
30 terrigen« Sedimente West 

küste von Südafrika 0,05 210 0,66 

Regionak Unterschiede größerer Teil det 


Kontinentalmassen in bezug auf Edelmetallgehalt 
diirften ebenfalls bemerkbar machen, 
man beispielsweise das Zahlenmaterial norwegischer 
und 


sich wenn 


südafrikanischer 
\uch 


Meeressedimente \ ergleicht 


in den Sedimentgesteinen kann örtliche 


\nreicherung von Edelmetallen auftreten, wie 
es etwa im Gehalt der Braunsteinknollen aus der 
fiefsee zum Ausdruck gelangt Merklich ge 


Platingehalte 
untersuchten 


steigerte den 


und 


wurden mehrfach in 


Tiefseeschlämmen gefunden 


I Die 


verdanke 


Sedimentproben der Challenger-Expedition 
ich dem gütigen Entgegenkommen des British 

Sedimente von der Westkiiste Siidafrikas 
von der Meteor-Expedition Giite 
Professor Dr. PRATJE 


Museum, dic 
gesammelt 


Herrn 


det von 


Geochemische \ erteilungsge setze 





Die Natur- 
| wissenschaften 


und kosmische Häufigkeit der Elemente 


sind wahrscheinlich die kosmischen 


Staubes. 


Auswirkung 





Platinmetalle, Gramm per Tonne 


Tiefseesedimente, Challenger 
3raunsteinknollen, Station 160, 0,00—0,15 
240. . « « 0,22 
252. 0,03 0,05 
’ BED. « tc 0,20 
FB , 250, . 0,27—0,32 
auf nassem Wege f 0,37 


Für den Geochemiker wie für den Physiker und 
Chemiker ist besonders wichtig die Frage nach den 
wirklichen Mengenverhältnissen der Elemente i 
dem gesamten Erdball, wie überhaupt in den deı 
Beobachtung zugänglichen Teilen des Kosmos 

Nachdem unsere 
gebnisse geführt 
vieler chemischer 


1 


Betrachtungen zu dem Er 
haben, daß die Seltenheit sel 
Elemente in den Gesteinen der 
zugänglichen Erdoberfläche auf dem siderophilen 
oder chalkophilen Charakter Elemente 
beruhen dürfte, lag es nahe, in den Eisenphasen 
und den Sulfidphasen der Meteoriten nach eben 
diesen Elementen zu etwa nach den 
Platinmetallen, dem Molybdäne, dem Germanium 
und Arsen!. Ebenso konnte man erwarten, in den 
Silikatphasen der Meteorite das wirkliche Mengen 
verhältnis lithophiler Elemente eher verwirklicht 
zu finden als in den Gesteinen der Erdoberfläche, 
in denen die selteneren Elemente der Restkrvstal- 
lisationen, wie etwa die Lanthaniden, das Thorium 


dieser 


suchen wie 


und das Uran stark angereichert sind (wegen des 
Auftriebes spezifisch leichter Restmagmen und 
Restlaugen), die Elemente Friih 
krystallisationen, wie etwa Chrom, durch Absinken 


während der 
schwerer Krystallphasen nach unten abgewandert 
sind. 

Hinblick auf 
geochemischen Sonderungsvorgänge bei einer Veı 
teilung Elemente zwischen Silikatphase, 
Sulfidphase und Nickeleisenphase wurden analyti 
sche auf 
Meteoriten 
Berücksichtigung 


Gerade im eine Bestätigung deı 


der 


Untersuchungen Reihe selteneı 
Elemente in 


sonderer 


eine 
ausgeführt, 
der Verteilungsweis¢ 


unter be 


auf die genannten Phasen 

Es ergab sich, durch Analysen von M. JOHN 
son -Höst, daß die Platinmetalle vor allem 
in der Eisenphase angereichert sind In allen 


Eisenmeteoriten findet man sehr merkliche Mengen 





Ev Summe der Platinmetall 
ri Gramm per Tonne 

\rispe re oe ni 117 
Savik, Cape York . 75 

j 68 
Mount Joy E 

| 54 
Mukerop 38 
Toluca 25 
N’Goureyma. . .... | = 

1 Vgl. V. M. GoLDscHMmipt, Royal Inst. of G1 


sritain 


1929 











Heft 47/45/49-] GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Haufigkeit der Elemente. 1007 


5. 11. 1930 


der Platinmetalle. Einige Analysen mögen dies 
erläutern. 

In den Steinmeteoriten finden sich, nach mög- 
lichster Entfernung des beigemengten Eisens und 
Schwefeleisens, nur Spuren der Platinmetalle, 
etwa vergleichbar den Mengen in irdischen Silikat- 
gesteinen. 

\ls Beispiel mögen zwei Eukrite (Plagioklas- 
Augit-Meteoriten) genannt werden. 





Silikatmeteoriten 


Keine Platinmetalle, kein Silber, kein 

Juvinas . . Gold. Summe der Edelmetalle weni- 
| ger als 0,05g per Tonne 

Keine Platinmetalle, kein Silber, kein 

Stannern. . Gold. Summe der Edelmetalle weni- 
ger als 0,05g per Tonne 


Untersucht man die Verteilung der Edelmetalle 
zwischen Nickeleisen und der Eisensulfidphase 
(Troilit), so findet man, daß Gold und Silber in 
wesentlich größerer Konzentration in die Sulfid- 
phase eingehen als in das Nickeleisen, sie sind 
chalkophil. 





Summe der Edelmetalle 


Eisenmeteorit, Caranzatillo - 
Gramm per Ton 


Nickeleisen 34,5 Platinmetalle 
rroilit f 17,5 Ag | weniger als Ig 
| 1,6 Auf Pt per Ton 
Ein besonders interessanter Fall ist bei dem 
Elemente Germanium gegeben. Es sollte, nach 
seiner Stellung im periodischen Systeme, über- 
wiegend chalkophil sein, und dementsprechend 
findet man es auf Erzlagerstätten mitunter in 
recht hoher Konzentration in Sulfidmineralen und 
Sulfosalzen angereichert. Wo es in Silikatmagmen 
und deren Restlaugen vorkommt, vermag es 
allerdings wegen der Ähnlichkeit seines lonen- 
radius 0,44 A mit dem des Siliciums 
0,39 A. in Silikatminerale an Stelle des 
Siliciums einzugehen. Wir haben also in den Ge- 
steinen und Mineralen der Erdoberfläche hier den 
zu erwartenden Fall, daß die Verteilung eines 
Elementes zunächst nach seinen geochemischen 
\ffinitatseigenschaften geregelt wird, weiterhin 
aber auch nach Maßgabe des Ionenradius 
Obzwar Germanium in Gesteinen der oberen 
Lithosphäre bei weitem nicht so selten vorkommt, 
wie früher meist angenommen wurde, muß doch 
erwartet werden, daß die Hauptmenge des Ger- 
maniums in der Chalkosphäre angereichert sei, 
vielleicht auch zum Teil in der Siderosphäre, da 
man analog der Löslichkeit von Silicium in Eisen 
und auf Grund der leichteren Reduzierbarkeit des 
Germaniums verglichen mit Silicium, erwarten 
könnte, daß Germanium in merkbarer Menge 
auch in den Eisenkern der Erde eingeht. 
Es konnte dementsprechend gezeigt werden, 
daß in den rostigen Teilen des Eisenmeteoriten von 


o 


Cranbourne in Westaustralien etwa 0,1% Germa- 


nium enthalten ist!. Ich hielt diese Rostmassen 
früher für ein Oxydationsprodukt von sehr troilit- 
reichen Teilen der Meteoriten; sie enthalten jedoch 
noch sehr viel metallisches Nickeleisen, bei quanti- 
tativen Analysen fand Herr Dr. E. ScHwARZ von 
BERGKAMPF 0,41— 0,97% S, 0,03—0,14% P sowie 
3,33 % Cl. 

Später konnte gemeinsam mit demselben 
Mitarbeiter gezeigt werden, daß auch sehr reines 
Material der Eisenphase von Meteoriten erhebliche 
Mengen von Germanium enthält, wie etwa der 
Meteorit von Savik bei Kap York, Grönland, 
mit 0,01—0,1% Germanium. Ebenso enthält die 
Verwitterungsrinde des Eisenmeteoriten von Hoba 
in Südafrika eine Germaniummenge gleicher 
Größenordnung, ebenso die Rostmassen des Meteo- 
riten von Cafion Diablo. 

Das verhältnismäßig seltene Vorkommen des 
Germaniums in der Lithosphäre, das etwas merk- 
würdig anmuten könnte, weil Germanium als ein 
Element geradzähliger und relativ niedriger Ord- 
nungszahl recht häufig sein sollte, ist also darin 
begründet, daß Germanium in weit höherem Maße 
chalkophil (und auch siderophil) ist als lithophil. 

Ein Fall, der geochemisch besonders wichtig er- 
schien, war eine neuere Literaturangabe, daß 
ein bekannter großer Eisenmeteorit, mit etwa 
8% Nickel, gänzlich frei von Kobalt sei. Wäre 
dies zutreffend, so müßten unsere Ansichten 
über die Verteilung der Elemente zwischen den 
Schmelzflüssen unrichtig sein, denn nach dieser 
Trennungsweise kann Nickel niemals ohne eine 
entsprechende Menge Kobalt in das Meteoreisen 
eingehen. Es handelte sich um das bereits oben- 
erwähnte Nickeleisen von Savik bei Kap York in 
Grönland?, Nachdem schon die röntgenspektro- 
graphische Untersuchung die Anwesenheit von 
Kobalt im üblichen Mengenverhältnis zu Nickel 
(es pflegt erfahrungsgemäß zwischen 1: 12 und 
I : 18 zu liegen) festgestellt hatte, wurden die Ge- 
halte an Nickel und Kobalt von meinem Mitarbeiter 
Dr. SCHWARZ VON BERGKAMPF gewichtsanalytisch 
bestimmt. Es ergab sich bei mehreren Bestimmun- 
gen an verschiedenen Proben: 


7,34 % 7,86 Ni 0,46 — 0,52% Co 


Die Zusammensetzung des Meteoriten ist 
somit ganz im Einklange mit den Erfahrungen 
und Schlußfolgerungen der Geochemie, der Quo- 
tient Co : Ni beträgt etwa 1:15. 

Es wird in der Literatur öfters angegeben, daß 
in solchen Meteoriten, in denen Silikat und Nickel- 


1 Vgl. Z. physik. Chem. 146, 404 (1930). Das 
Material dieses Meteoriten verdanke ich dem freund- 
lichen Entgegenkommen von Herrn Dr. L. J. SPENCER 
am British Museum, ebenso wie auch das weiterhin 
erwähnte Material des Meteoriten von Hoba. 

} Neben Germanium und den Bestandteilen Fe, Ni, 
Co, S, P, Cl, C fanden sich im Materiale von Cranbourne 
noch Cu, Zn, Ga, auffallend viel As, Pb, Sn, Mo, Ru; 
ferner Pt, Ir, Pd, Rh, Ag, Os, Au. 

2 Ich verdanke das Material (Drehspäne) der Güte 
des Herrn Kollegen O. B. BössıLp in Kopenhagen. 


2K 
i) 








1005 GOLDSCHMIDT Geochemische Verteilungsgesetze 


eisen zusammen auftreten, das Mangan ganz odeı 
Nickeleisen enthalten Es be 
ruht irrtümliche Angabe jedoch auf dem 
oft analytischen Verfahren, die 
Eisennickellegierung aus dem Silikatmaterial durch 
eine Sublimatlösung herauszuätzen, und Lösung und 
Rückstand gesondert zu analvsieren. Hierbei wird 
das Mangan ganz oder größtenteils zusammen mit 
den Bestandteilen des Nickeleisens in der Queck 
silberchloridlösung gefunden. Ich habe 
durch Herrn Chemiker E. KLUvER in Oslo Mangan- 
bestimmungen Meteoritenmaterial (Möcz in 
Ungarn und Indarch in Rußland) ausführen lassen, 
Meteoriten mit dem 
Magneten in einen metallischen und einen unmetal 


eroßenteils im sei 
diese 


angewandten 


indessen 
an 


nachdem ich die vorher 


Die Natur- 


und kosmische Häufigkeit der Elemente 
wissenschaften 


grundlegender Weise unser Wissen über die Ver- 
breitung und die Mengenverhältnisse der chemi- 
schen Elemente fördert 

Eine Reproduktion der Daten von I. und 
W. Noppack über den Durchschnittsbestand der 
Meteoriten gibt die Fig. 3 (untere Hälfte), 
gänzt durch die Zahlen für Brom und Jod, welche 
TH. VON FELLENBERG und G. LUNDE an einer An 
zahl von Meteoriten gefunden haben ; das Diagramm 
gibt die Logarithmen der Atomkonzentration als 
Funktion der Ordnungszahl Z, Sauerstoff 
als Einheit gewählt wurde 

Es ist von besonderem Interesse, daß nach dem 
Befunde von I. und W. Noppack die Steinmeteoriten 
auf das deutlichste die Anreicherung typisch litho- 


er- 


wobei 


























ro 

en Obere Lithosphare (Clarke\w. neuere Daten.) * peut 

> fa 

x Fa le | 

= ta, 

. ee mac | 

Z \ 

é A | 

gun | 

sm | 

= el | 

: | 

a | Meteoriten (I.u.W Noddack ) 

g's 

. 0 .. BEN a } N N } N N N | 

~ Na 2 | 

= 2 of oN KR | 

. . | 

= Bel > x Ba W A | 

= ot Le IE mM tn Th | 

~ 2 | 

3 ] 

2>% 20 JO 40 50 60 70 60 9 
Fig. 3. Zusammensetzung der oberen Lithospäre und der Meteoriten 

lischen Anteil zerlegt hatte. Die Untersuchung philer Elemente erkennen lassen, die Eisenmeteo 
ergab, daß sich Mangan ganz überwiegend im un riten die Anreicherung siderophiler Elemente, die 
magnetischen Anteil findet, und zwar in dem Troilitphase chalkophiler Elemente, so wie es vor- 
Minerale Oldhamit, CaS, das dem Silikatanteil ausgesehen werden muß, wenn es sich um Gleich- 
angehört, entsprechend der bedeutenden Löslich gewichtszustände im Dreiphasensystem handelt 


keit Mn basischen Silikatschlacken 


Es entspricht dies ganz dem Verhalten des Man 


von (Ca Sin 


gans, Schwefels und Calciums in den Schlacken 
der Eisenraffination 

In allerneuester Zeit ist ein außerordentlich 
interessantes und wichtiges Material über die 
Verbieitung seltener chemischer Elemente in 
Meteoriten von | und W.Noppack veröffent- 
licht worden! 

Die beiden Verfasser geben für die ganz übeı 
wiegende Mehrzahl aller überhaupt bekannten 
chemischen Elemente die Konzentration in dem 
Silikatanteil, dem Nickeleisen und der Troilit 
phase an, ein analytisches Material, das in ganz 


I Naturwiss. 18, 759 


1930 


Die mittlere Zusammensetzung der Meteoriten, 


wie sie aus I. und W. Noppacks Untersuchungen 
hervorgeht, gibt uns zweifellos ein angenähert 
richtiges Bild des chemischen Bestandes von 


Weltkörpern des Typus unserer Erde 

Wir können sodann die Zusammensetzung der 
Meteoriten mit der Zusammensetzung der Litho- 
sphäre vergleichen. Wir wählen hierzu die Zahlen 
Forschers F. W. CLARKE, er- 
Daten. Wir vervollständigen 
ARKI neuere Unter- 
über eine Reihe der weniger häufigen 
Elemente Für Gallium, Silber, Gold, Platin 
Iridium wählen wir Daten aus meinem Institute, 
ebenso für die Lanthanidenelemente der Ordnungs- 


amerikanischen 
gänzt durch 
die Daten 
suchungen 


des 
neuere 


von Cı durch 





ils 
ft 





Heft 47/48/49.) GoLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. 1009 


28. II. 1930 


zahlen 57—71, für das Verhältnis Titan: Niob- 
Tantal die Untersuchungen von HEVEsys, ebenso 
für das Verhältnis Zirkonium: Hafnium; für Zink, 
Scandium, Germanium, Selen, Masurium, Ruthe- 
nium, Palladium, Indium, Tellur, Rhenium, Os- 
mium und Thallium benutzen wir die wichtigen 
neuen Daten von I. und W. Noppack;; für das Jod 
die Daten von G. LUNDE und TH. VON FELLENBERG; 
ebenso ist fiir Rubidium und Cäsium sowie 
Strontium die zu niedrige Abschätzung von seiten 
CLARKES und WASHINGTONS durch besser begrün- 
dete Daten ersetzt worden. 

Diese Daten sind in der oberen Hälfte der 
Fig. 3 dargestellt. 


diagramm der oberen Lithosphäre stark bemerk- 
bar macht. 

Bemerkenswert bei beiden Darstellungen der 
Häufigkeitsverhältnisse der Elemente ist das 
starke Minimum der Häufigkeitskurve bei einigen 
Elementen ganz im Anfange des periodischen 
Systems, nämlich bei den Elementen Lithium, 
Beryllium und Bor, die trotz ihres niedrigen 
Atomgewichtes sehr selten sind, während sonst 
im allgemeinen die Häufigkeit der Elemente mit 
steigender Ordnungszahl sehr stark abnimmt. 

Für diese Abnahme gilt eine Regel, daß die 
Atomkonzentration eines Elementes im allgemei- 
nen umgekehrt proportional etwa der siebenten 





























. Stern -Atmaspharen (Payne) 

0 - T 
e if 
Ss oh 
So 
22 
so 
> 
 S # 
3 
= ¢@ - 
& 
> 6 
— 

2 

0 

-7 


20 30 


Fig. 4. Zusammensetzung der Stern-Atmosphären und der Sonnen-Atmosphäre. 


Wir finden nun, wie aus unserer Auffassung 
iiber die geochemische Vorgeschichte der Litho- 
sphäre zu erwarten war, daß im Vergleiche mit 
der durchschnittlichen Zusammensetzung der Me- 
teoriten in der äußeren Lithosphäre diejenigen 
Elemente spärlicher vorhanden sind, welche ab- 
sinkenden Frühkrystallisationen angehören, wie 
etwa Chrom oder Magnesium, ebenso Elemente, 
welche ausgesprochen chalkophil oder siderophil 
sind und welche daher schon bei der ersten 
Phasensonderung der Erde oder bei späterer 
sekundärer Ausscheidung von Sulfidmagma dem 
Silikatgestein entzogen worden sind. 

Hingegen sind in der oberen Lithosphäre litho- 
phile Elemente der Restkrystallisationen, wie Ka- 
lium, Baryum, Lauthaniden, Thorium, Uran, merk- 
bar angereichert. 

Deshalb zeigt die Gesamtkurve der Gesteine 
ler Erdoberfläche in höherem Maße periodische 
Gestaltung als die Kurve der Meteoriten, indem 
sich der Wechsel lithophiler, siderophiler und 
chalkophiler Elemente in dem Konzentrations- 


bis achten Potenz der Ordnungszahl abnimmt. Wir 
erkennen dies leicht daran, daß in einer sowohl 
für Ordnungszahl wie für Konzentration logarith- 
mischen Darstellung, Fig. 5 der Noppackschen 
Kurve der Meteoriten, die meisten Elemente einem 
ziemlich schmalen, fast geradlinigem Streifen an- 
gehören. Elemente, welche nach oben über diesen 
Streifen herausragen, nennen wir abundant, solche, 
welche darunter liegen, defizient. In diesem Sinne 
wäre Eisen ein abundantes Element, Beryllium ein 
defizientes!. 

Weiter gilt für die Häufigkeit der allermeisten 
chemischen Elemente die bekannte Regel von 
Oppo und Harkins, daß Elemente gerader 
Ordnungszahl um etwa das Zehnfache häufiger 
sind, als ihre Nachbarn gerader Ordnungszahl. 

Am schönsten findet man die Richtigkeit die- 
ser Regel bestätigt, wenn man eine Gruppe von 
Elementen untersucht, welche einander chemisch 
und physikalisch so ähnlich sind, daß sie bei geo- 

1) Vergl. V. M. Gotpscumipt, Gerlands Beiträge 
zur Geophysik, 15, 38, 1926. 








1010 GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente. [ 


chemischen Trennungsvorgängen nicht leicht von- 
einander geschieden werden. In diesem Sinne sind 
besonders die Lanthanidenelemente, die ‚seltenen 
Erdmetalle‘‘ im engeren Sinne, eine kohärente 
Gruppe. Die Ergebnisse über die Abhängigkeit der 
Häufigkeit von der Geradzähligkeit der Ordnungs- 
zahl zeigt Fig. 6. 

Es ist natürlich von besonderer Wichtigkeit, 
untersuchen, welche Mengenverhältnisse der 


Die Natur- 
wissenschaften 


schen Zustandsgrößen zu erkunden, und es gelingt 
deshalb, in den Atmosphären von Sternen sehr ver- 
schiedener Größe und Temperatur mittels der Spek- 
tren Schlüsse über die Gegenwart und die Kon- 
zentration bestimmter Elemente zu ziehen und vor 
allem auch festzustellen, ob unter den gegebenen 
physikalischen Bedingungen überhaupt die Mög- 
lichkeit des spektralen Nachweises eines bestimm- 
ten Elementes erwartet werden darf. 



































zu 
Elemente in andern, der Beobachtung direkt Unter Zugrundelegung solcher Betrachtungen 
hat H. N. Russe! die chemische Zu- 

| | sammensetzung der Sonnenatmosphare 

; RAR untersucht, und direkt die Konzentration 

A ] der einzelnen Elemente und deren Ionen 
la | oder Verbindungen festzustellen versucht. 
u“ Sein Ergebnis, umgerechnet auf die 
Py) Atomkonzentrationen der einzelnen Ele- 

In Pb mente, ist auf Fig. 4, untere Hälfte, dar- 

ba fh gestellt. Sichere Ergebnisse sind mit @ 

S Ga \ \ Th bezeichnet, weniger sichere Abschatzun- 

gen mit ©. Am unsichersten diirfte die 
sa Abschätzung von Helium und von Bor 
" TI sein. Wir sehen die überraschende 
u ee aaaame e Ähnlichkeit mit den Kurven der oberen 
| Lithosphäre und der Meteoriten, auch 
| hier sind die Elemente der Lithium- 
7 lag Z 2 Beryllium-Bor-Gruppe defizient, auch hier 
' ist das Eisen häufiger als seine Nachbar- 
Fig. 5. Logarithmus der Atomkonzentration als Funktion von elemente, auch hier sind Elemente ge- 
log Z, Meteoriten. £ ont at ? > 
rader Ordnungszahl etwa zehnmal häu- 
seien NE figer als die ungeradzähligen. 

Höchst bemerkenswert ist die hohe Konzen- 

i tration an Wasserstoff; dieses Element ist das 
ud Br | allerhäufigste in der Sonnenatmosphäre. 

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen führten Un- 
| | tersuchungen von C. H. Payne? über die Zu- 
| sammensetzung der Atmosphären der Fixsterne, 

20} | mit Ausschluß der Sonne. Wir sehen an den von 
| 18 ihr gefundenen Elementkonzentrationen, dargestellt 
| | in Fig. 4, obere Hälfte, in Sternatmosphären das- 

| selbe Bild, wie wir es an der Sonnenatmosphäre oder 
| an den Meteoriten kennenlernten. 

10 Auch über die Zusammensetzung gasförmiger 
| {7 7 7 7 6 ? | Nebel im Weltraume hat man in den letzten 
| 5 N | Jahren wichtige Ergebnisse erhalten. Es zeigte 
| AN | sich, daß viele bisher rätselhafte Spektrallinien 

Q2, 97 ve, (7 45 der Nebel die Spektren solcher Elemente, wie 
LER u 67 } FF 5 by Ho Er #9 ZR bn re Kohlenstoff, Stickstoff darstellen, die 
auch auf der Erde oder in der Sonnenatmosphäre 


Fig. 6. Häufigkeit der Lanthaniden als Funktion von Z. 


zugänglichen Teilen des Kosmos herrschen, etwa 
in den Atmosphären der Sonne und der Fixsterne, 
deren Spektren man studieren kann. Es ist hierbei 
vor allem zu beachten, daß der spektroskopische 


Nachweis eines Elementes nicht nur davon ab- 
hängt, ob das betreffende Element zugegen ist, 


sondern ebenso auch davon, ob die Anregungs- 
bedingungen für sein Spektrum tatsächlich vor- 
liegen. Die neuere Entwickelung der Atomphysik 
und der Astrophysik hat es ermöglicht, weitgehend 
die Abhängigkeit der Spektren von den physikali- 


häufig sind, allerdings unter ganz ungewöhnlichen 
Anregungsbedingungen. 

Calcium tritt im dunkeln Weltraume auf, nach- 
weisbar durch Absorptionsspektra. 

Wir gelangen somit zu dem Bilde, daß die 
Materie überall, soweit sie unserer Beobachtung 
zugänglich ist, auf der Erde, in Meteoriten, in der 
Atmosphäre der Sterne, so gleichartig chemisch zu- 
sammengesetzt ist, daß wir keinerlei systematische 
Abweichungen feststellen können, die uns etwa eine 
Entwickelungsreiheder Elemente anzeigen könnten. 

! Astrophysical J. 1929. 

2 Stellar Atmospheres 1925, und neuere Daten. 





gt 
pr- 


n- 
‘or 


en 


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ng 





Heft 47/48/49.| GOLDSCHMIDT: Geochemische Verteilungsgesetze und kosmische Häufigkeit der Elemente, 1011 


28. 11. 1930 


Um jedoch unsere Beobachtungen über die 
quantitative chemische Zusammensetzung der 
Materie weiter führen zu können, müssen wir 
versuchen, die Grundlagen unserer Ergebnisse 
etwas zu vertiefen, wie es auch schon F. W. Aston 
und W.D. HARKINs getan haben. 

Die Bezeichnung ,,chemisches Element‘‘ um- 
faßt ja im allgemeinen nicht eine einzige Art, 
unter sich gleicher Atome, sondern wir finden 
meist mehrere isotope Atomarten, die sich zwar 
durch das Gewicht ihrer Atomkerne unterscheiden, 
aber die gleiche Kernladung, also gleiche Ordnungs- 
zahl, aufweisen und die sich daher chemisch genau 
gleich verhalten, auch spektroskopisch fast in 
allen Beziehungen gleich, soweit nur Eigenschaften 
der Elektronenhüllen, nicht Eigenschaften des 
Kerngewichtes oder der Kernsymmetrie in Betracht 
kommen. 

Wenn wir nun die Häufigkeit der einzelnen 
chemischen Elemente im Weltall bestimmen, so 
sind wir noch nicht an dem Ziele angelangt, die 
Mengen der einzelnen Atomarten kennenzulernen, 
da ein einzelnes chemisches Element bis zu elf 
verschiedene isotope Atomarten umfassen kann. 

Die Mengenverhältnisse der Isotopen eines 
gegebenen chemischen Elementes scheinen im 
allgemeinen in verschiedenen Teilen der Welt 
gleich zu sein, wie an den Bestimmungen des 
durchschnittlichen Atomgewichtes von chemischen 
Elementen aus Meteoriten wie etwa Eisen, Nickel, 
Chlor gezeigt werden kann, die mit den Atom- 
gewichten irdischer Elemente sehr genau über- 
einstimmend gefunden wurden. 

Die Bestimmungen der Isotopen nach dem 
massenspektroskopischen Verfahren erlaubten bei 
den meisten bisherigen Untersuchungen mit Sicher- 
heit nur den Nachweis solcher Isotopen, die bis 
etwa hundertmal seltener sind als die vorherr- 
schende Atomart des Elementes. Durch den Ein- 
fluß der Atommassen auf die Frequenzen der 
Bandenspektren ist es gelungen, Isotope bis her- 
unter zu einem Tausendstel oder gar Zehntau- 
sendstel der herrschenden Atomart zu entdecken, 
nämlich bei Kohlenstoff, Stickstoff und Sauerstoff. 

Es würde falsch sein, solche Isotope wie etwa 
die Sauerstoffarten mit dem Atomgewicht 17 
und 18 bei Betrachtungen über die irdischen und 
kosmischen Mengenverhältnisse der Atomarten als 
unerheblich anzusehen. 

Bei der ungeheueren Gesamtmenge des Sauer- 
stoffs, verglichen mit allen schweren Elementen, ist 
die Menge des Sauerstoffisotopen mit dem Atom- 
gewichte 18 in der Sonnenatmosphäre noch immer 
größer als jene des Titans oder Chroms, die Menge 
des Sauerstoffisotopen 17 ist immerhin noch größer 
als die gesamte Anzahl der Atome von Zinn oder 
von Blei. 

Daß es den Chemikern gelungen ist, die Reihe 
der chemischen Elemente bis zur Ordnungszahl 
92 hinauf fast lückenlos zu entdecken, beruht 
zwar einerseits darauf, daß eine große Anzahl 
an sich seltener Elemente in der oberen Litho- 


sphäre, vor allem in magmatischen Restlaugen, 
schon durch natürliche chemische Prozesse stark 
angereichert dargeboten wird, aber vor allem ist 
es darin begründet, daß es mittels der chemischen 
Verfahren möglich ist, Elemente zu isolieren, 
die im Ausgangsmateriale nur in Verdünnung 
von I : 10? vorkommen, wie es bei Masurium und 
Rhenium der Fall ist, deren Entdeckung und 
Isolierung durch I. und W. Noppack, gestützt 
auf die Röntgenaufnahmen von O. BERG, zu den 
allergrößten Erfolgen der Mineralchemie gerechnet 
werden darf. 

Im Gegensatz hierzu können, wie obener- 
wähnt, isotope Atomarten, die sich durch chemische 
Mittel nicht trennen lassen, im allgemeinen nur 
dann entdeckt werden, wenn die Konzentrations- 
unterschiede ı : 10° (Massenspektroskopie) oder 
1 : 10% (Masseneffekt in optischen Bandenspektren) 
nicht überschreiten. Nur im Falle radioaktiver 
Atomarten können Isotope bei einem noch un- 
günstigeren Mengenverhältnisse mittels ihrer Zer- 
fallseigenschaften entdeckt werden. Der ungeheure 
Wirkungsbereich und die allgemeine Anwendbar- 
keit chemischer Trennungsmethoden ist zweifellos 
der Grund unserer Neigung, die Atomarten auf 
Grund ihrer Ordnungszahlen in jene Gruppen 
einzustufen, welche wir als chemische Elemente 
bezeichnen, wobei innerhalb jeder Gruppe die 
positive Kernladung die sog. Ordnungszahl, die 
Differenz zwischen Protonenzahl und Elektronen- 
zahl des Kerns, konstant ist. 

Hierdurch kann die Gruppe, das Element, aber 
bis zu ıı verschiedene Atomarten umfassen. 
Weit besser ist der Vorschlag Astons, die Atom- 
arten, geordnet nach Protonenzahlen, also die 
Atomgewichte der einzelnen Isotopen, in bezug 
auf Häufigkeit zu vergleichen; nur bei den sog. 
Isobaren, also Atomarten gleichen Gewichtes aber 
verschiedener Elektronenzahl, versagt diese Ein- 
teilungsweise. 

Ein Vorschlag von Harkins, die Zahl der 
Kernelektronen den Untersuchungen über Atom- 
häufigkeit zugrunde zu legen, leidet an demselben 
Nachteile, nämlich an dem Mangel an Eindeutig- 
keit, da bis zu je 6 Elemente der gleichen Kern- 
elektronenzahl bekannt sind!. 

Immerhin zeigen sowohl die nach Protonen- 
zahlen, wie die nach Elektronenzahlen geordneten 
Daten, etwa nach Maßgabe der Mengenverhält- 
nisse der Sonnenatmosphäre, im Prinzipe manche 
Ähnlichkeit mit der nach Elementen geordneten 
Kurve vor, vor allem mit den tiefen Minimum bei 
den Atomarten von Lithium und Beryllium. 


1 Ein interessanter Versuch von P. NıccLı, die Be- 
trachtungen von Aston und HARKINS auch auf selte- 
nere Elemente auszudehnen (Fennia 1928, Sederholm- 
Festschrift), ist bedauerlicherweise an einem recht unzu- 
treffenden Zahlenmaterial über die relative Häufigkeit 
der Elemente ausgeführt worden, einem Material, 
in welchem insbesondere für seltenere chalkophile 
und siderophile Elemente viel zu niedrige Konzen- 
trationen vorausgesetzt worden sind. 





IOI2 GOLDSCHMIDT: 


Eine zweckmäßige Klassifikation der Atom- 
arten muß das Kennzeichen der Eindeutigkeit auf- 
weisen, jeder Atomart muß in dem Systeme ein 
gesonderter Platz zukommen. Dies gelingt nur 
unter Verwendung zweier unabhängig Veränder- 


12 


Geochemische Verteilungsgesetze 





Die Natur- 


und kosmische Häufigkeit der Elemente. 
wissenschaften 


zahlen E des Kernes und einer Größe L, welche 
Harkıns als Isotopennummer bezeichnet hat, 
welche wir im folgenden lieber als Laufzahl des 
Atomkerns bezeichnen wollen. Folgendes Schema 
gibt die Beziehungen dieser Größen. 





L Elektronenzahl = Protonenzahl 
Ordnungszahl 














E=P-2Z 
Laufzahl (Isotopennummer) 
L=2E-P 














= wa mi se-zee) | 
m 2 














P=2E-L 

L=E-Z 
L gibt die 
gegenüber 


Zahl der im Kern 

dem Falle L oO, 

also P 2E, fehlenden Pro- 

tonen. L läuft von — ı (H) 
bis + 54 (U) 

Lassen wir die Elektro- 
nenzahl von o— 146 alle mög- 
lichen ganzzahligenWertean- 
nehmen, während L gleich- 
zeitig von — I bis 54 
läuft, erhalten wir ein 
Schema, in welches wir alle 


so 








2 44 WE 48 SO $2 HH 


Atomarten eintragen kön- 
nen, so daß kein Platz von 
zwei stabilen Arten besetzt 









122 


dt dd 


11T 
— 


++ +} 4 


wird. 
Dieses Schema zeigt nun 


ne oS 





730 





HH eine eigentümliche geometri- 
sche Anordnung derjenigen 
Orte, die von wirklich beob- 
achteten Atomarten besetzt 


+ 
+ 
t+ 

+ 


+——— EEE En WE 


+ 
+t ttt 
See ER ER ER ER 5 
IE ER ER ER ER | 





738 


sind, nämlich eine in regel- 
mäßiger Weise zum Ausdruck 
kommende Zuordnung von 
E und L, die mit steigen- 
dem E jeweilig wechselt, als 








wenn der Aufbau der Atom- 

















106 





arten bei verschiedener ab- 
soluter Größe von E ver- 
schiedenen Zahlengesetzen 
folgt. Es gilt dies insbe- 


444444 








sonders für die gegenseitige 








eyes eyen ee | 


Zuordnung geradzähliger 
und ungeradzähliger E und 
L, sowie für die Anzahl mög- 
licher L-Werte bei gleich- 





Fig. 7. Die bisher bekannten Atomarten, 
Elektro- 
besonders Unter- 
suchungen von W. D. HARKINS und G. BECK vor. 

Ich glauben, daß einer Ein- 
teilungsweise Atomarten der Vorzug gegeben 
werden muB, am deutlichsten gesetzmäßige 
Zuordnungen Protonenzahl und Elek- 
tronenzahl erkennen läßt. Eine Einteilungs- 


weise erhält man durch Anwendung der Elektronen- 


Protonenzahl wie 
hierüber 


licher, nämlich sowohl 


nenzahl Es liegen 
möchte solchen 
der 
welche 
zwischen 
solche 


geordnet 


bleibendem E. 

So ist zwischen den E- 
Zahlen 5 und 8 und den 
L-Werten o und 1 jede me Zuordnung von 
geradzähligen und ungeradzähligen E und L er- 
laubt, zwischen E 9 und E 18 nur die Kom- 
binationen E gerade, L gerade und E gerade 
ungerade, L ungerade; in dem Gebiete von E 
E 34 außer bei E= 29, L=5, 
geradzählige E beobachtet. 
Man könnte versuchen, die 
Atomarten geordnet nach E- und 


nach E und I. 


oder 

IQ 
bis sind, bisher 
nur 
Häufigkeit deı 


L-Zahlen dar- 








x. 
1- 
1- 
4 
in 


1- 


BR» 


n- 





Heft 47/48/49. Haun: Das 
28, II. 1930 | 


zustellen, wie es auch schon von HarkIns für die 
häufigsten Atomarten getan ist. Ein solcher Ver- 
such ergibt wiederum jenes merkwürdige Minimum 
bei den E-Zahlen 3—5, und man erkennt, daß die 
übliche Häufigkeitskurve der Elemente höherer 
Ordnungszahl die Summation einer großen Anzahl 
Einzelkurven der Atomarten darstellt. Es stellt 
die scheinbar gleichmäßige Häufigkeitskurve der 
chemischen Elemente nur eine Summation von 
Kurven wesentlich größerer Amplitude der ein- 
zelnen Atomarten dar, die einander großenteils aus- 


Alter der Erde. 1013 


gleichen, durch gegenseitige Phasenverschiebung 
der nach E und L geordneten Häufigkeitskurven. 

Als Gesamtergebnis unserer Untersuchung 
zeigt sich, daß die Verteilungsweise der Elemente 
durch Eigenschaften ihrer Elektronenhüllen gesetz- 
mäßig bestimmt wird, daß aber die Häufigkeit der 
einzelnen Atomarten von Eigenschaften des Atom- 
kernes bestimmt wird, und daß die Gesetzmäßig- 
keiten, welche für die Atomhäufigkeit gelten, offen- 
bar in allen der Beobachtung bisher zugänglichen 
TeilenderWelt gleichartig zur Auswirkung kommen. 


Das Alter der Erde. 


Von Otro Haun, Berlin-Dahlem. 


Soweit wir die Geschichte der Menschheit zu- 
riickverfolgen kénnen, soweit begegnen wir dem 
unwiderstehlichen Drang der Philosophen und 
Gelehrten, sich eine Vorstellung über das Alter 
der Stätte zu machen, die der Menschheit für 
das Wirken zugewiesen ist. Aber erst die stür- 
mische Entwicklung exakter naturwissenschaft- 
licher Denkmethoden und Erfahrungen im neun- 
zehnten Jahrhundert konnte es möglich erscheinen 
lassen, an Stelle tausendjähriger philosophischer, 
theologischer oder kultischer Glaubenssätze wissen- 
schaftlich begründete Schätzungen über das Alter 
der Erde vorzunehmen. Und solche geschahen denn 
auch seit der zweiten Hälfte des vergangenen 
Jahrhunderts von den verschiedensten Seiten aus, 
von der Geologie, der Paläontologie, der Physik 
und in neuester Zeit von der Radiumforschung. 

Die Geologen wählten als Basis einer Alters- 
bestimmung den Beginn der Kochsalzzufuhr der 
Flüsse zum ursprünglich salzfreien Meere oder den 
Beginn der ozeanischen Gesteinsablagerungen. Im 
Prinzip ist die Methode ganz einfach. Man schätzt 
die in einem Jahre dem Meere zugeführten natür- 
lichen Gesteinsfragmente, die sich als sedimentäre 
Schichten am Boden der Ozeane ablagern, und 
schätzt außerdem die Gesamtmenge aller Sedi- 
mentärschichten, die sich vom Beginn der Ab- 
lagerung bis heute gebildet haben. Durch Division 
der Gesamtmenge durch die Jahresproduktion 
ergibt sich die Dauer dieser Abtragungsprozesse. 
Ganz analog ist die Berechnung mittels des Salz- 
gehalts der Ozeane. Der Gesamtsalzgehalt der 
Meere, dividiert durch die ihnen jährlich von den 
Flüssen zugeführte Menge sollte wiederum die 
Dauer der Auslaugungsvorgänge, also das oben 
definierte Alter der festen Erde ergeben. Nach 
beiden Methoden erhält man größenordnungs- 
mäßig die gleichen Werte. Die wohl etwas genauere 
Salzmethode ergibt ein Alter von etwa 360 Mil- 
lionen Jahre. 

Beide Methoden sind nun aber mit einem be- 
trächtlichen Unsicherheitsfaktor behaftet. Es 
wurde bei diesen Berechnungen angenommen, daß 
die Sedimentations- und Auslaugprozesse, so wie 
wir sie heute beobachten, in dem gleichen Tempo 
auch inden früheren Epochen unserer Erdgeschichte 
abgelaufen sind. Dies ist nun sicher nicht der Fall. 


Unsere heutige Erdepoche liegt kurz hinter einer 
Periode erhöhter eruptiver Tätigkeit und starker 
Gebirgsbildung. Die mittleren Erhebungen der 
Kontinente sind daher jetzt höher, vielleicht drei- 
bis viermal so hoch als im Durchschnitt der erd- 
geschichtlichen Perioden. Das Gefälle der Flüsse 
ist also größer, die Abtragung der Gebirge ent- 
sprechend intensiver. 

Hinzu kommt der Einfluß der menschlichen 
Zivilisation auf die Oberflächengestaltung unserer 
Erde. Große Gebiete ursprünglichen Waldbodens 
wurden menschlicher Bearbeitung zugänglich ge- 
macht. Städte, Industrien und Bergwerke wühlen 
die Erde auf und beschleunigen die Auslaugpro- 
zesse: die Abflußwässer des bebauten Bodens 
laufen trübe, die des jungfräulichen Bodens klar! 

So isteswohl durchaus berechtigt, wenn man den 
obigen Wert für das Alter der Ozeane (360 Millionen) 
als eine Minimumschätzung ansieht; der tatsäch- 
liche Wert dürfte ein Mehrfaches davon betragen. 

Auch die Paläontologie hat sich Vorstellungen 
über das Alter unserer Erde gemacht. Sie wählte 
als Alter die Dauer der Entwicklung organisierten 
Lebens von den primitiven Entwicklungsstufen 
bis zu dem heutigen komplizierten Zellenstaat, wie 
ihn der Mensch darstellt. 

Die Zeit nun, die vergangen sein muß, um die 
gewaltige Stufenleiter organischen Lebens auf den 
heutigen Entwicklungszustand zu bringen, schätzen 
die Paläontologen auf sehr viel höher als 100 Mil- 
lionen Jahre ein. Die Sedimente der sog. cam- 
brischen Erdperiode gehören zu den ältesten, in 
denen gut erhaltene Versteinerungen aufgefunden 
wurden. Aber man hat schon im Cambrium ge- 
wisse Krebstiere, Trilobiten, gefunden, deren 
Körper- und Stoffwechselanlagen ebenso hoch ent- 
wickelt waren wie die ihrer heute noch lebenden 
Nachfahren. Der amerikanische Paläontologe 
CLARKE schließt daher durchaus nicht ohne Be- 
rechtigung, daß der Weg von den einzelligen Lebe- 
wesen bis zu diesen Triboliten der ältesten, Ver- 
steinerungen führenden Sedimentärschichten ein 
längerer, vermutlich viel längerer gewesen sein 
muß als von den Triboliten bis zum Menschen. 
Die Entwicklungsgeschichte der Lebewesen ist also 
zum großen Teile vorüber, wenn wir die erste Kunde 
von ihr erhalten. 





1014 


Schließlich kommen wir zur Physik, dieser 
exaktesten aller Naturwissenschaften. 

Gehen wir von einer feurigflüssigen Erdkugel 
aus, die sich allmählich durch Ausstrahlung in den 
kalten Weltenraum auf die heutige auf der Erd- 
oberfläche herrschende Temperatur abgekühlt hat, 
dann läßt sich unter Berücksichtigung der geo- 
thermischen Tiefenstufe (Temperaturzunahme nach 
dem Innern der Erde zu) und der mittleren Wärme- 
leitfähigkeit der Gesteine die Zeit berechnen, die 
notwendig war, um diese Abkühlung vom feurig- 
flüssigen Zustande auf den heutigen zu bewirken. 
Lord KELVIN, der sich vor mehr als einem halben 
Jahrhundert mit diesen Fragen ausführlich be- 
schäftigte, kam auf Werte, die zwischen 20 und 
40 Millionen Jahren schwankten, wobei er selbst 
den niedrigeren Wert für den wahrscheinlicheren 
hielt. Kervın hat dabei die damals selbstver- 
ständliche Annahme gemacht, daß die Erde, ab- 
gesehen von der Sonnenstrahlung, keinerlei Wärme 
empfängt, sondern nur Wärme abgibt. 

Es gehört der Wissenschaftsgeschichte an, 
welche langen und heftig geführten wissenschaft- 
lichen Fehden zwischen den Geologen und den 
Physikern auf Grund dieser so widersprechenden 
Zeitangaben über das Alter der Erde ausgefochten 
wurden. Und beide Parteien hatten in ihren Be- 
rechnungsmethoden auch recht, Fehler lagen nicht 
vor 

Die Aufklärung kam von einer ganz neuen 
Seite; sie kam von den radioaktiven Substanzen, 
von der Erkenntnis, daß diese eine dauernde 
Wärmequelle vorstellen, und daß sie in dem uns 
zugänglichen Teil der Erdoberfläche überall ver- 
teilt sich vorfinden. 

Diese Tatsachen hatte Lord KELVIN natürlich 
nicht berücksichtigen können, denn die radio- 
aktiven Elemente waren zu seiner Zeit noch nicht 
entdeckt 

Es ist leider hier nicht möglich, die große Be- 
deutung eingehend zu schildern, die den radio- 
aktiven Substanzen im Wärmehaushalte unserer 
Erde zukommt 

Nur darauf sei hingewiesen, daß man unter 
plausiblen Annahmen über die Verteilung der 
Radioelemente in den äußeren Schichten unserer 
Erdkruste und bei Einsetzung ihrer genau be- 
kannten Wärmeproduktion zu Werten für die Ab- 
kühlungszeit unserer Erde kommt, die gegenüber 
den Forderungen der Geologen- und Paläontologen 
in keinem Widerspruch mehr stehen. Ja, zu An- 
fang schien man sogar einem ,,embarras de richesse‘‘ 
an Radioelementen gegenüberzustehen, denn bei 
der Berechnung, inwieweit die radioaktive Wärme 
den Wärmeverlust der Erde durch Ausstrahlung 
ersetzen könne, fand sich das überraschende Er- 
gebnis, daß die Erde eigentlich mit Riesenschritten 
dem feurigflüssigen Zustande entgegeneilen müßte. 
Dies war natürlich unmöglich; die Voraussetzung, 
die bei dieser Berechnung gemacht war, nämlich 
die, daß die Erde in ihrer Gesamtmasse pro Ge- 


wichtseinheit ebensoviel Radioelemente enthält, 


Haun: Das Alter der Erde. 





Die Natur- 
wissenschaften 


wie wir sie in den uns zugänglichen äußersten Ober- 
flächenschichten finden, mußte falsch sein. Es 
genügt vielmehr schon eine etwa ı5 km dicke 
Rindenschicht mit dem bei den Eruptivgesteinen 
beobachteten Gehalt an radioaktiven Substanzen, 
um den Strahlungsverlust unserer Erde durch 
radioaktive Wärme zu ersetzen. In Wirklichkeit 
werden die radioaktiven Substanzen allerdings 
nicht gleichmäßig über diese Schicht verteilt sein. 
Auch tiefer liegende Schichten, Basaltlaven usw. 
enthalten Radium, wenn auch weniger als die 
Eruptivgesteine. Man muß daher mit einem von 
oben nach unten allmählich abnehmenden Gehalt 
an Radioelementen rechnen. 

Den grundlegenden Untersuchungen von V.M. 
GOLDSCHMIDT über die geochemischen Verteilungs- 
gesetze der Elemente verdanken wir eine plausible 
Erklärung dafür, daß die radioaktiven Elemente mit 
ihren großen, sperrigen Atomen sich gerade in den 
obersten Restkrystallisationen der äußeren Silikat- 
hülle abgeschieden haben müssen. Da sie zu den 
lithophilen Elementen gehören, haben sie sich bei der 
Phasentrennung der geschmolzenen Erde im Sili- 
katschmelzfluß angereichert, aus Mangel an iso- 
morpher Mischbarkeit mit den wichtigsten gesteins- 
bildenden Elementen aber nicht mit den Haupt- 
krystallisationen ausgeschieden, sondern sind in 
den Restschmelzen bis zuletzt übriggeblieben. 

Wir sind also bisher zu dem Ergebnis gelangt, 
daß die von den verschiedensten Seiten vorgenom- 
menen Altersschätzungen unserer Erde einen Wert 
von vielen Hundert, vermutlich über tausend Mil- 
lionen Jahren für unsere an der Oberfläche auf 
etwa die heutige Temperatur abgekühlte Erde 
ergibt. Wir haben aber zugleich gesehen, daß diese 
Berechnungen nur ungefähre Schätzungen dar- 
stellen können. Wir wissen nichts über den ge- 
nauen Gang der erwähnten geologischen Uhren in 
früheren Zeiten unserer Erdgeschichte; die Paläon- 
tologie kann keine absoluten Zeitangaben machen, 
und die radioaktive Wärme beseitigt zwar den 
früheren Widerspruch in den Zeitangaben zwischen 
Physik und Geologie, aber mehr kann auch sie 
nicht tun. 

Da bietet sich uns nun, wiederum durch die 
radioaktiven Substanzen, ein neuer Weg zur Alters- 
bestimmung, und dieser neue Weg kann den An- 
spruch erheben, Angaben zu machen, die in ihrer 
Sicherheit weit über die bisherigen Schätzungen 
hinausgehen. . 

Das Wesen aller radioaktiven Prozesse ist die 
freiwillige, von äußeren Bedingungen der Tem- 
peratur, des Druckes und der chemischen Bin- 
dungsart völlig unabhängige Atomumwandlung. 
Die in der Natur in Uran- und Thormineralien vor- 
kommenden Elemente Uran und Thor sind die 
Anfangsglieder der großen radioaktiven Umwand- 
lungsreihen, die alle bekannten Radioelemente 
(außer dem Kalium und Rubidium) in sich ein- 
schließen. Durch stufenweisen, nach festen Ge- 
setzen geregelten Zerfall entsteht aus dem Uran 
das Radium, ausdiesem die Radiumemanation, hier- 











Heft 47/48/49. 
28. ı1. 1930 


aus die ganze Reihe der sog. „aktiven Nieder- 
schläge‘‘ und schließlich als inaktives Endprodukt 
das ,,Uranblei‘‘ mit dem Atomgewicht 206. 

Aus dem Thorium entsteht über das Mesothor, 
das Radiothor und eine Anzahl weiterer Produkte 
ebenfalls eine Bleiart, das ,, Thoriumblei‘‘ mit dem 
Atomgewicht 208. 

Eine Begleiterscheinung dieser Umwandlungs- 
prozesse ist die Emission corpuscularer Strahlen, 
von denen den «-Strahlen für die hier interessieren- 
den Fragen eine wichtige Rolle zufällt. Die 
a-Strahlen sind Heliumkerne, die ihre anfangs sehr 
große Geschwindigkeit beim Durchdringen durch 
Materie schnell verlieren, zwei Elektronen auf- 
nehmen und als gewöhnliches Helium in dem 
radioaktiven Mineral steckenbleiben. 

In der Tat geschah ja die Auffindung des Edel- 
gases Helium auf unserer Erde im Sonnenspek- 
trum war es schon früher entdeckt worden — in 
einem Uranmineral; in allen radioaktiven Mine- 
ralien, aber auch nur in solchen, ist Helium ent- 
halten. 

Die Bildung von Helium und Blei beim radio- 
aktiven Zerfall sind Prozesse innerhalb der Atom- 
kerne. Zur willkürlichen Beeinflussung solcher 
Prozesse wären Tausende von Millionen Grad er- 
forderlich, also Temperaturen, die auf unserer Erde 
nie auch nur annähernd erreicht werden. Mit 
großer Sicherheit können wir daher sagen, daß die 
radioaktiven Prozesse sich in früheren Perioden 
unserer Erdgeschichte nach genau denselben Ge- 
setzen und mit genau derselben Geschwindigkeit 
abgespielt haben wie heute. 

Wenn wir daher die Gesamtwirkung radio- 
aktiver Prozesse in unserer festen Erdkruste quan- 
titativ bestimmen können und die Geschwindig- 
keit kennen, mit der diese Prozesse verlaufen, dann 
läßt sich die Dauer dieser Geschehnisse, also das 
Alter der festen Erdkruste, nicht nur schätzen, 
sondern mit recht großer Genauigkeit, und an 
vielen Einzelbeispielen kontrollierbar, ablesen. 

Nun ist hier allerdings eine Einschränkung zu 
machen. Die Bildung von Blei und von Helium 
ging natürlich schon vonstatten, als die Erde auch 
oberflächlich noch eine feurigflüssige Masse war. 
Das gebildete Helium konnte nach außen ent- 
weichen, das Blei sich mit Blei nichtradioaktiven 
Ursprungs mischen. Genaue Zahlenangaben kön- 
nen wir also auch hier erst machen, nachdem die 
festen Mineralien der Erdoberfläche gebildet 
waren, die Umwandlungsprodukte des Urans und 
des Thors in ihren Muttersubstanzen fixiert blieben. 

Andererseits ist aber gerade diese Tatsache von 
ganz besonderer Bedeutung. Wir finden das direkte 
Alter einer ganzen Anzahl von Mineralien der ver- 
schiedensten geologischen Schichten. Wir können 
Mineralien geologisch gleicher, aber räumlich völlig 
verschiedener Lagerstätten untereinander kontrol- 
lieren und sind hierdurch in der Lage, eine absolute 
Zeittabelle aufzustellen, mit deren Hilfe man auf 
das Alter der einzelnen geologischen Formationen 
Schlüsse ziehen kann. 


Hann: Das Alter der Erde. 1015 


Wenden wir uns jetzt zu den Altersbestim- 
mungen von Mineralien aus radioaktiven Daten, so 
wollen wir uns daran erinnern, daß der Abbau der 
primären radioaktiven Elemente Uran und Thor 
in einer kontinuierlichen Bildung von Helium und 
von Blei besteht. Im Prinzip können wir daher 
sowohl das Helium als auch das Blei für Alters- 
bestimmungen heranziehen. Wir sprechen zuerst 
kurz vom Helium und wählen das Uran als helium- 
erzeugendes Element. 

Kennt man den genauen Urangehalt eines Uran- 
minerals, so kennt man aus den radioaktiven Zer- 
fallsgesetzen auch die Anzahl der in dem Mineral 
pro Gramm und Sekunde abgegebenen «-Strahlen 
oder Heliumatome. ıg Uran mit seinen Um- 
wandlungsprodukten emittiert in der Sekunde rund 
100000 Heliumatome; auf das Jahr gerechnet er- 
giebt dies 3,1- 1012, Diese Menge nimmt nach den 
Gasgesetzen bei Atmosphärendruck nur den winzi- 
gen Raum von 0,11 Io ®ccm ein. ıg Uran eines 
beliebigen Uranminerals liefert also pro Jahr 
0,11 +» 10 ®ccm Heliumgas. Diese Heliumproduk- 
tion in dem Mineral ist nun im Gange, seitdem das 
Mineral in der festen Erdkruste auskrystallisiert 
ist. Zur Bildung von ıccm Helium pro Gramm 
Uran bedarf es nach dem oben Dargelegten bereits 
9 Millionen Jahre, und wenn wir Mineralien finden, 
die pro Gramm Uran 20, 30, ja 50ccm Helium 
enthalten, so können wir schließen, daß die 
Heliumproduktion in diesen Mineralien 180, 270, 
ja sogar 450 Millionen Jahre stattgefunden hat. 

Eine starke Fehlermöglichkeit ist hier aller- 
dings in Betracht zu ziehen. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, daß ein Teil des in dem Mineral gebil- 
deten Heliums im Laufe der Jahrmillionen aus 
dem Mineral herausdiffundiert ist. Befindet sich 
ein solches Mineralstück an der offenen Luft, so ist 
ein Entweichen von Helium experimentell fest- 
gestellt. Wenn nun auch im kompakten Erdinnern 
ein Herausdiffundieren unwahrscheinlicher ist als 
an der Oberfläche, so ist hier doch zu sagen, daß 
die uns zur Verfügung stehenden Mineralien von 
der Oberfläche stammen, und es ist zweifellos 
anzunehmen, daß sie dabei einen Teil ihres Heliums 
verloren haben. Dieser Fehler wird vor allem für 
geologisch alte Mineralien in Betracht kommen, die 
sehr viel Helium enthalten. Dagegen dürfte die 
Heliummethode für junge Mineralien, etwa solche 
aus dem Tertiär, recht brauchbare Werte ergeben. 
Für solche geologisch jungen Mineralien ist, wie 
KırscH! mit Recht hervorhebt, die Helium- 
methode der gleich zu besprechenden Bleimethode 
sogar überlegen, denn der Bildung von Iccm 
Helium entspricht bei Uranmineralien die Bildung 
von etwa ı mg Blei, und die quantitative Bestim- 
mung von ı ccm des Edelgases Helium, etwa aus 
100 g Mineral, läßt sich viel sicherer durchführen 
als die Abscheidung und Bestimmung von ımg 
Blei aus derselben Mineralmenge. (Auch bei den 
Altersbestimmungen von Eisenmeteoriten gibt 
die Heliummethode einwandfreie Resultate, wie 

1 G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. S. 191. 








1016 HAHN: Das 


PANETH und seine Mitarbeiter [Nature, Marz 1930 
nachgewiesen haben: Helium diffundiert selbst 
bei 800° aus dem kompakten Metall — im Gegen- 
satz zu den Mineralien noch nicht heraus.) 
Bei der nur bedingten Genauigkeit der Helium- 
methode gerade fiir geologisch alte Mineralien sei 
davon abgesehen, eine Alterstabelle von Mineralien 
nach ihrem Heliumgehalt hier wiederzugeben. Wir 
wenden uns daher gleich zu der sog. Bleimethode. 
Aus dem Uran mit dem Atomgewicht 238 ent- 
steht durch sukzessiven Abbau von acht Helium- 
atomen das Uranblei mit dem Atomgewicht 206 
Aus dem Thorium mit dem Atomgewicht 232 ent- 
steht entsprechend iiber eine Anzahl von Helium 
emittierenden Zwischenstufen das Thorblei vom 
Atomgewicht 208. Die Geschwindigkeit, mit der 
das Blei entsteht, kennen wir, besonders im Falle 
des Urans, recht genau. Haben wir also z. B. ein 
thorfreies Uranmineral vor uns und bestimmen 
analytisch dessen Uran- und Bleigehalt, dann kön- 
nen wir unmittelbar ausrechnen, wie lange der 
Bleibildungsprozeß gedauert haben muß, um die 
ermittelte Bleimenge zu ergeben, wir kennen also 
das Alter des Minerals. Die Fehlerquellen, die bei 
der Heliummethode durch das teilweise Ent- 
weichen dieses Gases eintreten, fallen hier fort, das 
feste Metall Blei bleibt in dem unverwitterten, 
krystallisierten Mineral stecken. Die Möglichkeit 


andererseits, daß das Mineral von seiner Ent- 
stehung her gewöhnliches Blei enthalten haben 


kann, läßt sich dadurch kontrollieren, daß man 
eine Atomgewichtsbestimmung des Bleis durch- 
führt. Da das Uranblei das Atomgewicht 206, das 


gewöhnliche Blei 207,2 hat, so läßt sich aus dem 
gefundenen Atomgewicht der Gehalt an Uranblei 
und gewöhnlichem Blei unschwer ermitteln 

1g Uran bildet pro Jahr 1,35 - 10°1%g Blei. 
Es entspricht dies seiner Umwandlungsgeschwin- 
digkeit von 4,5 Milliarden Jahren. Für Zeiten, die 
gegenüber dieser Umwandlungsgeschwindigkeit des 
Urans klein sind, ergibt sich hieraus das Alter des 
Minerals direkt durch Division der pro Gramm 
Uran gefundenen Bleimenge durch 1,35 + 10 1, 
also des Jahresquantums an Blei. Statt durch diese 
kleine Zahl zu dividieren, ist es bequemer, mit 
ihrem reziproken Wert zu multiplizieren: Wir er- 
halten dann für das Alter die Formel: Alter 
nina - 7400 Millionen. Handelt es sich um ein 

Uran 

Thormineral, dann ist dessen Bleiproduktion drei- 
bis viermal kleiner; das Thorium zerfällt langsamer 
als Uran. KırscH hält den letzteren Wert für 
richtiger, und wir bekommen dann für das Alter 
Thorminerals den Ausdruck: Alter 
Thorblei 
Thorium 
vor, das Uran und Thorium gleichzeitig enthält, 
dann ergibt sich die kombinierte Formel: Alter 


eines 


30000 Millionen Jahre. Liegt ein Mineral 


Uranblei Thorblei 
- - 7400 Millionen Jahre. Der 
Uran + 0,25 Thorium a 


Faktor 0,25 beim Thorium besagt dabei also, daß 


Alter der Erde 


Die Natur- 
wissenschaften 


die Bleibildung bei diesem nur ! 
läuft als beim Uran. 

Für geologisch ältere Mineralien geben diese 
einfachen Formeln einen etwas zu hohen Wert für 
das Alter des betr. Minerals, denn es ist in den 
Formeln nicht berücksichtigt, daß in dem Mineral 
die Muttersubstanzen Uran und Thor mit der Zeit 
abgenommen haben, ihre Mengen bei Beginn der 


‚ so schnell ver- 


Bleibildung also etwas größer waren. Bei sehr 
alten Uranmineralien kann diese Abnahme von 


der Auskrystallisation bis zum jetzigen Zustand 
über 15% ausmachen. Beim Thorium ist die Ab- 
nahme viermal kleiner. Eine Korrektion läßt sich 
aber für beide Fälle unschwer anbringen. 

Aus dem Gesagten ergibt sich, daß man für 
Mineralien der beliebigsten geologischen Zeitab- 
schnitte durch Bestimmung ihres Uran-, Thor- und 
Bleigehalts, nach Möglichkeit noch unterstützt 
durch eine Atomgewichtsbestimmung des Bleis, 
eine Zeittafel aufstellen kann, in der sich aus dem 
Verhältnis Blei zu Uran + Thor das Alter des 
Minerals und damit das Alter der geologischen 
Schicht, in der das Mineral entstanden ist, direkt 
ablesen läßt. Die folgende Tabelle zeigt eine solche 
Zeittafel. 


Tabelle 1'. 





Geologischer Zeitabschnitt Bleiver- Alter in Millionen Jahren 
hältnis angenähert korrigiert 
| 0,000 a 
Neozoische Gruppe 0,005 37 36,9 
| 0,008 59 58,7 
| 0,01 74 73.5 
Mesozoische Gruppe 0,02 148 146 
| 0,03 222 218 
0,04 296 280 
0,05 370 300 
Paläozoische Gruppe 0,06 444 430 
0,07 515 495 
0,08 592 507 
0,09 666 635 
0,10 740 700 
Ober-Präcambrium 74 : 
O,I!I 814 767 
0,12 888 831 
0,13 962 897 
O,!I 4 1030 901 
0,15 ItIo 1020 
Mittel-Pracambrium 4 : 
0,16 1184 1089 
0,17 1255 1150 
0,18 1332 1212 
| 0,19 1400 1273 
Unter-Präcambrium 0,20 1480 1336 
| 0,226 1670 1525 
In Wirklichkeit sind auch hier noch gewisse 


Unsicherheiten vorhanden, die auf verschiedene 
Ursachen zurückzuführen sind. Die Wahl der Kon- 
stanten in den Formeln ist noch etwas willkürlich ; 
so ist noch für die Berechnung der Tabelle ı statt 
des von Kirscu bevorzugten Wertes 0,25 für das 
Uranäquivalent des Thors der Wert 0,38 benutzt 
Eine in Uranmineralien außer dem Uranblei sich 
bildende andere Bleiart, das Actiniumblei, wurde 
R. W 


1 Entnommen aus: A. HOLMES u LAWSON 


Amer. J. Science 13, 327 (1927). 





ae ee Oe el 


2S 
n 
ct 
ie 





Heft 47/48/49 Haun: Das 


28. II. 1930. 


nicht berücksichtigt, obgleich sich dieses in alten 
Mineralien in steigendem Maße geltend macht. 
Aber alle diese Unsicherheiten machen doch wohl 
kaum mehr als einen Fehler von etwa 10% aus, 
so daß die geologische Zeittafel oder — vorsichtiger 
ausgedrückt das Alter der untersuchten Mine- 
ralien, wenn diese wirklich unzersetzt vorliegen, 
innerhalb dieser Grenzen richtig sein dürfte 

Dabei mag betont werden, daß die Alters- 
angaben von Mineralien sich auf eine außerordent 
lich große Zahl von Einzelbestimmungen beziehen. 
Daß dies der Fall ist, sei nur kurz an einer weiteren 
Tabelle dargelegt! (Tabelle 2). Die Tabelle gibt 
die Analysenresultate von 50 verschiedenen krystal- 
lisierten norwegischen Bréggeriten, deren Uran- 
und Thorgehalt in ziemlich weiten Grenzen 
schwankt, wie sich aus den Kolumnen 3 und 4 
erkennen läßt. Die Kolumne 3 gibt den gefundenen 
Bleigehalt, die Kolumne 6 das Verhältnis Blei: 
Uran Thor. Man sieht, daß dieses ‚‚Bleiver- 
hältnis‘‘ innerhalb gewisser Grenzen ziemlich kon- 
stant ist, eine Bestätigung dafür, daß alle diese 
Mineralien ungefähr gleichen geologischen Ur- 
sprungs sein müssen. Ihr durchschnittliches Alter 
beträgt etwa 900 Millionen Jahre. Die immerhin 
nicht unbeträchtlichen Einzelschwankungen in den 
Bleiwerten, die sich um gewisse Häufungspunkte 
gruppieren, führt KırscH auf eine rhythmische 
Bildung der verschiedenen Bröggerite innerhalb 
langer Zeitperioden zurück 

Nach alledem kann es kaum einem Zweifel 
unterliegen, daß die Altersbestimmungen aus dem 
Bleigehalt, wenn das Material gut ausgesucht, weder 
verwittert noch sonstwie sekundär verändert ist, 
wenn außerdem genaue Analysen des Urans, 
Thors und Bleis durchgeführt sind, an Zuverlässig- 
keit von keiner anderen Methode geologischer Zeit- 
bestimmung erreicht wird. Für das Präcambrium 
muß man also ein Alter von mindestens 1000 Mil 
lionen Jahren annehmen, und auch der angegebene 
Wert von über 1500 Millionen Jahren für die 
untersten, also ältesten präcambrischen Sedi- 
mente dürfte der Wahrheit wohl recht nahekom- 
men. Da die Sedimente ozeanische Gesteinsab 
lagerungen sind, so gibt die Zahl 1500 Millionen 
Jahre zugleich eine untere Grenze für das Alter 
der Ozeane; eine untere Grenze, weil die Ozeane 
ja älter sein müssen als die Sedimente, die sich in 
den Ozeanen ja erst abgesetzt haben können 

Zweifler könnten bei diesen Altersberechnungen 
vielleicht den Einwand erheben, daß man ja doch 
nicht absolut sicher weiß, ob das Uran oder das 
Thor ihr Blei vor Hunderten von Millionen Jahren 
in demselben Tempo gebildet haben wie heute, 
mit anderen Worten, ob die radioaktiven Zerfalls- 
prozesse in früheren Perioden der Erdgeschichte 
wirklich dieselben waren wie heute. 

Daß dies indessen der Fall war, sieht man 


aus den sog. ‚„Verfärbungshöfen‘‘ gewisser Mine- 


ralien. Als solche Höfe bezeichnet man kleine 


1 G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. S. 166. 


Alter der Erde. 1017 


Tabelle 2. Bröggeritanalysen. 














Nr „U Th %Pb > 
(U+k+Th) 
I 61,67. 6,30, 8,64! 0,137 
* | E. GLEDITSCH (96) > 0,35 De eg | 
3 64,39 5,80 8,93 0,136 
4 66,14 6,40 9,24 0,136 
5 67,25) 5,80 9,28 0,135 
6 61,21 5,34/ 8,43 0,135 
7 4,13 9,21 0,132 
5 6,50 9,31 0,130 
9 |G. Kırsch (115) 5,48/9,21 0,134 
10 5,22 5,39 0,125 
11 7:30 (9,24 0,135 
12 7,90 8,91 0,131 
13 5,70 8,16 0,127 
14 5,78 | 8,38 0,126 
15 i 5,40 3,27 0,001 
16 67,61 5.37 0,06 0,097 
17 67 8o 8,60 |6,20 0,089 
18 67,74. 0,33 7,00 0,112 
10 57 so 6 0,117 
20 73,10 2 0,119 
21 64,00 } 0,118 
2 70,92| 5, 0,123 
23 70,18 5, 0,126 
2 54,93 4, 0,125 
25 65,90) 5, 0,125 
ve W. Russ (116) 63,52) 5. paps 
27 65,86) 5, 0,130 
8 67,31 8 0,130 
29 61,69 6 0,131 
30 69,59 5.41 9,39 0,132 
31 68,32 0,73|9,42 0,135 
32 63,75 5,71 8,86 0,130 
33 61,05) 6,40'8,53 0,130 
34 65,75| 5,70|9,26 0,138 
35 64,03, 7,44 9,03 0,137 
36 59,63| 7,83 |8,46 0,137 
37 58,20} 8,73|8,93 0,148 
38 48,64 | 10,30) 5,94 0,1106 
39 74,75| 0,12/9,39 0,125 
49 \ von Karlshus 65,88| 7,50|8,71 0,129 
41 61,63| 9,03 8,82 0,138 
42 | von Anneréd P nn MDB ren 
$3 | . W. 62,02!) 6,41/ 8,63 0,136 
+4 | von Berg Riss 66,46| 5,99 8,61 0,127 
45 | 5 (116) 67,22 7,05 |9,86 0,143 
> | yon Ryen 62,44 | 9,08|8,50 0,131 
17 | 64,62| 8,73|9,07 0,130 
© | von Elvestad 07,37\ 5411955 Bo 
19 J 61,76 9,15 9,50 0,149 
50 vonRakkestad 62,13! 10,20 9,01 0,139 





meist kreisrunde Gebilde, die sich in Dünnschliffen 
mancher Mineralien (Glimmerarten, Flußspat usw.) 
unter dem Mikroskop erkennen lassen. Das Auf- 
treten dieser Höfe ist an das Vorkommen äußerst 
geringer radioaktiver Einschlüsse in den betr. 
Mineralien gebunden. Die Radien dieser Höfe ent- 
sprechen den Reichweiten der a-Strahlen der ein- 
zelnen Umwandlungsprodukte. 

Die Figur zeigt einige typische Höfe in ver- 
schiedenem Ausbildungsstadium. Sie sind einer 
Arbeit von GuppEN [Z. Physik 26, 110 (1924)] 
entnommen. 


I At.-Gew. 206, 12. 








1018 HAHN: Das 


Wenn man experimentell ermittelt, wieviele 
x-Teilchen in dem betreffenden Mineral eine deı 
beobachteten Schwärzung entsprechende Ver 
färbung hervorrufen, dann läßt sich unter eineı 
plausiblen Annahme über den Uran- bzw. Thoı 
gehalt des Einsprenglings die ungefähre Zeit be 
stimmen, die nötig war, die Schwärzung zu be 
wirken, es läßt sich das Alter des Minerals bestim 
men. JOLY und RUTHERFORD haben solche Unteı 
suchungen vorgenommen, und zwar benutzten sie 
dazu eine dem Unterdevon angehörige Glimmerart, 
Genaue 
kann man nach dieser Methode allerdings 


bei der vielfach solche Höfe vorkommen 
Werte 
nicht erwarten, denn die Schätzung des mikro 
skopisch kleinen Mineraleinsprenglings (meist Zir 


kon) auf Gehalt an radioaktiver Substanz ist nicht 








Alter der Erde 


Die Natur 
wissenschaften 


Aus dem bisher Gesagten haben wir gesehen, daB 
wir das Alter unserer abgekiihlten Erdkruste und 
das der einzelnen geologischen Schichten aus radio- 
aktiven Daten mit recht groBer Genauigkeit be- 
stimmen kénnen. Und man wird nun fragen, gibt 
es keinen Weg, etwas iiber die Dauer der friiheren 
Erdgeschichte, etwa das Alter der noch ganz ge- 
schmolzenen Erde, zu erfahren. Hier werden nun 
die Schätzungsmöglichkeiten wesentlich ungenauer. 
Aber eine Angabe läßt sich wiederum unter Aus- 
wertung radioaktiver Daten doch machen, 
nämlich das maximale Alter der noch 
Erde 
kruste ist ein Isotopengemisch von Uranblei (206), 
Thorblei (208) und einer dritten Bleisorte, Acti- 
niumblei (207). Nimmt man an, daß dieses gesamte 


flüssigen 
Alles gewöhnliche Blei unserer festen Erd- 





EN 


- « 
wea ~ 
, 
. . 
3 EAS 
DIES 
Verfärbungshöfe in Wölsendorfer Flußspat (GUDDEN). (500—650fach vergrößert 


genau durchzuführen. Immerhin wurden Zahlen 
für das Alter des betr. Glimmers gefunden, die mit 
den Altersbestimmungen geologisch gleichaltriger 
Schichten nach der Bleimethode befriedigend tibet 
einstimmten, sie ergaben ein Alter von mehreren 
hundert Millionen Jahren 

Das Wichtige 
Altersbestimmung 


hierbei ist nun aber weniger di 
selbst, als die Tatsache, daß 


solche geologisch alten Höfe sehr genaue Reich 
x-Strahlen ergeben. Da die 
Reichweite der x-Strahlen in einer bekannten Be- 


ziehung zu der 


weiten der einzelnen 
Umwandlungsgeschwindigkeit des 
die Strahlen emittierenden Radioelements steht, 
ergibt sich aus der Konstanz der Reichweite die 
Konstanz der Umwandlungsgeschwindigkeit; deı 
Einwand, daß früher die radioaktiven Prozesse an 


ders verlaufen sein könnten als heute, fällt also fort 


Blei radioaktiven Ursprungs ist, sich also durch 
den Zerfall von Uran und Thor erst auf der Erde 
gebildet hat, dann kann man unter Einsetzung des 
durchschnittlichen Gehalts der festen Erdkruste, 
etwa der Eruptivgesteine, an Uran, Thor und Blei 
Bleibildungsprozeß ge- 
dauert haben muß, um den mittleren Bleigehalt der 
Eruptivgesteine zu erzeugen. Man kommt hierbei 
3000 Millionen Jahren, 
ganzen Art seiner Her- 
Maximalwert werden 


berechnen, wie lange der 


auf eine Dauer von rund 
ein Wert, der 
leitung als ein 
mub 

Aus den \ M 
mischen Verteilungsgesetzen der Elemente wissen 


nach det 
angesehen 
GOLDSCHMIDTschen geoche 
wir, daß das Blei ein chalkophiles Element ist, daß es 
Sich also bei der Phasentrennung der flüssigen Erd 
bestandteile in der Sulfidhülle ausgeschieden hat 





an ee Be 





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d- 


Il 
te 


ch 
de 


les 


ler 
bei 


er- 
len 





Heft 47/48 so] E1TeEL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 1019 


28. 11. 1930 


Das noch von der Sonne herstammende Blei 
wird sich also im wesentlichen in der Sulfidhiille 
vorfinden, das in den Eruptivgesteinen enthaltene 
ist seiner Hauptmenge nach ‚‚erdgeboren‘. 

Wir haben bei unseren Erörterungen über das 
Erdalter den Schritt von der abgekiihlten Kruste 
zu der geschmolzenen Kruste gewagt. Der letzte 
Schritt, die Abspaltung der gasförmigen Erde von 
der Sonne ist nun kein weiter mehr. Aus verschie- 
denen Gründen kann man annehmen, daß die an- 
fangliche Abkiihlung des entstandenen gliihenden 
Erdballs ein sehr schnell verlaufender Vorgang war 
Der englische Geologe JEFFREYS halt Abkühlungs- 
dauern von 5000 Jahren fiir die vollstandige Ver- 
fliissigung, von 15000 Jahren fiir das Festwerden 
der Oberflachenschichten der Erde fiir durchaus 
hinreichend. Als sicher können wir also annehmen, 
daß die Zeit, die seit der Entstehung der Ozeane 
verflossen ist, den größten Teil der Geschichte 
unseres Planeten umfaßt. Und so erscheint es ge- 
rechtfertigt, das experimentell ermittelte Alter 
unserer ältesten geologischen Schichten und damit 


das Minimalalter der Ozeane, also den Wert von 
1500 Millionen auch als Minimalalter unserer Erde 
überhaupt anzunehmen. Der Wert von 3000 Mil- 
lionen Jahren, der unter der Voraussetzung be- 
rechnet wurde, daß das gesamte Blei der Silicat- 
hülle an der Erdoberfläche durch radioaktiven 
Zerfall erst auf unserer Erde entstanden ist, stellt 
dann also die äußerste Maximalschätzung dar. Die 
verhältnismäßig engen Grenzen zwischen Minimal- 
bestimmung und Maximalschätzung geben uns ein 
eindrucksvolles Bild von der Bedeutung, die den 
radioaktiven Vorgängen auch für die Behandlung 
erdgeschichtlicher Probleme zukommt. 


Deutsche Literatur: 


G. KırscH, Geologie und Radioaktivität. Berlin: 
Julius Springer 1928. 214 S. Ausführliche und kritische 
Bearbeitung des ganzen Gebietes, desgl. Angabe der 
umfangreichen ausländischen Literatur. O. HAHN, 
Was lehrt uns die Radioaktivität über die Geschichte 
unserer Erde? Berlin: Julius Springer 1926. 64 S. 
Kurzer Überblick 


Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 


Von WILHELM EItEL, Berlin-Dahlem. 


Durch die klassischen Untersuchungen von 
F. W. CLARKE über die durchschnittliche Zusam- 
mensetzung der Erdkruste, die er in seinem be- 
kannten Werke ‚Data of Geochemistry‘‘ zusam- 
mengefaßt hat, wurde zuerst das Grundproblem 
der Geochemie, die Vorkommnisse der verschie- 
denen chemischen Elemente nach ihren spezifi- 
schen Verteilungsgesetzmäßigkeiten zu erfassen, 
auf eine exakte quantitative Basis gestellt. In 
seinen großzügig entworfenen und geistvoll durch- 
geführten Studien über die geochemischen Ver- 
teilungsgesetze hat alsdann V.M.GOLDSCHMID1 
die Wege gewiesen, auf welchen die Erforschung 
der Zusammenhänge zwischen dem Vorkommen 
der Elemente und ihrem Atombau vordringen 
kann, um die tieferen Gesetzmäßigkeiten zu er- 
gründen, die sowohl in der tellurischen wie in der 
kosmischen Verbreitung bestimmter Element- 
gruppen in bestimmten Zustandsfeldern gelten 
Es ist ein besonders fruchtbarer Gedanke geworden, 
die krystallographisch-chemischen Beziehungen bei 
isomorphen Vertretungen der Elemente unterein 
ander als den Leitfaden zu benutzen, der auf diesen 
verschlungenen Wegen der Natur noch unfehlbar 
zu orientieren vermag. Innerhalb des Gesamt 
problems, welches uns die geochemischen Grund 
tatsachen bei der Verteilung der Elemente über 
alle Teile unseres Planeten stellen, erscheint uns 
angesichts unserer mangelnden direkten Kenntnis 
vom Zustand der inneren Teile der Erde die Unter- 
suchung der Bestandteile der Lithosphäre noch 
immer als das umfangreichste Gebiet unserer geo- 
chemischen Forschung. Ausgehend von der Kennt- 
nis der allgemeinen Zusammensetzung dieses uns 
unmittelbar zugänglichen Erdteiles, wie sie uns 
die CLARKEschen Zahlenwerte vermitteln, sowie 


von den Grundtatsachen der Gesteinskunde können 
wir im Sinne GOLDSCHMIDTS die Frage prüfen, wie 
die tieferen Ursachen der Verknüpfung der ge- 
steinsbildenden (lithophilen) Elemente unterein- 
ander zu verstehen sind, und wie die ,,Migrationen“ 
dieser Elemente sich darstellen. Nach den Defi- 
nitionen, die besonders VERNADSKY in seinem 
bekannten Buche ,,Geochemie“ gegeben hat, sind 
es ja besonders die Platzwechsel der Atome bei 
Bildung von Verbindungen, ihr Transport durch 
strömende Medien wie Lösungen und Gase, ihre 
Verlagerungen in festen Körpern, welche das Wesen 
der Migrationen ausmachen. In diesem umfassen- 
den Sinne ist aber auch die Mineralogie und die 
Petrologie, besonders der genetische Zweig dieser 
Wissenschaften, nur ein Spezialgebiet der Geo- 
chemie, also das gesamte Beobachtungsmaterial 
der Naturvorkommen samt ihrer Entstehungs- und 
Umbildungsgeschichte, einschließlich der Er- 
gebnisse der synthetischen Forschung im geo- 
chemischen Zusammenhang. Es ist mir in diesem 
Vortrage die ehrenvolle und besonders interessante 
Aufgabe zugefallen, Ihnen im Sinne der erwähnten 
Gesichtspunkte zu schildern, welche Beiträge die 
Petrologie und die experimentelle Silikatforschung 
zur Kenntnis des Wesens der Lithosphäre im Rah- 
men des geochemischen Gesamtproblems zu liefern 
vermag. Ich hielt es dabei für reizvoll, aus dem 
gewaltigen Tatsachenmaterial, welches die petro- 
graphische Forschung seit etwa hundert Jahren 
uns vermittelte, die Zusammenhänge der sog. 
Magmendifferentiationen herauszugreifen und 
Ihnen an Hand dieses Materials zu zeigen, wie die 
moderne synthetische Erforschung der grundlegen- 
den Systeme uns in großen Zügen Aufschluß gibt 
über die hauptsächlichsten Gesetzmäßigkeiten der 





1020 EITEL: 


in jenen Großprozessen sich kennzeichnenden 
Elementmigrationen. Wir werden uns dabei mit 
größtem Erfolg der Methode bedienen können, 


die auch V.M. GoLpscHMIpT bei seinen ausge- 
zeichneten Studien benutzte, nämlich der krystallo- 
graphisch-chemischen. 

Das Problem der Differentiation der Eruptiv- 
gesteine, d. h. ihrer verschiedenartigen Ausbildung 
nach Chemismus und Mineralassoziation hat seit 
etwa einem halben Jahrhundert im Mittelpunkt 
des Interesses der Petrographen gestanden. Die 
zahlreichen Hypothesen der Bildung ganz bestimm- 
bestimmten ‚Provinzen‘, 
für welche Anschauungen wohl am typischsten die 
Theorien ROSENBUSCH und Schule 
geworden sind, waren zunächst auf der Annahme 
einer magmatischen Sonderung, im wesentlichen 


ter Magmenstämme in 


von seiner 


durch Entmischung (Liquation) begründet ge 
wesen. Wir können diese Anschauungen heute als 


endgültig überwunden betrachten, da sich im 
Gegensatz zu den Erfordernissen dieser Hypothesen 
nach allen experimentellen Untersuchungen (mit 
wenigen petrologisch bedeutungslosen Ausnahmen) 
völlige Mischbarkeit der Silikatschmelzen als sicher 
ergab Die Entmischungserscheinungen spielen 
erst dann eine Rolle von geochemischer Bedeutung, 
wenn Silikatschmelzen z. B. mit Sulfidschmelzen 
verknüpft erscheinen, also in den Grenzgebieten 
zwischen der Lithosphäre und der Chalkosphäre, 
vergleichbaı den bekannten Entmischungs- 
vorgängen der metallurgischen Prozesse bei der 
Trennung von ‚‚Stein‘‘ und ‚„Schlacke‘‘. In anderem 
Sinne wurde Problem der Gesteinsdifferen- 
tiation ebenfalls als eine Erscheinung von Phasen- 
trennungen erfaßt und theoretisch durchgeführt, 
so von N. L. Bowen in seinen Anschauungen über 
eine Krystallisationsdifferentiation, in welcher die 
Gesamtheit der verschiedenen Mineralisationen der 
Gesteine als Funktionen physikalisch-chemischer 
Zustandsfaktoren aufgefaßt werden. Diese groß- 
artige einheitliche Entwicklung des gesamten Kom- 
plexes durch eine einfache, experimentell weit- 


also 


das 


gehend erforschbare Grundhypothese hat zu weit 
gehenden Erfolgen geführt An den Schemata 
1—3 versuche ich Ihnen in ganz rohen Umrissen 
darzulegen, wie die nach den Prinzipien der Pha- 
senlehre exakt begründeten Erscheinungen bestimm- 


ter Krystallisationsfolgen auch in den größten 
magmatischen Einheiten zur Ausbildung einer 
Reihe charakteristischer Gesteinstypen führen 


muß. In der Horizontalreihe des Schemas 1 ist 
z. B. zu erkennen, daß ein ursprüngliches basisches 
Gabbromagma durch Krystallisationsdifferen 
tiation in einen Diorittypus, endlich in ein Granit- 
magma übergehen muß, und dieses zuletzt gewisse 
Die 
Krystallarten des Gabbromag- 
mas sind durch die vertikalen Pfeile angedeutet, 
und von Erzausscheidungen, die 
uns hier weiter interessieren, erkennen wir 
den Olivin als Erstkrystallisation, darauffolgend 
die Augite und 


stark wasserhaltige Restlösungen abspaltet. 
kennzeichnenden 
abgesehen den 
nicht 


basischen Plagioklas (Labrador) 


Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 





Die Natur 
wissenschaften 


Beim Übergang zu den Diorit- und Granitmagmen 
ist besonders typisch die Abwandlung der basischen 
Plagioklase in intermediäre und schließlich in 
saure Typen, zu denen vor allem noch Kalifeldspat 
tritt; auch wird der Augit leicht in Amphibol ab- 
gewandelt, ferner unter Wirkung des sich immer 
mehr anreichernden Wassers der Kalifeldspat in 
Muscovit, und zu allerletzt wird die reine Kiesel- 
säure neben sehr wasserreichen Restlösungen 
ausgeschieden. Dieser ‚‚normale‘ Krystallisations- 
verlauf kann freilich Abwandlungen dadurch erfah- 
ren, daß durch bestimmte geologisch bedingte äußere 
Einflüsse von Anfang an ein Magma extrem wasser- 
reich oder extrem wasserarm (,,naB‘‘ oder ,,trocken‘‘) 
ausgebildet sein kann. Im ersteren Falle (Schema 2) 
kommt es dann sehr frühzeitig zur Bildung von Glim- 
mern (Biotit), im anderen (Schema 3) tritt dagegen 
auch in den letzten Phasen der Differentiation kein 
solcher auf, und auch der Amphibol tritt zurück, 
dagegen herrscht rhombischer Pyroxen vor. Damit 
konnte GOLDSCHMIDT in höchst einleuchtender 
Weise die eigenartigen Reihen der Biotitnorit- und 
-dioritstämme bzw. der Anorthosit-Charnockit- 
Mangeritserie erklären. In der Hauptsache bleibt 
aber die BowEnsche Grundhypothese der Krystal- 
lisationsdifferentiation bestehen; sie bewährt sich 
auch in den schwierigeren Fällen, durch welche die 
Entstehung der Alkaligesteine mit Gehalt an Feld- 
spatvertretern erklärt werden muß. Auf 
Dinge näher einzugehen, verbietet mir die 
gestellte Aufgabe. Es ist aber wohl zutreffend, wenn 
ich der Meinung Ausdruck gebe, daß heute für die 
Petrologie Problem der Differentiation der 
Magmen im Prinzip als gelöst angesehen werden 
darf, besitzen wir doch in der von GOLDSCHMID1 
an wichtigen Punkten ergänzten Theorie BowENs 
Vorstellungen, die in allen Teilen einer exakten 
physikalisch-chemischen Nachprüfung zugänglich 
gemacht werden können 

An die Aufgabe, die dem Problem der Diffe- 
rentiation zugrunde liegenden Gleichgewichte von 
Silikaten systematisch festzustellen, ist eine Reihe 
ausgezeichneter Physikochemiker und Mineralogen 
getreten, die unter A.L. Days Leitung im Geophysi- 
kalischen Laboratorium der CARNEGIE-Stiftung 
in Washington nach einem umfassenden Plane ihre 
Arbeit organisierten. Ausgehend von dem umfang- 
reichen synthetischen Erfahrungsmaterial, welches 
im Laufe Jahrhunderts eine Anzahl von 
Mineralogen und Chemikern über die Keaktions- 
bedingungen gesteinsbildender Silikate und ins- 
besondere Alumosilikate zusammengetragen hatte, 
gelang es den genannten Forschern, eine 
Zahl fundamentaler oxydischer Silikatsysteme in 
„Zustandsdiagrammen‘‘ niederzulegen. Fortschrei- 
tend von den einfachsten Untersuchungen der Kie- 
selsäure selbst, zu den binären Silikaten, und dann 
zu den komplizierteren Alumosilikaten wurden die 
hauptsächlichsten Typen jener Mineralien der 
Eruptivgesteine in großer Reinheit dargestellt. 
Ihre Reaktionen untereinander nach Lage der 


diese 
hier 


das 


des 19 


große 


Gleichgewichtstemperaturen und -konzentrationen 











n 


h 


Heft 47/48/49 
28. 1%. 1930 


Labrador > Andesin 
A A 
4 
Gabbromagma >» Dioritmagma 


v ’ 

> > Augit 
y y Augit 

Olivin Erz 


v 
Sulfidmagma 
Schema 1. Normalschema 


Labrador 
A 


Biotitnoritmagma > 


y Biotit 


v 
\ugit 


v , 
Olivin Bronzit 
. 
Erz 
Sulfiidmagma 


Schema Differentiation der 


Labrador 
A 


Eırer: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 


Biotitdioritmagma 


Kalifeldspat 


1021 


> Oligoklas Kalifeldspat Muscovit 
A A a A 


> Quarz 
A 


> Granitmagma » Wässerige Restlösungen 


v 


y u Biotit 
> Amphibol \mphibol 


der Differentiation (nach V.M. GoLDSCHMIDT). 


> Andesin >Oligoklas 
A 4 Quarz 
A 
> Trondhjemitmagma 
| 


| „ Biotit „ Biotit 


v 
vl )iopsid 


+ Amphibol 
Hypersthen 


Glimmerdioritstamme 


(nach V. M. GOLDSCHMIDT). 


Kalifeldspat 


> Andesin > Oligoklas > Albit 
+ ’ Quarz 
A 
Noritmagma > Mangeritmagma > Hypersthengranitmagma 
v v v 
\ugit > Diopsid 
. v v , 
> Hvpersthen 
Olivin Bro nzit I 
, > 
Erz 


Bi 
Sulfidmagma 


Schema 


| geben im Rahmen des Zustandsdiagramms die 
einfachste Anschauung für die Vorgänge 
Wirklichkeit des magmatischen Systems und deı 
Gesetzmäßigkeiten seiner Krystallisation 
außerordentlichen Mannigfaltigkeit dieser exakten 
’ 


weise bei 
silikattechnischer Probleme 
schranke ich 


gefunden 


mich darauf, Ihnen 


wohl die theoretische Forschung wie die Technologie 
SiO,-MgO 
Das System 


der Silikate betreffen. Das System 
und SiO,-Al,O,-CaO (Schema 4 und 5). 


Kieselsäure-Magnesia ist in seiner 


Nw. 19 


LT ——— 


3. Differentiation det 


Bei deı 


Forschungsergebnisse und der weiten Verbreitung, ständlich machen kann 
welche diese Zustandsdiagramme jetzt erfreulicher 
Bearbeitung petrologischer und selbst 
haben, be 
hier nur 
Beispiele zu geben, welche in weitestem Maße so 


einfachen Ge 


Mangeritstämme (nach V. M. GOLDSCHMILT) 


stalt dadurch bemerkenswert, weil es uns den Vor 
in der gang der bei Silikaten häufigen Erscheinung einer 
inkongr uenten Schmelzreaktion, 


Krystallisation 


umgekehrt 
charakteristischen 
tionsphänomenen an einer Frühausscheidung ver 


eine! 
unter Resorp 
Den erstgenannten Vor 
gang vergleicht man zweckmäßig mit dem Schmel 
zen eines Hydrates ‚im Krystallwasser‘‘, wie es 
dem Chemiker alltäglich begegnet, nur daß hieı 
zwei eine kieselsäurereiche Schmelzlösung die Rolle jeneı 
wässerigen Schmelze übernimmt. Der zweite Fall 
ist dem Petrographen beim Studium der Dünn- 
schliffe von Basalten und verwandten Gesteinen 
vertraut, wie die primären Krystalle eines Olivins 


durch nachträgliche Reaktion mit einer Schmelz- 


70 
/ 





1022 EıteL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemis 


phase unter Neubildung von Pyroxen korrodiert 
werden, und eine Restlésung verblieb, die unter 
Umständen sogar zur Bildung von Quarz führen 
kann. Für beide Erscheinungstypen ist das Dia- 
gramm SiO,-MgO geradezu ein Musterbeispiel, und 
mit Recht hat Bowen die allgemeine Gültigkeit des 
„Reaktionsprinzips‘‘ bei den Krystallisationsbe 
ziehungen von Olivinen und Augiten auf Grund 




















Die Natur- 
wissenschaften 


dieses Systems als eine der wichtigsten Richtlinien 
der Differentiation bezeichnet. In dem Diagramm 
des Systems Kieselsäure-Kalk-Tonerde erkennen 
wir als besonders wichtige Krystallarten den 
Anorthit (CaO - Al,O, - 2SiO,) sowie den Gehlenit 
(2CaO - Al,O, - SiO,), die durch Wechselreaktionen 
in thermometamorphen Kalksilikatgesteinen in der 
Natur mannigfach gebildet werden kénnen. Das 
Diagramm gibt einen ausgezeichneten Uber- 

















rc 2800° A 
| \ blick über diese in der Natur gegebenen 
aia Perikios +5 c Reaktionsmöglichkeiten. Es sei nur er- 
r wähnt, daß in gleicher Weise das Dia 
2 Schmelze 4 gramm geradezu entscheidend geworden 
800 ist fiir unsere Vorstellungen von der Kon- 
u | stitution der Portlandzementklinker wie 
7 je FR \4 auch neuerdings der Aluminatzemente, auf 

U ldssigkeiten \ 1 5 : 3 ai rays a 
1700+ oes Aimo “enen die gesamte Zementindustrie basiert. 
Periklas + Forsterit Das Diagramm gibt in der bewährten 
r Cristobolit+S 1 Isothermendarstellung den funktionellen Zu- 
1600, woo sammenhang zwischen Konzentration deı 
drei Oxyde im Gemenge und aller haupt- 

Kinoenstann| © Minoenstarit«Cristob - sächlichen Gleichgewichtspunkte (Eutek 

ınoenstofi “a if 1Ssfodotrt > , 

- - + r = tika usw.), die zur Beurteilung des Schmelz 

MgC 20 + 60 80 10, “<a : i BE : 1. : 
Gew-% 149,550, Mg'Si0, und Erstarrungsverhaltens bekannt sein 
müssen. Ein einziges derartiges Diagramm 


Schema 4. System Kieselsäure-Magnesia (nach ANDERSEN und 


BoweEN, ergänzt nach GREIG) 





C00.5i0; 
1540 


2C00Si0, 


2130 


JCo0.5i0, 









2Ca0Al 0,510; 
1590@ 


orientiert "demnach über alle technologi 







3Al; Oy 25i 0, 











& 
ar Algl, 
oe 






1590 
Cad 2 5 if 677 48 Cas Al, 0; 
2570 ICO0ALO, “SCa0IAld, CoOAlh, 3600541,0, 2050 
1455 7600 1720 
Schema 5. System Kieselsäure-Kalk-Tonerde (nach RANKIN, ergänzt nach GREIG) 








a 


ont 00 





Heft 47/48 > EITEL: 


28. rı. 1930 


schen, petrologischen und vor allem geo- 
chemischen Beziehungen der Stoffe Kalk, Kiesel- 
und Tonerde, die bei hohen Tempera- 
turen bei geringen Drucken möglich sind. Die 
weitgehende Bedeutung der Silikatsynthese für 
unsere Fragenkomplexe wird schon aus diesen Bei- 
spielen genügend hervorgehen, um weitere Er- 
örterungen über diesen Zweig der exakten Silikat- 
forschung jetzt zu erübrigen. Es darf der Hinweis 
allerdings nicht unterlassen werden, daß weitaus 
die Mehrzahl der bisherigen experimentellen Unter- 
suchungen über diesen ganzen Fragenkomplex noch 
wenig aussagen, da sie sich lediglich auf 
trockene Systeme bezogen. VERNADSKY verweist 
in Übereinstimmung mit BowEn und GoLDp- 
SCHMIDT mit Recht darauf, daß die Anwesenheit 
von Wasser oben entworfene Bild insofern 
ganz erheblich zu ändern vermag, als durch die 
gewöhnlich nicht an Alumosilikate gebundenen 
Ionen wie Mg” Fe” Mn” unter Wirkung des juvenilen 
Wassergehaltes des Magmas dennoch die Bildung 
von Krystallarten mit “Kaolinkernen’, d.h. vom 
Charakter der Alumosilikate, veranlaßt werden 
kann, wie wir sie in den Glimmern beobachten. 
Gerade in dieser Beziehung sind leider unsere 
Kenntnisse auf synthetischem Gebiete noch in den 
ersten Anfängen. Gegenüber einer großen Zahl 
von qualitativen Angaben über Hydrothermal- 
synthesen zahlreicher einfacher Silikate und Alumo- 
silikate sind wirklich exakte Untersuchungen über 
diesen Gegenstand noch fast gar nicht vorhanden. 
Bei der überragenden Rolle, die das Wasser in der 
geochemischen Geschichte der Magmen spielt, ist 
das Bedürfnis nach einer gründlichen Bearbeitung 
der Gleichgewichte der Silikatsysteme mit Wasser 
ein außerordentliches. Es wird allerdings bei den 
Schwierigkeiten, Eigenschaften über- 
kritischen Wasserdampfes mit sich bringen, ganz 
besonderer Anstrengungen bedürfen, um hier einen 
entscheidenden Schritt vorzudringen 
Glücklicherweise sind wir nicht allein auf de- 
duktive Schlüsse auch auf diesem Gebiet angewie- 
sen; vielmehr haben die umfangreichen Arbeiten 
NiGGLis über die Bildung von Mineralien unter 
Anwesenheit leichtflüchtiger Bestandteile im Mag- 
ma, also in den Restlaugen derselben eine ganz 
wesentliche Bereicherung unserer allgemeinen geo- 
chemischen Ansichten über die Verteilung einer 
großen Zahl seltenerer Elemente gebracht. NIGGLI 
hat auch experimentell durch ein eingehendes Stu- 
dium von ‚.Modellsystemen‘‘ über die physikalisch- 
chemischen Gesetzmäßigkeiten der Gleichgewichte 
in den pegmatitischen und pyrohydatogenen Sy- 
stemen der Natur weitgehende Aufklärung bringen 
können; er wählte z.B. an Stelle der so schwer 
synthetisch zugänglichen Alumosilikate der Feld- 
spatgruppe leichtkrystallisierende Verbindungen 
wie Quecksilberhalogenide, die er nun nicht mit 
Wasser als leichtflüchtiger Substanz untersuchte, 
sondern mit dem experimentell ungleich besser zu 
beherrschenden Schwefeldioxyd. Durch Anwendung 
kommt man den wirklichen 


säure 


recht 


das 


welche die 


von Kohlendioxyd 


Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 


1023 


magmatischen Verhältnissen in Restlösungen noch 
sehr viel näher, und es konnte von NIGGLI insbe- 
sondere der Beweis erbracht werden, daß Karbonat- 
schmelzen im Gleichgewicht mit einfachsten Silikat- 
systemen wichtige Aufschlüsse über die Bildung 
und Reaktionsart der basischen Alumosilikate zu 
geben vermögen. Manche Probleme der als Erz- 
bringer und Muttergesteine seltener Mineralien 
und Elemente so wichtigen Nephelinsyenite konn- 
ten so einer Deutung zugeführt werden. Ja, es 
gelang mit Hilfe besonderer Hochdrucksynthesen, 
komplexe Verbindungen zwischen Silikaten und 
Karbonaten herzustellen, die ein überraschendes 
Licht auf die Bedeutung magmatischer Schmelzen 
auch für die primären Vorkommen des Kohlen- 
stoffes werfen. Andererseits konnte durch der- 
artige Studien wieder die Entstehung der merk- 
würdigen gemengten Karbonat-Silikatgesteine, z.B. 
im südlichsten Norwegen, vom Typus der Fenite, 
Melteigite usw. verständlich gemacht werden, die 
bei der Einschmelzung tiefgelegener Karbonat- 
gesteine in ein aufsteigendes Magma sich bildeten. 

Nach dieser kurzen Diskussion der heutigen 
Anschauungen von den petrologischen Grundtat- 
sachen und ihrer Erklärung nach den Gesetzen der 
Phasenlehre dürfen wir nunmehr dazu übergehen, 
die besonderen Einzelerscheinungen der Verschie- 
bungen von typischen Elementen in der Lithosphäre 
nach entsprechenden Gesichtspunkten zu behan- 
deln. Nach den Ausführungen V.M.GoLp- 
SCHMIDTS ist die Gesellschaft der lithophilen 
Elemente durchaus keine zufällige; vielmehr ist 
es in hohem Maße bezeichnend, daß in der Litho- 
sphäre neben Silicium vor allem diejenigen Elemente 
den Hauptausschlag geben, die als elektropositive 
Ionen dem einfachsten Edelgastypus zugehören, 
also Elektronenhüllen besitzen, die durch je vier- 
zählige Gruppen von Elektronenbahnen gekenn- 
zeichnet sind. Hier erkennen wir vor allem die 
ausgeprägt lithophilen Ionen der Alkali- und Erd- 
alkalimetalle (vgl. Schema 6); in Gestalt der 
Silikate sind sie mit dem ausgesprochen lithophilen 
Sauerstoff in innigster Verbindung sowohl in den 
Frühausscheidungen, den Hauptkrystallisationen 
und den Restlösungen der Magmen allenthalben 
anzutreffen. Prinzipiell hat uns die Untersuchung 
der Systeme, die wir im Anschluß an die Theorie der 
Krystallisationsdifferentiation nach BowEn be- 
sprachen, bereits gezeigt, daß die Migration der 
lithophilen Ionen vom Edelgastypus verschiedene 
Wege gehen kann, je nachdem es sich um Alkali- 
ionen oder z. B. um Magnesium, Mangan oder Eisen 
handelt Während die letzteren in trockenen 
Schmelzen ausnahmslos in einfache Silikate wie 
Olivine, Pyroxene eingehen, treten die ersteren 
Ionen vorzugsweise in die Alumosilikatgruppe ein. 
Die Differentiationstendenz der durch die An- 
reicherung der einen bzw. anderen Gruppe von 
Krystallarten bestimmten Gesteinstypen zeigt sich 
also bedingt durch die völlig verschiedene Fähig- 
keit jener Ionenarten, in komplexe Verbindungen 
mit Aluminium und Silicium einzugehen. Die fast 


„6% 
70 





1024 EITE! 

Eisenschmelze Sulfidschmelze 
Siderophile Elemente Chalkophile Elemente 
Fi Ni, Co ((O)), S, Se, Te 
P, ( Fe, (Ni), (Co), Mn? 
Mo, (W?) Cu, Zn, Cd, Pb 
Pt, Ir, Os (Sn ?), Ge, (Mo 

Pd Ru, Rh As, Sb, Bi 
Ag, Au, Hg 
Pd, (Ru?), (Pt 
Ga, In, TI 


Schema 6. Ubersicht der chemischen 


Elemente nach ihrer Verteilung im 





Die Bedeutung der Silikatsynthese fir die Geochemie Die Natur- 
’ wissenschaften 


Silikatschmelze Dampjhülle 
Lithophile Elemente Atmophile Elemente 
O, (S), (P), (H) H, N, (0), 
a 3 2,5, Th (Cl?) 
Fr, Cl. Be, I He, Ne, A 
B, Al, Sc, Y, La, Ce, Kr, X 


Pr, Nd, Sm, Eu, Gd, 
lb, Ds, Ho, Er, Tu, 
Yb, Cp 

Li, Na, K, Rb, Cs 

Be, Mg, Ca, Sr, Ba 

(Fe), V, Cr, Mn, 
((Ni)), ((Co)) 

Nb, Ta, W, U, Sn 

(C) 


Aufbau der Erde. 


(Nach V. M. GOLDSCHMIDT.) 


durchgängige Einheitlichkeit, mit der besonders die 
\lumosilikate der Alkalien und Erdalkalien para 
genetisch verknüpft bleiben, hat VERNADSKY auf 
die Vermutung geführt, daß eine tiefere konstitutive 
Übereinstimmung der Krystallbautypen bei den 
\lumosilikaten vorhanden sein müsse; er kam zu 
der Vorstellung, daß ganz bestimmte, ringförmig 
gedachte Kernstrukturen diese Verknüpfung von 
\l- und Si-lonen mit dem Sauerstoff ausmachten, 
die er nach dem Endprodukt der hydrolytischen 
Zersetzung aller solcher Alumosilikate an der Erd- 
oberfläche, dem Kaolin, als einen Kaolinkern 
bezeichnete. Die Bedeutung der Atomstruktur und 
des Baues der Ionen für die Beurteilung des Vor 
kommens der verschiedenen lithophilen Elemente 
erst dann in vollem Umfang, 
wenn wir ein weiteres grundlegendes Prinzip hin 
zunehmen, in welchem jene Faktoren 
klar sich auswirken, die Beziehungen der Elemente 


erscheint uns aber 
erst ganz 


untereinander bei der Bildung isomorpher Krystall 
strukturen 
Während bis vor wenigen Jahren die Krystallo- 
graphie höchstens als ein geometrisches Hilfsmittel 
der Mineralogie und Chemie gegolten hatte, erhielt 
sie erst durch die Entwicklung unserer Anschau- 
vom Gitterbau der Krystalle eine über- 
Bedeutung für die Geochemie. Der zu 
Blüt« Zweig deı 
entspringt vor allem der hingebenden Einzelarbeit, 
unlängst Krystallograph 
P. Groru durch die Sammlung krystallographische1 
Daten fast aller bekannter chemischer Verbindun 
gen, Mineralien wie Kunstprodukte, geleistet hat 
\uslösend wirkten für diese Neuentwicklung die 
schnell fortschreitenden röntgenographischen Be 
stimmungen der Krystallstrukturen, und auf dem 
Felde konnten nun in 
größtem Gesetzmäßigkeiten er- 
gründet werden, die das geochemische Zusammen- 


ungen 
ragende 
Krvstallchemie 


neuer gelangte 


die deı verstorbene 


von GROTH vorbereiteten 


\usmaße die 


vorkommen der Elemente in den Mineralien regeln 
Wir staunen ob der Fülle des Materials, 
in dieser Richtung alsdann über GRoOTH hinaus von 
V. M. GoLpscHMipr mit Hilfe genauer Struktur 
analysen zusammengetragen worden ist Nicht 
nur wurde eine große Zahl vordem unvollständig 


welches 


bekannter Verbindungen nunmehr ver- 
messen; vor allem wurden die Regelmäßigkeiten 
ergründet, die den Strukturbau der Krystalle mit 
den lonen- und Atomeigenschaften der Elemente 
verknüpfen, ferner die Richtlinien für die Kom- 
mensurabilität Gittertypen, mit 
ihrer weittragenden Bedeutung für die Entschei- 
lonen- 


genau 


verschiedener 


dung der Frage, welche Verbindungen in 
gittern, welche in Atomgittern auftreten können. 
Es wurden ferner die Erscheinungen geklärt, die 
gegenseitigen Einwirkung der lonen in 
einem Gitter sich einstellen und als, 
sich äußern. Auf alle diese reichen 
einzugehen, ist heute nicht mehr meine Aufgabe, 
vieles erhellte Ihnen bereits aus den Darlegungen 
GOLDSCHMIDTs im ersten Vortrag. Ich möchte 
auch nicht auf die durchaus originellen Gedanken 
über die 


bei der 
Polarisationen‘' 


Beziehungen 


eingehen, die der genannte Forscher 


‚Nachahmung‘ gewisser komplizierter Silikat- 
strukturen durch ‚abgeschwächte‘ oder ‚,‚ver- 


stärkte Modelle‘‘ geäußert hat; wie es z. B 
lich ist, an Stelle der experimentell schwer zu hand- 
habenden Substanz SiO, das leichter schmelzbare, 
aber sonst durchaus in seinen Eigenschaften dem 
selben entsprechende Berylliumfluorid einzuführen, 
und aus diesem Komplexe synthetisch zu ‚bauen‘ 
die in vieler Hinsicht ganz den Alumosilikaten usw 
Vielmehr lassen Sie mich eines deı 
Krvstallchemie in 


mog- 


gleichen reiz- 
vollsten Gebiete der heutigen 
seiner geochemischen Bedeutung diskutieren, s« 
weit es synthetisch hat erschlossen werden können: 
die Rolle der Metalle der Erden in der 
Geschichte der Magmen und ihre synthetische Be- 
handlung. Es ist dies geradezu ein Musterbeispiel 
für die Anwendbarkeit der Isomorphiebeziehungen 
als der bestimmenden Faktoren der geochemischen 
Rolle der Elemente 

Wir erkennen nach GOLDSCHMIDT die seltenen 
Erdmetalle unter den typischen lithophilen Ele- 
menten und wollen zunächst ganz davon absehen, 
daß Yttrium in mancher Beziehung den seltenen 
Erden nicht zuzurechnen ist, noch mehr aber das 
Scandium von diesen abweicht; das Gallium kann 
trotz der erheblichen Analogie mit dem Aluminium 
doch ausgesprochene chalkophile Tendenzen zeigen, 


seltenen 











Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


die sich z. B. im Vorkommen in Sulfosalzen vom 
Typus des Germanits äußern. Überaus bemerkens- 
wert ist, daß die seltenen Erden in der Folge der 
Silikatgesteinskrystallisationen durch eine Doppel- 
rolle auffallen; einmal können sie auftreten in den 
Mineralien der Erstkrystallisationen, besonders 
z.B. im Apatit und Titanit, andererseits in den 
Restkrystallisationen der Pegmatite und der pyro- 
hydatogenen Bildungen der Nephelinsyenitmag- 
men. In den letzteren ist wiederum bemerkens- 
wert, daß die ausgesprochenen Silikate seltener 
Erdelemente zu den Ausnahmen, den mineralogi- 
schen Seltenheiten gehören (s z B.den Thortveitit, 
Thalenit, Hellandit u.a.), daß sie vielmehr die Sili- 
kate und hier besonders die Alumosilikate gewisser- 
maßen zu ,,meiden“ scheinen. Uber diese unbestreit- 
baren Tatsachen, die bereits durch die klassischen 
Untersuchungen BRÖGGERs gesichert wurden, gibt 
nunmehr das synthetische Experiment bereits heute 
in überraschender Weise Auskunft. Wir beobachten 
einerseits nach den Arbeiten von ZAMBONINI, daß 
die seltenen Erden sich in synthetische komplexe 
Kalkphosphate vom Typus der Apatitgruppe 
weitgehend einlagern lassen, und erblicken darin 
eine schöne Bestätigung der Erscheinungen, die 
auch bei der Isomorphie des Flußspats mit Yttrium- 
fluorid (im Mineral Yttrofluorit) von TH. VoGT 
und GOLDSCHMIDT erkannt worden sind. Bei den 
Silikaten und besonders den Alumosilikaten seltener 
Erden befinden wir uns sehr erheblichen Schwierig- 
keiten gegenüber, da uns die Natur, abgesehen von 
den Orthiten und den schon erwähnten höchst 
seltenen Erdsilikaten wie Thortveitit, so gut wie 
keine direkten Merkmale verrät, in welcher Rich- 
tung wir zu suchen hätten. Nur das Studium der 
Isomorphiebeziehungen in Ionengittern, wie es so 
erfolgreich von GOLDSCHMIDT theoretisch und prak- 
tisch erprobt worden ist, kann uns hier den Weg 
weisen. Wir konnten bei Untersuchung der be- 
schränkten Mischbarkeit der Mineralien der Nephe- 
lin- und der Anorthitgruppe die ersten Versuche 
unternehmen, um die Gründe anzugeben, weshalb 
die seltenen Erden gerade in denjenigen Alumo- 
silicaten sich nicht einzulagern vermögen, welche 
in den Hauptkrystallisationen der Magmen doch 
typisch sind. Die Untersuchung einer großen 
Anzahl von Krystallarten, die nach dem Muster 
jener Mineralien unter Ersatz des Al-Ions durch 
Ionen seltener Erdmetalle synthetisch aufgebaut 
wurden, lehrte uns, daß zwar Krystallarten seltener 
Erden durchaus analoger Zusammensetzung wie 
bei den gewöhnlichen Alumosilikaten bestehen 
können, daß sie aber anderen Krystalltypen als 
den Nephelinen und Anorthiten entsprechen und 
durch die ganz verschiedenen Größen der Ionen- 
radien im Verein mit der Verschiedenheit ihrer 
Ionenstrukturen sich ganz wesentlich unterschei- 
den. Es ist von nicht geringem Interesse, daß bei 
derartig großen Ionen und „aufgeweiteten‘ Struk- 
turen wie bei den ,,Alumolilikaten‘‘ mit seltenen 
Erden die Unterschiede der Nephelin- und Anor- 


EıteL: Die Bedeutung der Silikatsynthese für die Geochemie. 102 


5 


thitreihe überhaupt verschwinden können, und daß 
die Gitter Strukturen entsprechen, die wir sonst 
nur aus dem pneumatolytisch gebildeten Kalio- 
philit kennen. Von einer auch nur spurenhaften 
Mischbarkeit der seltenen Erdkrystallarten mit 
den eigentlichen Alumosilikaten ist nichts zu be- 
merken. Es erklärt dies, warum die seltenen Erden 
also nicht in den Feldspatvertretern, nicht in den 
Feldspaten und infolgedessen auch nicht in den 
Verwitterungslagerstätten vom Typus der Kaoline, 
Tone und Bauxite wiederzufinden sind, sondern 
in ganz anders geartete Mineralien eingehen, in 
Phosphate, wie Monazit usw. Die Synthese der 
Nepheline und Anorthite mit seltenen Erden wird 
höchst lehrreich, sobald man mit diesen Krystall- 
arten etwa die den Alumosilikaten entsprechenden 
scandium- oder galliumhaltigen Typen vergleicht. 
Besonders das kleine Ga-Ion ist höchst analog mit 
dem Aluminiumion, und es stimmt mit diesem 
ja auch ausgezeichnet nach seiner Größe überein. 
Tatsächlich sind die Nepheline beider Ionentypen 
einander völlig analog, die Mischbarkeit eine ideale. 
Die von GOLDSCHMIDT als ‚Tarnung‘ bezeichnete 
Erscheinung wird vollkommen durch das Ex- 
periment bestätigt. So verstehen wir auch, weshalb 
das Gallium in ‚‚sklavischer‘‘ Weise dem Aluminium 
durch alle Phasen der Krystallisationen im Magma 
zu folgen vermag, daß wir es nicht nur in den Feld- 
spaten und Feldspatvertretern entdecken können, 
sondern auch in den Bauxiten wiederfinden. Wir 
kommen übereinstimmend mit GOLDSCHMIDT so 
zu der Auffassung, daß tatsächlich den wichtigsten 
und ausschlaggebenden Faktor zur Bestimmung 
der geochemischen Paragenese der Elemente die 
Isomorphiebeziehungen darstellen, die auf Ionen- 
typus und -größe sich gründen. Wir dürfen aber 
noch einen Schritt weitergehen und aussagen, 
daß die eben durch jene Bedingungen bestimmten 
Krystallstrukturen gewissermaßen den Leitfaden 
uns an die Hand geben, mit welchem wir durch die 
ganzen zunächst so verworren erscheinenden Phä- 
nomene der Differentiation uns orientieren können. 
Es ist offenbar durch die Differentiation eine 
Selektion gewisser Gittertypen bedingt, die nach- 
einander in die Erscheinung treten, zuerst die Git- 
ter der einfachen Orthosilikate und der mit ihnen 
nahe verwandten Typen der Pyroxene, dann die 
immer deutlicher sich entwickelnden Gitter der 
Alumosilikate mit ihren ausgesprochenen Ver- 
wandtschaftsbeziehungen zu den Restkrystallisa- 
tionen, wie Quarz-, Tridymit- und Cristobalitstruk- 
turen. Es beginnt sich allmählich das Gebiet der 
Differentiationen in der Richtung zu klären, daß 
die Bildung bestimmter Gittertypen, die wir syn- 
thetisch in allen Einzelheiten darstellen und näher 
bestimmen können, uns die so schwierigen Pro- 
bleme der Paragenesen enthüllen wird. Damit 
sind wir an unserem Teile zur prinzipiellen Lö- 
sung des geochemischen Hauptproblemes gelangt, 
wie es uns jetzt in bezug auf die Magmenerschei- 
nungen vorschwebt. 








Die Natur- 
wissenschaften 


FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 


1026 


Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 
Von Hans FISCHER, München. 


Blutfarbstoff, Gallenfarbstoff und Porphyrine 
haben im Äußeren wenig Ähnlichkeit. Die Farben 
sind verschieden; Hämoglobin ist rot, der Gallen- 
farbstoff gelb-orange, die Porphyrine besitzen 
in Lösung ein leuchtend fluorescierendes Rot, 
dessen Farberscheinung in starker Abhängigkeit 
steht von der Reaktion der Lösung, die häufig 


dichroitisch erscheint. Zwischen den 3 Farbstoffen 
bestehen relativ recht nahe Beziehungen. 

Auf biologischem Wege ist zuerst der Zusam- 
menhang zwischen Blut- und Gallenfarbstoff er- 
kannt worden, Blutfarbstoff wird in der Leber im 
großen, im reticulo-endothelialen System im kleinen 
Maßstab in Gallenfarbstoff, Bilirubin, umgewandelt. 


1. Hämine und einige Blutfarbstoff- Porphyrine. 





Vorkommen in der 


Formel Natur 


Name Darstellung! Seitenketten 


Hamin. C4H3N;0,FeCl Farbstoffkomponente Eisessig-Kochsalz 4 Methyl-, 2 Propion- 


des Hämoglobins; in säurereste u. 2 Vinyl- 
Hefe und Pflanzen gruppen 
Protoporphyrin . C,H3,N,0, In den Eierschalen (Oo-| Ameisensäure u. Eisen dg! 
porphyrin), bei Blut- 
faulnis, KAMMERERS 
Porphyrin (in Hefe) 
usw. 
Hamatoporphyrin . CygHggN 40g Eisessig-Bromwasser- ‚Statt 2 Vinyl- 2 a-Ox- 
stoff äthylreste 
Mesoporphyrin C,H3,N,0,; Eisessig- Jodwasserstoff | Statt Vinyl-Äthylreste 
Ätioporphyrin Cy.Hs.N, Brenzreaktion 4 Methyl- und 4 Athyl- 
reste 
Mesoporphyrinogen C4H4N;,0, Eisessig- Jodwasserstoff. Statt Vinyl-Äthylreste 
Jodphosphonium kalt 
auf Hämin. Amalgam- 
reduktion des Mesopor- 
phyrins 
2. Natürliche Porphyrine. a) Primäre. 
Uroporphyrin CypHgsN 416 Bei Porphyrie; Cu-Salz)ı Aus Porphyrie-Harn. |4 Methyl- u. 2 Methyl- 
Turacin Nach Ester-Methode |malonsdure- u. 2 Bern- 


steinsäurereste 
Koproporphyrin I. CygHggNyOg Bei Porphyrie in Harn 


und Kot. In Hefe 


Aus Porphyrie-Harn u 
Kot. Autol.-Hefe. Nach 
Ester-Methode 
Nach Ester-Methode 


4 Methyl- u. 4 Propion- 
saurereste 
Konchoporphyrin Cyr7HggNqOi9 Aus Perlmuschelschalen 4 Methyl-, 3 Propion- 
säure- u. 1 Bernstein- 
saurerest 


Koproporphyrin IIl CygHggN4Oz Bei einem Porphyrie- Ester-Methode 4 Methyl- u. 4 Propion- 
fall, von HIJMANS VAN säurereste 
DEN BERGH isoliert 
Ooporphyrin . . . C4H4N,0, In Eierschalen dgl. 4 Methyl-, 2 Propion- 
säure- u. 2 Vinylreste 


b) sekundäre. 


KAMMERERS Por Bei Blutfäulnis, in Hefe 


phyrin 


C4H3,N,O,; 4 Methyl-, 2 


säurereste u. 2 
gruppen 


Propion- 
Vinyl- 


Deuteroporphyrin CopHgoN yO, Protrahierte Blutfaul- | Bromeinwirkung auf Ersatz der Vinyle durch 


nis Hamatoporphyrin und H 
Reduktion, Resorcin- 
schmelze von Hämin 
nach SCHUMM und 
Enteisenung 
Deuterohämin . . | CygH,gN,O,FeCl dgl. dgl. dgl 


. WILLSTATTER- 


Für die Gewinnung vieler Porphyrine ist die Äther-Salzsäurefraktionierungsmethode von 
wichtig 


MIEG sehr 











Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


Fısc#er: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 


1027 


Reduktive Spaltprodukte des Hämins und der Porphyrine. 


Hamopyrrolbasen. 


C,H, HL-— CH, 
H.C. JH H 
NH 


Hämopyrrol 


CH; 
NH 
Kryptopyrrol 


H,C— C,H, H,C-— C,H, 
3 4 

H,C\ CH, H. JH 
NH NH 


Phyllopyrrol Opsopyrrol 


Hämopyrrolsäuren. 


H,C, CH,-CH,-COOH H,C——CH,-CH,-COOH 
H,C. /H H 
NH 


Hämopyrrolcarbonsäure 


CH, 
NH 


Kryptopyrrolcarbonsäure 


H,C,.CH,-CH,-COOH H,C—CH,-CH,-COOH 
7 8 

H,C\ CH, H\ )H 
NH NH 


Phyllopyrrolcarbonsäure Opsopyrrolcarbonsäure 


Oxydative Spaltprodukte des Hämins und der Porphyrine. 


H,C——-CH, -CH, - COOH H,CC.H, 
) Io 
O NH O O NHO 
Hämatinsäure (KOSTER Methyläthylmaleinimid (KÜSTER) 
H,C-—H H,C——Br 
13 14 
OÖ NH O O NH O 


Zitrakonimid Bromzitrakonimid 


COOH CH, 
H,C——CH, - CH H,C-—-CH 
1 ON 12 ‘OCH, 
Oo NH O O NH O 


Carboxylierte Hämatinsäure Imid F. P. 64° 


Die Konstitution sämtlicher hier angeführten Spaltprodukte ist durch Synthese 
im angegebenen Sinne sichergestellt. 


Nach Blutergüssen, z. B. im Gehirn bei Schlag- 
anfällen, erfolgt die Umwandlung des Hämoglobins 
in Hämatoidin, das mit Bilirubin identisch ist. 
Die Hauptmasse des Bilirubins wird aber in der 
Leber gebildet und geht von da durch die Galle 
in den Darm über, erfährt dort durch die Darm- 
bakterien eine Reduktion zum Urobilin, wie wir 
aus den Untersuchungen FRIEDRICH MÜLLERS, 
die neuerdings von H. KÄMMERER bestätigt und 
erweitert worden sind, vor allem wissen. Normaler- 
weise wird das Urobilin mit dem Kot ausgeschieden 
und bildet einen Maßstab für die Menge an Blut- 
farbstoff, die täglich zugrunde geht. Man hat so 
daß innerhalb 


berechnet, 21/, Monaten der ge- 
samte Blutfarbstoff beim Menschen eine Rege- 
nerierung erfährt. Warum dieser fortgesetzte 
Abbau und die Re-Synthese des Blutfarbstoffs 
erfolgt, ist unbekannt. Unter pathologischen 
Bedingungen erfolgt eine Resorption des Uro- 


bilins in die Blutbahn, die Leber hält das Urobilin 
wie zahlreiche andere Farbstoffe zum Teil zurück, 
zum Teil wird es wieder abgegeben und passiert 
das Nierenfilter. Leberaffektionen 
erscheint es in großen Mengen im Harn als Leuko- 
verbindung und imponiert dort durch die von 
EHRLICH, NEUBAUER, PAPPENHEIM u. a. näher 
erforschte Reaktion mit Dimethylamidobenzal- 
dehyd,: die eine Pyrrolreaktion darstellt. Der 


Besonders bei 


Zusammenhang zwischen Porphyrin und Blut- 
farbstoff wurde wohl zuerst von HoPPE-SEYLER 
auf chemischem Wege erbracht. Beim Eingießen 
von Blut in Salzsäure beobachtete er das Por- 
phyrinspektrum, und seit dieser Zeit nahm man 
auch für die in der Natur auftretenden Porphyrine 
verwandtschaftliche Beziehungen zum Blutfarb- 
stoff an. 

Während Porphyrine an ihrem charakteristi- 


schen Bandenspektrum leicht erkennbar sind, 
zeigt der Gallenfarbstoff keinerlei charakteristi- 
sche Absorption, während das Oxyhamoglobin 
wieder durch 2 charakteristische Absorptions- 


streifen kennbar ist, die durch milde Reduktions- 
mittel in einen Streifen übergehen, und so ist 
leicht Bilirubin, Porphyrin und Hämoglobin 
unterscheidbar. 

Hämoglobin ist, wie schon sein Name andeutet, 
eine zusammengesetzte Verbindung, 96% sind 
Globin, ein Eiweißkörper, nur 4% sind Farbstoff, 
der 10% Eisen enthält. TEICHMANN hat zuerst 
die Spaltbarkeit des Hämoglobins in Hämin und 
Globin gezeigt mit Hilfe der nach ihm benannten 
TEICHMANNschen Probe. Durch Erhitzen mini- 
maler Mengen von Blut (je weniger, desto besser) 
mit Eisessig-Kochsalz auf dem Objekttrager er- 


scheinen insbesondere am Rand des Deckgläs- 
chens sehr bald die charakteristischen Hämin- 





1028 


krystalle. SCHALFEJEFF, PILOTY, WILLSTÄTTER 
u.a. haben die TEICHMANNsche Mikromethode 
ins Große übertragen, und man weiß heute, daß 
die Häminkrystalle den Formelaus- 
druck C„H„N,O,Cl im Einklang mit 
der Molekulargewichtsbestimmung be- 
sitzen. Im Hämoglobin ist kein Chlor 
enthalten, das Chlor wird bei der Hä- 
mindarstellung eingeführt. Sehr wichtig 
ist der Eisengehalt des Hämins. Mit 
den Reagenzien ist er nicht 
nachweisbar, Eisen ist komplex 
gebunden, und zwar ist es in dreiwer- 
tigem Zustand enthalten und reduzier- 
bar zu zweiwertigem Eisen. Der so ent- 
standene Farbstoff wird als Hämochro- 
mogen bezeichnet; dieser ist chlorfrei 
und in dieser Form wahrscheinlich im 
Hämoglobin enthalten, wie wir beson- 
ders durch die Partialsynthese Hırıs 
wissen, Spektroskopisch Hämin 
und Hämochromogen weitgehend ver- 
schieden. Hämin besitzt ein wenig charakteristi- 
sches dreibandiges Spektrum, das Hämochromo- 
genspektrum ist scharf und außerordentlich ge- 
eignet zum Erkennen des Hämins. Im Hämin 
ist das Eisen stabil gebunden, im Hämochromo- 


COOH 


üblichen 
das 


COOH 


sind 


gen ist es labil Entfernt man das komplex- 
gebundene Eisen aus Hämin oder Hämochro- 
mogen, erhält man Porphyrin bzw. Porphyrine. 
Man kann auch rückwärts, wie ZALESKI zuerst 
gezeigt hat, Eisen komplex in Porphyrine ein- 
führen und kommt dann wieder zum Hämin 


zurück, wenn man das dem Hämin entsprechende 
Porphyrin als Ausgangsmaterial verwendet. Hämin 
und Porphyrine stehen also in den nächsten ver- 
wandtschaftlichen Beziehungen. 

Wir wollen nun zunächst eine kurze Übersicht 
über Hämin und die von ihm sich ableitenden 
wichtigsten Porphyrine geben, die wir in Tabelle 
auf S. 1026 voranstellen. 

Auf ihre Besprechung gehen wir näher ein, 
sowie wir ihre reduktiven und oxydativen Spalt- 
kennengelernt haben, die wir in der 
1027 zusammengestellt haben. 
Hämins und vieler 


produkte 
Übersicht auf S 

Bei der Reduktion des 
Porphyrine mit Eisessig- Jodwasserstoff entstehen 
1—8. Die Hämopyrrolbasen 1—4 
Methyläthvlmaleinimid 
(10), die Säuren Hämatinsäure (0) 
Dadurch ist ihre Konstitution in den Grundzügen 
festgelegt; der exakte Beweis erfolgte durch die 


die Pyrrole 
geben bei der Oxydation 
KUsTERsche 


Synthese, auf die wir nicht näher eingehen wollen. 
Die Ausbeute an Basen und Säuren aus Hämin 
ist so groß, daß auf vier Pyrrolkerne im Molekül 
geschlossen werden muß, womit auch die Mole- 
kulargewichtsbestimmung übereinstimmt. 

Schon im Jahre 1912 hat W. Küster für das 


Hämin Konstitutionsformel aufgestellt, die 
im wesentlichen ein richtiges Bild des Hämins 
gibt: Wir bringen die Formel, so wie sie heute durch 
und folgen auch bei der 


eine 


bewiesen Ist, 


die Synthese 


FıscH£er: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 


CH,—CH,—C—C c 


H,C—H,C—C—C 





Die Natur- 
wissenschaften 


Ubersicht der analytischen Resultate nicht der 
geschichtlichen, sondern der logischen Entwick- 
lung. 


CH cH, 


CH,C—C c— 


IV -_ 
N N 


CH Cl—Fe CH 


Ill II 


c—cC 


CH, 


CH 


Vier Pyrrolkerne (bzw. genauer: ı Pyrrol- 
ı Maleinimid- und 2 Pyrroleninringe) sind ver- 
einigt durch vier Methingruppen. Die fortlaufende 
Folge von einfachen und doppelten Bindungen be- 
dingt die Farbe. Die Gruppe FeCl ist zwei NH- 
Gruppen substituierend ins Molekül komplex ein- 
getreten. 

Durch reduktive Spaltung an den Methin- 
gruppen bildet sich jeweilig ein Methylrest und 
eine freie Methingruppe 


c—c Cc | | 
H »>C-CH, und HC 
; + 2H, 
und so kommt das Gemisch der Pyrrole 1 — 8 (S. 1027) 
zustande. 

Bei der oxydativen Spaltung werden die 
Methingruppen herausoxydiert, und man erhält 
Hämatinsäure in einer Ausbeute, die zwei Pyrrol- 
kernen (III und IV) entspricht. Der Basenanteil 
(I und II) erfährt offenbar totale Zerstörung, 
was sich erklärt durch die Vinylgruppen, an denen 
die Oxydation einsetzt. 

Unterwirft man Hämin nach NENCKI der ge- 
linden Reduktion mit Jodwasserstoff, so erhält man 
Mesoporphyrin (C,,H,N,O,) (Formel 9, S. 1035); 
reduziert man Hämin katalytisch, bekommt man 
Mesohämin, und in beiden Fällen werden die un- 
gesättigten Seitenketten, dieVinylgruppen, in Athyl- 
reste übergeführt, denn nunmehr entsteht bei der 
Oxydation Methyläthylmaleinimid, das wir vorher 
vermißt haben, und zwar entstehen zwei Moleküle 
Methyläthylmaleinimid! (Formel ro, S und 
zwei Moleküle Hämatinsäure (Formel 9, S. 1027). Bei 
der Reduktion mit Natriumamalgam nimmt Meso- 
porphyrin 6 Wasserstoffatome auf, 


1027) 
/ 


und es ent- 


1 Diese nach dem Konstitu- 
tionsbeweis des Hämins und Mesoporphyrins erfolgt. 


Früher war nur ein Mol Methyläthylmaleinimid erhalten 


Feststellung ist erst 


worden 











Heft 47/48 2) 
28. 11. 1930 

steht das farblose Mesoporphyrinogen (C,,H,,N,O,) 
(Formel 14a, S.1029), dem folgende Formel zukommt 
und das vier ‚‚echte‘‘ Pyrrolkerne enthält. Durch 
Dehydrierung geht es wiederin Mesoporphyrin über. 


so H, 4 
7 Cc % 


© om 
„x Cn 
x ld 4 7 
- ty 
H,C CH, 
+ > . 
4 = u. * 
30 Pi 
Sr Cc rod 
H, 
14a 


Beraubt man Hämin seines komplexgebunde- 
nen Eisens, am besten mit Ameisensäure-Eisen, 
entsteht Proto- bzw. KÄMMERERS Porphyrin 
(C,,H,,N,O,) (Formel 35, S. 1037). Hierbei wird ledig- 
lich das komplexgebundene Eisen entfernt, denn 
rückwärts läßt sich wiederum dieses Porphyrin 
in Hämin überführen. Verwendet man zur Eisen- 
abspaltung nach NENCKI Eisessig-Bromwasser- 
stoff, so lagert sich zunächst, wie WILLSTÄTTER 
fand, Bromwasserstoff an die ungesättigten Seiten- 
ketten des Hämins an und später erfolgt Hydro- 
lyse, es entsteht Hamatoporphyrin (C,H,N,O,) 
(Formel 34, S.1037),in dem an die beiden Vinylgrup- 
pen (an Kern I und II) des Protoporphyrins zwei 
Moleküle Wasser angelagert sind, so daß Oxäthyl- 
reste (vgl. Formel 34, S. 1037) entstanden sind. 
Hämatoporphyrin gibt bei der Oxydation wiederum 
nur Hämatinsäure, weil der basische Anteil von den 
Oxathylresten aus eine Zerstörung erfährt. Stabi- 
lisiert man aber diese Oxäthylreste durch Ver- 
ätherung, wie dies KÜSTER beim Tetramethylhäma- 
toporphyrin erreicht hat, so erhält man bei der 
Oxydation neben zwei Mol Hämatinsäure zwei Mol 
des Imids 12, S. 1027 (vgl. die Bemerkung! S. 1028) 

Dekarboxyliert man Mesoporphyrin (Formel 9, 
S. 1035), so erhält man unter Abspaltung von 
Kohlendioxyd das sauerstofffreie Atioporphyrin 
(Cs2H,,N,) (Formel III, S. 1035 obere Reihe). 

Chlorophyll läßt sich letzten Endes zu 2 Atio- 
porphyrinen abbauen, Pyrro- (C„H,N,) und 
Phylloätioporphyrin (C,,H,,N,), die 


nicht aus 
Blutfarbstoff erhältlich sind. 


Primäre natürliche Porphyrine. 


Porphyrine sind in der Natur weit verbreitet 


und seit ungefähr 60 Jahren bekannt. Bei der 


Porphyrie, einer Lichterkrankung!, die zumeist 


.”s CH, » CH, - COOH 

1 W. Hausmann hat die sensibilisierende Wirkung 
ler Porphyrine entdeckt. Näheres über diese wich 
tigen Befunde, auf die in diesem rein chemischen Vor- 


trag nicht näher eingegangen werden kann, findet man 
in den zahlreichen Veröffentlichungen von HAUSMANN 


Letzte Zusammenfassung: Die Lichterkrankung der 
8 


FISCHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 


1029 


mit schweren Entstellungen an Gesicht und Hän- 
den verbunden ist, werden im Harn und Kot 
ziemlich bedeutende Mengen von Farbstoffen 
ausgeschieden. Die chemische Untersuchung hat 
ergeben, daß zwei verschiedene Farbstoffe vor- 
liegen, das Uro- (C,,H,,N,O,,) (eine achtbasische) 
und das Koproporphyrin (C,,H,,N,O,) (eine vier- 
basische Säure), die leicht trennbar sind. Im Harn 
kommen beide vor, während im Kot nur das 
Koproporphyrin auftritt. Uroporphyrin kann in 
Koproporphyrin übergeführt werden durch Ab- 
spaltung von 4 Carboxylgruppen. Die Porphyrie 
kann durch Zuführung von Giften künstlich her- 
vorgerufen werden. Sulfonal ist hierfür besonders 
bekannt, bei Bleivergiftung ist auch oft das erste 
Symptom das vermehrte Auftreten dieses Por- 
phyrins im Harn. 

Züchtet man Hefe statt in Bierwürze in künst- 
lichen Nährböden fort, so wandelt sich die Hefe 
in „Kopro-Hefe‘ um, d.h. es läßt sich in solchen 
Kulturen eine gewaltige Vermehrung von Kopro- 
porphyrin nachweisen und solche Kulturen ent- 
halten auch zahlreiche rot fluorescierende Zellen. 
Auch Hämin ist in der Hefe vorhanden. Überläßt 
man Hefe der Autolyse, entstehen große Mengen 
von Koproporphyrin, ohne daß der Hämingehalt 
sich ändert. 

Das Kupfersalz des Uroporphyrins (CyH5,N, 
O,,Cu), Turacin, kommt in den Schwungfedern 
der Turakusarten (Verwandte unseres Kuckucks) 
vor, die in ungefähr 20 verschiedenen Gattungen 
in Zentralafrika verbreitet sind. 

In der Perlmuschel Pteria radiata wurde Koncho- 
porphyrin (C„H,N,O,,) (Formel 17, S. 1030), ein 
monocarboxyliertes Koproporphyrin, aufgefunden. 

Bei einem Fall von Porphyrie fand HıJmans 
VAN DEN BERGH ein Koproporphyrin (C„H,N,O;), 
das mit obigem Koproporphyrin nicht identisch 
war, auch nicht mit dem der Hefe und dem aus 
Uroporphyrin durch Abbau erhaltenen; sein 
Schmelzpunkt lag ganz erheblich tiefer. Spektro- 
skopisch bestand Übereinstimmung (vgl.S. 1034). 

Die gefleckten Eierschalen der im Freien brü- 
tenden Vögel enthalten Ooporphyrin. Porphyrine 
sind in Pflanzen nachweisbar, besonders nach 
unzweckmäßiger Ernährung. In der HARDERschen 
Drüse von Nagetieren, in Igelborsten, im Gefieder 
der Nachtvögel, in der Feder jugendlicher Vögel 
Porphyrine enthalten; auch embryonale 
Zellen enthalten Porphyrin. 


sind 


Sekundäre natürliche Porphyrine. 

Künstlich auf biologischem Wege können Por- 
phyrine erzeugt werden. KAMMERER fand einen 
bestimmten Bakteriensynergismus, der Blut- 
farbstoff in Porphyrin überführt (KÄMMERERS 
Porphyrin). Setzt man die Fäulnis monatelang 
entsteht ein Hämin bzw. Por- 
phyrin, das KÄMMERERS 
Porphyrin, Deuterohämin bzw. Deuteroporphyrin. 


dur« h, so neues 


verschieden ist von 
Haut, Band XI der Strahlentherapie, Urban & Schwar- 
zenberg 1929. 





1030 


Uber die Konstitution der natiirlichen Porphyrine. 


Ooporphyrin ist identisch mit Protoporphyrin 
bzw. KÄMMERERs Porphyrin. Führt man in 
Ooporphyrin Eisen komplex ein, erhält man Hämin. 
Reduziert man Ooporphyrinester mit Jodwasser- 
stoff, kommt man zu Mesoporphyrin, ebenso läßt 
sich der genannte Ester in Tetramethylhämato- 
porphyrin und Hämatoporphyrin überführen. 
Folgende Skizze gibt eine Übersicht über diese 
Umsetzungen, die teils reversibel sind: 


Mesoporphyrin 
A 


< 
„ Hämato- 
porphyrin 


Tetramethylhämato- 
porphyrin 


« 


>” Ooporphyrinester 
A 


v 
Häminester. 
Ooporphyrin ist also Hämin, seines Eisens beraubt 


Bei kurzdauernder Hämoglobinfäulnis wird 
lediglich das komplexgebundene Eisen hydro- 
lytisch neben Globin abgespalten, es entsteht 


KAMMERERs Porphyrin, das sich wieder rückwärts 


in Hämin überführen läßt. Bei der protrahierten 
N 
fey 
Mr 
WY 
ay 
Ww 
% 
* cH °C 
© 
© | 
4 > od N Pin 
4 > N .% 
4 HC 15 CH Yen 
% re N O, 
el “tb = » 
+ sa 
en 
Oo H C 
a Cc X 
3 ae 
> 
» 
coy 
N 
% 
Koproporphyrin 
Im Einklang damit steht die Decarboxylierung 
der beiden Farbstoffe, welche zu Atioporphyrin 
führt; hieraus läßt sich auf das Vorhandensein 


von vier Methyl- und vier Athylgruppen im Atio- 
porphyrin schließen 


Koproporphyrin ist unter anderem ausge- 
H,C - CH— CH, — COOH 
COOH 

CH 

N 

HC 

NH 

CH 
HOOC - H,C +» H,C CH, 


17 


Konchoporphyrin 


FIscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 





Die Natur- 
wissenschaften 


Fäulnis des Hämoglobins durch Monate hindurch 
werden die ungesättigten Seitenketten des Hämins 
abgespalten, und es entsteht Deuterohämin bzw. 
daseisenfreie Deuteroporphyrin (Formel 32, S. 1036). 
Bewiesen ist dies durch Isolierung von Zitrakoni- 
mid (Formel 13, S. 1027) bei der Oxydation neben Hä- 
matinsäure (9, S. 1027), ferner durch Bromierung, die 
Dibromdeuteroporphyrin gibt und durch Oxydation 
des Dibromdeuteroporphyrins, welches neben Hä- 
matinsäure Bromzitrakonimid (14, S. 1027) ent- 
stehen läßt. 

Uroporphyrin gibt bei der Oxydation carboxy- 
lierteHämatinsäure(11,S.1027), Koproporphyrin bei 
der Reduktion ausschließlich Hämopyrrolcarbon- 
säure (5,S.1027), die Basenfraktion fehlt. Demgemäß 
entspricht am wahrscheinlichsten Koproporphyrin 
einem Mesoporphyrin, in dem statt der beiden 
Äthylreste Propionsäurereste enthalten sind, 
während das Uroporphyrin dann die entsprechende 
„Malonsäure‘‘ darstellen sollte (16, S.1030). Folgende 


Formeln tragen diesen Verhältnissen Rechnung: 
» 
or 
.O 
»> » 
& g 
u = 
8 N % 
is CH Oo 
© 4 
> © 
9? $Y Oo 
% FEN} — 9.7 % 
2, + n be a % 
no br Baw 7 
& 4 G 3 Co 9 
0, a: 4 ia 7 
& ~ 
Oo Ay? 
Co 
© CH 
2 
3 & os 
y Cc” 5 
Pe o 


Uroporphyrin 


zeichnet durch einen schön krystallisierten Tetra- 
methylester, der bei 250° schmilzt. 

In Perlmutterschalen wurde Konchoporphyrin 
aufgefunden, ein Porphyrin, das einen Penta- 
methylester gibt und durch Abbau in Kopropor- 
phyrin überführbar ist. Ihm kommt wahrschein- 
lich folgende Konstitutionsformel zu: 


H,C——CH, - CH, - COOH 
N 
CH 
NH 
HOOC .H,C-H,C-— CH, 











Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


In dieser Formel ist ein Bernsteinsäurerest als 
Seitenkette enthalten. Auf Grund neuerer synthe- 
tischer Ergebnisse sind auch im Uroporphyrin 
wahrscheinlich zwei Bernsteinsäurereste enthalten, 
da eine synthetisch erhaltene Porphinoctacarbon- 
säure der Formulierung 16 sich mit Uroporphyrin 
als nicht identisch erwies. 

Über Gallenfarbstoff. 

Der Gallenfarbstoff Bilirubin, das biologische 
Abbauprodukt des Blutfarbstoffes, hat die Zu- 
sammensetzung C,,H,,N,O,, ist also eisenfrei, 
besitzt ein Kohlenstoffatom weniger wie Hämin und 
zwei Sauerstoffatome mehr, zeigt keinerlei charak- 
teristische spektroskopische Erscheinungen und ist 
doch durch eine Reihe schöner Farbreaktionen aus- 
gezeichnet, vor allem durch die GMELINsche Reak- 
tion mit salpetriger Säure. 

Bilirubin gibt bei der energischen Oxydation 
nur Hämatinsäure, verhält sich also wie Hämin; 
„basische Imide‘ fehlen. Reduziert man aber Bili- 
rubin katalytisch oder mit Amalgam, so erhält 
man Mesobilirubin. Dieser neue Körper steht zu 
Bilirubin in demselben Verhältnis wie Mesohämin 
zu Hämin; Mesobilirubin gibt bei der Oxydation 
neben Hämatinsäure Methyläthylmaleinimid. Bei 
der energischen Reduktion entsteht aus Bilirubin 
neben wenig Kryptopyrrol (Formel 2. S. 1027) und 
Kryptopyrrolcarbonsäure (Formel 6, S. 1027) als 
Hauptprodukt die Bilirubinsäure, deren Konstitu- 
tion durch das Ergebnis der Oxydation und Re- 
duktion bewiesen ist: 

H,C C,H, 


2°"5 


H,C CH, - CH, - COOH 


HO CH, CH, 


NH NH 
18 

Bilirubinsäure läßt sich zur Xanthobilirubin- 
säure, einem Farbstoff folgender Konstitution 
dehydrieren, der auch aus Bilirubin und seinen 
Derivaten durch Abbau mit Kaliummethylat er- 
hältlich ist: 

H,C C,H, H,C CH, - CH, - COOH 


HO CH ‚CH, 
NH N 
19 
Zwischen 18 und 19 besteht also die Relation 
Leukoverbindung— Farbstoff, wie zwischen Meso- 


HOOC » H;C - H,C- € C.CH, 
I 
HC Cc. 
NH 
OÖ NH 
Cc 
HC ( 
II 
H( C.CH, 


FIscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1031 


porphyrinogen und Mesoporphyrin. Die Verkniip- 
fung zweier Pyrrolkerne durch eine Methingruppe 
gibt jedoch kein Porphyrinspektrum; erst 4 Pyrrol- 
kerne und 4 Methingruppen fiihren hierzu. Das 
Entstehen der Bilirubinsäure und der Xantho- 
bilirubinsäure unter Bedingungen, unter denen das 
Hamatoporphyrin in seine Bausteine zerlegt wird, 
ist sehr bemerkenswert, denn friiher ist oft Bilirubin 
in Zusammenhang gebracht worden mit Hamato- 
porphyrin, wohl wegen der ähnlichen Formulierung. 
Von den 6 Sauerstoffatomen beider Farbstoffe 
liegen je vier in zwei Carboxylgruppen vor. Die 
beiden weiteren Sauerstoffatome müssen in beiden 
Farbstoffen in verschiedener Art gebunden sein; die 
zwei Hydroxylgruppen des Hämatoporphyrins wer- 
den bei der Reduktion mit Jodwasserstoff leicht 
durch Wasserstoff ausgetauscht (Übergang in Meso- 
porphyrin); bei derselben Reduktionsmethode blei- 
ben die analogen Sauerstoffatome des Bilirubins 
erhalten. Hierin liegt ein prinzipieller chemischer 
Unterschied zwischen beiden Farbstoffen. 

Oxydiert man Bilirubin in Eisessig mit sal- 
petriger Säure, so entsteht ein Körper, der nach der 
Analyse ein Methyl-vinyl-maleinimid sein könnte. 
Diese Konstitution kann jedoch nicht zutreffen, 
weil bei der katalytischen Hydrierung unter Auf- 
nahme von ı Mol Wasserstoff nicht Methyläthyl- 
maleinimid, sondern ein neuer Körper entsteht, 
dem hiernach nur die Konstitution 21 zukommen 
kann, während das Ausgangsmaterial die Formel 
20 besitzen muß. 

Cc Cc 

H,C—C CH H,C—C CH, 


3 


HO—C CH HO—C CH, 


NH O NH O 
2 21 
Durch Molekulargewichtsbestimmung ist die 
Molekülgröße des Bilirubins zu etwa 600 festgelegt, 
und aus der Art der Spaltprodukte folgt das Vor- 
handensein von vier Pyrrolkernen. Die Ver- 
knüpfung dieser vier Pyrrolkerne muß andersartig 
sein wie bei den Porphyrinen, weil das Spektrum 
fehlt.! Bilirubin und seine Derivate besitzen einen 
hohen Gehalt an aktivem Wasserstoff, und heute ist 
die wahrscheinlichste Formel die Verknüpfung der 
vier Pyrrolringe durch eine Athylenbriicke (s. For- 


mel 22, S. 1031). 


1 Man könnte allerdings in diesem Zusammenhang 
an die Xanthoporphinogene denken, die sich aus Por- 


H,C - C- C - CH, - CH, - COOH 
II] 
( C.CH, 
. NH 
( 
NH 
( C-OH 
IV 
H,C HC .C C.CH, 





1032 FISCHER 


Auf Grund der Konstitution der Spaltprodukte 
20 und 21 nehmen wir noch einen Furanring im 
Bilirubin an, der die Säureempfindlichkeit 
alle 


erklärt und auch 
Synthetische Tetrapyr 


Bilirubins 
Eigenschaften. 


gut 


zeigen keinerlei Porphyrinspektrum, e 


sıe 


wie Bilirubin. Allerdings geben 
GmeEtinsche Reaktion. Indessen ist die 


des Furanrings in Tetrapyrryläthylene bis jetzt 


noch nicht gelungen. 


Oben haben wir die Bildung des Urobilins durch 


Darmbakterien kennengelernt; mit Hi 


triumamalgam und ebenso durch katalytische Re- 
duktion läßt sich diese Reaktion künstlich nachah- 
men und durch Aufnahme von zwei Mol Wasserstoff 


auch 





Die Natur- 
wissenschaften 


Hämin, Bilirubin und Porphyrine 


| 


stoffes. Die EHrLIcHsche Aldehydreaktion müßte 
man durch Aufspaltung des Furanrings erklären. 
Dagegen würde sich die Ableitung vom Hämin 
zwangloser gestalten ; auf oxydativem Wege würde 
nach Enteisenung und Übergang in Protoporphyrin 
eine Methingruppe aus dem Molekül heraus- 
gesprengt und dabei Oxydation an den «a-Stellen 
der durch diese Methingruppe verknüpften Pyrrol- 
kerne erfolgen. 

Beim Übergang in das Tetrapyrryläthylen (For- 
mel22,S.1031) müßteeineDrehung vonPyrrolkernen 
erfolgen, die vorstellbar ist, weil ja Pyrrolkerne I und 
III einfach gebunden sind (vgl. Formel 22). Primär 
würde im Protoporphyrin erst eine dehydrierende 
Vereinigung zweier Methingruppen eintreten und 


des 
sonstigen 
ryläthylene 
bensowenig 
keine 
Einführung 


lfe von Na- 


kommt man zu Mesobilirubin C,,H,,N,O, und von gleichzeitig eine hydrolytische Aufspaltung zum 
da wiederum durch Aufnahme von 2 Mol Wasser- Dialdehyd; zwischen den beiden Aldehydgruppen 
stoff zu Mesobilirubinogen C,,H,,N,O,, das durch könnte man dann eine CANNIzAROsche Reaktion 


intensive EHRLICHsche Reaktion ausgezeichnet ist 
Dieses krystallisierte Mesobilirubinogen ist auch 


aus pathologischem Harn abscheidbar, 
in Mesobilirubin 

wird durch 
das Nichtauftreten « 


wieder rückwärts 
Mesobilirubinogen 


wiedergegeben, die 


schen Reaktion gut erklärt, weil der F 


folgende 


sich vorstellen dergestalt, daß zunächst eine pri- 
märe Alkoholgruppe und eine Carboxylgruppe sich 
bilden würde; die primäre Alkoholgruppe würde 
dann reduziert werden zur &-Methylgruppe des 
Pyrrolkerns III, während die Carboxylgruppe (die 
nicht eingezeichnet ist) in Pyrrolkern I unter Koh- 
lensäureabspaltung die dritte Methingruppe geben 


es läßt sich 
überführen 
Formel 
ler GMELIN- 
uranring in 


ihr nicht enthalten ist (s. Formel 23, S. 1032) würde. So wären drei freie Methingruppen in 
HOOC - H,( « H,C » ( C-CH, H,C-C C .CH, - CH, - COOH 
He c c C.CH, 

NH NH 
CH H¢ 
NH NH 

HO .- ( ( ( COH 

H,C, + ( C-CH, HC, » € C.CH, 

Außer der Auffassung des Bilirubins als Tetra Pyrrolkern I, IV und II intermediär zustande 
pyrryläthylen käme noch eine offene Formel wie gekommen, die in Pyrrolkern IV und II in COH- 
folgt in Frage (s. Formel 24, S. 1032), Gruppen übergehen, von da ab ist dann der weitere 

( 
H «( C-CH, H,C-( C.S* *S.C C.CH, H;C-C C-CH = CH, 
H -¢ ( CH ( ( CH ( ( CH ( Cc OÖ 
( 
O NH N N NH 

m CH, - CH, - COOH 
die den Übergang in Mesobilirubin und Meso- Übergangzuder Bilirubinformel 22aufS. 1031 leicht 
bilirubinoge gut erklärt, weniger gut aber di verstandlich Für die Kettenformel sprechen 
Resultate « Bestimmung des aktiven Wasseı ynthetische Ergebnisse. Wir haben in neuerer Zeit 
' rine z allgemein durch Oxydation mit Blei derartige Gebilde synthetisiert und sie sind aus- 

( I rm-Eisessig vinnen lassen. Hie gezeichnet durch eine intensive GMELINsche Re 
t Hatom« fgenommen. Optisch aktion. Es ist dies zum erstenmal, daß an synthe- 

ei prachtvoll kristallisiert« elben tischem Material diese Reaktion beobachtet ist 
i m Bilirubin, aber ihı the \ Kine restlose Aufklärung der Konstitution des 

2 ! "Or re rt ‘ im «re nsat . 
. - 2 m " Gallenfarbstoffe ist noch nicht erlolgt, aber die 
2 B r Ide Redukt ! t Natriun 

N wen a 3 nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zum 

le Porpl surfickeshildet Hämin stehen eindeutig fest und sie sind weiter eı 

( he tie tl en Körperı härtet durch die Überführung de Bilirubin 
I 
t Mesobilirubins und der Bilirubinsäure in Meso 











Heft 47/48/49. 
25. It. 1930 


porphyrin, eine Reaktion, die sich allerdings erst 
unter ziemlich energischen Bedingungen vollzieht. 


Synthetische Ergebnisse 

Über die Konstitution des Hämins und des 
\tioporphyrins wurden verschiedenartige Ansich- 
ten geäußert. Außer der KÜsterschen Anschauung 
standen vor allen Dingen die Konstitution eines 
Tetrapyrrylathylens, wie sie von WILLSTÄTTER ver- 
treten wurde, sowie die Möglichkeit der Kombi- 
nation der beiden Formeln miteinander zur Dis- 
kussion, Die synthetischen Methoden mußten auf 
diesem Gebiet systematisch angewandt werden 
dem stand jedoch die relativ geringe Entwicklung 
der Pvrrolchemie entgegen, war doch von den 
reduktiven Spaltprodukten des Blutfarbstoffes und 
Gallenfarbstoffes nur die Synthese des Krypto 
pyrrols durchgeführt und auch hier waren die Aus 
beuten so gering, daß an den systematischen Auf- 
bau von Pyrrolfarbstoffen nicht zu denken war. Es 
gelang jedoch der Reihe nach sämtliche Spalt 
produkte des Blutfarbstoffes zu synthetisieren und 
die Methoden wurden so ausgearbeitet, daß heute 
diese Pyrrole in beliebiger Menge für synthetische 
Zwecke zur Verfügung stehen 

Die Einwirkung von Brom auf Kryptopyrrol 
führt u. a. zu einem prachtvoll gebromten Methen, 
dem nachstehende Konstitutionsformel zukommt 


H,< C,H H,¢ C,H, 


NH N 


Die Formel in diesem Sinne ist durch Synthese eit 
leutig bewiesen und trisubstituierte Pyrrole werden 
ziemlich allgemein durch Einwirkung von Brom 
in Methene dieses Typs! übergeführt 

Obiges Methen gab bei der Behandlung mit 
Säuren, besonders ergiebig beim Kochen mit 
\meisensäure, Atioporphyrin. Die Reaktion kommt 
durch Vereinigung zweier Moleküle des Methens 
\bspaltung von Bromwasserstoff und Dehydri 


ing im Sinne folgender Formel zustande 


H.C, CH H,( CH 
H 
Br H¢ 
H 
NH N 
He CH 
N NH 
H 
CH B 
H 
H.( C,H, H.t Cone 
| \ K 
Häuf tritt N v-M \ 
> ‘ Diese Met he l 


FiscHEr: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1033 
H;C, CH, H,C, CH, 
CH 
NH 
H¢ CH 
NH 
CH 
H,( C,H, H,( C,H, 
A Tr} I I 


Eigenartig ist die Reaktionsfähigkeit der x-stän- 
digen Methylgruppen und der Kernbromatome, die 
stark beeinflußt ist von der Art der P-Substituen- 
ten. Im vorliegenden Fall geht die Porphyrinreak- 
tion am besten mit Ameisensäure bei 100°. Ist statt 
\thyl- der Propionsäurerest vorhanden, muß auf 
etwa 170° erhitzt werden, am besten mit Bernstein- 
säure oder Weinsäure; ist ein Carbäthoxvrest vor- 
handen, mißlingt die Reaktion praktisch Ihre 
[riebkraft muß in der Tendenz zur Bildung des 
Porphinringes erblickt werden, und wir erinnern 
uns an ähnliche Synthesen bei Indanthrenfarb- 
stoffen, z. B. der Synthese des Pyranthrons nach 
R. SCHOLL, wobei allerdings Keto- mit Methvl- 
gruppen unter Wasseraustritt die Methingruppen 
bilden. Der Ketogruppe entspricht bei den Por- 

das «-Kernbromatom. Wie die 
Formeln zeigen, muß bei der Porphyrinsynthes« 


phyrinsynthesen 
eine Dehvdrierung stattfinden, irgendein Einfluß 
lurch Oxydationsmittel konnte aber bis jetzt nicht 
erzielt werden 


Präparativ besonders wichtig ist die Synthese 





is zweifach kerngebromten Dipyrrylmethenen 
und methylbromierten Dipyrrylmethenen, eine 
Synthese die durch folgendes Schema >. 1034 
oben) wiedergegeben wird und die auch für di 
Konstitutionsauffassung des tioporphyrins 1 
ler Porphy ga gem 1S 
Küs Rscl For | spricht (s. S. 1028 
Die Porp vrinsvnthese S I el26,> 033 
Ss ¢ Tac kerngebromt Methe Kor 
satio weier Moleküle läßt si ch f ve 
S f tige Met ertrage vob f k 
ne er « de \ethe e st t RK To l 
{ x Nie I eruppe S I Ka Dies S\ t S 
t sk yresonders für Po phinmonopropionsäur 
währt I gute \usbeute vollzieht sik 
é , phy svnti = ‘ S \le Tt 1 < .1OTS 
\ x ibig urc Erwärme t A S S 
\ S bel yo 1 Lite Ko Ss 
g chst | <OV lung 
Porphy ergt s. Formel 29,5 34 
Die Blutfarbstoff-Spaltprodukte Opsopvrrol 4 
Wpsopy onsa N \ i 
\let g ppe ES g t I 
\ < e vo \ı S S l \ 
\ hylät > 4 S 
Por} s g s ser S\ S 
, 
\ \ s \ + \ g 
| vr H 








1034 FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. | Die Be 
. . wissenschaiten 


H, GB. H;C, 
Br CH 
NH 
N 
BrH,¢ CH 
H,( CH, - CH, » COOH HOOC - H,C » H,( 
H,( C,H, H,C, 
CH 
N 
H( 
NH 
CH 
H,„( CH,» CH,» COOH HOOC . H,C » H,C 
H,„t CH, H,C C,H, 
COOH I1OO( 
NH NH 
H,t CH, 
NH NH 
CO:0H HOO 
H,( CH H,¢ C,H 
H,< CH H,( C,H 
7 + 
II 
CH 
NH N 
H¢ CH 
NH N 
CH 
I\ Im 
H,„ CH H, C,H 


So istdurch Synthesen dieRichtigkeitder KÜSTER 
schen Formulierung bewiesen ; vier Methingruppen 
sindes, die vier Py rrolkerne verknüpfen und Atiopor 
phyrin wird durch folgende Formel wiedergegeben 


C,H, CH CH, 


H,! C,H, 
NN 

Hi H H CH 
N 

HA CH 


CH, CH C,H, 





CH, Wenn man in dieser Formel 
die Methyl- und die Athylreste sich 

Br durch Wasserstoff ersetzt denkt, 

so kommt man zum Porphin, das 

N allen Porphyrinen zugrunde liegt 


> Wenn man in dieses System vier 

Methyl- und vier Athylreste ein- 

CH.Br setzt, entsteht wieder umgekehrt 
= „Atioporphyrin‘‘, aber es ist er- 
sichtlich, daß man das Einsetzen 

CH, der vier Methyl- und vier Athylreste 
CH in vierfacher Weise vornehmen 
; kann, mit anderen Worten, daß 
vier verschiedene Isomere je nach 
der relativen Stellung der Methyl- 
und der Athylreste möglich sind, 
und zwar die folgenden (s. S. 1035, 


NH 


CH 
NH obere Reihe). 

Wie eben ausgeführt, ist allen 
Porphyrinen der Porphyrinring ge 
meinschaftlich und man kann deshalb 
CH viel übersichtlicher die Formeln bei 
j Auslassung des Porphinskeletts durch 
schematische Wiedergabe der f-Sub- 
stituenten in dem Klammersystem gestal- 
ten. Jede Klammer entspricht einem Pyrrol 
kern Die verknüpfenden Methingruppen 

sind weggelassen 
2 Ct I 


H.O Diese vier Atioporphyrine sind immer 


nach verschiedenen Methoden syntheti- 
(+ 2H) Siert und haben sich als verschieden er- 
wiesen. Ersetzt man in diesen die Athyl- 
reste durch Propionsäurereste, so ent- 
stehen theoretisch vier Tetramethyl 
tetrapropionsäure-porphine, die die vier 
theoretisch möglichen Koproporphyrine 
wiedergeben (s. S. 1035, zweite Formel, 

untere Reihe). 
In der Tat gelang die Synthese aller 
+ Koproporphyrine, die spektroskopisch 
identisch sind; während nun aber die 
vier Ätioporphyrine gegen 400° auf dem 
Block schmelzen, sind die Ester der Ko 
proporphyrine durch scharfe Schmelz- 
punkte charakterisiert und infolgedessen 
kann hier die Verschiedenheit bzw. Iden 
tität leicht erkannt werden. Kopropor- 
phyrin I erwies sich als identisch mit dem Kopro 
porphyrin der Porphyriefälle, mit dem Kopropor- 
phyrin aus Hefe and dem Koproporphyrin aus Uro 
und Konchoporphyrin. Hierdurch sind die Formeln 
15, 16 und 17 auf S. 1030 bewiesen. Dagegen war 
das Koproporphyrin von HIJMANS VAN DEN BERGH 
(vgl. S. 1029) identisch mit Koproporphyrin II] 
(S. 1035, zweite Reihe) Es ist also ein Dualis 
mus der Porphyrine exakt nachgewiesen ; die Natur 
arbeitet nach zwei verschiedenen Reaktionsschemen. 
Es ist wichtig, in jedem Fall von Porphyrie die Iden- 
tifikation des Koproporphyrins (und natürlich auch 


gegebenenfalls Uroporphyrins) durch Isolierung als 
Ester und durch Schmelzpunkt vorzunehmen 


\uch im normalen Harn kommt Koproporphyrin 








Heft 47/48/49. 


oe FiscHER: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1035 
Die v (ti phyrine 
H,( C,H, H,¢ C,H, H,( C,H H,( C,H, 
H,C, CH H,¢ C,H H,C CH H,C, C,H, 
Il III IV 
H, C,H, H,C, CH H,C, C,H, H,¢ CH, 
H,„( CH, H „( CH H,„( CH H,( C,H, 
D r Koy phyr 
H,( sı H,( 5 H,( S H,( S 
S CH, H ,( S H ,( CH Ss Ss 
II III IV 
H,¢ S S CH, S S H.C CH, 
S CH, S CH S CH H,( S 
1S CH, - CH, + COOH 
) M r 
Aus I 
HA s* H,( s* 
H,¢ CH, H,C, CH, 
Hf 5° H „( C,H, 
H,C, CH S* CH 
F. I F. I 
Aus II 
H,( C,H, H „( S® H „( 5’ 
H,( C,H H,¢ C,H, Ht C,H, 
5” CH 5” CH H,C, CH 
S® CH H,C, CH s* CH 
F.P F. 1 I 
Aus III 
H,¢ S® H.¢ S H.C C,H, 
H,¢ CH H.¢ CH H.¢ CH 
H,C, S® H.C, C,H H.C, S® 
H,C, CH 5’ CH 5’ CH 
F. I I s 
H,¢ C,H, H.,¢ C,H H.¢ S* 
H.¢ CH H.¢ CH H.¢ CH 
S* C,H Ss’ s* Ss’ C,H 
S CH H .¢ CH H.C, CH 
F. I I 4 
Aus IV 
H C,H, H,( Ss Ht a H,¢ Ss 
S CH, H,C, Ss S C,H H,C, C,H, 
H.¢ CH, H.¢ CH, H.¢ CH H,¢ CH 
H 6 S* H,¢ C,H H,( C,H H,( s* 
F. P. ı 





1036 Fischer: Hämin 


vor. Ob dies Koproporphyrin III oder I (S. 1035, 
untere Reihe) ist, ist unentschieden. Bei Atiopor- 
phyrinen (4 Methyl- und 4 Athylseitenketten) und 
Koproporphyrinen (4 Methyl- und 4 Propionsäure- 
seitenketten) sieht die Theorie also vier Isomere 
voraus 


und zwei ungesättigte Gruppen trägt neben vier 


jeim Hämin, das zwei Propionsäurereste 


gleichmäßig verteilten Methylgruppen, ist nun eine 
Anzahl von 
waren die 


viel größere Isomeren möglich 


Einfacher Isomerieverhältnisse am 
Mesoporphyrin zu lösen, weil hier nach der Konstitu 
tionsaufklärungdesÄtioporphyrinsmitgroßerWahr 
scheinlichkeit an Stelle der ungesättigten 
Gruppen des Hämins Athylreste entstanden waren 
In der Vor 
letramethv] 
diäthyl-dipropionsäure-porphin ist, sind theoretisch 
1035, Formeln 
I 15), abgeleitet von den Atioporphyrinen I—I\ 
obere Reihe, durch Ersatz je zweier Athylgruppen 
Propionsäurerest 


beiden 


wenn auch ein exakter Beweis fehlte 
aussetzung, daß Mesoporphyrin ein 


die folgenden Isomeren möglich (s.S 


durch den welcher der besseren 
Übersicht halber durch den lateinischen Buchstaben 
Es ist leicht ersichtlich, daß bei 
I zwei Variationen möglich sind, bei II drei, bei III 
sechs und bei I\ 
Von diesen 15 Mesoporphyrinen wurden 12 synthe 
tısıert 


S“ abgekürzt ist 
vier, im ganzen also 15 Isomere 


Ihre Dimethylester-Schmelzpunkte sind in 
den Formeln angegeben. Mesoporphyrin 9 (S. 1035 
erwies sich als ide ntisch mit Mesoporphyrin aus 
Hämin j 
III (S Reihe) ableitet, 
Blutiarbstoff im Bau dem Atioporphyrin I/II 
Auch die 
beim 


Da Me soporph yrın 9 sich von Ätioporph yrın 


1035 obere 


entspricht der 
( hlorophyllporphyrine, soweit sie 
Abbau 
entsprechen dem Atioporphyrin III. Fiir eines der 
Pyrroporphyrin, haben wir folgende 


energischen alkalischen entstehen, 
wichtigsten 


Konstitutionsformel durch Synthesen bewiesen 


C,H, CH CH 


3 


H„( C,H 
N N 

H¢ H H CH 
N N 

H,¢ CH 


s* CH H 


* S=CH,-CH, - COOH 


läßt sich der 


indirektem Wege einfiihren und es resultierte dann 


In dieses Propionsäurerest auf 


wiederum das Mesoporphyrin 9 (S. 1035), das mit 
dem aus Blutfarbstoff identisch war. Damit ist zum 


erstenmal ein gem« inschaftliches Porphyrin aus 
Hämin und Chlorophyll, wenn auch auf indirektem 
Wege, erhalten 

Die Häminsvnthese selbst 


folgendem Wege durchgeführt 


wurde dann auf 


Oben haben wir bei 
protrahierter Fäulnis von Hämoglobin das Deutero 
hamin bzw. Deuteroporphyrin erwähnt, dem di¢ 


ungesättigten Seitenketten des Hämins fehlen 


Bilirubin und Porphyrine Die 
wissenschaften 





Natur- 


Da die ungesättigten Seitenketten des Hämins beim 
Übergang in Mesoporphyrin in Äthylreste über- 
gehen, so haben wir die Formel des Deuteropor- 
phyrins vor uns, wenn wir im Mesoporphyrin 9 die 
beiden Athylreste durch Wasserstoff ersetzne. Dem 
Deuteroporphyrin kommt also folgende Formel zu: 


H CH CH, 
H,C H 
N N 
HC os os CH 
N N 
H,C CH, 


HOOCH,C, CH 


Synthese 


C,H,COOH 

Die Körpers durch 
geführt und seine Identität mit Deuteroporphyrin 
bewiesen. In sein Eisensalz, Deuterohämin, gelang 
Einführung von 2 Acetvlresten zu 
Diacetyl-deuterohamin bzw Diacetyl-deutero- 
porphyrin 33 (S. 1036), das bei der partiellen Re 
duktion Hämatoporphyrin gab, dem hiernach die 
Formel 34 (S. 1037) zukommt!: 


dieses wurde 


dann die 


CH,CO CH CH; 
\ 
H,C COCH, 
N N 
. CH 
- HH 
N N 
H,C CH, 


HOOCH,C, CH 


Diacetvk 


C,H,COOH 
leuteroporphyrin 

Durch Wasserabspaltung wurden dem Hamatopor 
phyrin zwei Molekiile Wasser entzogen: es entstand 
dann Protoporphyrin, das durch Eiseneinführung in 
Hamin iibergefiihrt wurde (s. Formel 35, S. 1037 
Dieses Hämin erwies sich auch nach der kristallogra 
phischen Untersuchung von Herrn Prof. STEINMETZ 
als restlos identisch mit Hämin (vgl. die Abbildung 





Protohämin synth 


1 


Eine ausfiihrlichere Darstellung det 


these findet sich in Naturwiss. 1929, 615. 


Haminsyn- 








n 


u 





Heft 47/48/49. 
28. 11. 1930 


CH,HOHC CH CH, 


\4\7 


H,C DCHOHCH, H,C\ 
u w— Name 
Hct HH CH > HC< H 
ya Ft N 
H,c/ i SCH, H.C 


N 


CH,=CH CH 


\4\/ 


HOOCH,C, CH C,H,COOH 


Fischer: Hämin, Bilirubin und Porphyrine. 1037 


CH, CH,=CH CH CH, 
4 
N 
CH = CH, HC, | CH = CH, 
N < > NN 
I | SCH —> HC Pa P om 
N . NN « 
\ N 
5 ICH, H,C Js 


AVIV 


HOOCH,C, CH C,H,COOH HOOCH,C, CH C,H,COOH 
34. Hämatoporphyrin 35. Protoporphyrin 36. Protohämin 


Der Konstitutionsbeweis wurde noch weiter ver- 
vollstandigt durch Synthese des Tetramethyl- 
hämatoporphyrins, das bei der Oxydation das 
Imid ı2 (S. 1027) vom Schmelzpunkt 64° gab. 

Weitgehend hat die synthetische Methode dieses 
Arbeitsgebiet erschlossen. Die Porphyrine der 
Tafel auf S. 1026 sind außer Uro- und Koncho- 
porphyrin sämtlich synthetisch zugänglich. Wei- 
ter sind gewonnen die vier Ätioporphyrine, die 
acht theoretisch möglichen Pyrro-ätioporphyrine, 
die acht theoretisch möglichen Tetramethyl- 
triäthyl-porphin-monopropionsäuren, die vier 
Koproporphyrine, zwölf Mesoporphyrine, sieben 
der vierundzwanzig thecretisch möglichen Pyrro- 
porphyrine, darunter das ‚‚natürliche‘‘ Pyrro- 
porphyrin, einige Deutero- sowie Deutero-ätio- 
porphyrine, vier homologe Koproporphyrine, zwei 
Iso-uroporphyrine, vier Tetramethyl-tetrapropyl- 
porphyrine, Oktoäthyl-, Oktamethylporphin, zwei 
Phylloporphyrine und viele andere. 

Hämin leitet sich vom Ätioporphyrin III ab, 
während die Mehrzahl der natürlichen Porphyrine I 
entsprechen. Auffallenderweise ist bis jetzt in der 
Natur ein Hämin, das von Ätioporphyrin I ab- 
stammt, nicht einwandfrei beobachtet. Wir haben 
also keinen Beweis für einen Dualismus der Hämine, 
dagegen ist der der Porphyrine feststehend, wobei 
besonders der der Koproporphyrine hervorgehoben 
werden soll. Koproporphyrin III (S. 1035, untere 
Reihe) kann man theoretisch leicht von Proto- 
porphyrin (Formel 35, S. 1037) ableiten; lagert 
man an seine Vinylgruppen Ameisensäure an, 
sohaben wir die Formel des Koproporphyrins III vor 
uns. Natürlich könnte man auch die umgekehrte 
Anschauung vertreten und die sekundäre Bildung 
des Hämins bzw. Protoporphyrins aus Kopro- 
porphyrin durch Abspaltung von Ameisensäure 
annehmen. Merkwürdig ist das Nichtvorkommen 
des Hämins I in der Natur, um so mehr, als gerade 
Koproporphyrin I so weit verbreitet ist in der Tier- 
welt und bereits von der Hefe synthetisiert wird. 
Zwangsläufig drängt sich der Gedanke auf, daß der 
Reaktionsmechanismus der Erzeugung des Kopro- 
porphyrins I ein vielleicht anders gearteter ist wie 
beim Hämin, ein Weg, der heute vom Organismus 
nicht mehr beschritten wird. Die Porphyrie mit- 
samt ihrem Reaktionsmechanismus könnte man 
demnach als Atavismus auffassen. Ein längst ver- 
gessener Reaktionsmechanismus, der nur noch 
rudimentär besteht, tritt plötzlich stark in den 


Nw. 1930 


Vordergrund zum Unheil des Betroffenen, denn 
durch die Lichtgiftigkeit der entstehenden Por- 
phyrine wird der befallene Organismus schwer ge- 
schädigt. Weiterhin kann durch die Bildung der 
Porphyrine eine sekundäre Anämie erzeugt wer- 
den, indem dieser zwangsläufige Prozeß die für 
die Regenerierung des Blutfarbstoffes notwendigen 
Bausteine wegnimmt. Hiermit stimmt gut überein 
der von Borst und KÖNIGSDÖRFFER in dem Por- 
phyriefall Prrry festgestellte Porphyringehalt 
der Megalo- und Erythroplasten, der einer früh 
embryonalen Entwicklungsperiode entspricht, und 
gerade im Knochenmark fanden wir bei PETRY 
besonders große Mengen von Porphyrinen neben 
viel Eisen. 

Näheren Einblick in diese Prozesse werden 
sicherlich weitere systematische Untersuchungen 
bei Porphyrie, bei Perlmuscheltieren und ganz be- 
sonders bei der ,, Kopro-Hefe“‘ ergeben. Hier liegen 
die Verhältnisse besonders klar, weil die Kopro- 
porphyrinbildung außerordentlich schnell einsetzt 
und große Mengen von Porphyrin gebildet werden 
ohne Änderung im Hämingehalt. 

Literatur: 

1. W. Küster, Handb. der chem. Arbeitsmethoden, 
Abt 1, Tl. 8, H. 2, Lfg. 26, S. 200— 350 (1921). — 2. R. 
WILLSTÄTTER, Die Blattfarbstoffe. ABDERHALDENS 
Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Lfg. 117 (1924). — 
3. WILLSTÄTTER u. STOLL, Untersuchungen über Chloro- 
phyll. Berlin 1913. — 4. WILLSTÄTTER, Über Pflanzen- 
farbstoffe. Ber. dtsch. chem. Ges. 47, 2831 (1914). — 
5. H. FıscHEr, Uber Blut- und Gallenfarbstoff. Erg. 
Physiol. 15, 185 (1916) — Über Blutfarbstoff und einige 
Porphyrine. Z. angew. Chem. 38, Nr 44, 981 (1925) — 
Über Porphyrine und ihre Synthesen. Ber. dtsch. 
chem. Ges. 60, 2612 (1927) — Konstitution der eiweiß- 
freien Farbstoffkomponenten und ihrer Derivate 
(Chlorophyll). Handbuch der norm. und pathol. 
Physiol. 6, 1. Hälfte, ı. Tl., 165 (1928). — 6. W. HEuB- 
NER, Über Anwendung der photographischen Methode 
in der Spektrophotometrie des Blutes. ABDERHALDENS 
Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Abt. 4, Lfg. 43 
(1924). — 7. H. FıscHEr, Neuere Methoden der Isolie- 
rung und des Nachweises von Porphyrinen. ABDER- 
HALDENs Handbuch der biol. Arbeitsmethoden, Abt. 1, 
Tl. 11 (1926). — 8. O. SchumM, Die spektrochemische 
Analyse natürlicher organischer Farbstoffe. Jena 1927. 

9. H. FiscHER, OPPENHEIMERS Handbuch der Bio- 
chemie 1, 2. Aufl., 351 (1923). Ergänzungsband hierzu 
72 (1930). 10. Borst u. KÖNIGSDÖRFFER, Unter- 
suchungen über Porphyrie. München 1929. — 4,3 
BARCROFT, Die Atmungsfunktion des Blutes. Berlin: 
Julius Springer 1929. 


77 





1038 


Borst: Morphologie der Porphyrine. 





Die Natur- 
wissenschaften 


Morphologie der Porphyrine. 


Von M. Borst, Miinchen. 


Die Zusammenarbeit des Morphologen mit dem 
Chemiker hat sich auf dem Gebiete der Pathologie 
immer als fruchtbar erwiesen. Auf dem Gebiete 
der tierischen Farbstoffe ist diese Zusammenarbeit 
unerläßlich. Wir hatten das Glück, bei unseren 
Untersuchungen über die Porphyrie die ständige 
Unterstützung und Anregung eines Chemikers vom 
Range Hans FISCHERSs zu genießen. Mit Freude 
habe ich es unternommen, über unsere Por- 
phyriestudien zu berichten, einmal um dankbar 
bezeugen zu können, wie wertvoll sich die Zu- 
sammenarbeit mit diesem besten Kenner der Blut- 
farbstoffe erwiesen hat, dann aber auch, um dar- 
zutun, daß die Morphologie auch heute noch be- 
rufen ist, zur Aufklärung krankhaften Geschehens 
Wesentliches beizutragen. Ich werde mich auf die 
Morphologie der Porphyrine beschränken und die 
allgemeineren Probleme, zu welchen unsere Unter- 
suchungen führten, außer acht lassen oder nur 
kurz berühren. Diese allgemeineren Probleme be- 
trafen die Herkunft der Porphyrine, die Orte ihres 
Auf- und Abbaues, den physiologischen und patho- 
logischen Porphyrinstoffwechsel und dessen Be- 
ziehungen zum Auf- und Abbau des Hämoglobins 
und der Gewebshämatine, zum Gallenfarbstoff- 
und zum Eiweißstoffwechsel, den Dualismus der 
Porphyrine und des Blutfarbstoffs u. a. m. 

Der Ausgangspunkt unserer Studien, die ich 
mit meinem früheren Assistenten, Herrn Dr. Hans 
KÖNIGSDÖRFFER, durchfiihrte, war einer der sel- 
tenen Fälle von kongenitaler Porphyrie, der als 
„Fall Petry‘‘ weiteren Kreisen bekannt ist. 

Zu unseren Untersuchungen bedienten wir uns 
eines Spektralanalysenmikroskops. Die gefundenen 
Farbstoffe wurden im Hell- und Dunkelfeld bei gewöhn- 
lichem Licht untersucht und deren Verhalten gegen 
Chemikalien geprüft. Die Absorptionsspektren der 
Pigmente wurden festgestellt. Im ultravioletten Licht 
wurde auf primäre und sekundäre (d. h. nach Ein- 
wirkung von Lösungsmitteln auftretende) Fluorescenz 
untersucht, und die Fluorescenzspektren ermittelt 

Daß die Porphyrine charakteristische Fluorescenz- 
erscheinungen zeigen, war schon seit HoPPE-SEYLER 
bekannt; später stellten DHERE u.a. diese Erscheinun- 
gen spektroskopisch durch den Nachweis typischer 
Emissionsbanden genauer fest. Die Chemie der Por- 
phyrine ist dank der Untersuchungen Hans FISCHERSs 
u.a. weitgehend aufgeklärt. Von seiten der Morphologie 
war noch fast alles zu tun. LUBARSCH sagte 1925, daß 
die Porphyrine morphologisch nicht faßbar seien. 

Als wir Untersuchungen begannen, waren 
morphologisch in den Geweben faßbare Farbstoffe 
nur bei gewissen Tieren, vor allem in der HARDERschen 
Drüse der Nager, von DERRIEN und TuRCHINI fluores 
cenzspektroskopisch als Porphyrine erkannt. Für den 
Menschen lagen noch keine derartigen Feststellungen vor. 


unsere 


Den Stand unserer gegenwärtigen Kenntnisse übeı 
die verschiedenen Formen des menschlichen Porphyrismus 
hat H.GONTHER in Referat 
zusammengefaßt. Wir (genuine 


ausgezeichneten 
akute 


einem 
unterscheiden 


und toxische) und chronische Formen ; letztere sind durch 
Lichtüberempfindlichkeit der Haut (Hausmann) aus 


gezeichnet. Bei der kongenitalen Porphyrie, deren kli- 
nisches Bild ich als bekannt voraussetze, wurden im 
Blut (Serum), Harn, Kot die porphyrischen‘ Farbstoffe 
mit chemisch-physikalischen Methoden nachgewiesen. 
Bei der anatomischen Untersuchung fällt besonders die 
Rotbraunfärbung der Knochen und Zähne auf. Che- 
misch-physikalisch wurden in vielen Organen Porphyrine 
gefunden. 

E. FRAENKEL injizierte Kaninchen und Hunden sub- 
cutan ein natürliches Porphyrinfarbstoffgemisch und er- 
zielte Rotfarbung der Knochen und Zähne. OÖ. SCHUMM und 
PAPENDIECK wiesen bei den Versuchstieren FRAENKELS 
chemisch und spektroskopisch Porphyrine regelmäßig 
in den Knochen, manchmal auch in Niere und Leber 
nach. Allgemeine Wirkungen sah E. FRAENKEL bei 
seinen Porphyrininjektionen nur einmal (Haarausfall, 
Kräfteverfall, Abort). Durch das Placentarfilter schie- 
nen die porphyrischen Farbstoffe nicht zu gehen: die 
Feten der injizierten Muttertiere zeigten keine Färbung 
der Knochen. 

Es bestehen Beziehungen der Porphyrie des Men- 
schen zu der sog. Ochronose (oder Osteohämochromatose) 
der Schlachttiere (Schwein, Rind), worauf schon E. 
FRAENKEL hinwies. Auch bei der Tierochronose werden 
rot- bis schwarzbraune Färbungen der Knochen und 
Zähne gefunden (s.!b.W. POULSEN, A. InGIER, M. SCHMEY, 
COLBERG!). 

Bemerkenswert ist, daß E. FRAENKEL bei der kon- 
genitalen menschlichen Porphyrie sehr zahlreiche 
Erythroblasten im Knochenmark vorfand; das gleiche 
stellten für die Tierochronose L. Pick und M. SCHMEY 
fest. Dieser Erythroblastenbefund wurde von diesen 
Autoren im Sinne eines lebhaften Regenerations- 
vorganges infolge ausgedehnten Zerfalls roter Blut- 
körperchen aufgefaßt. 

Aus allen Mitteilungen im Schrifttum geht 
hervor, daß sowohl bei der akuten wie bei der 
chronischen, insbesondere der kongenitalen Por- 
phyrie des Menschen und bei der sog. Ochronose 
der Schlachttiere teils diffus gelöste, teils morpho- 
logisch faßbare körnige Farbstoffe nachgewiesen 
wurden. Die Porphyrinnatur dieser Farbstoffe 
konnte wohl mit physikalisch-chemischen, ins- 
besondere auch mit spektroskopischen Methoden 
in manchen Fällen erwiesen werden. Es fehlte 
jedoch in den bisher vorliegenden Arbeiten noch 
vollständig der Porphyrinnachweis im histologischen 
Objekt selbst. 

Wir stellten uns die Aufgabe, die im Falle 
PETRY in den Geweben vorgefundenen Pigmente 
soweit als möglich zu identifizieren, ihre Porphyrin- 
natur zu erweisen oder abzulehnen, und dabei auch 
festzustellen, ob die histochemisch als eisenhaltig 
erkannten Farbstoffe ohne weiteres als Hämo- 
siderin anzusprechen waren oder ob sie vielleicht 
zum Teil Komplexpigmente darsteliten, welche 
auch Porphyrine enthalten. 

1 In jüngster Zeit gelang es meinem Assistenten 
Dr. FIKENTSCHER in Falle von Tierochronose 
fluorescenzspektroskopisch Uroporphyrin (diffus ge- 
löst) in der Knochengrundsubstanz nachzuweisen, 
ein Befund, welcher auf chemischen Wege von H. FINK 
bestätigt wurde. 


einem 








‚en 


li- 
m 





Heft 47/48/49. 
25. ı1. 1930 


Die morphologische Analyse im Falle Perry 
war äußerst ergiebig und mannigfaltig. Außer der 
tiefrotbraunen Färbung der Knochen (und Zähne) 
fiel die tiefbraune Färbung des Knochenmarks, 
ferner die bräunliche Färbung der Milz und vieler 
Lymphknoten auf. Bei der histologischen Unter- 
suchung konnten Farbstoffe in fast allen Organen 
nachgewiesen werden. Neben diffus gelösten Farb- 
stoffen fanden sich formale Pigmente als Körner, 
Nadeln und Krystalldrusen. Mindestens 10 mor- 
phologisch verschiedene Pigmente konnten in den 
Zellen und Geweben festgestellt werden. Mit che- 
misch-physikalischen Methoden, insbesondere mit 
Hilfe der Fluorescenzspektroskopie, wurden diese 
Pigmente weitgehend identifiziert. Sie erwiesen 
sich hierbei teils als echtes Hämosiderin, teils als 
Hämatine, teils als reine Porphyrine. Größtenteils 
waren es Komplexpigmente: Porphyrine (mit und 
ohne Eisen) und mit eiweißartigen braunen Rest- 
körpern, manchmal auch mit lipoiden Beimengun- 
gen, endlich lipoide Pigmente mit oder ohne Por- 
phyrin. Der wichtigste histologische Befund war 
der von porphyrinführenden Erythroblasten im 
Knochenmark. Hier konnte eine großartige Phago- 
cytose solcher Erythroblasten und deren Verarbei- 
tung zu Komplexpigmenten nachgewiesen werden. 
Dieser Befund schien uns den Schlüssel für die 
Erkenntnis des Wesens der kongenitalen Porphyrie 
in die Hand zu geben. In dem Aufbau der Erythro- 
blasten schien der Fehler zu liegen, welchen die 
Natur durch Zerstörung der fehlerhaft gebildeten 
Elemente seitens mächtiger Makrophagen zu kor- 
rigieren suchte. In der Milz konnte keine Zer- 
störung porphyrinführender Erythroblasten durch 
Phagocytose festgestellt werden. 

Unsere morphologischen und histochemisch- 
physikalischen Untersuchungen ergänzten wir auf 
Anregung Hans FIscHERsS durch experimentelle 
und vergleichend physiologische, insbesondere auch 
embryologische Studien. Bei verschiedenartig 
modifizierten Versuchen mit Injektion verschiede- 
ner Porphyrine ließen sich die Farbstoffe im Or- 
ganismus wieder auffinden und bei Anwendung 
spektrochemischer Methoden identifizieren. Die 
Tiere zeigten (bei Uro- und Koproporphyrin) rote 
Fluorescenz der äußeren Bedeckungen (weiße 
Maus), ferner zeigte sich Fluorescenz der Organe, 
Gewebsschnitte, einzelnen Zellen; die Porphyrine 
wurden im Serum, Harn, Kot nachgewiesen. Die 
porphyrischen Farbstoffe waren teils diffus gelöst, 
teils morphologisch faßbar. Es waren zum Teil 
Porphyrine, zum Teil Hämatine. Auf die Knochen 
und Zähne zog nur Uroporphyrin auf!, 

Bei unseren vergleichenden Untersuchungen an 
tierischem und menschlichem Material (Jugend- 
lichen und Erwachsenen) ließ sich ein geringer 
physiologischer Porphyringehalt in den verschie 
densten Organen _ feststellen Bei Prüfung der 
physiologischen Verhältnisse in den Blutbildungs- 

1 Neuerdings gelang es H. HAMMER, auch mit (län 
ger dauernden) Injektionen von künstlichem Hämato 
porphyrin Färbung der Knochen zu erzielen, 


Borst: Morphologie der Porphyrine. 1039 


stätten von Erwachsenen und von Kindern ergaben 
sich keine besonders auffallenden Porphyrin- 
befunde. Im Knochenmark neugeborener Meer- 
schweinchen, ebenso im Blutausstrich solcher Tiere, 
fanden sich protoporphyrinführende Erythro- 
blasten mit Übergängen zu Hämoglobingehalt. Bei 
menschlichen Embryonen (von 6 Wochen bis 
8 Monaten) war ein ausgeprägter Porphyrinstoff- 
wechsel festzustellen. Bei den jüngsten Em- 
bryonen fanden wir regelmäßig Porphyrin im 
Serum, in Leber, Niere und im ersten, bereits ver- 
kalkten Knochen. Der wichtigste Befund war aber, 
daßsowohlin den Blutbildungsstätten in der Leber, 
als auch im strömenden Blute, Erythroblasten 
mit intensiver Porphyrinfluorescenz beobachtet 
werden konnten. Bei Feten im Alter von 4 bis 
6 Monaten waren die porphyrinführenden Zellen 
aus dem strömenden Blute nahezu verschwunden 
In den Blutbildungsherden der Leber solcher Feten 
fanden sich porphyrinführende Erythroblasten mit 
Übergängen zu Hämoglobingehalt. Im Knochen- 
mark konnten wir nur bei jungen Embryonen (vor 
dem 6. Monat) porphyrinführende Zellen nach- 
weisen. In der Milz waren die Porphyrinbefunde 
spärlich. Zu diesen Feststellungen sei bemerkt, daß 
sich in den Keimscheiben der Hühnerembryonen 
bereits nach wenigen Bebrütungsstunden porphy- 
rinführende Erythroblasten mit Übergängen zur 
Hämoglobintingierung finden. Dies alles schien uns 
für eine Hämoglobinsynthese über die Porphyrin- 
stufe zu sprechen. Für diese Ansicht konnten wir 
auch Befunde bei der perniziösen Anämie des 
Menschen und der Pferde anführen. Wir stellten 
dabei im Knochenmark Erythro- und Megalo- 
blasten mit hohem Porphyringehalt fest und 
deuteten diesen Befund als Rückschlag der Blut- 
bildung in den embryonalen Modus in Zeiten der 
Not. Ähnliche Befunde erhielten wir bei anders- 
artigen schweren Anämien (bei septischem Abort 
und bei Magenkrebs). Wir hielten uns schließlich zu 
der Annahme berechtigt, daß zwischen einem 
embryonalen und einem postembryonalen Hämo- 
globinstoffwechsel unterschieden werden könne. 
Die embryonale Hämoglobinsynthese würde über 
die Porphyrinstufe führen. Die Zeit ihres Be- 
stehens würde an die Entwicklung des Gallen- 
farbstoffwechsels gebunden sein, mit dessen Aus- 
bildung der embryonale Modus der Hämoglobin- 
synthese in den Hintergrund treten würde. So 
würde uns auch verständlich, daß wir bereits bei 
Feten im 7. und 9. Monat und bei Kindern und 
Erwachsenen im Knochenmark nur noch selten 
porphyrinführende Zellen vorfanden. 

Die embryonalen Blutbildungsstätten (Knochen- 
mark und Leber) schienen also einen Ort der Por- 
phyrinsynthese darzustellen. Wir suchten weiter 
nach anderen Orten einer solchen Synthese. Die 
Untersuchung der Herz- und Körpermuskulatuı 
unserer Embryonen und Feten ergab keine 
sicheren Anhaltspunkte für eine Synthese der Ge- 
webshämatine (Myoglobin, Cytochrom) über die 
Porphyrinstufe, eine Synthese, welche uns durch- 


-~=9* 





1040 


aus möglich erschien nicht nur in Analogie zu der 
eben erwähnten Hämoglobinsynthese, sondern auch 
wegen der Feststellungen bei der Synthese des 
Turacins in der Turakusfeder. Beim Turakus 
findet man in der Federanlage viel Porphyrin; 
mit zunehmender Entwicklung der Feder tritt 
mehr und mehr Turacin auf, und es bleiben nur 
Spuren von Porphyrin neben dem Turacin zu- 
rück. 

Wichtigere Hinweise gab uns die Untersuchung 
fetaler und kindlicher menschlicher Knochen. Schon 
DERRIEn fand die Schädelknochen wachsender 
junger Ratten und Katzen porphyrinhaltig. Wir 
stellten Porphyrinfluorescenz des ganzen Skelets 
und der Zähne bei jungen Mäusen, Hasen und 
In den Knochen erwachse- 
negativem 


Meerschweinchen fest. 
ner Menschen untersuchten wir mit 


Ergebnis auf Porphyrin; bei Kindern war der 
Porphyringehalt bereits auffallend gering. Bei 


menschlichen Feten im 4. und 6. Lebensmonat 
jedoch begegneten wir ähnlichen Befunden wie 
bei den von uns untersuchten jungen Tieren. Be- 
züglich der Herkunft dieser Knochenporphyrine 
konnten wir zu keiner Sicherheit kommen. 

Möglich erschien uns eine selbständige Synthese 
am Orte aus niederen Bausteinen, vermutlich in den 
Erythroblasten. Dafür sprachen innige spektrochemi- 
sche Beziehungen zwischen der Knochensubstanz und 
den Gefäßinhalten. 

Die Porphyrinablagerungen im Knochen stehen 
vielleicht mit der Verkalkung! im Zusammenhang. 
Für diese Ansicht kann man die physiologische Por- 
phyrinablagerung in den Eierschalen heranziehen. 

In den Nieren menschlicher Embryonen fanden wir 
granuläres Porphyrin als Ausscheidungsprodukt. In 
allen Organen von Embryonen fanden sich Spuren von 
Porphyrin. Vielleicht entstammt auch dieses Organ- 
porphyrin den Erythroblasten und roten Blutkörper- 
chen, welche Porphyrin führen. 

Bei den physiologischen Porphyrinbefunden bei 
Tieren (HARDERsche Drüse der Gattung Mus, Eileiter 
der Henne, Eierschalen, Turacusfeder) kann man 
entweder an eine selbständige Synthese oder an eine 
Zufuhr durch Erythroblasten denken; porphyrin- 
führende Erythroblasten sind bei Mäusen und beim 
Turakus nachgewiesen 

Wir haben bei allen diesen vergleichend physio- 
logischen Untersuchungen keinerlei Anhaltspunkte 
dafür gewinnen können, daß eine Abhängigkeit der 
Synthese der Organporphyrine vom Hämoglobin- 
stoffwechsel besteht, und wir kamen zu der Mei- 
nung, daß sich die Synthese der Porphyrine im 
Organismus in zwei Richtungen bewegt, einmal 
zum Zwecke der Hämoglobinsynthese und dann 
zwecks Bildung selbständiger, vom Hämoglobin- 
stoffwechsel unabhängiger Organporphyrine. 

Für eine selbständige Synthese der physiologischen 
Porphyrine und gegen eine ausschließliche Herkunft 
derselben aus der Nahrung sprachen die fetalen Por- 
phyrinbefunde. Eine Passage von Nahrungsporphyri- 


1 SCHMORL beschäftigte sich als erster mit der 
Frage des Porphyringehaltes der neugebildeten, noch 
unverkalkten Knorpel- und Knochenbälkchen bei 


menschlicher und tierischer Porphyrie. 


Borst: Morphologie der Porphyrine. 





[ Die Natur- 
wissenschaften 


‘ 


Placentarfilter konnten wir ebenso- 
wenig wie E. FRAENKEL feststellen. Im Eidotter der 
Hühner fanden wir Protoporphyrin. Bereits am 
3. Bebrütungstage zeigt das Blutbild porphyrinfüh- 
rende Erythroblasten mit spektrochemischen Werten 
fiir Proto- und Koproporphyrin. Die ausgeschlipften 
Hühnchen haben einen vollentwickelten Porphyrin- 
stoffwechsel. Auch unsere Fiitterungsversuche bei 
Mäusen, welche trotz chlorophyll-, porphyrin- und 
fleischfreier Kost reichlichen Porphyringehalt ihrer 
Organe zeigten, sprechen für die Möglichkeit einer 
Porphyrinsynthese im Organismus. 

Neben der physiologischen Porphyrinsynthese müssen 
die physiologischen Porphyrinausscheidungen mit Harn 
und Kot in Betracht gezogen werden. Wir möchten 
aber die gesamten Fragen der physiologischen Stellung 
der Porphyrine im Organismus an dieser Stelle nicht 
aufrollen. Die Ausscheidungen bei chlorophyll- und 
porphyrinfreier Kost entstammen wohl einer Synthese; 
für das Auftreten von Koproporphyrin bei chlorophyll- 
und porphyrinhaltiger Kost ist an eine Herkunft aus 
der Nahrung zu denken. 


nen durch das 


Für eine Herkunft der Porphyrine aus dem 
Abbau der Hämine konnten wir keine Anhalts- 
punkte gewinnen. Weder konnten wir in Milz 
und Leber sichere Anhaltspunkte dafür finden, daß 
ein Abbau des Hämoglobins über die Porphyrin- 
stufe zu Gallenfarbstoff erfolgt, noch konnten 
wir einen solchen Abbau bei Fällen schwerer An- 
ämie verfolgen. 

Bei experimenteller Hämolyse und in klinischen 
Fällen von hämolytischer Vergiftung findet sich 
keine vermehrte Porphyrinausscheidung. Im Falle 
Petry fand sich im Serum reichlicher Hämatin- 
gehalt neben Porphyrin. Das Vorhandensein von 
Hämatin neben Porphyrin in Serum und Organen 
beweist aber nicht die Entstehung des Porphyrins 
aus Hämatin. v. ZEYNEK fand im Tierexperiment 
bei subcutanen Injektionen von Hämin und Häma- 
tin keine Erscheinungen im Sinne eines Abbaues 
des Hämins zu Porphyrin. Eigene Tierexperi- 
mente und Untersuchungen über den Blutzer- 
fall in Thromben und Hämatomen bei Menschen 
zeitigten keine Ergebnisse, welche einen Abbau 
des Hämoglobins über die Porphyrinstufe zu 
Hämatoidin oder zu Eisen, Porphyrin und Glo- 
bin beweisen könnten. Auch für einen Abbau 
der Gewebshämatine (Myoglobin, Cytochrom) zu 
Porphyrin, Eisen und Globin haben unsere ver- 
gleichend-morphologischen Untersuchungen keinen 
Beweis erbracht (s. o.). 

Im ganzen -sind wir der Auffassung, daß die 
Porphyrine bei Aufbauprozessen (Hämoglobin- 
synthese), ferner als selbständige Organstuffe und 
als Ausscheidungsprodukte im Organismus auf- 
treten. In den Erythroblasten schen wir das 
morphologische Substrat für die Synthese der 
Porphyrine. Für eine polyzentrische Synthese der 
Porphyrine ergaben sich keine Anhaltspunkte. 
Vermutlich werden die Porphyrine den Organen 
zugeführt. Zur Frage nach den physiologischen 
Bausteinen der Porphyrine wollen wir uns hier 
nicht äußern. 

Kehren wir nach diesen physiologischen Be- 











Heft 47/48/49.] Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1041 


28. II. 1930 


trachtungen zu unserem Fall von kongenitaler Por- 
phyrie (Fall Petry) zurück, so schienen insbeson- 
dere unsere embryologischen und vergleichenden 
Untersuchungen die Auffassung zu erlauben, 
daß bei der kongenitalen Porphyrie ein Per- 
sistieren onto- und phylogenetisch begründeter 
physiologischer Prozesse im Knochenmark vor- 
liegt (porphyrinführende Erythroblasten, frei und 
phagocytiert im Petry-Knochenmark). Die Hä- 
moglobinsynthese erfolgt dabei nicht durchwegs 
nach dem embryonalen Modus, sondern zum Teil 
auch regelrecht nach dem postembryonalen Typ 
(Erythroblasten ohne Porphyrinfluorescenz im 
Knochenmark bei Perry). Das Knochenmark 
versucht einen Teil der überflüssig gebildeten 
Porphyrine durch Phagocytose der porphyrin- 
führenden Erythroblasten und durch Bildung von 
Komplexpigmenten für den Organismus unschäd- 
lich zu machen. Auch für die Knochen stellen 
wir nach Aufdeckung der physiologischen Verhält- 
nisse ein Persistieren phylo- und ontogenetischer 
Prozesse bei der kongenitalen Porphyrie fest. 
Der gesamte physiologische Vorgang der Por- 
phyrinablagerung in den jugendlichen, wachsenden 
Knochen und Zähnen bei Menschen und Tieren 
bleibt anscheinend bei PETRY erhalten. Die von 
Hans FISCHER bereits früher mehrfach geäußerte 
Ansicht, daß es sich bei der kongenitalen Por- 
phyrie um einen Atavismus handle, findet durch 
unsere Untersuchungsergebnisse eine starke Stütze. 
Als Ort der Synthese der Porphyrine sehen wir auch 
im Fall Petry die Erythroblasten an. Die reich- 
lichen Porphyrinbefunde in den Organen bei kon- 
genitaler Porphyrie sind zum Teil als Ablagerungen, 
zum Teil als Ausscheidungen aufzufassen. Was die 
Abbauprozesse im Fall Petry anlangt, so hielten 
wir uns auf Grund der erhobenen Pigmentbefunde 
und der gegenseitigen Beziehungen der einzelnen 
Pigmente zueinander nicht für berechtigt, einen 
fehlerhaften Abbau von Hämoglobin, Histohämin 
und formalem Protohämin anzunehmen!. Es 
fehlte auch Erythrophagie in den blutabbauenden 
Organen. Die reichlichen Protohämatinbefunde 

1 Vgl. hierzu neueste Untersuchungen von HyMANS 
VAN DEN BERGH und Frl. A. I. HyMAN sowie von 
Hans FIscHER und Mitarbeitern 


bei PETRY bringen wir in Zusammenhang mit der 
allgemein toxischen Wirkung der Porphyrine, wie 
sie sich aus unseren Porphyrinanreicherungs- 
versuchen ergaben. Das Koproporphyrin ver- 
drängte aus den roten Blutkörperchen das Hämo- 
globin, welches dann im Serum eine Umwandlung 
in Hämatin erfuhr. Das in fast allen Organen des 
Petry gefundene morphologisch faßbare Eisen 
läßt nicht ohne weiteres auf einen Untergang von 
Hämoglobin zu Porphyrin und Eisen schließen. 
Freilich stammt das Eisen in letzter Linie vom 
Blutfarbstoff her. Die Porphyrine wirken, wie ge- 
sagt, schädigend auf die roten Blutkörperchen. 
Das durch den Abbau des Hämoglobins anfallende 
Eisen wird in den Geweben gespeichert und er- 
scheint als Hämosiderin oder als Eisenkomponente 
in den erwähnten Komplexpigmenten. 

Die braunen eiweißartigen Restkörper, welche 
wir in unseren Komplexpigmenten fanden, stellen 
wir dem braunen Harnfarbstoff des Petry an die 
Seite. Das Auftreten dieser Eiweißkörper deuten 
wir im Sinne einer Abwehrreaktion des Organis- 
mus, welcher die großen Mengen von Porphyrin 
durch Bindung an andere Stoffe unschädlich zu 
machen sucht. Diese Auffassung hat etwas Be- 
stechendes, wenn man bedenkt, daß den braunen 
Farbstoffen auf Grund ihrer Lichtabsorption eine 
lichtschützende Wirkung zukommt. 

Im ganzen können wir zu unserer Freude fest- 
stellen, daß die aus morphologischen und histo- 
chemisch-physikalischen Untersuchungen gewon- 
nenen Ergebnisse weitgehend mit den Resultaten 
übereinstimmen, welche die chemische Erforschung 
der Konstitution der Porphyrine durch Hans 
FISCHER zutage gefördert hat. 


Literatur: 

Borst-KONIGSDORFFER, Untersuchungen über Por- 
phyrine. Leipzig: Hirzel 1929. — H. HAMMER, Virchows 
Arch. 277, 159 (1930). H. FıscHEr, H. K. PLarz u. 
KX. MORGENROTH, Hoppe-Seylers Z. 182, 265 (1929). 

A. A. HYMANS VAN DEN BERGH u. Frl. A. J. HYMAN, 
Dtsch. med. Wschr. 1928, 1492 Arch. Verdgskrkh. 
42, H. 4 (1928) A. BEyur u. J. GELMAN, Münch. 
med. Wschr. 76, H. 18, 745 (1929). G. SCHMORL, 
Virchows Arch. 275 P. SIEBERT, Beitr. path. Anat. 
84, 111 (1930). 


Atiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 
Von Kurt Popper, Rostock. 


In den letzten Jahren haben sich die Mitteilun- 
gen gehauft iiber das Vorkommen einer mit einem 
typischen Fieber verlaufenden Infektionskrankheit 
des Menschen, die durch BANGsche Bakterien, die 
Erreger des infektidsen Abortus des _ Rindes, 
verursacht wird. Während noch vor wenigen 
Jahren der Standpunkt vertreten wurde, daB die 
BanGschen Abortusbakterien keine pathogene 
Bedeutung fiir den Menschen haben, muß es nach 
den vorliegenden klinischen Beobachtungen, bak- 
teriologischen und serologischen Untersuchungs- 
ergebnissen jetzt als erwiesen gelten, daß diese 


Bakterien eine bestimmte Infektionskrankheit 
beim Menschen veranlassen können. Weiter wurde 
festgestellt, daß das Krankheitsbild der mensch- 
lichen Bangbakterien-Infektion mit dem seit 
längerer Zeit bekannten Malta- oder Mittelmeer- 
fieber nicht nur fast vollständige Übereinstim- 
mung zeigt, sondern daß auch die Erreger beider 
Infektionskrankheiten nahe verwandt sind. Nach 
dem Fiebertypus werden beide Krankheiten als 
Febris undulans bezeichnet; nach der Art 
der Übertragung würde dann zu unterscheiden 
sein zwischen Febris undulans caprina, dem 





. 
1042 Porre: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 


Mittelmeerfieber, das von der Ziege herrührt, 
und Febris undulans bovina, der Bangbakterien- 
Infektion, die vom Rind oder Schwein übertragen 


wird. Da B. Bana diese Infektion zuerst beim 
Rinde beschrieben und den Erreger ermittelt 
hat, ist die Bezeichnung Bancsche Kranheit 


oder Bangbakterien-Infektion (Bang’s disease) zu 
rechtfertigen. Unter diesem Namen würde nur 
die durch BanGsche Bakterien verursachte spezi- 
fische Infektionskrankheit zu verstehen 
während das auf Ziegen zurückzuführende Mittel- 
meerfieber als eine eigene, in bestimmten Ländern 
vorkommende Krankheit anzusehen wäre. Die 
allgemeinere Bezeichnung Bangbakterien-Infektion 
wäre auch mit Rücksicht auf die vergleichende 
Pathologie die richtigere, weil unter diesem Namen 
alle auf Bangbakterien zu beziehende Infektions- 
krankheiten des Menschen und der Tiere (mit 
und \bortus) zusammengefaßt werden 
könnten 

Auf die Bedeutung der BanGschen Bakterien 
als menschenpathogene Erreger wurde 
in den Vereinigten Staaten aufmerksam gemacht. 
Bereits in den Jahren 1911 — 1916 war festgestellt 
worden, daß Kinder, die mit roher Milch ernährt 
worden Agglutination und positive 
Komplementbindung mit Bangbakterien 
wobei auch in einigen Fällen die Bakterien durch 
nachgewiesen wurden 


sein, 


ohne 


zuerst 


waren, eine 


gaben, 


Meerschweinchenimpfung 
(MoHLER und TRAUM, LARSON und SEDGWICK, 
NıcoL.L und Pratt, RAMSEY, COOLEDGE). Mehr 
Beweiskraft haben die vom Jahre 1924 an bei Er- 
ermittelten Fälle. Der erste sichere 
Fall von BanGscher Krankheit des Menschen 
wurde 1924 von KEEFER mitgeteilt. In den folgen- 
den Jahren hat dann die Zahl der Krankheitsfalle in 
den Vereinigten Staaten eine auffällige Zunahme 
erfahren; nach verschiedenen Angaben sollen 1925: 


wachsenen 


24, 1926: 46, 1927: 217 und 1928: 649 Fälle be- 
obachtet worden sein (Harpy). Darauf folgten 
Mitteilungen über Infektionen des Menschen 


aus fast allen Ländern, in denen der infektiöse 
Abortus des Rindes vorkommt: aus Südafrika, 
Niederländisch-Indien, Spanien, Italien, Frankreich, 
England, Schweiz, Niederlande, Deutschland, Öster- 
reich, Lettland, Rußland, Polen, Tschechoslowakei, 
Jugoslavien, Schweden, Dänemark. Die größte Zahl 
von Fällen ist von KRISTENSEN und PER HOLM aus 
Dänemark mitgeteilt worden, die innerhalb 20 Mo- 
(1927— 1928) 500 Patienten mit spezifischer 
Agglutination ermittelten, die an undulierendem 
Fieber erkrankt waren. Systematische Untersuchun- 
gen lenkten das Interesse auf die Frage, ob solche 
Erkrankungen nicht häufiger vorkommen, als 
bisher angenommen wurde. In der Folgezeit sind 
dann Bangbakterien-Infektionen ermittelt 
und zahlreiche Fälle in Holland VAN DER 
HoEDEN (23 Fälle), in Deutschland von BÜRGER 
(25 Fälle), von Prausnttz (13 Fälle), von WEIGMANN 
(57 Fälle), von Poppe (51 Fälle) näher untersucht 


naten 


öfters 
von 


worden. Die Zahl der kasuistischen Einzelmitteilun- 
gen ist derart gestiegen, daß die Bangbakterien- 





Die Natur- 
wissenschaften 


Infektion ein allgemeines medizinisches Interesse 
erlangt hat. Die Zunahme dieser Infektion ist auch 
der Anlaß gewesen, daß in Dänemark die Anzeige- 
pflicht eingeführt wurde, wobei sich die über- 
raschende Tatsache ergeben hat, daß ähnlich wie 
in den Vereinigten Staaten mehr Bangbakterien- 
Infektionen ermittelt wurden als Typhus- und 
Paratyphusinfektionen. 


Der Erreger der Bangschen Krankheit, der 
BanGsche Abortusbacillu, das Bact. abortus 
infectiosi bovis, das 1896 von B.BanG und 


STRIBOLT (Kopenhagen) gefunden wurde, ist eine 
sehr kleine (1—2 „) kokkenähnlich egramnegative 
Bakterienform, die einen gewissen Pleomorphismus 
zeigt. Es ist daher verständlich, daß Bruce den 
Erreger des Maltafiebers als Mikrokokkus ange- 
sehen hat. Eine besondere Eigentümlichkeit des 
BanGschen Bacillus ist, daß die Züchtung unter 
gewöhnlichen Verhältnissen weder aerob noch 
anaerob gelingt. Verminderte Sauerstoff- oder er- 
höhte Kohlensäurespannung sind für das Wachstum 
der Bangbakterien notwendig, sei es eine Atmo- 
sphäre von Kohlensäure oder eine Luft- 
mischung mit Leuchtgas, sei es die Züchtung in 
Symbiose mit sauerstoffabsorbierenden Bakterien 
(Coli-, Subtiliskulturen). Wenn die aus dem Kör- 
per gezüchteten Stämme mehrere Generationen 
unter verringerter Sauerstoffspannung gehalten 
worden sind, erlangen sie die Fähigkeit, auch unter 
gewöhnlichen Luftspannungsverhältnissen wie 
aerobe Bakterien zu wachsen. Nährböden mit 
Zusatz von Glycerin und Traubenzucker, Leber-, 
Milz- und Blutagar (LEVINTHAL),’ Stärkeagar 
kommen für die Züchtung zur Anwendung (py, 

7,5). In seinem biochemischen Verhalten zeigt der 
BanGsche Bacillus keine besonderen Unterschei- 
dungsmerkmale. Unterschiede in den Kultureigen- 
schaften der Bangbakterien vom Menschen, Rinde 
und Schweine sind nicht vorhanden. Pathogenitat 
besteht fiir Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten 
und Mäuse. Die geimpften Tiere überstehen die 
Infektion; trächtige Kaninchen oder Meerschwein- 
chen abortieren in etwa der Hälfte der Fälle. Das 
beste Versuchstier zum Nachweis ist das Meer- 
schweinchen, bei dem nach subcutaner oder intra- 
peritonealer, auch cutaner Impfung eine charakte- 
ristische chronische Infektion entsteht mitVergröße- 
rung der Milz, Leber und Lymphknoten, Nierenent- 
zündung, bei männlichen Tieren Atrophie der 
Hoden und Nebenhoden, manchmal’ mit Absceß- 
bildung, wobei in den charakteristischen tuberkel- 
ähnlichen Herden in Milz, Leber, Niere die Bang- 
bakterien nachzuweisen sind. Stämme vom Schwein 
sind meist virulenter als Rinderstämme, während 
eine besondere Virulenz der aus kranken Menschen 
gezüchteten Stämme für Versuchstiere nicht fest- 
zustellen ist (KRISTENSEN und PER Hom, Poppe). 
Die Virulenz der menschlichen Bangstamme fiir 
das Rind und die Übereinstimmung dieser Stämme 
in ihren pathogenen Eigenschaften mit echten 
Rinderstämmen wurde bestätigt durch Infektions- 
versuche an tragenden Rindern, die abortierten mit 


10 % 














Heft 47/48/49] Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1043 


28. ı1. 1930 


dem Nachweis der Bangbakterien in der Placenta 
und im Fetus. 

Durch zahlreiche Untersuchungen wurde der 
Beweis erbracht, daß die BansGschen Abortus- 
bakterien und der Erreger des Mittelmeerfiebers 
sehr nahe verwandt, vielleicht ein und dieselbe 
Art sind. Es ist merkwürdig, daß die nahe Ver- 
wandschaft beider Erreger erst im Jahre 1918 
festgestellt wurde (A. C. Evans), nachdem der 
Maltafiebererreger bereits 1887 von BRUCE und 
der Abortusbacillus 1896 von B. BANG und STRI- 
BOLT gefunden und näher beschrieben worden 
waren. Beide Erreger zeigen in ihren Kultur- 
und biochemischen Eigenschaften weitgehende 
Übereinstimmung.‘ Ein gewisser Unterschied be- 
steht im Wachstum der in erster Generation 
gezüchteten Kulturen insofern, als die Melitensis- 
bakterien unter gewöhnlichen atmosphärischen 
Verhältnissen zu züchten sind, die Bangbakterien 
dagegen nicht. Im pathogenen Verhalten gegen- 
über Versuchstieren besteht ebenfalls Überein- 
stimmung. Auch in serologischer Beziehung ver- 
halten sich beide Arten so gleich, daß sie in eine 
Gruppe Melitensisabortus (FEUSIER und K. F. 
MEYER) zusammengefaßt worden sind, der ent- 
sprechend dem Vorschlage der Amerikaner nach 
dem Entdecker des Mittelmeerfiebererregers BRUCE 
der Gattungsname Brucella gegeben wurde. 
Es wiirde demnach zu unterscheiden sein zwischen 
Brucella melitensis und Brucella abortus. Nach 
dem serologischen Verhalten bei der Absättigung 
ist die Melitensis-Abortusgruppe in verschiedene 
Untergruppen eingeteilt worden: Melitensis A, Meli- 
tensis B, Paramelitensis, Abortus, Paraabortus 
(A. C. Evans). Zwischen beiden Arten bestehen 
jedoch so enge serologische Beziehungen, daß 
sie als zu einer Art gehörig oder als Rasse ein 
und derselben Bakterienart anzusehen sind. Beide 
Erreger können Infektionen beim Menschen her- 
vorrufen; den Melitensisbakterien kommt aber 
anscheinend die größere Pathogenität zu, die sich 
auch durch das endemische Auftreten des Mittel- 
meerfiebers kennzeichnet, während die BanGsche 
Krankheit als ein gutartiges Maltafieber anzu- 
sehen ist (KRISTENSEN). Eine Schwierigkeit in der 
Abgrenzung dieser beiden Infektionskrankheiten 
voneinander besteht aber in den Ländern, wo 
Maltafieber und Bancsche Krankheit vorkom- 
men. In Italien gehen nach Fıcaı und ALzs- 
SANDRINI zwei verschiedene Septikämien — eine 
durch Melitensis-, eine durch Bangbakterien 
unter der Bezeichnung Maltafieber. BASTAI nimmt 
an, daß in Italien auch zwei Formen des in- 
fektiösen Abortus beim Rinde vorkommen, der 
echte Bang-Abortus und der unechte Malta- 
Abortus, dessen Erreger nur für den Menschen 
pathogen sei. Bastar hält daher das im Anschluß 
an eine Infektion vom Rinde beim Menschen auf- 
tretende undulierende Fieber für eine Form des 
Maltafiebers, das ursprünglich von der Ziege auf 
das Rind übertragen wurde. Demgegenüber ist 
darauf hinzuweisen, daß die Melitensisinfektion 


in den nördlichen Ländern Europas sicher keine 
Rolle spielt, da sie bei Ziegen in diesen Ländern 
bisher nicht beobachtet und nur südlich des 
46. Grades nördlicher Breite festgestellt worden ist, 
Es dürfte somit nicht angängig sein, die Infektion 
des Menschen in Gegenden, wo Maltafieber bei 
Ziegen nicht vorkommt, als eine vom Rinde über- 
tragene Melitensisinfektion anzusehen, 

BanGsche Bakterien sind bei fast allen Haus- 
tieren gefunden worden. Als Erreger des infek- 
tiösen Abortus wurden sie nachgewiesen beim 
Rind, Schwein (Hayes und TRAUM, HADLEY und 
BEACH u. a.), Schaf, ferner beim Pferd, Hund (van 
SACEGHEM), bei der Katze, selbst Hühner und Enten 
können Infektionsträger sein. Für die Übertragung 
auf den Menschen spielt nach den bisherigen Kennt- 
nissen aber nur das Rind und das Schwein, vielleicht 
das Schaf eine Rolle. Der eigentliche Träger ist 
das weibliche Rind, das somit in erster Linie als 
Verbreiter der Infektion in Betracht kommt. Der 
Sitz der Infektion ist der gravide oder der gravid 
gewesene Uterus, ferner das Euter und die Euter- 
lymphknoten, beim männlichen Tier die Ge- 
schlechtsorgane. Im graviden Uterus finden die 
Bangbakterien die günstigsten Entwickelungs- 
bedingungen, veranlassen entzündliche Verände- 
rungen an der Schleimhaut, bei graviden Tieren 
Lösung der Eihäute und Abortus. Nach Aus- 
stoßung des Fetus folgt eine kürzere oder längere 
Zeit anhaltende Ausscheidung virulenter Bakte- 
rien aus den Geschlechtsorganen, die bis zum 
50. Tage (SCHROEDER und Corton), sogar noch 
5—9 Monate (B. BANG) nach der Geburt nach- 
gewiesen ist (Bacillentrager). Da bei der Früh- 
geburt und der meist sich anschließenden Retentio 
secundinarum Milliarden vollvirulenter Bakterien 
ausgeschieden werden, so ist der Abortus mit 
seinen Folgezuständen die Hauptverbreitungs- 
ursache für die Weiterübertragung von Tier zu 
Tier, die in der Regel auf enteralem Wege erfolgt. 
Zu einer Allgemeininfektion kommt es beim Rinde 
nicht; das wesentlichste Symptom ist der Abortus, 
der bei 10—40% der infizierten Rinder meist im 
7. oder 8. Monat, bei frisch infizierten und erst- 
malig graviden Tieren sogar bis zu 80% auftritt. 
In den gehäuft vorkommenden Abortusfällen 
und seinen Folgen liegt der große wirtschaftliche 
Schaden des ansteckenden Verkalbens, der zahlen- 
mäßig kaum zu berechnen und für Deutschland 
auf etwa 200 Millionen RM. jährlich zu schätzen 
ist. Frisch infizierte Rinder, die das erstemal 
tragend sind, abortieren am ehesten, während bei 
längerer Dauer der Infektion die Abortusfälle 
abnehmen. Da es sich bei den ersten Abortusfällen 
nachweislich um sehr virulente Bakterien handelt, 
so dürfte die Infektionsgefahr hierbei für den 
Menschen erheblich sein. Neben der zum Abortus 
führenden akuten Erkrankung des Rindes kommen 
latente Infektionen vor, wobei es zu einem Abortus 
nicht kommt. Auch im Anschluß an einen normalen 
Partus können infizierte Tiere Bangbakterien aus- 
scheiden; die Infektionsgefahr dürfte aber in 





1044 Porre: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. | 


solchen Fällen gering sein. Beim männlichen Rind 
äußert sich die Bangbakterien-Infektion in meist 
einseitiger Hodenschwellung mit Hydrocele, Ver- 
dickung des Nebenhodens und Samenstranges; 
bei akuter Entzündung mit Fieber. Übertragungen 
auf den Menschen durch infizierte männliche Rin- 
der sind nicht beobachtet worden. 
Die Bangbakterien-Infektion des 
dürfte nach den Beobachtungen in 
die Übertragung auf den Menschen keine be- 
sondere Bedeutung haben, da Infektionen beim 
Schweine in Europa nicht häufig vorkommen. 
In den Vereinigten Staaten ist dagegen die Infek- 
tion beim Schweine ziemlich verbreitet, so daß 
eine Infektionsgefahr für den Menschen besteht, 
zumal die Bangbakterienstämme vom Schweine 
erheblich virulenter sind als Rinderstamme 
(SCHROEDER und CoTron, HADLEY und BEACH) 
Die Infektion der Menschen kann auf alimen- 
tarem Wege (enterale Infektion) oder durch Be- 
rührung mit infizierten Tieren (cutane Infektion) 
stattfinden. Die Möglichkeit zur Infektion ist 
gegeben durch die große Verbreitung des Rinder- 
abortus, Menschen mit infizierten Tieren 
in Berührung kommen oder Produkte von solchen 


Schweines 
Europa. für 


soweit 


Tieren genießen. Die Ansteckungsgefahr kann 
aber nicht übermäßig groß sein, sonst müßten 


Infektionen von Menschen häufiger vorkommen 
Die Ansicht scheint also zuzutreffen, daß der 
Mensch nicht besonders empfänglich ist für die 
Bangbakterien vom Rind. Für die von einigen 
Seiten vertretene Annahme, daß die Häufigkeit 
der Erkrankungen beim Menschen auf eine Zu- 
nahme der Pathogenität der Bangbakterien zurück- 
zuführen sei, fehlen noch die Beweise. Die ali- 
mentäre Infektion erfolgt fast ausschließlich 
durch rohe Milch oder Milchprodukte, die aus 
Rohmilch hergestellt werden. Die Möglichkeit 
der Übertragung ist dadurch gegeben, daß eine 
größere Zahl der infizierten Kühe Bangbakterien 
mit der Milch ausscheidet. Die Menge der aus- 
geschiedenen Bangbakterien kann nicht unbe- 
trächtlich sein (nach A. C. Evans bis zu 50000 im 
Kubikzentimeter). Die Ausscheidung der Bak- 
terien mit der Milch kann stattfinden sowohl bei 
Tieren, die abortiert haben, als auch bei solchen, 
bei denen Anzeichen für eine Infektion nicht vor- 
liegen. Versuche am Menschen haben aber gezeigt, 
daß die Aufnahme von Bangbakterien mit nach- 
weislich infizierter Milch mittels Bouillon- 
kulturen nicht in jedem Falle eine Infektion zur 
Folge hat (COOLEDGE, KOEGEL, OTERO). Bei den 
Krankheitsfällen von Menschen, die auf Milch- 
genuß zurückzuführen sind, handelt es sich meist 
um Personen, die größere Mengen rohe Milch 
längere Zeit hindurch haben. Außer 
durch Rohmilch kommt eine Übertragung durch 
Milchprodukte, die aus nicht erhitzter Milch 
hergestellt werden (Sahne, weißer Käse, Eiscreme 
u. a.) in Betracht, während Butter anscheinend 


oder 


genossen 


eine Ausnahme bildet, da die niedrige p,-Zahl 
(unter 5,0) die 


Bangbakterien schädigen soll 





Die Natur- 
wissenschaften 


(VAN DER HoEDEN). Ob auch andere Nahrungs- 
mittel, wie beim Maltafieber, als Infektionsvermitt- 
ler eine Rolle spielen, bedarf noch der Prüfung. 

Die Kontaktinfektion erfolgt durch Berührung 
mit Kühen, die abortiert haben oder die Erreger 


ausscheiden. Diese Infektiongefahr scheint nicht 
unerheblich zu sein, da eine größere Zahl der 
beschriebenen Fälle Tierärzte und Landwirte 


betrifft, die mit infizierten Tieren zu tun gehabt 
hatten. Die Möglichkeit zur Infektion ist gegeben 
dadurch, daß Abortuskühe virulente Bakterien 
im Uterus beherbergen und ausscheiden; für die 
erhöhte Infektionsgefahr in diesen Fällen dürfte die 
Beobachtung sprechen, daß die Erkrankung bei 


Personen, die sich unmittelbar-am Tier infiziert 
haben, im allgemeinen einen schwereren und 
verlängerten Verlauf zeigt. In vielen Fällen, 


in denen im Anschluß an die Betätigung mit 
infizierten Tieren Krankheitserscheinungen an der 
Haut aufgetreten sind, ist der Infektionsmodus 
geklärt, wenn auch der Ausbruch der eigentlichen 
fieberhaften Krankheit manchmal erst nach Wo- 
chen oder Monaten erfolgte. Daß eine Infektion 
mit Bangbakterien durch die intakte Haut mög- 
lich ist, haben Feststellungen am Meerschweinchen 
ergeben, bei dem diese Art der Infektion leicht 
gelingt. Die Subcutaninfektion ist ebenfalls mög- 
lich, da Erkrankungen bei Tierärzten nach Ver- 
letzung bei Ausführung der Impfung mit lebenden 
Kulturen bekannt geworden sind (FREI). 

Ob außer der enteralen und cutanen Infektion 
noch andere Ansteckungsmöglichkeiten für den 
Menschen in Betracht kommen, ist nicht erwiesen. 
Im Vergleich zum Mittelmeerfieber wäre an 
Schleimhautinfektionen (Conjunctiva, Nase, Ton- 
sillen, Geschlechtsorgane) zu denken. Eine un- 
mittelbare Übertragung von Mensch zu Mensch 
ist bisher nicht beobachtet worden und auch wenig 
wahrscheinlich. Die festgestellten Bangbakterien- 
Infektionen des Menschen betreffen meist nur 
Einzelfälle. Einige Mitteilungen liegen jedoch vor, 
wo ein gehäuftes Auftreten beobachtet wurde. 
Hierbei handelt es sich aber nicht um eine Über- 
tragung der Infektion von Mensch zu Mensch, 
sondern um eine Mehrzahl von Erkrankungen in 
derselben Umgebung, die von der gleichen Infek- 
tionsquelle ihren Ausgang genommen hatten 
(FıcAı und ALESSANDRINI, FAVILLI, WARD, MOORE). 
Auch Laboratoriumsinfektionen mit Bangbakterien 
sind wie beim Maltafieber beobachtet worden 
(CLARK, FREI, HUDDLESON). Zur Feststellung des 
von menschlichen Krankheits- 
infizierten Tier erscheint es not- 
in jedem Fall die Infektions- 


Zusammenhangs 
fällen mit dem 
wendig, möglichst 
quelle zu ermitteln (Poppe). 

Außer der Infektion mit offensichtlich klini- 
schen Erscheinungen kommt beim Menschen 
wie beim Rinde eine symptomlose (ruhende) In- 
fektion vor. Darunter fallen die Personen, die, ohne 
die geringsten Krankheitserscheinungen zu zeigen, 
erhebliche Mengen von Antikörpern gegen Bang- 
bakterien aufweisen. Diese Infektion ohne Er- 








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Heft 47 wee) Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. 1045 
30 


28. If. 19 


krankung, die auch beim Maltafieber als symptom- 
lose Form bekannt ist, kann für eine später aus 
anderem Anlaß manifest werdende Krankheit von 
Bedeutung sein. Die zahlreichen Feststellungen 
von Personen mit positiven Blutwerten ohne Er- 
krankung lassen es jedenfalls notwendig erscheinen, 
der symptomlosen Infektion besondere Beachtung 
zu schenken. Systematische Blutuntersuchungen 
von Personen in gefährdeter Umgebung (Abortus- 
gehöfte), Prüfung aller zur Untersuchung kommen- 
den Sera mit Bangbakterien, epidemiologische Er- 
mittelungen sind notwendig, um über die Ver- 
breitung und die Bedeutung der latenten Infektion 
mit Bangbakterien beim Menschen genauere 
Kenntnis zu erlangen (Poppe, SPENGLER). 

Die BanGsche Krankheit des Menschen und 
die Abortusinfektion des Rindes zeigen jedoch 
nicht nur bezüglich des Erregers und der Patho- 
genese enge Zusammenhänge, auch hinsichtlich 
der klinischen Erkrankung besteht manche Über- 
einstimmung. Die Bangbakterien-Infektion des 
Mannes ist in einer Zahl der Fälle durch eine 
Orchitis und eine Epididymitis gekennzeichnet; 
beim infizierten männlichen Rind und Meer- 
schweinchen sind ebenfalls Hoden- und Neben- 
hodenerkrankungen als typische Symptome vor- 
handen. Erkrankungen der Gelenke können 
sowohl beim Menschen als auch beim Rinde 
(Carpitis, Gonitis) auftreten (BERGMANN und 
AGREN, LEUTHOLD); durch Bangbakterien ver- 
anlaBte Eiterungen sind bei Mensch und Tier 
beobachtet worden. Ein wesentlicher Unterschied 
im pathogenenVerhalten ist allerdings festzustellen. 
Während der Abortus beim weiblichen Rind in 
der Mehrzahl der Fälle das Hauptsymptom ist, 
finden sich nur wenige Angaben, daß im Anschluß 
an eine Bangbakterien-Iniektion bei graviden 
Frauen Aborte aufgetreten sind. Nach älteren 
Mitteilungen (LARSON und SEDGWICK, WILLIAMS 
und KOLMER, DE Forest, NıcoLL und Pratt, 
KLIMMER und Haupt, SCHÖTTLER) sollen nach 
MilchgenuB Frühaborte vorgekommen sein. Einige 
sichere Befunde mit bakteriologischer und serologi- 
scher Nachprüfung sind jedoch erst in den letzten 
Jahren mitgeteilt worden (KRISTENSEN, CARPEN- 
TER, FREI, SCHITTENHELM, WEIGMANN). Wenn 
auch damit erwiesen sein dürfte, daß der BanGsche 
Bacillus vielleicht unter gewissen Umständen bei 
der Frau Abortus hervorrufen kann, so muß es 
doch der weiteren bakteriologischen und sero- 
logischen Untersuchung vorbehalten bleiben, die 
Frage der abortiven Wirkung der BansGschen 
Bakterien bei der Frau weiter zu klären. 

Zur Sicherung der Diagnose der Bangbak- 
terien-Infektion sind bakteriologische und sero- 
logische Untersuchungsmethoden heranzuziehen. 
Diagnostisch beweisend ist der Nachweis der 
Bangbakterien durch den Kulturversuch oder durch 
die Meerschweinchenimpfung. An zweiter Stelle 
kommen die Agglutination und die Komplement- 
bindung, die bei entsprechenden klinischen Krank- 
heitserscheinungen ebenfalls die Diagnose sichern. 


Inwieweit die allergischen Reaktionen als diagno- 
stisches Hilfsmittel von Wert sind, bedarf noch 
der Prüfung. 

Die Züchtung der Bangbakterien aus Blut, 
Harn, Exsudaten usw. gelingt nur in einer Minder- 
zahl der Fälle und bei Anwendung von Kultur- 
verfahren, die auf die biologischen Eigenschaften 
dieser Erreger Rücksicht nehmen. Bei Verwen- 
dung geeigneter Nährböden (Vorkultur durch An- 
reicherung in Bouillon mit Traubenzucker und 
Glycerin — dann Kultur auf Glycerinagar, Serum- 
oder Ascitesagar, Blut- oder Levinthalagar in 
Kohlensäureatmosphäre oder in Symbiose) kom- 
men nach 4—ıotägiger Bebrütung feine punkt- 
förmige Kolonien zur Entwickelung mit folgenden 
Eigenschaften: kleinste gramnegative Kokko- 
bacillen, kein oder nur spärliches Wachstum in 
erster Generation unter gewöhnlichen Verhält- 
nissen bei Luftzutritt, Agglutination durch ein 
Immunserum bis zur Titergrenze. Trotz aller 
Vorbedingungen gelingt der Nachweis der Bang- 
bakterien beim kranken Menschen aber viel 
weniger häufig als im Material von banginfizierten 
Rindern. Die Verwendung nicht zu kleiner Blut- 
oder Harnmengen, möglichst während der Fieber- 
zeit entnommen, ist neben geeigneten Methoden 
Voraussetzung für die Nachweisbarkeit. 

Die Meerschweinchenimpfung hat die gleiche 
diagnostische Beweiskraft, in manchen Fällen 
ist diese Methode der Kultur überlegen; von 
Nachteil ist, daß das Ergebnis erst in einigen 
Wochen zu erwarten ist. Der Befund bei den auf 
der Höhe der Infektion (7. bis 15. Woche) ge- 
töteten Impftieren und der Kulturnachweis der 
Bangbakterien ist ausschlaggebend. Zur Be- 
schleunigung der Impfdiagnose kann die Aggluti- 
nationsprüfung der Meerschweinchen vorgenommen 
werden, die im positiven Falle 1o—14 Tage nach 
der Infektion Agglutinationswerte von I : 50 und 
darüber zeigen. Die diagnostische Impfung von 
Meerschweinchen dürfte trotz der längeren Zeit- 
dauer die Methode sein, die zur Sicherung der 
klinischen Diagnose der BancGschen Krankheit 
stets herangezogen werden sollte (POPPE). 

Eine Agglutination von 1 : 100 ist beim Vor- 
liegen klinischer Erscheinungen beweisend. In der 
Regel werden bei infizierten Personen hohe Agglu- 
tinationswerte von 1: 1000 und darüber fest- 
gestellt. Wegen der ab und zu auftretenden 
Agglutinationshemmung in stärkeren Serumkon- 
zentrationen (paradoxe Reaktion) ist die Aggluti- 
nationsprüfung mit mehreren Serumverdünnungen 
(I : 100, 1: 200, I : 500, I : 1000) vorzunehmen. 
Es kommen aber auch Bangbakterien-Infektionen 
vor, bei denen Agglutinine im Blute nicht nach- 
zuweisen sind. Ob es sich in solchen Fallen um 
die nichtagglutinable Form der Bangbakterien 

Paraabortusgruppe — handelt, muß dahin- 
gestellt bleiben. Da beim Maltafieber das glei- 
che Verhalten beobachtet wird (Paramelitensis 

Melitensis II nach Burner), würde darauf zu 
achten sein, ob das Fehlen der Agglutinine eine 








1046 Poppe: Ätiologie, Pathogenese und experimentelle Diagnose der Bangbakterien-Infektion. Die Natur- 
wissenschaften 


dauernde oder nur eine voriibergehende Erschei- 
nung ist. Die Spezifitat der Agglutination ist bei 
der BanGschen Krankheit des Menschen erwiesen. 
Zahlreiche Kontrolluntersuchungen von gesunden 
oder an anderen Krankheiten leidenden Personen 
haben gezeigt, daß der Wert der Reaktion etwa der 
Agglutination bei anderen Infektionskrankheiten 
gleichzusetzen ist (EvANs, CARPENTER, KRISTEN- 
SEN, VAN DER HOEDEN, WEIGMANN, POPPE u. a.). 
In seltenen Fallen agglutinieren Seren mit Bang- 
und mit Typhus- oder Paratyphusbakterien, wobei 
es der weiteren Prüfung vorbehalten bleiben muß, ob 
es sich um Mischinfektionen handelt. Diese Fehler- 
grenze liegt etwa bei 1%, so daß in etwa 99% 
die Agglutination die richtige Diagnose anzeigt 
(IKRISTENSEN und PER Horm). Die Agglutina- 
tion beweist aber in gleicher Weise wie beim 
infizierten Rind nur, daß eine Infektion mit 
Bangbakterien vorliegt oder vorgelegen hat. Die 
Höhe des Agglutinationstiters läßt keinen Schluß 
zu über Immunitätsgrad und Heilungsvorgänge 
Hohe und ansteigende Werte weisen darauf hin, 
wahrscheinlich um eine frische In- 
fektion handelt. Für die Beurteilung des Wertes 
der Agglutination spielen auch jene Fälle eine 
Rolle, bei denen trotz positiver Agglutination 
nachweisbare Krankheitserscheinungen nicht vor- 
handen sind. Solche Befunde sind verschiedent- 
lich bei der Durchuntersuchung gefährdeter Be- 
rufskreise ermittelt worden (Poppe, SPENGLER, 
THOMSEN, MAKKAWIESKY und KARKADINOWSKY 
Die Entscheidung der Frage, ob es sich hier- 
bei um eine abgeklungene Bangbakterien-Infektion 
oder um die symptomlose Form (latente Infek- 
tion) handelt, bedarf weiterer Klärung. Das Ver- 
hältnis der Agglutinationsbefunde und das Vor- 
kommen klinischer Erscheinungen liegt etwa so, 
daß bei systematischen Blutuntersuchungen auf 
3—8 positive Agglutinationen eine Person kommt, 
bei der Krankheitserscheinungen nachzuweisen sind. 

Bei der Komplementbindungsreaktion ist ein 
Bindungswert von 0,1 oder 0,05ccm bei Ver- 
inaktiviertem Serum diagnostisch 
ausschlaggebend. Im Vergleich zur Agglutination 
finden sich bei der Komplementbindung manchmal 
abweichende Befunde, die darauf zuriickzufiihren 
sind, daß die Agglutinine im Verlaufe der Infek- 
tion friiher nachzuweisen und zu gewissen Zeiten 
anscheinend stabiler sind als die komplement- 
bindenden Antikérper. Die Komplementbindungs- 
reaktion kann daher noch positiv sein, wenn die 
Krankheitserscheinungen bereits abgeklungen und 
Agglutine nicht mehr nachzuweisen sind. Die Spe- 
zifität der Komplementbindung ist ebenfalls er- 
wiesen, da weder Syphilis noch Tuberkulose oder 
sonstige akute Infektionskrankheiten als Ursache 
von nichtspezifischen Reaktionen eine Rolle spielen 
(KRISTENSEN und PER Ho.m). 

Das Urteil über den Wert der serodiagnostischen 
Methoden zur Ermittelung der Bangbakterien- 
Infektion des Menschen ist dahin zusammen- 
zufassen, daß Agglutination und Komplement- 


daß es sich 


u. a.) 


wendung von 


bindung fast gleich gute und übereinstimmende 
Ergebnisse liefern. Die gleichzeitige Anwendung 
von Agglutination und Komplementbindung ist 
das sicherste Verfahren. Die Agglutination ist die 
einfachere und bei Massenuntersuchungen leichter 
durchzufül:rende Methode, die genügend zuver- 
lässig und für die Serodiagnose meist ausreichend 
ist. Die experimentell-diagnostischen Methoden sind 
für den Nachweis einer Bangbakterien-Infektion von 
erheblicher Bedeutung, weil bei Bestätigung der 
Infektion andere prognostisch weniger günstig 
zu beurteilende Infektionskrankheiten ausge- 
schlossen werden können. Die einseitige Bewertung 
der serodiagnostischen Methoden ohne klinischen 
Befund kann aber für die Diagnose der Bang- 
bakterien-Infektion als ausreichend nicht angesehen 
werden. 

Die Bangbakterien-Infektion ist ein noch nicht 
geklärtes Problem der vergleichenden Pathologie, das 
eine verständnisvolle Zusammenarbeit von Ärzten 
und Tierärzten notwendig macht. Manche Fragen 
bedürfen noch der Klärung. Für die Bakteriologen 
und für die Kliniker wird es eine dankbare Auf- 
gabe sein, diese für den Menschen ‚neue‘ Krank- 
heit weiter zu studieren, deren Erreger als Ursache 
einer Infektionskrankheit des Rindes schon lange 
bekannt ist. 


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der pathogenen Mikroorganismen von KoLLE-KrRAUS- 
UHLENHUTH 4, 511 (1927) und bei Poppe, K., Der 
infektiöse Abortus des Rindes (Bang-Infektion), Hand- 
buch der pathogenen Mikroorganismen von KOLLE- 
KRAUS-UHLENHUTH, 6, 693 (1928); Bangsche Krank- 
heit (Febris undulans) Erg. Med. 14,. 401 (1930). 


Bangbakterien-Infektion. 
Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. 


Von WILHELM STEPP, Breslau. 


Neue, selbstandige Krankheitsbilder sind heute 
eine Seltenheit geworden, und so ist es begreiflich, 
daß der Kliniker scharf aufhorcht, wenn von der 
Entdeckung einer neuen Krankheit die Rede ist. 
Mit der BanGschen Infektion, über die Herr PoppE 
vom Standpunkt des Bakteriologen und Immun- 
biologen soeben ausführlich berichtet hat, und über 
die ich vom Standpunkte des Klinikers zu sprechen 
habe, hat es nun seine besondere Bewandtnis: Wie 
Sie hörten, ist ihr Erreger schon seit dem Jahre 1896 
bekannt, und Infektionsmöglichkeiten hat es immer 
gegeben, solange das seuchenhafte Verkalben beim 
Rind vorkommt — und die Kerintnis davon reicht 
weit, sehr weit zurück. So ergibt sich die selbstver- 
standliche Frage: Wie kommtes, daßdie Erkrankung 
des Rindes nicht schon früher Anlaß zu Infektionen 
beim Menschen gegeben hat? Oder ist etwa die 
Frage falsch gestellt? Sind vielleicht solche Über- 
tragungen zu allen Zeiten vorgekommen, hat man 
sie indes früher nicht erkannt? Als Kliniker, der 
bei aller Würdigung bakteriologischer und immun- 
biologischer Befunde das Krankheitsbild selbst zu 
erfassen versucht, möchte ich auf diese Fragen ganz 
kurz eingehen und zunächst die zuletzt gestellte 
Frage mit dem Hinweis beantworten, daß dem 
Krankheitsbild beim Menschen doch eine ganze 
Reihe charakteristischer Züge eigen ist, die es von 
anderen zu unterscheiden erlauben. Freilich, man 
wird einwenden, daß das Verfahren, das wirklich 
mit Sicherheit die Infektion mit Bang-Bacillus zu 
erfassen gestattet, nämlich die Agglutinations- 
probe, erst in den letzten Jahren systematisch bei 
unklaren Fieberzuständen angewendet worden ist. 
Ich gebe das ohne weiteres zu; aber so gut man 
früher einen Typhus ohne den Bacillenbefund im 
Blute und ohne die Agglutinationsreaktion mit 
ausreichender Sicherheit in vielen Fällen hat dia- 


gnostizieren können und ihn noch diagnostiziert, um 
dann durch den bakteriologischen und immun- 
biologischen Befund die Bestätigung zu bekommen, 
so hätte man, wie ich glauben möchte, wenigstens 
in ausgeprägten Fällen das Krankheitsbild zum 
mindestens als ein Krankheitsbild besonderer Art 
erkennen müssen; zumal der Fieberverlauf in den 
typischen Fällen doch außerordentlich charakteri- 
stisch ist, Und wenn ich mich an den ersten Fall 
von Bansscher Infektion erinnere, den ich gesehen 
habe, so möchte ich sagen: Hier war es uns klar, 
daß eine besondere Krankheit vorliegt, die sich 
von allen anderen Erkrankungen recht wesentlich 
unterschied. Damals war die BanGsche Krankheit 
bei uns in Deutschland noch kaum bekannt, und 
die Agglutination wurde nicht durchgeführt. Die 
Diagnose wurde daher erst später klar; ich komme 
darauf noch einmal zurück. Weiter dürfen wir, 
wie ich glaube, nicht vergessen, daß das Malta- 
fieber, die Schwestererkrankung der BanGschen 
Infektion, als Mittelmeerfieber schon lange vor der 
Entdeckung des Bacillus melitensis durch BRUCE 
im Jahre 1887 bekannt gewesen ist. Nachdem 
man in früherer Zeit bei dieser Erkrankung an 
chronische Malaria gedacht hatte, ist man später 
doch zu der klaren Erkenntnis gekommen, daß es 
sich um eine Krankheit sui generis handeln müsse. 
So ist also unzweifelhaft die präzise Frage berech- 
tigt: Wenn man das Mittelmeerfieber diagnosti- 
zieren konnte, warum dann nicht auch die BANG- 
Infektion ? 

Zu diesem Komplex von Fragen hat nun Has 
(so viel mir scheint, bisher als einziger) Stellung zu 
nehmen versucht. Er ging dabei aus von bestimm- 
ten Vorstellungen GoOTSCHLICHs überdie Variabilität 
der Erreger und die Anpassung eines Erregers an 
einen Wirt, die sich in ‚Form einer Stufenleiter‘‘ 








1048 Srepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. Die Natur- 
wissenschaften 


vollzieht, und denkt an die Möglichkeit, „daß das 
bisher rinderpathogene Bacterium abortus“ all- 
mählich ,,eine solche Virulenzsteigerung erfahren 
habe, daß es zu einem fakultativen Parasiten für 
den Menschen geworden ist‘; einschränkend wird 
hinzugefügt, daß für das Zustandekommen einer 
menschlichen Infektion besondere Bedingungen 
gegeben sein müßten, die nur ausnahmsweise ver- 
wirklicht sind 

So ist vielleicht die Vorstellung berechtigt, daß 
die Banasche Infektion erst in der letzteren Zeit 
eine häufigere Krankheit geworden ist. 

Wenn ich Ihnen nunmehr das klinische Bild der 
BanG-Infektion beim Menschen zu skizzieren habe, 
so möchte ich es vielleicht aus der persönlichen 


Erfahrung heraus entwerfen. Ich werde dem- 
entsprechend die wesentlichsten Züge, die ihm 


eigen sind, und die sich dem Arzte, der das Krank- 
heitsbild zum ersten Male sieht, am stärksten ein- 
prägen, ganz in den Vordergrund stellen und alle 
Einzelheiten und kleinen Details, die einem ge- 
treuen Bilde nicht fehlen dürfen, erst allmählich 
einfügen; und dabei muß dann die Summe aller 
überhaupt gesammelten Erfahrungen, der eigenen 
und der fremden, mithelfen 

Die Beobachtung, von der ich sprechen will, 
betrifft einen jungen zıjähr. Landwirt, der 
im Juni 1927 zu uns in die Breslauer Klinik 
kam mit der Angabe, seit März an wechselnden 
Fieberzuständen zu leiden. Da er früher einmal 
wegen Beschwerden in der Gallenblasengegend be- 
handelt worden war und neue mit hohem Fieber 
einhergehende Bauchbeschwerden wiederum 
geltend gemacht hatten, hatte sein Arzt eine eitrige 
Gallenblasenentzündung angenommen und eine 
Operation veranlaßt. Bei der Operation fand sich 
jedoch eine vollkommen normale Gallenblase, und 
der Bauch wurde wieder geschlossen. Das Fieber 
war in der Folgezeit wochenlang hindurch hoch ge- 
blieben, um dann wieder nachzulassen. Als wir den 
Patienten sahen, fiel sein verhältnismäßig frisches 
Aussehen auf, das in einem gewissen Widerspruch 
stand zu seiner Wir fanden eine 
deutlich vergrößerte, konsistente Leber, 
einen großen Milztumor, eine Leukopenie, sonst 
keinen wesentlichen Organbefund. Das Fieber 
ich darf nun vielleicht über den Fieberverlauf im 
ganzen berichten hatte stark remittierenden 
Charakter, fing nach 3 Wochen an herunter zu 
gehen bis auf leicht subfebrile Werte, um nach 
einiger Zeit von neuem anzusteigen, während der 
Puls nur wenig beschleunigt war. Nicht unerwähnt 
darf eine Neigung zu starken 
Schweißen 


sich 


Anamnese 
etwas 


ausgesprochene 
bleiben 

Krankheitsbild blieb in wesentlich 
gleichem Zustande über 3 Monate bestehen, ohne 
daß sich bei dem Patienten irgend etwas Besonderes 
herausstellte. Das, was uns besonders verwunderte, 


Dieses 


war die Tatsache, daß trotz der langen Krankheit 
und trotz des hartnäckigen Fiebers das Gewicht 
des Patienten nicht nur nicht abnahm, sondern im 
Gegenteil sich beträchtlich erhöhte, und zwar um 


nicht weniger als 8 kg! In der Tat ein ganz 
ungewöhnlicher Befund, wenn man sich daran er- 
innert, welche Verheerungen ein über viele 
Wochen und Monate sich hinziehendes Fieber 
sonst anrichtet! Ein Typhuskranker, dessen Fieber 
infolge eines Rezidivs sich über Monate hinzieht, 
magert doch buchstäblich bis auf Haut und 
Knochen ab. 

Wir dachten bei unserem Kranken im Verlaufe 
unserer differentialdiagnostischen Erwägungen 
wegen des wellenförmigen Fiebers auch an Malta- 
fieber! Der Kranke war indessen niemals an den 
Küsten des Mittelmeeres gewesen, und so kamen 
wir über das Stadium der Erwägung nicht hinaus. 
Kurze Zeit später, als die BanGsche Infektion all- 
gemein bekannt wurde, konnten wir unserem 
Falle die richtige Deutung geben 

Das, was bei typischen Bang-Infektionen so ganz 
besonders in die Augen fällt, ist nach dem, was 
ich soeben ausgeführt habe, also: Ein in Wellen- 
form verlaufendes Fieber mit starken Schweißen, 
relativ langsamer Puls, fehlende Beeinträchtigung 
des Allgemeinzustandes, mäßige Leber-, starke 
Milzvergrößerung und Leukopenie! 

Ich möchte nun versuchen, Ihnen einen Über- 
blick zu geben über die Veränderungen, die bei 
Bang-Infektionen in den einzelnen Organsystemen 
anzutreffen sind; vorher nur noch ein Wort über 
das Fieber und den Allgemeinzustand! 

Der remittierende Charakter des Fiebers wurde 
bereits erwähnt; hinzuzufügen wäre, daß die Re- 
missionen an ein und demselben Tage ziemlich 
stark sein können, wie man sie bei Typhus ab- 
dominalis im Stadium der steilen Kurven sieht; eine 
Kontinua ist etwas Ungewöhnliches. Die Perioden 
hohen Fiebers können 14 Tage bis 3 Wochen an- 
halten, dann folgt eine Zeit niedrigerer Temperatur, 
hierauf neues Fieber und so fort! 

Die geringe Störung des Allgemeinbefindens und 
der kaum verminderte Appetit garantieren eine 
ausgezeichnete Nahrungsaufnahme, und so ist wohl 
die bereits erwähnte, von einer ganzen Zahl von 
Autoren gleichfalls beobachtete Gewichtszunahme 
während der Erkrankung zu verstehen. Bei den 
von mir beobachteten 12 Kranken zeigten 4 eine 
erhebliche Gewichtszunahme von mehreren Kilo- 
grammen (bis zu 8 kg). Leider wissen wir über 
den Stoffwechsel gar nichts, wir wissen nicht, 
ob das Bang-Fieber, ebenso wie andere Fieber- 
arten, mit erhöhtem Eiweißzerfall einhergeht, und 
es ist sicherlich die allerdringendste Aufgabe der 
klinischen Forschung, diesen Punkt klarzustellen!. 
Jedenfalls können wir bis auf weiteres annehmen, 
daß die infolge des kaum gestörten Appetits aus- 
reichende Ernährung, besonders auch mit Kohle- 
hydraten, den Eiweißbestand des Körpers vor Ver- 
lusten schützt. 


1 Anmerkung bei der Korrektur: Während der 
Drucklegung des Referats konnten wir bei einem neuen 
Krankheitsfalle die N-Ausscheidung im Harne unter- 
suchen und stellten dabei fest, daß der Eiweißzerfall 
nicht vermehrt ist. 











Heft we Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. 1049 
o 


28. ı1. 193 


Ich wende mich nun der Besprechung der Frage 
zu, inwieweit die einzelnen Organsysteme Verände- 
rungen aufweisen. 

In bezug auf den Kreislauf wäre festzustellen, 
daß ganz ähnlich, wie beim Typhus abdominalis, 
das Ansteigen des Pulses mit dem des Fiebers nicht 
Schritt hält. Die Frequenz liegt meist unter roo. 
Der Blutdruck ist auf der Höhe des Fiebers natür- 
lich erniedrigt, im übrigen ist er vollkommen nor- 
mal. Das Herz selbst bleibt von Veränderungen 
meist verschont. Eine Endokarditis, die während 
einer Bang-Infektion einmal beobachtet wurde, ist 
anscheinend nur als das Aufflackern einer alten Er- 
krankung zu betrachten. Sichere frische auf die 
Infektion zu beziehende Endokardveränderungen 
sind jedenfalls nicht beobachtet worden. Kollege 
FRANK in Breslau beobachtete in einigen Fällen 
leichte Myokardschädigungen, wie sie bei allen 
Infektionskrankheiten zur Beobachtung kommen. 
Die Respirationsorgane sind niemals in stärkerem 
Grade affiziert und die zuweilen auch von mir ge- 
sehenen Bronchitiden finden sich keineswegs mit 
der Regelmäßigkeit, wie beim Typhus abdomi- 


nalis. Pneumonien sind anscheinend nie zur 
Beobachtung gelangt, ebensowenig schwerere 
Pleuritiden. 


Ein größeres Interesse kommt bei der Bang- 
Infektion dem Verdauungstraktus zu. In der 
Mundhöhle wurde nach dem Bericht einiger Auto- 
ren zuweilen das Auftreten eines Exanthems in 
Gestalt feinster Bläschen und eine leichte Angina 
beobachtet. Über Veränderungen des Magens und 
des oberen Darmes wäre wenig zu sagen, denn die 
dann und wann bestehende Appetitlosigkeit, die 
an sich nichts Ungewöhnliches wäre bei einer an 
sich infektiösen Erkrankung, ist ja hier eher eine 
Seltenheit; hörten wir doch, daß der Appetit dieser 
Kranken nicht selten geradezu ungewöhnlich gut 
ist. Über organische Veränderungen des Darmes, 
etwa in der Art, wie wir sie vom Typhus kennen, 
weiß man nichts. Von DIETELS sind besonders übel- 
riechende schleimige Durchfälle beobachtet worden, 
von KRISTENSEN und VAN DER HOEDEN Neigung zu 
Darmblutungen. Ich selbst habe bei unseren 
ı2 Patienten nur einige Male Magen-Darmsym- 
ptome gesehen. Bemerkenswert ist vielleicht, daß 
einer dieser Kranken subjektive Beschwerden 
darbot, wie wir sie beim Ulcus duodeni sonst finden, 
und daß von dem Hausarzte zuerst die Diagnose 
Ulcus duodeni gestellt wurde. Das Fieber kam 
erst einige Tage nach Einsetzen der heftigen Ab- 
dominalerscheinungen zur Beobachtung. Wir 
haben den Kranken auf das genaueste röntgeno- 
logisch untersucht, haben aber keine Verände- 
rungen feststellen können, die die Diagnose Ulcus 
duodeni rechtfertigten. Daß bei der Bang-Erkran- 
kung erhebliche Schwellung von Leber und Milz, 
besonders aber der letzteren vorkommt, habe ich 
bereits erwähnt und darauf hingewiesen, daß das 
starke Hervortreten dieser Veränderungen Ver- 
anlassung geben kann, an eine hepatolienale Er- 
krankung zu denken. Besonders der Milztumor 


ist nicht selten von beträchtlicher Größe und kann 
an die splenomegalen Cirrhosen erinnern. Ich habe 
vor kurzem den Kranken, von dem ich schon ein- 
gangs berichtet, bei dem die starke Leberschwellung 
zu dem Verdacht einer Erkrankung der Gallenwege 
und zu einem operativen Eingriff geführt hatte, 
nachuntersucht. Er hat einen großen Milztumor, 
der den linken Rippenbogen um 2 Querfinger über- 
ragt und eine deutliche Lebervergrößerung, eine 
positiveUrobilin-und Urobilinogenreaktion undeine 
Leukopenie von 4400, also ein Befund, wie wir ihn 
bei den meisten Lebercirrhosen sehen. Der Kranke 
fühlt sich allerdings zur Zeit vollkommen wohl, er 
hat keinerlei Klagen und ist absolut arbeitsfähig. 
Zu einer genaueren Untersuchung zwecks Leber- 
funktionsprüfung haben wir ihn nicht bekommen 
können. Obsich hiereine typische Lebercirrhose ent- 
wickeln wird, laBt sich nicht mit Sicherheit sagen, 
aber man wird das weitere Verhalten jedenfalls 
iiberwachen miissen. So kann ich auf Grund eigener 
Erfahrungen BURGER durchaus beipflichten, wenn 
er darauf hinweist, daB man in Zukunft bei den 
Lebercirrhosen auch die Frage einer überstandenen 
Bang-Infektion wird ventilieren miissen. 

Von seiten des Nervensystems wären zu er- 
wähnen neuralgische Erscheinungen, von denen 
es zweifelhaft ist, ob ihnen eine echte Neuritis 
zugrunde liegt oder nicht. JOHNssoNn berichtet 
über das Auftreten einer Muskelatrophie mit 
Sensibilitätsstörungen, so daß hier in der Tat die 
Möglichkeit eines neuritischen Prozesses zugegeben 
werden muß; freilich ist nicht sichergestellt, ob 
es sich hier nicht um eine Bang-Erkrankung bei 
einem andersartigen Prozesse gehandelt hat. Die 
genannten neuralgischen Schmerzen betreffen oft 
ganz besonders die Gelenke, wiewohl die Erschei- 


nungen einer echten Arthritis bisher nur in 
einem Falle von FREI deutlich waren. Sonst 
wurden an dem Bewegungsapparat (abgesehen 


von einem einmal beobachteten osteomyelitischen 
Herde in der Wirbelsäule, wie er beim Typhus 
nicht allzu selten vorkommt) keine Veränderungen 
beobachtet. 

Nicht selten sind Hautveränderungen bei der 
Bang-Erkrankung beobachtet worden, und zwar 
in Gestalt einer pustulösen Dermatitis, deren Er- 
scheinungsform in manchen Fällen an Varicellen 
erinnerte. 

Auch generalisierte Drüsenschwellungen hat 
man einige Male beobachtet. In einem Fall, der 
in der Medizinischen Klinik in Greifswald ad 
exitum kam und über den mir Prof. KATscH münd- 
lich Mitteilung machte, sollen bei der Sektion die 
Drüsenschwellungen einen ganz besonderen Be- 
fund geboten haben. Die nähere Untersuchung 
dieser Drüsen steht noch aus. 

Eine besondere Besprechung verdienen die Ver- 
änderungen an den @eschlechtsorganen. Beim Manne 
ist in einem erheblichen Prozentsatz der Fälle eine 
beträchtliche Hodenschwellung mit heftigen Schmer- 
zen festgestellt worden; ich selbst habe bei meinen 
Kranken nur einmal eine Hodenschwellung erlebt. 








wissenschaften 


1050 Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. [ Die Natur- 


Es liegt nahe, zu fragen, ob auch beim Menschen die 
abortive Eigenschaft des Bang-Bacillus zur Beobach- 
tung kam. Merkwürdigerweise liegen darüber ver- 
hältnismäßig wenig zahlreiche Angaben vor. Doch 
ist bei Landwirtsfrauen aus Gebieten mit verseuch- 
tem Viehbestand, die gewohnheitsmäßig rohe Milch 
tranken, und bei denen ohne erkennbaren Grund 
ein Abortus eintrat, mehrfach eine positive Agglu- 
tinationsprobe festgestellt worden. Von einer nicht- 
graviden Frau, die sich mit Bang infizierte, wird 
berichtet, daß ein Genitalfluor mit reichlicher Aus- 
scheidung von Bang-Bacillen auftrat. So wird man 
wohl erwarten dürfen, daß in Zukunft nähere Mit- 
teilungen über diese interessante Frage erscheinen 
werden. 

Bei jeder fieberhaften Erkrankung interessiert 
ganz besonders das Blutbild. Bei der Bang-Infek- 
tion hat man am roten Blutbild wesentliche Ver- 
änderungen nicht gefunden, dagegen einen mehr 
oder minder charakteristischen Befund am weißen 
Blutbild erheben können. Ganz wie beim Typhus 
besteht eine oft recht ausgesprochene Leukopenie, 
unter Umständen herunter bis auf 2000 Leuko- 
cyten, während Leukocytose ein seltener Befund 
ist. Die Leukopenie erklärt sich durch eine starke 
Verminderung der Granulocyten. Die Tatsache, 
daß dann und wann eine ausgesprochene Links- 
verschiebung festgestellt wurde, weist auf einen 
vermehrten Untergang von Leukocyten hin. Mit 
der Neutropenie ist häufig nicht nur eine relative, 
sondern auch eine absolute Lymphocytose ver- 
bunden. Weiter fällt auf, daß in der Regel die 
eosinophilen Zellen fehlen und daß die Monocyten 
meist vermehrt sind. 

Die Untersuchung des Harns hat keine beson- 
ders bedeutungsvollen Befunde ergeben. Starke 
Albuminurie wurde meist vermißt, in den Zeiten 
des höchsten Fiebers wurde zuweilen eine posi- 
tive Diazoreaktion festgestellt. 

Überblicken wir noch einmal den klinischen 
Befund bei der BanGschen Krankheit, so dürfen 
wir sagen, daß es sich um eine fieberhafte Er- 
krankung handelt, bei der Perioden von höheren 
Temperaturen mit solchen geringerer oder subfebriler 
Temperaturen abwechseln, ein Fieberzustand, der 
im Gegensatz zu den sonst bekannten das Allgemein- 
befinden wenig beeinflußt, so daß das Körpergewicht 
ungestört bleibt, ja sich sogar erheblich vermehren 
kann. Die relative Pulsverlangsamung, der Milz- 
tumor, zuweilen mit gleichzeitiger Leberschwellung, 
die Leukopenie mit relativer und absoluter Lympho- 
cytose (zuweilen auch mit Monocytose), das Fehlen 
der eosinophilen Zellen, zuweilen auch der Befund 
einer Hodenschwellung erlauben, wenn daneben das 
dtiologische Moment (die Möglichkeit einer In- 
fektion mit Bacillus Bang) gegeben ist, die Dia- 
gnose unter Umständen auch ohne die Serumreak- 


tion zu stellen; ich möchte Herrn CURSCHMANN 


darin völlig beistimmen. 

Von diesem Krankheitsbild in seiner typischen 
Ausprägung gibt es nun eine ganze Zahl von Ab 
weichungen, z. B. leichte Verlaufsformen mit nur 


geringem Fieber überhaupt; hier ist von einem 
undulierenden Charakter des Fiebers gar keine 
Rede, und auch die übrigen klinischen Symptome 
sind nicht sehr ausgesprochen. Unter den von mir 
gesehenen Fällen sind mehrere derartige — ich 
möchte sagen — abortiv verlaufende Bang-Infek- 
tionen vertreten. Als besonders auffallend habe 
ich bei manchen Kranken mit typischem Krank- 
heitsbilde das Mißverhältnis zwischen der Stärke 
des Fiebers und der geringen Beeinträchtigung 
des Allgemeinbefindens bezeichnet. Aber auch 
diese merkwürdige Erscheinung beobachtet man 
durchaus nicht immer, und gar nicht so selten 
erlebt man es, daß Kranke mit anscheinend 
leichtem Verlauf der Krankheit erheblich an Ge- 
wicht verlieren und einen recht elenden Eindruck 


machen. Wir haben leider noch gar keine Mög- 
lichkeit, die Ursache dieser verschiedenen Ver- 
laufsformen klar zu erkennen. Aber sicherlich 


wird auch hier — ebenso wie bei anderen Infek- 
tionen sich die verschiedene Reaktionsfähigkeit 
des Einzelindividuums geltend machen, die Inten- 
sität seiner Abwehrkräfte usw., aber natürlich 
auch die Menge der Infektionserreger, ihre Viru- 


lenz usw. Hier wird noch manche Detailarbeit 
zu leisten sein. 
Über die Diagnose und Differentialdiagnose 


habe ich nicht mehr sehr viel zu sagen. Nach dem 
ganzen Krankheitsbild ist es selbstverständlich, 
daß man in erster Linie die Erkrankungen der 
Typhus- und Paratyphusgruppe auszuschließen 
haben wird (wobei noch einmal darauf hinzuweisen 
wäre, daß die für die typhösen Erkrankungen so 
charakteristische leichte Somnolenz bei der Bang- 
Infektion so gut wie immer fehlt), des weiteren die 
Tuberkulose, chronische septische Infektionen, ins- 
besondere auch die Endocarditis lenta, die Malaria 
und die zur Grippe bzw. Influenza gehörigen Erkran- 
kungen; auch an Lymphogranulomatose wird man 
unter Umständen zu denken haben. Die Entschei- 
dung gibt in allen Fällen sehr rasch und sicher die 
Agglutination. Leider ist es bisher nur in einem 
verhältnismäßig kleinen Prozentsatz der Fälle ge- 
lungen, den Erreger selbst zu isolieren. Hoffent- 
lich gelingt es in Zukunft, eine einfache Methode 
der Züchtung zu finden, da die Agglutinations- 
reaktion bei der Bang-Krankheit ebenso wie beim 
Typhus erst nach mindestens einer Woche — manch- 
mal auch erheblich später (bis zu 3 Wochen) — 
positiv wird. Es empfiehlt sich also bei negativem 
Befund, die Agglutinationsreaktion nach einiger 
Zeit zu wiederholen. Über die Komplement- 
bindungsreaktion und die allergische Reaktion 
(durch intracutane Injektion einer Bacillenauf- 
schwemmung) will ich mich hier weiter nicht 
äußern. In unseren Breiten kommt die Differen- 
tialdiagnose gegenüber dem  Mittelmeerfieber 
(früher Maltafieber) wohl kaum in Betracht. 
Wenn eine Mischinfektion vorliegt, etwa mit 
Typhus oder Paratyphus, so kann die Diagnose 
natürlich gewisse Schwierigkeiten machen. Und 
noch komplizierter mögen die Dinge in den Mittel- 











Heft ae Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. 1051 
o 


28. 11. 193 


meerländern liegen, wo sowohl Melitensis-Infek- 
tionen wie Bang-Infektionen nebeneinander vor- 
kommen. Das Maltafieber, das jetzt offiziell den 
Namen Febris undulans führt, ist ja klinisch heute 
auf das genaueste studiert und man möchte sagen, 
daß die Bang-Irifektion in gewisser Weise als eine 
mitigierte Form des Maltafiebers bezeichnet wer- 
den kann. Der Verlauf des Maltafiebers ist ein 
außerordentlich schwerer. Das Fieber kann sich 
über viele, viele Monate bis zu einem Jahre er- 
strecken. Heftigste Schmerzen der häufig ge- 
schwollenen Gelenke mit qualvollen Neuralgien 
bringen neben dem hartnäckigen Fieber die Kran- 
ken oft sehr stark herunter. Im Vergleich mit dem 
Maltafieber ist die Bang-Infektion eine wesentlich 
leichtere Erkrankung. Zwar ist der Ausgang auch 
beim Maltafieber nur selten tödlich die Mortali- 
tät beträgt etwa 2% — aber die Rekonvaleszenz 
nimmt bei dem Mittelmeerfieber eine viel längere 
Zeit in Anspruch. Bei der außerordentlich nahen 
Verwandtschaft des Bacillus melitensis mit dem 
Bacillus Bang taucht immer wieder die Frage auf, 
ob nicht die zwischen den beiden Formen bestehen- 
den Verschiedenheiten biologisch (Tierpassagen 
usw.) zu erklären sind. Aber das ist ja eine Frage, 
auf die ich als Kliniker hier nicht weiter eingehen 
kann. 

Mit ein paar Worten möchte ich noch darauf 
hinweisen, daß es auch latente Infektionen mit Ba- 
cillus Bang gibt. Besonders von tierärztlicher 
Seite sind Beobachtungen mitgeteilt worden, nach 
denen man annehmen muß, daß die Erkrankungen 
durch irgendein akzidentelles Moment (einen Un- 
fall, eine Infektion oder dgl.) bei Menschen, die 
lange Zeit mit infizierten Tieren zu tun hatten, 
zum Ausbruch kommen kann. Interessant ist in 
diesem Zusammenhang eine Mitteilung, die ich 
Herrn Priv.-Doz. Dr. LERCHE, Breslau, verdanke: 
Bei einem Tierarzte, der sehr viel klinische Unter- 
suchungen bei infizierten Tieren ausgeführt hatte, 
zeigte sich eine positive Agglutinationsprobe. Auf 
die Frage, ob er krank gewesen sei, erklärte er, 
daß er sich nur an eine flüchtige Hodenschwellung 
„unbekannter Natur‘ erinnern könne, die er vor 
einigen Jahren durchgemacht habe. Sicherlich 
werden systematische Serumuntersuchungen, auch 
der landwirtschaftlichen Bevölkerung in Gegenden, 
wo die Bang-Infektion sehr verbreitet ist, hier 
Aufklärung schaffen. 

Die Prognose der Bang-Infektion ist im allge- 
meinen wchl günstig, doch sind Todesfälle schon 
mehrfach beobachtet worden, so in Dänemark und 
jüngst in Greifswald (mündliche Mitteilung von 
Prof. Katscu); wichtig ist jedenfalls zu wissen, 
daß die Erkrankung sich unter Umständen über 
viele Monate hinziehen kann. 

Wir kommen nun zu der wichtigen Frage der 
Therapie. Dabei möchte ich gleich vorausschicken, 
daß man sich zunächst der bei der Melitensis- 
Infektion angewandten Mittel erinnerte. Hier war 
besonders das Argochrom empfohlen worden, das 
sich jedoch ebensowenig bewährte, wie die ver- 


schiedenen Acridinfarbstoffe, ferner das Chinin 
und seine Derivate, die kolloidalen Metalle, wie 
Kollargol usw. Hass und BÜRGER empfahlen 
Neosalvarsan (0,075 steigend in mehrtägigen 
Intervallen bis 0,3) in Kombination mit Natr. 
salicyl. (4—6g pro die). 

Daß die Ergebnisse therapeutischer Versuche 
mit Arzneimitteln eine so verschiedene Beurtei- 
lung erfahren, erklärt sich wohl aus der Tatsache, 
daß der Verlauf der Bang-Infektion bei den ein- 
zelnen Fällen doch ein recht wechselnder ist. Wir 
haben ohne irgendwelche besonderen Maßnahmen 
in manchen Fällen innerhalb kurzer Frist das 
Fieber abklingen sehen, ohne daß ein Rezidiv kam. 
Es ist also bei dem ungleichmäßigen Verlauf der 
einzelnen Infektionen recht schwierig, sich ein 
einigermaßen sicheres Urteil über die Wirkung 
einer therapeutischen Maßnahme zu verschaffen. 
Bei den sich lange hinziehenden Fällen von Bang- 
Fieber muß unbedingt gehandelt werden, und es 
scheint, daß die Vaceinetherapie hier einen wirklichen 
Erfolg aufzuweisen hat. Nicht nur ich selbst habe 
bei einer ganzen Reihe von Fällen den überzeugen- 
den Eindruck gewonnen, daß es die Vaccinetherapie 
war, die den Verlauf der Krankheit günstig be- 
einflußte, sondern auch von anderen Autoren wird 
über solche Erfahrungen berichtet. Wir sind in Ge- 
meinschaft mit Herrn Dr. WENDT so vorgegangen, 
daß wir mit ro Millionen Keimen begannen und in 
2— 3tägigen Zwischenräumen mit der Dosis auf 20 
bis 40 Millionen und mehr stiegen. Es empfiehlt sich 
die Steigerung der Dosis abhängig zu machen von 
dem klinischen Befund, insbesondere von dem Ver- 
halten der Temperatur, und bei stärkerer Reaktion 
entweder mit der Dosis zurückzugehen oder bei 
der gleichen Dosis zu bleiben. Dieses vorsichtige 
Vorgehen mit kleinen Dosen hat sich uns sehr be- 
währt. Es gelingt auf diese Weise eine allmähliche 
Entfieberung zu erreichen. 

Von anderer Seite (KREUTER, HIRSCH) wurden 
Mischvaccinen aus Bacillus Bang und Bacillus 
melitensis verwandt, ein Verfahren, das sicherlich 
auch der Nachprüfung wert ist. 

Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht ver- 
säumen, darauf hinzuweisen, daß die I. @. Farben- 
industrie jüngst sich mit der Herstellung eines 
Immunserums gegen den Abortus Bang-Bacillus 
beschäftigt hat. Mit Hilfe von deutschen Rinder- 
stimmen wurde ein Serum hergestellt, das einen 
Agglutinationstiter von 1:64000 gegen Abortus 
Bang-Stämme zeigte. Daneben wird von der 
gleichen Firma eine Vaccine bereitet, die neben 
schonend abgetöteten Bang-Bacillen auch Lysate 
aus Kulturen von Bacillus Bang enthält. Die Firma 
hat sich bereit erklärt, sowohl die Seren wie die 
Vaccine zu Versuchszwecken zur Verfügung zu 
stellen. 

Die Allgemeinbehandlung wird in der bei fieber- 
haften Erkrankungen sonst üblichen Weise durch- 
geführt. Man vergesse nicht, daß manche Kranke 
durch die Infektion doch recht erheblich mitge- 
nommen werden, während andere wieder kaum 





1052 Stepp: Bangbakterien-Infektion. Klinik und Therapie der Erkrankungen des Menschen. [ 


darunter leiden. Man wird also die einzelnen Fälle 
zu beurteilen haben und stark 
mitgenommenen Kranken eine lange Erholungs- 
zeit gönnen müssen. Von den Nachkrankheiten 
habe ich schon die hepatolienalen Störungen er- 
wähnt. Auch Herzstörungen, von denen ich be- 
reits sprach, wird man auf das sorgfältigste be- 
achten müssen 

Ich habe mich kurz fassen müssen, ich hoffe 
aber, daß Sie aus meinen Ausführungen ersehen 
haben, daß die Bacillus Bang-Infektion beim Men- 
schen eine hochinteressante Krankheit ist, die schon 
deshalb größere allgemeine Beachtung verdient, weil 


ganz verschieden 





Die Natur- 
wissenschaften 


sie in der letzten Zeit auch bei uns in Deutschland 
so stark an Verbreitung zugenommen hat. Und 
was ich Ihnen über die Therapie sagen konnte, ist, 
wie ich glauben möchte, durchaus erfreulich, denn 
ich habe den Eindruck, daß man in der Vaccination 
ein Mittel hat, mit dem wir die sich unter Um- 
ständen lange hinziehende Erkrankung wirksam 
beeinflussen können. 


Literatur findet sich ziemlich vollständig in den 
zusammenfassenden Darstellungen bei HaBs, Erg. inn. 
Med. 1928, 34, bei SPENGLER, Urban & Schwarzenberg, 
Berlin-Wien 1929 und bei Poppe, Erg 
(1930) 


Med. 14, H. 3/4 








en 


id 
id 
st, 
in 


n- 
m 





AUTOREFERATE DER VORTRAGE IN DEN KOMBINIERTEN SITZUNGEN. 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Mathematik und 
Astronomie mit Physik, Techn. Physik und Elektro- 
technik. 


Montag, den 8. September, 16 Uhr: Neue Aula, Universitit. 


L. BIEBERBACH, Berlin: Über den Einfluß von Hilberts 
Pariser Vortrag über ,, Mathemathische Probleme“ auf die 
Entwicklung der Mathematik in den letzten 30 Jahren. 


W. BAADE, Hamburg-Bergedorf: Neuere Ergeb- 
nisse der Astronomie. Der Vortrag gibt einen zu- 
sammenfassenden Bericht über die in den letzten Jahren 
durchgeführten Untersuchungen, durch welche die 
Stellung der Spiralnebel und verwandter Gebilde auf- 
geklärt wurde. Wir wissen heute, daß es sich um große 
Sternsysteme handelt, und daß unser eigenes Stern- 
system (das Milchstraßensystem) nur eines unter vielen 
ist. Die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchungen 
werden kurz dargelegt (Methoden der Entfernungs- 
bestimmung, Vergleich einiger genauer untersuchter 
Sternsysteme mit unserem eigenen, Zahl und Ver- 
teilung dieser ,,extragalaktischen Nebel‘). Daß bei den 
großen Entfernungen, zu denen wir jetzt mit Hilfe 
dieser Sternsysteme vorzudringen vermögen (200 bis 
300 Millionen Lichtjahre) die metrische Struktur des 
Raumes sich bemerkbar macht, deutet die in den 
Radialgeschwindigkeiten dieser ‚Nebel‘ auftretende 
große Rotverschiebung an, welche linear mit der Ent- 
fernung der untersuchten Gebilde wächst. 

C. MÜLLER, Hannover: Die Entdeckung der In- 
finitesimalrechnung durch Leibniz. Die Vorbereitung der 
Herausgabe der mathematischen Schriften von LEIBNIZ 
für die von der Preußischen Akademie der Wissen- 
schaften veranlaßte Gesamtausgabe von LEIBNIZ’ Wer- 
ken gibt Veranlassung, die Entdeckungsgeschichte der 
Infinitesimalrechnung durch Leısnız an Hand des 
zahlreich erhaltenen handschriftlichen Materials aus 
LEIBNIzens Pariser Zeit 1672— 1676 einer erneuten 
Prüfung und Bearbeitung zu unterziehen. Dabei kommt 
es vor allem darauf an festzustellen, wieweit LEIBNIZ 
dem gedanklichen Inhalt nach von seinen Vorgängern 
bewußt abhängig war, und in welchem Sinne und Um- 
fange er selbst schöpferisch und originell vorging. Das 
schlieBliche Ergebnis wird trotz gelegentlicher Modi- 
fikationen im einzelnen immer dieses sein: Bei 
LEIBNIZ ist stets der methodische Gesichtspunkt das 
Entscheidende, und sein Bemühen um die Mathematik 
seiner Zeit gipfelt in jeder Phase seiner Entwicklung 
in dem Bemühen, neben dem von VIETA inaugurierten, 
von DESCARTES und seiner Schule ausgebildeten al- 
gebraischen Kalkül einen neuen Kalkül zu formen, 
durch den die infinitesimalen Gedanken und Methoden, 
insbesondere auch in ihrer Anwendung auf die Mechanik 
und Physik, ebenfalls einer formalen Rechnung zugäng- 
lich gemacht werden können. Bis zum Oktober/No- 
vember 1675 sind von Leısnız die entscheidenden und 
grundlegenden Schritte für die Ausbildung dieses reinen 

Calculus differentialis et integralis‘‘ getan. 





Kombinierte Sitzung der Abteilungen Chirurgie, Innere 
Medizin mit der Deutschen Röntgengesellschaft. 


Dienstag, den 9. September, 8'/, Uhr: Neue Aula, Universität. 


ZWERG, Königsberg i. Pr.: Der derzeitige Stand 
der Radiumchirurgie. Behandelt wird in erster Linie 








Nw. 1930 


die Radiumchirurgie des Kehlkopfcarcinoms, des 
Oesophagus-, Blasen-, Prostata- und Rectumcarcinoms, 
daneben die Radiumchirurgie der Schädeltumoren, der 
Magencarcinome und Mammatumoren. 


Thema: Röntgendiagnostik des Dickdarms. 

H. H. BERG, Berlin: Den mehr speziellen Refe- 
raten der Herren CHAOUL und KNOTHE über obiges 
Thema soll hier eine Schilderung der klinischen Rönt- 
genuntersuchung des Dickdarms in bezug auf Anzeigen, 
Untersuchungsplan, Durchführungsarten, Ergebnisse, 
Fehlerquellen und Ausschlußmöglichkeiten voraus- 
geschickt werden. Neben der Einstellung auf klinisches 
Bild, Röntgenanatomie und -physiologie sollen die 
nach den Erfordernissen des Einzelfalles angepaßte 
Taktik und Methodik der Untersuchung in ihrer Trag- 
weite für das diagnostische Ergebnis und die klinische 
Perspektive gewürdigt und durch Beispiele belegt 
werden. 

H. CHAOUL, Berlin: Die Röntgendiagnostik der 
Geschwulstbildungen am Dickdarm. Röntgenologische 
Dickdarmuntersuchung versetzt uns zunächst in die 
Lage, ganz allgemein organische krankhafte Verände- 
rungen mit ungleich größerer Sicherheit zu erfassen als 
durch alleinige Verwertung der meist unklaren und 
atypischen anamnestischen und klinischen Befund- 
erhebung. Wenn auch für die Feststellung der Natur 
und Ausdehnung eines Krankheitsprozesses das Rönt- 
genverfahren bisher nicht die Sicherheit bietet wie etwa 
am Magen, so erfährt dadurch die Wichtigkeit seiner 
Anwendung keine Einschränkung. In der Reihe der 
Geschwulstbildungen interessiert in erster Linie das 
Carcinom. Allgemeine und spezielle Symptomatologie 
werden besprochen. Gemeinsam mit letzterer erfahren 
die Tumorbildungen nichtneoplastischer Natur unter 
besonderer Berücksichtigung differentialdiagnostischer 
Momente eingehende Würdigung. Es sind: die hyper- 
plastische und die gemischt exsudativ-cirrhotische 
Form der Ileocoecaltuberkulose, die Divertikulosis, die 
Sigmoiditis diverticulosa, die luetische Proktitis, die 
seltene Aktinomykose, die Appendicitis fibroplastica, 
die Perityphlitis und der perityphlitische Absceß. 
Den Schluß der Besprechung bilden die Komplikationen: 
die Stenosen, der Darmverschluß und der Durchbruch 
in Organe der Nachbarschaft, einfache und bimuköse 
Fistelbildung. Wichtige andere Ursachen werden 
erläutert 

W. KNOTHE, Berlin: Spezifische und unspezifische 
Entzündungen des Dickdarmes und die Erkrankungen 
des Wurmfortsatzes im Röntgenbilde. Die Methode der 
geringen Füllung gestattet es uns, auch am Dickdarm 
ein Reliefstudium zu betreiben, das uns dem anatomi- 
schen Anschauungsbild vergleichbare Resultate liefert. 
Alle mit makroskopisch sichtbaren Niveauunterschie- 
den der Schleimhaut einhergehenden Dickdarmer- 
krankungen sind daher dieser Diagnostik zugänglich 
und die verschiedenen Formen der spezifischen wie 
unspezifischen Colitiden liefern mehr oder weniger 
charakteristische Bilder. Die Divertikulosis des Dick- 
darmes wird unter besonderer Berücksichtigung des 
Schleimhautverhaltens demonstriert; die Erkrankun- 
gen des Wurmfortsatzes nach der anatomischen wie 
funktionellen Seite. 





1054 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Chirurgie, Pa- 
thologie, Gynäkologie und Geburtshilfe. 


Dienstaa: den 9. September. 11 Uhr: Neue Aula, Universität. 


Thema: Die gutartigen Erkrankungen der Brustdriise 
in ihren Beziehungen zum Mammacarcinom. 


M. ASKANAZY, Genf: Ein Erfolg der Geschwulst 
forschung dieses Jahrhunderts besteht in der Erkenntnis, 
daß Krebse örtlichen Ursprungs sind und gewöhnlich auf 
dem Boden durch voraufgehende angeborene oder erwor- 
bene Veränderungen krebsfähig gemachter Epithelzellen 
In der Brustdrüse bestehen die gutartigen 
Erkrankungen, die zum Krebs führen können, in ge- 
wissen Mißbildungen, in manchen Entzündungen, in 
einer für das Organ fast spezifischen, mit Cystenbildung 
einhergehenden Gewebssprossung (Epitheliofibrose) und 
endlich in bestimmten gutartigen Gewächsen, die unter 
Umständen bösartigen Charakter annehmen. Keiner 
dieser zunächst gutartigen Prozesse muß zum Carcinom 
führen, dessen wichtigste Quelle in den beiden letzt- 
genannten Erkrankungen gelegen ist Die Unter- 
suchungen haben ergeben, daß die Cystenmamma weder 
Entzündung noch Geschwulst bedeutet, daß sie aber 
noch im Greisenalter 
Reizbarkeit des 


erwachsen 


als Zeugnis einer besonderen, 
auch bei Männern zu beobachtenden 
Brustdrüsenepithels zu betrachten ist. Dieses Epithel 
kann mit metaplastische Veränderung 
wuchern und zum Krebs auswachsen. Bei den zu Carci- 
nom sich umgestaltenden Geschwülsten verliert die aus 
Epithel und Bindegewebe aufgebaute gutartige Ge- 
schwulst den organogenetischen Zusammenhang mit 
lem Bindegewebe, in das das Epithel zerstörend ein- 
wächst. Die gutartigen Erkrankungen der Brustdrüse 
liefern manchmal also die notwendige gewebliche Grund- 
lage (Organdisposition), zu deren krebsiger Entwick- 
lung aber noch andere Reizfaktoren gehören. Mecha- 
nische Einflüsse und Röntgenstrahlen sind als Ursachen 
in vereinzelten Fällen bekannt. Parasitäre Einwirkun- 
Anstoß zum menschlichen Mammakrebs 
nicht Erbliche Organdisposition kann 
vorhanden sein, genügt aber für sich zur Krebsbildung 
nicht. Die Tierversuche lassen als Vorbedingung auf 
gewisse Allgemeinschädigung des Körpers mit örtlichem 
Widerhall und örtlicher Reizwirkung chemischer Natur 
schließen. Das Experiment muß weiterhelfen, nament- 
lich um die Überimpfbarkeit der Krebse ohne Fort- 
bestand der äußeren Reizfaktoren zu erklären. 


P. FRANGENHEIM, Köln: Durch die klinische Be- 
obachtung und Untersuchung allein gelingt es nicht, 
Zustände in der Brustdrüse vor deı 
Carcinoms festzustellen 
besonders die Dauerblu- 
sein Die als 
Fibroma- 
usw. be 


oder ohne 


gen sind als 
nachgewiesen. 


praecancerös: 
völligen Ausbildung 
Die ,,blutende Mamma‘, 
tung, kann ein Warnungszeichen 
Mastitis chronica cystica, Cystenmamma, 
Fibroadenomatose, Epitheliofibrosis 
zeichneten Veränderungen der Brustdrüse, 
die papillomatösen Formen werden von einigen Autoren 
als praecanceröse Zustände bezeichnet. Die Frage, ob 
die Mastitis chronica cystica mit Notwendigkeit oder 
auch nur mit besonderer Vorliebe zum Carcinom führt, 
wird verschieden beantwortet. Bei der so häufigen 
Latenz des Leidens sind es nur vereinzelte Fälle, die 
im Sinne einer Krebsprophylaxe klinisch erfaßt werden 
können Carcinombildung aus den umschriebenen 
Fibroadenomen ist bisher nicht beobachtet worden 
Bei der Mastitis chronica cystica richtet sich die Be- 
handlung nach dem klinischen und pathologisch-ana- 
tomischen Befund. 


eines 


tose, 


bes« mnders 





Kombinierte Sitzungen, Dienstag, den 9. September. 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Physik, Tech- 
nische Physik, Astronomie, Chemie, Geophysik, Geologie. 


Dienstag, den 9. September, 14°), Uhr: Neue Aula, Universitat. 





a) Diskussion über die Vorträge der Hauptgruppen- 
sitzung vom Vormittag. 


G. KIRSCH, Wien: Zur Kritik der geologischen 
Zeitmessung. Eine direkte Bestimmung (elektrische 
Zählung der a-Teile aus Thorium) ergab für die Zer- 
fallskonstante des Thoriums denselben Wert, den Verf 
bereits aus Mineralanalysen abgeleitet hat, und der um 
ca. !/, kleiner ist, als der in der angelsächsischen Litera- 
tur bis heute verwendete. In letzter Zeit in Wien aus- 
geführte Analysen an Morogoroerzkrystallen ergaben, 
daß dieselben in bezug auf Pb/U-Verhältnis sehr in- 
homogen sein können, und daß einzelne Analysen auch 
von krystallisierter Pechblende keine zuverlässige 
Grundlage für Altersbestimmungen sind. Das hohe 
Alter des Erzes von Keystone und der karelischen Erze 
ist sehr zweifelhaft 3ei Mineralien mit starkem Anion 
mögen die beschränkten Streuungen der Pb-Verhält- 
nisse wirklichen Altersdifferenzen entsprechen, die sehr 
großen Streuungen bei metamikten Mineralien dürften 
dagegen auf sekundäre Veränderung deuten. Bei 
letzteren dürfte uns das Pb-Verhaitnis den Zeitpunkt 
angeben, zu welchem zuletzt vollständiger Bleientzug 
stattfand. 


b) Referat und Diskussion über Kosmische Strahlung 
(Höhenstrahlung). 

E. REGENER, Stuttgart: Absorption der Ultrastrah- 
lung im Wasser. Die im Herbst 1928 begonnenen 
Messungen im Bodensee sind weiter fortgesetzt worden 
Messungen im Innern eines Schutzpanzers aus Wasser 
stellen das Resultat des Vorhandenseins einer ultra- 
harten Strahlung gegen den Einwand einer Beeinflus- 
sung der Messungen durch radioaktives Wasser sicher 


A. CORLIN, Lund: Ergebnisse der Höhenstrahlungs- 
messungen in Nordschweden. Kurze Mitteilung über 
die Messungen im Observatorium in Abisko, auf dem 
Eis des Tornetraesk, auf dem Korsgletscher und auf 
dem Gipfel des Kebnekaise 1100 bzw. 2100 m über 
Meeresniveau, sowie über die hieraus folgende Stern- 
zeitkurve bei hohem und niedrigem Barometerstand 
und während magnetisch ruhiger und unruhiger Stun- 
den; schließlich über Barometereffekt. 


E. STEINKE, Königsberg i. Pr.: Über den Über- 
gangseffekt der kosmischen Ultrastrahlung bei Varia- 
tion des Absorptionsmediums (nach Messungen von 
H. SCHINDLER) Mit einer Differentialapparatuı 
wird die durch die kosmische Ultrastrahlung in ver- 
schiedenen Stoffen (Pb, Fe, Al, H,O) ausgelöste Streu- 
strahlung näher untersucht. 


W. M. H. SCHULZE, Neue Mühle: Untersuchung 
über die Beziehung der Höhenstrahlung zu erdmagne- 
tischen Störungen. Die von CorLIN in Abisko (68° 21,1’ 
nördl. Breite) in der Zeit vom 16. Oktober 1929 bis 
12. Januar 1930 laufend angestellten Höhenstrahlungs- 
beobachtungen werden auf Zusammenhang mit erd- 
magnetischen Störungen untersucht, indem die durch 
Korrektion für Luftdruck und Sternzeit 
erhaltenen ‚Restschwankungen‘ der Strahlung mit 
den aus den Magnetogrammen geschätzten, in der 
Maurainschen siebenstufigen Skala angegebenen De- 
für magnetisch ruhige und un- 

korreliert werden. Die Er- 


Spannung, 


klinationsstörungen 
ruhige Zeiten getrennt 


gebnisse werden diskutiert. 























Kombinierte Sitzungen, Dienstag, den 9. September. 1055 


Kombinierte Sitzung von Abteilungen beider Haupt- 
gruppen. Abt.: Zoologie, Botanik, Angewandte Bo- 
tanik, Pharmakologie, Anatomie, Physiologie, Patho- 
logie, Hygiene. 


Dienstag, den 9. September, 14'/, Uhr: Großer Saal der Stadthalle, 
# 
Thema: Die Rolle von Kern und Plasma in der Vererbung. 


C. STERN, Berlin-Dahlem: Der Kern als Ver- 
erbungsträger. Für die Übertragung der Verschieden- 
heiten zweier miteinander gekreuzter Individuen ist 
die Wichtigkeit des Zellkerns gegenüber der des Zell- 
plasmas schon frühzeitig erkannt worden. Seit dem 
\ufblühen des Mendelismus wurde diese Erkenntnis 
vertieft: Die im Zellkern enthaltenen Chromosomen 
erschienen als die Träger der mendelnden Erbfaktoren. 
Es wird versucht, einen Überblick über die verschie- 
denen Beweisgruppen zu geben, durch welche diese 
Chromosomentheorie der Vererbung als gesichert zu be- 
trachten ist. Ferner werden die spezielleren Theorien 
besprochen, nach denen man auf Grund von genetischen 
Deduktionen, die in einigen Fällen durch cytologische 
Beobachtungen nachgeprüft werden konnten, auf die 
Feinstruktur der Chromosomen schließen konnte. Da- 
nach sind die verschiedenen Teile eines Chromosoms 
qualitativ voneinander verschieden und die Erbfaktoren 
sind in den Chromosomen serial, hintereinander, an- 
geordnet. Zum Schluß wird kurz diskutiert, ob der 
Kern als der alleinige Vererbungsträger angesehen 
werden kann. 

G. TISCHLER, Kiel: Plasma (Pflanzenzelle). Aus- 
gehend von einem Beispiel an Crepisbastarden, indem 
die hier allein vorhandenen männlichen Chromosomen 
auch in rein weiblichem Plasma ihre genotypisch be- 
dingten Merkmale entfalten konnten, wird auf die Frage 
der Möglichkeit reziprok verschiedener Hybriden ein- 
gegangen. Oenotheren-, vor allem aber gewisse Epi- 
lobien-, Aquilegien- usw. Kreuzungen bringen starke 
Stützen für die Auffassung, daß hier neben der Kern- 
komponente, dem Genom, noch ein besonderes Plasmon 
entscheidend die Merkmale beeinflußt. Vor allem aber 
sind hierfür F. v. WETTSTEINs Mooskreuzungen be- 
weisend. Die Frage nach der Möglichkeit der Beeinfluß- 
barkeit des Eizellplasmas durch zuvorige Kernwirkun- 
gen wird gestellt und abgegrenzt. Die oft zitierte ‚‚nicht- 
mendelnde‘ Vererbung bei Blattfarbenvarianten gibt 
uns die Möglichkeit, die Übertragung von ,,gesundem“ 
und ‚„krankem‘ Plasma zu diskutieren sowie die Typen 
zu sondern, beı denen nur die Mutter, und bei denen 
Vater und Mutter Plasma in die Zygote bringen. Natür- 
lich brauchen die ‚wirksamen‘ Plasmonmengen von 
beiden Eltern im Gegensatz zu den Genomen nicht 
gleich zu sein. Einen experimentell erzeugten Hybriden 
mit Plasmonen beider Eltern in quantitativen Ab- 
stufungen, aber nur einem elterlichen Genom, beschreibt 
HARDER bei Basidomycetenpilzen. Außenfaktoren 
(Chemikalien, Bestrahlung usw.) können das Plasmon 
„mutativ‘ verändern. Und damit würden auch die 
Reaktionen, die den Ablauf der Ontogenese ausmachen, 
entscheidend geändert werden. Das haben vor kurzem 
Baur und seine Schule bei Antirrhinum bewiesen. 
Manche derartige Fälle sind vielleicht schon länger be- 
kannt, wenn hier auch unbekannte Gründe das Plas- 
mon beeinflussen. Selbst die Geschlechtsausprägung 
kann dadurch verändert werden. Sollte durch mutativ 
umgebildete Plasmone selbst eine Umprägung der Chro- 
mosomen in Form oder Inhalt möglich werden (,,Am- 
phiplastie‘‘), so wäre auf diesem Wege evtl. sogar ein 
Verständnis für die von russischen Forschern angenom- 
menen ‚„Historisationsprozesse‘‘ zu erreichen, und es 





ließe sich eine Versöhnung zwischen Genetik und 
Phylogenetik anbahnen, zwei Disziplinen, die in der 
Gegenwart noch stark auseinanderstreben. 


II. 


F. FÜLLEBORN, Hamburg: Die Wanderung von 
Nematodenlarven im Körper des Wirtes. (Mit Dia- 
positiv- und Kinodemonstrationen.) Die durch die 
Haut in den Wirtskörper eingedrungenen Larven von 
im Darm schmarotzenden Nematoden (Ancylostoma, 
Strongyloides usw.) gelangen rein mechanisch durch 
die Blutzirkulation und das Flimmerepithel der Luft- 
wege in den Verdauungstraktus, wo sie geschlechtsreif 
werden. Auch bei Ancylostoma und anderen Haken- 
wurmlarven, die nach Verfütterung auch direkt im 
Darme ausreifen können, ist der Weg durch die Haut 
offenbar der ursprüngliche Infektionsmodus. Tricho- 
trachelidenlarven (Trichinella, Hepaticola usw.) dringen 
zwar nicht in die Haut, nach per os-Infektionen aber 
in die Darmwand ein, um mit der Zirkulation zu den 
Organen zu gelangen, in denen sie sich weiter ent- 
wickeln ; manches deutet darauf hin, daß auch die Vor- 
fahren des in die gleiche Wurmgruppe gehörigen, aber 
direkt im Darme ausreifenden Trichocephalus sich 
vielleicht entsprechend verhalten haben, während 
Oxyuren wohl nie ,,gewandert“ sind. Daß mit den 
Eiern verschluckte Ascarislarven erst geschlechtsreif 
werden können, wenn sie auf dem anscheinend über- 
flüssigen Umwege über Leber, Lunge, Trachea, Schlund 
und Magen zum Darme zurückgekehrt sind, wird nur 
dann verständlich, wenn wir annehmen, daß die In- 
fektion ursprünglich durch ,,Zwischenwirte“ erfolgte, 
wie es bei im Meere lebenden Ascaroidea der Fall ist. 
Auch vom klinischen Standpunkte sind die Wande- 
rungen der Nematodenlarven im Körper des Wirtes 
von erheblichem Interesse. 

L. SZIDAT, Rossitten: Die Entwicklungsgeschichte 
des breiten Bandwurms, Bothriocephalus latus (Film 
von H. VOGEL, Hamburg). Der breite Bandwurm ist 
hauptsächlich in der Fischerei treibenden Bevölkerung 
im nördlichen Europa, Asien und Nordamerika weit 
verbreitet. Häufig ist er auch in Rumänien und in der 
französischen Schweiz, von wo aus er nach Frankreich 
und Italien übergreift, ferner in Ostafrika und Mada- 
gaskar. Sein Hauptverbreitungsgebiet in Deutschland 
liegt in Ostpreußen in der Umgebung des Kurischen 
Haffs, wo die Fischerbevölkerung zu nahezu 100% den 
Bandwurm beherbergt. Auf den Menschen wird der 
breite Bandwurm durch den Genuß von rohen oder 
wenig gesalzenen Hechten oder Quappen (Quappen- 
leber!) übertragen. Seine Entwicklung, die der Film 
im einzelnen zeigt, ist sehr kompliziert (von M. Braun, 
Janıckı und Rosen entdeckt) und erinnert durch die 
Einschaltung zweier Zwischenwirte (erster Zwischen- 
wird Copepoden, zweiter Zwischenwirt Fische) an 
die der Trematoden. Die Anwesenheit des Bandwurms 
im Menschen bedingt neben schweren Darmstörungen 
besonders oft anämische Zustände (Bothriocephalus- 
anämie), die vielfach an perniziöse Anämie erinnern oder 
sie sogar hervorrufen können, die aber meist nach Ab- 
treiben des Wurms schwinden (Lebertherapie). 

L. SZIDAT, Rossitten: Die Lebensgeschichte von 
Bilharziella polonica Kow. ein Beispiel für die Ent- 
wicklung eines Bluttrematoden. Bilharziella polonica, 
ein Bluttrematode aus ostpreußischen Enten, ermög- 
licht das Studium der nahe verwandten, tropischen Bil- 
harziaarten des Menschen an einheimischem Material. 
Zum erstenmal wird der vollständige Lebenslauf und 
die Biologie eines derartigen Parasiten im Film ge- 
zeigt. Neben Aufnahmen, die den Schlüpfakt der Mira- 


„g* 
75 


1056 Kombinierte Sitzungen, Dienstag, 


eidien, die Tropismen und die Art des Eindringens det 
Cercarien in den Entenwirt zeigen, wird auch die Tech 
nik der Gewinnung der erwachsenen Würmer aus den 
Venen des Darmes gezeig In den Erläuterungen zum 
Film wird auch der Wanderungsweg der Cercarien von 
der Infektionsstelle zu dem Venensystem dargestellt 
Verschiedene ch strittige Fragen über den Infektions- 
modus der Bilharzien und über die Verteilung der Ge- 
schlechter wird über die 
Eignung von Bilharziellaenten zu therapeutischen Ver- 
berichtet 


werden erörtert, desgleichen 


uchen werden 


Kombinierte Sitzung der Abteilung Geophysik mit der 
Abteilung Astronomie. 


Dienstag, den 9. September, 17 Uhr:Hörsaal des PhusikalischenInstituts 


F. HOPFNER, Wien: Bericht über die Methoden der 
Schwerkraftreduktion. In dem Bericht werden die bisher 
allgemein bekanntgewordenen Methoden zur Reduktion 
der beobachteten Schwerkraftwerte auf eine vor 
Niveaufläche vom Standpunkt der zweiten 
Potentialtheorie aus kritisch 
Abplattung aus 
CLAIRAUTschen 

Lösung dieser 
werden BRILLOUINS 
Reduktion der Schwerkraftwerte auf 
10-km-Hdhe einschließende Niveau 
Vorbereitung der Schwerkraft 
Lésung der zweiten Rand 








rege be ne 
tandwertaufgabe der 
Bestimmung det 
Hilfe des 


sehr spezielle 


besprochen Die 
Schwerkraftwerten mit 
[Theorems kann als eine 
Randwertaufgabe angesehen 
Vorschlag zur 
Erde in 


bezweckt die 


eine die 
fläche 


werte für eine allgemeinere 


vertaufgabe, und zwar der Randwertaufgabe für den 
\ußenraum Die Bestimmung der Niveaufläche in 
Meereshöhe aus Schwerkraftwerten führt dagegen auf 


eine zweite Randwertaufgabe von besonderer Formu 
lierung, mit deren Lösung sich die Physik bisher nicht 
befaßt hat Die sich bei ihrer Lösung einstellenden 
Schwierigkeiten hat die Geodäsie dadurch zu umgehen 

diese besondere Aufgabe durch 
Reduktion der Schwerkraftwerte in eine 
\ußenraumes zu verwandeln suchte; hierher 
gehören die Reduktionsverfahren von BoUGUER, HEI 
Kondensationsverfahren, Rupzkıs Inversions 
verschiedenen isostatischen Reduk 
Reduktionsverfahren for 
Erdkörper die von 





versucht, daß sie 
geeignete 


solche des 


MERTS 
verfahren und die 
tionsmethoden Alle 
Massenverschiebungen im 


die se 
dern 
Folgeerscheinungen begleitet sind, die die überzeugende 
Beantwortung heikler Fragen nach der Erdfigur, wie 
von vornherein ausschließen. Nur 
liegt ein Verfahren vor, 


ihre Dreiachsigkeit 
in Preys Reduktionsmethods 
keinen Massenbewegungen 
Schwerkraftwerte gibt, die zur 
Lösung jener besonderen zweiten Randwertaufgabe der 
Geodäsie geeignet sind. Beim Vergleich des Verfahrens 
von PREY mit dem Verfahren BUGUER, mit det 
Freiluftformel und mit den Reduktions 
verfahren zeigt daß drei letztgenannten 
Verfahren Schwerkraftwerte geben, die Rand- 
werte Schließlich wird der sogenannte Term von 
der die Randwerte an der Niveau 
gleichen Potential 


I olgee rs he 1 


das mit operiert und das 


daher allein strengen 


von 
isostatischen 
sich diese 
keine 
sind 
Bruns besprochen 
Niveausphäroid 

Sodann 


fläche auf das 
überträgt 
nungen erörtert, die 


werden die 
AuBerachtlassung 


wertes 
sich durch dic 
dieses Terms einstellen sowie seine grundsätzliche Be 
deutung für die Begründung von der Lehre der Isostasi« 
W. HEISKANEN, Helsinki: Die Undulationen des 
Geoids und die Isostasielehre. Werden die in den 
Hochgebirgen beobachteten Schwerewerte mit Berück 
sichtigung der sichtbaren Massen in üblicher Weise 
aufs Meeresniveau reduziert, so werden die reduzierten 
als diejenigen im Flach- 
die erheblichen nega- 


Schwerewerte viel 
lande sein. Diese 


geringer 


Erscheinung 





den 9. September, und Mittwoch, den 10. September. 


tiven Schwereanomalien wird allgemein durch das 
Isostasieprinzip erklärt, das heißt dadurch, daß die 
mittlere Erdkrustendichte unterhalb der Gebirge 
geringer als unterhalb der Flachländer ist, so daß die 
anziehende Wirkung der Gebirge durch die unterirdi- 
schen Massendefekte größtenteils kompensiert wird 
In den letzten Jahren hat man dagegen behauptet, 
daß das Geoid unterhalb der G« birge so viel oberhalb 
des Sphäroids liegt, daß die beobachteten negativen 
dadurch und 
Prinzip erklären lassen. Es wird vom Vortr. 
durch mehrere Beispiele gezeigt, daß die tatsächlichen 
Undulationen des Geoids wenigstens zehnfach zu gering 


Schwereanomalien sich ohne das iso- 


statische 


sind, um die beobachteten Schwereanomalien erklären 


zu können. Es wird außerdem bewiesen, daß die an- 
genommenen großen Undulationen des Geoids in Wider 
spruch mit den beobachteten Lotabweichungen stehen 
G. KRUMBACH, Jena: Über das Herdtiefenproblem. 
Herdtiefe bei Erdbeben hat ihre 
Erforschung des Aufbaus der Erd- 
Auslösungsvorganges det 
Während die 


Die Bestimmung deı 
Bedeutung für dic 
kruste 
Energie im 


sowie auch des 


Bebenherde makroseismi 


auch in 


schen Methoden von KÖVESLIGETHY-JANOSI 
ihrer Erweiterung durch INGLADA, nur rohe An 
räherungswerte liefern können, ergeben sich aus der 


Laufzeitkurven für 
Herdentfernungen verschiedene Wege zur exakten Er- 
forschung der Herdtiefen. Sämtliche Verfahren, dic 
sich auf Bestimmung des Wendepunktes der Laufzeit- 


Kenntnis det geringe 


genauen 


kurven stützen, können auch heute noch nicht zu 
einem befriedigenden Ergebnis führen, da die Zeit 
genauigkeit der Einsätze im Seismogramm und auch 
die Stationsdichte für diesen Zweck in vielen Fällen 
nicht ausreichend ist \m erfolgreichsten sind die 
Verfahren, die sich auf die Bestimmung der Laufzeit- 
differenz P, P sowie P P,_, (GUTENBERG) und 


Laufzeitdifferenz der an der Erdoberfläche 
55 km) reflektierten Wellen 
Auch bei Fern 


auch der 
und der Grenzfläche (d 
(Monorovitic-INGLADA) 
beben besteht nach GUTENBERG und BERLAGE die 
Möglichkeit, einzelne Zacken im Bereich des 1. Ein 
satzes als reflektierte Wellen zu deuten und aus deren 
Zeitdifferenz die Herdtiefe des Bebens zu ermitteln 
Während im allgemeinen Herdtiefenuntersuchungen 
zu Herden innerhalb der Erdkruste führen, beobachtet 
Beben in Japan (WADATI) und 
Nied.-Indien (Vısser) Herdtiefen von 300— 400 km 
Diese Werte müssen zu Abweichungen 
tungen im ganzen Bereich der Laufzeitkurven führen, 
auch für die Vorläuferwellen (IKRUMBACH) und 
Kernwellen P’ (Turner) in manchen Fällen nach- 
gewiesen wurde Eine endgültige Bestätigung diese 
Ergebnisse würde neue Gesichtspunkte zur Erforschung 
des Auslösungsvorganges im Herde sowie der Einsätze 
im Seismogramm ergeben. Da in den großen Tiefen 
Massengleichgewicht vorausgesetzt werden muß, kann 
daher ein rein mechanischer Vorgang kaum als Ent- 
Erdbeben angenommen werden. 


beziehen 


man bei manchen 
der Beobach- 


was 


stehungsursache der 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hygiene, Ve- 
terinärmedizin, Innere Medizin,Dermatologie, Kinderheil- 
kunde, Pathologie, Pharmakologie, Zoologie, Botanik, 
Angewandte Botanik, Agrikulturchemie. 

Mittwoch, den 10. September, 14/2: Uhr: Hörsaal des pharm.-chem. 





Instituts, Besselstr. 3 


Thema: Entstehung von parasitären Krankheiten bei 
Menschen, Tieren und Pflanzen. 

K. FRIEDERICHS, Rostock: Massenvermehrung 

tierischer Schädlinge. Bei der Entstehung von Schäden 

durch Tiere an Kulturpflanzen stehen Tier und Pflanze 











Kombinierte Sitzungen, Mittwoch, den 10. September. 1057 


einander als Gegenspieler gegeniiber. Es kommt nicht 
allein auf die Menge der Schadlinge an, sondern ebenso- 
sehr auf die Anzahl und Gewichtsmenge der Pflanzen, 
gegen die sich der Angriff richtet (Differentialfaktor), 
sowie auf die Widerstandsfähigkeit der Pflanze. Die 
Anzahl der Schädlinge kann sogar gleichgültig sein, 
wenn Sorten gezüchtet werden, die gegen sie immun 
sind. Als Schädlinge kommen in Betracht hauptsäch- 
lich Nematoden, Insekten, Schnecken und Nagetiere. 
Die erste Voraussetzung für eine Massenvermehrung 
der Schädlinge ist ein für sie geeignetes Klima. Die 
Wirkung desselben ist oft nur eine indirekte Direkt 
äußert sich diese Wirkung darin, daß die sehr hohe 
Mortalität derNachkommen durch ungünstige Tempera 
tur- und Feuchtigkeitsgrade, welche unter normalen 
Umständen sehr hoch ist, stark herabgesetzt wird, 
weil das günstige Wetter diese Einschränkung ihrer Veı 
mehrung ausschaltet. Oft ist zum Entstehen einer Plage 
eine durch mehrere Jahre kumulierte Vermehrung nötig 
Indirekt kann sich der Einfluß des Wetters in einer Ver- 
minderung oder nicht mit der des Schädlings Schritt hal- 
tenden Vermehrung der Biophagen (natürlichen Feinde) 
der schädlichen Art äußern. Das Wetter beeinflußt aber 
iuBerdem die Pflanze. Es kann sie in einen für den 
Schädling günstigen Zustand der Säfte versetzen und 
zugleich ihre Widerstandsfähigkeit herabmindern. Es 
kann ihre Individuen- und Gewichtsmenge vergrößern 
oder herabsetzen, so daß der Angriff der Schädlinge 
sich im letzteren Falle auf eine kleinere Angriffsfläche 
verteilt, womit sich der Schaden vergrößert. Das 
Wetter bestimmt die Flächendichte der Schädlinge, d. h 
ihr durchschnittliches Vorkommen über größere Land- 
striche, die gleiches Klima haben. Die Ortsdichte der 
Schädlinge, d. h. ihr mehr oder minder starkes örtliches 
Vorkommen aber hängt von der Geländegestaltung 
dem Boden und der Biocönose (der Pflanzendecke und 
der Tierwelt) ab, welche alle zugleich das örtliche Klima 
bestimmen. Die Biocönose oder Lebensgemeinschaft 
tritt außerdem örtlich als ein die Vermehrung begün- 
stigender oder einschränkender Faktor auf, und zwaı 
begünstigend, soweit es sich um Pflanzen handelt, als 
Monokultur, einschränkend als Mischkultur; soweit es 
sich um Tiere handelt: einschränkend durch Parasiten, 
begünstigend durch Hyperparasiten und allgemeine 
\rmut der Biocönose an Tieren, die ein Gegengewicht 
gegen den Schädling darstellen. Solche Verarmung der 
Biocönose tritt durch menschliche Tätigkeit ein. Inten- 
sivierung jeder Art, Vordringen der Zivilisation läßt 
die Biocönose verarmen, es sei durch Monokultur oder 
durch sonstige Veränderung der natürlichen Lebens- 
bedingungen der Tierwelt. Aber nicht jede Massenver- 
mehrung hat menschliche Tätigkeit zur Voraussetzung 
sondern auch Urwald und Steppe kennen Massenver- 
mehrung pflanzenfressender Tiere, die aber hier nie- 
mals chronisch wird, weil die natürlichen Gegengewichte 
alsbald entgegenwirken. Für den Massenwechsel deı 
Nematoden scheinen besondere Grundsätze zu gelten, 
indem ihre schädliche Wirksamkeit hauptsächlich auf 
ihreı Begünstigung durch kulturelle Maßnahmen 
mangelhafte Fruchtfolg« beruht Aber auch ihr 
Massenwechsel wird vom Wetter des Jahres beeinflußt 
Zu den Ursachen großer Plagen gehört auch mangelnde 
Widerstandsfähigkeit der Pflanzen, z.B. gegenüber neu 
eingeschleppten Schädlingen. Die Entstehung von Epi- 
emien dieser Art im Kulturgelände ist also das Resul 
tat eines komplizierten Zusammenwirkens von verschie- 
denen Faktoren Das allgemeine Klima können wir 
nicht ändern, wohl aber die Biocönose und damit auch 
das Kleinklima beeinflussen, das z. B. im Mischwald in 
mancher Beziehung ein anderes sein kann als im reinen 


Bestand oder zwischen dicht gepflanzten Baumwoll- 
pflanzen ein anderes als in weitläufig gepflanzten. Es er- 
wächst die Aufgabe für die Wissenschaft, die für die 
lokale Verhütung der Piagen geeignete Zusammen- 
setzung der Biocönose sowie geeignete kulturtechnische 
Maßregeln zu finden, und für die Praxis, der durch 
Überrationalisierung eintretenden weiteren Verarmung 
der Biocönose entgegenzuwirken. 

E. MARTINI, Hamburg: : Die Wirbellosen als Über- 
träger von Krankheiten des Menschen. Nach Einführung 
in die Problemstellung beim gelben Fieber wird ausge- 
führt: r. Alle Gruppen pathogener Organismen haben 
Vertreter, welche durch andere Tiere in ihrer Existenz 
und Verbreitung unterstützt werden. 2. Diese Hilfe- 
leistung anderer Organismen für Parasiten ist eine allge- 
meinere Naturerscheinung als die Blütenbestäubung 
durch Insekten. 3. Als Krankheitsüberträger spielen die 
Insekten für den Menschen bei weitem die erste Rolle! 
Warum? 4. Der Krankheitserreger kann nicht nur 
mechanisch übertragen werden, er kann auch den 
Überträger als Wirt ausnützen. 5. Die biologischen 
Anpassungen zwischen Überträger und Krankheits- 
erreger sind oft sehr fein. 6. Wenn der Überträger die 
einzige Verbreitungsmöglichkeit eines pathogenen Para- 
siten darstellt, ermöglicht die messende Epidemiologie 
eine Vorstellung von der gesetzmäßigen Abhängigkeit 
der Seuche von der Gradation des Überträgers. 7. Es 
läßt sich eine Anzahl Stufen der Einmischung der 
übrigen Biocönose in das dreieckige Verhältnis Mensch, 
Seuchenerreger, Überträger erkennen. 8. Durch diese 
Einmischung sind die einschlägigen Seuchen nicht nur 
den Einflüssen der Kultur, sondern auch des Bodens 
und des Klimas unterworfen und in ihrem epidemio- 
logischen Habitus bestimmt. Bei allen größeren Grup- 
pen von Krankheitserregern des Menschen finden sich 
solche, welche in ihrer Verbreitung durch Tiere unter- 
stützt werden, sei es, indem diese Eingangspforten 
schaffen, nur Zwischenwirte oder daß sie Überträger 
sind. In der Enge der Beziehungen zwischen Krank- 
heitserregern und Überträgern und in der Spezifität 
des Erregers für den Menschen und für den Überträger 
lassen sich eine Anzahl Stufen erkennen, deren beson- 
dere Verhältnisse sich in der Epidemiologie reflektieren. 
Durch diese Verankerung der Seuchenlage in Biocönose 
des Menschen zeigen sich die Epidemien stark beein- 
flußt durch Klima, Boden und Kultur. Die epidemio- 
logischen Probleme lassen sich gerade bei den durch 
andere Tiere verbreiteten Seuchen unter mathemati- 
schen Gesichtspunkten besonders scharf formulieren. 


£ 





Ganz parallel liegen die Verhältnisse in der Tier- und 
Pflanzenpathologie. „ 

C. SPREHN, Leipzig: Wirbellose als Überträger 
von Haustierkrankheiten. Wirbellose spielen als Über- 
träger von Haustierkrankheiten eine große Rolle. Einen 
Hauptanteil haben sie an der Übertragung zooparasi- 
tärer Krankheiten, so werden mit Ausnahme der Be- 
chälseuche der Pferde alle tiermedizinisch wichtigen 
[rypanosomen, Leishmanien, Piroplasmen z. B. durch 
\rthropoden übertragen. Noch beachtlicher sind Wir- 
bellose als Überträger von Helminthen, so benutzen 
z.B. Filarien vielfach Arthropoden als ‚„Transport- 
wirte‘‘. Dieselben Wirbellosen übertragen auch eine 
Reihe von Cestoden (Dipylidium canınum, viele Ge- 
flügelcestoden usw.) und Trematoden (Prosthogonimus- 
Arten, Plagiorchis-Arten usw.). Cestoden und besonders 
[rematoden werden aber auch vielfach von Mollusken 
übertragen, die für Trematoden stets den Zwischenwirt 
darstellen und daher zur Entwicklung dieser Parasiten 
unentbehrlich sind. Auch eine Reihe von Krankheiten, 
die durch ultravisible Erreger verursacht werden, haben 





Kombinierte 


1055 


> 


ils Überträger Wirbellose, z. B. die afrikanische Pferde- 
sterbe (Insekten) u.a. Eine nicht zu unterschätzende 
und heute noch lange nicht 
Rolle 


1 


genügend erkannte und 
scheinen Wirbellose auch als Über- 
träger bakterieller Krankheiten zu spielen. Sektions- 
Biberratten (Nutria), die an Paratyphus 
deuten darauf hin, daß hier ein ur- 
Auftreten des 
dem Befall mit dem Leberegel Fasciola 

he patıca zu bestehen scheint. In Silberfuchsbeständen 
mit starkem Spulwurmbefali erkranken die Jungtiere 
an Paratyphus, und auch hier scheint der Be- 
Überträgerrolle deı 
Paratyphus 
mit verschiedenen Erregern 
Versuchstieren, die gleichzeitig mit 
wurden, ebenfalls 
Auffassung zu geben, daß Helminthen 

Is Überträger bakterieller Krankheiten unsere 
lere Aufmerksamkeit verdienen. Bekannt ist 
Wirbellose häufig rein mechanisch 
Krankheiten von Tier zu Tier übertragen können. In 
3eziehung sind besonders beachtlich die Arthro- 


gewürdigte 


befunde an 
verendet wareı 
sächlicher Zusammenhang zwischen dem 


Paratyphus und 


1aufig 
fund auf dic wandernden Spul 
hinzuweisen. 


bakterielleı 


vurmlarven bezüglich des 
Versuche 
Krankheiten an 
scheinen 


\scaridenlarven infiziert 


Belege für dic 
beson 
ferner 


ansteckende 


dieser 
poden 
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Augenheilkunde, 
Physiologie, Biologie, Röntgenkunde. (Hingeladen dic 





Abteilunge n Innere Medizin, Pathologie, Physik, An 
ge wandte Physik 
Mittwoch, den 10, September, 14°, Uhr: Gehauhrsaal 


Thema: Auge und strahlende Energie. 


W. HOFFMANN, Kénigsberg i. Pr.: Uber die Wir- 
kung des sichtbaren Lichtes, des Ultraviolett und Ultra- 
rot auf das Auge. Bei den Untersuchungen über dic 


Wirkung des Lichtes auf das Auge steht die praktisch 


htige Frage im Vordergrund, welcher Spektralteil 
Ursache für solche Erkrankungen des Auges an- 
hen werde kann, welche offenbar durch über- 


Bige Einwirkung des Lichtes entstehen: die sog 








Schneeblindheit, Blendungen durch starke Lichtquellen 
ez. B f Betrachten einer Sonnenfinsterni 

ler beim S iben vorkommen, wenn das Auge nicht 
enügend geschützt ıst, schließlich der graue Star bei 
G ern und Kettenmachern. Dabei haben sich di 
erschiedensten Ansichten gebildet, je nachdem man 
Ult lett ichtbare Licht oder das Ultrarot 

le ılle ! | en Spektralteil hält. Uber diese 
Fragen hat h bisher Übereinstimmung nicht erzielen 
el Der G I dafür liegt bei den durch einmalig: 
tar} I twit hervorgerufenen Erkrankungen 
Sch keit, einzelne Spektralteile rein, ohne 

Beir iu nderer, in genügender Intensität zu e1 
t elf wegen des zu den Versuchen ver 

te ‘ hten Lichts die Kesultate zu Irrtümern 

hren ı ste Bei anderen, die nach jahrzehntelang: 
k.ınwirkur ftreten, ergeben sich die Schwierigkeiten 
Bedingungen experimentell kaum nacl 

2 kine |] 7 de gen läßt sich nur 
te t { Unt« l erwarter au zu 

t hst reiner Strahlung und verschiedener 
Intensität einm: er und wiederholter Einwirkung 
ti tione on Spektralteilen angestellt 

‘ ‘ Ci eigener Untersuchungen wird 
Wirkuı ‘ einzelnen Spektrale ausführlich dar 


W. ROHRSCHNEIDER, Berlin: Über die Wirkung 
der Röntgenstrahlen auf das Auge. Die heute als ge 
ert zuse | lat he, daß die direkte Be 
Röntgen 


‘ ‘ keladaptierten Auge mit 


I ti findut hervorruft vird mit 





Sitzungen, Mittwoch, den 10. September. 


ihren verschiedenen Erklärungsmöglichkeiten erörtert. 
Bei den Ausführungen über die Wirkung der Röntgen- 
strahlen auf die Zellen und Gewebe der einzelnen Teile 
des Auges wird zunächst auf die Besonderheiten ein- 
gegangen, welche das Auge als Objekt der Strahlenwir- 
kung bietet. Diese sind begründet in dem anatomischen 
Bau des Auges sowie in der Art der Auswertung von 
rierversuchen bei Bestrahlung der Augen. Es werden 
sodann die klinischen und mikroskopischen Verände 
rungen demonstriert, welche die einzelnen Teile des 
Auges durch die Einwirkung der Röntgenstrahlen er 
leiden, wobei besonders auf die Schädigungsdosis und 
die Wirkung verschiedener Strahlenqualitäten ein- 
gegangen wird Der röntgenstrahlenempfindlichste 
Teil des Auges ist die Linse, da bei Tier und Mensch 
Linsenschädigungen schon nach einmaliger Anwendung 
der Epilationsdosis beobachtet werden können 

I. KRASSE, Wien: Anwendung und Dosierung von 
Buckys Grenzstrahlen in der Augenheilkunde. An der 
1. Universitäts-Augenklinik in Wien haben wir durch 
Feststellung der Toleranzbreite und Schädigungsdosis 
des Kaninchenauges und durch 
brauchbaren therapeutischen Dosis (nach Qualität und 
Ouantität) an Menschenaugen die in der Dermatologie 
so gut bewährte Grenzstrahltherapie in die Augenheil- 
kunde eingeführt Bericht über 200 Patienten, bei 
denen Grenzstrahlen am Auge angewendet wurden 
Die Erfolge, die mit der Behandlung mit Grenzstrahlen 
gewisser oberflächlicher Hornhauterkrankungen er 
zielt werden können, sind allen anderen therapeutischen 
Maßregeln überlegen 
Augenkrankheiten erwies sich die Grenzstrahlbehand- 
lung der übrigen Strahlentherapie gleichwertig. Gegen- 
über der Ultraviolettstrahlenbehandlung zeichnet sich 
durch die Kürze und 
sogar durch die analgetische Wir 


Bestimmung einer 


Bei manchen anderen ‚‚äußeren 


die Grenzstrahlbehandlung 
Schmerzlosigkeit, ja 
kung der Bestrahlung aus und durch die Tatsache, daß 
für die abgekürzte Heilungsdauer viel weniger zahl 
reiche Sitzungen ausreichen. Bei der Behandlung det 
Hornhauterkrankungen ist eine voran 
gegangen Abschabung des Epithels nicht nötig 
Gegenüber der Röntgen- und Radiumtherapie behaup 
tet die Grenzstrahltherapie ihre Überlegenheit in det 
oberflächlicher \ugenerkran 
kungen, da die Buckystrahlen infolge ihrer geringeren 
Penetrationskraft für die tieferliegenden Schichten de 
Auges ungefährlich sind. Auch ist ihre Toleranzbreite 


herpetischen 


Behandlung gewisser 


eine größere 

A. KOHLRAUSCH, Tübingen: Lösung des Pro- 
blems der Qualitätenleitung in der einzelnen Opticus- 
faser. Die ins Auge fallende Strahlung löst bereits in 
der Netzhaut die ersten physiologischen Prozesse aus 
Diese letzten 
schieden heller und 
Daraus ergibt sich die viel erörterte Frage: wie 


führen Endes zur Wahrnehmung ver 


verschieden gefärbter Dinge det 
Umwelt 
kann es bei minimalen nur wenige, vielleicht nur ein 
Netzhautelement treffenden 


Farben und Helligkeiten 


einzige Objekten zuı 
Wahrnehmung verschiedener 
kommen am Ort des schärfsten Sehens ın deı 
Fovea centralis tatsächlich der Fall ist 


usgedrückt 


oO wie ¢ 
oder andet 
wie kann eine einzelne ( )pticuslaser, trotz 


„Alles- oder Nicht 


Mannigfaltigkeit von Erregungen zum 


möglicherweise geltendem Gesetz‘ 
die erforderliche 
Zentrum leiten 
Frage auf der allgemeinen Grundlage deı 
Nerven‘ 
Hilfshypothesen erforderlich sind 
Diese drei Tatsachen sind: ı 
aller 
der Erregungsoszillationen (Nervenimpuls 


Drei neuere Entdeckungen geben di 
lösung det 
‚Stromtheoric der Erregungsleitung im 
ohne daß weitere 
Die Erregung und Leitung 
sensorischen Nerven ist oszillatorise h die Frequen 


teigt mit 











Kombinierte Sitzungen, Mittwoch, den 10. September. 1059 


der Reizstärke (F. W. FRÖHLICH, ADRIAN). 2. Form 
und Verlauf des stetigen Aktionsstromes der Retina sind 
mit Wellenlänge und Lichtzusammensetzung gesetz- 
mäßig veränderlich, unter algebraischer Summation der 
Stromformen bei Lichtmischungen (A. KOHLRAUSCH, 
Brossa). 3. Die Frequenz- Wechsel der Opticusimpulse 
sind ein oszillatorisches Abbild der jeweiligen Form des 
Netzhautstroms (ADRIAN, MATTHEWS, A. KOHLRAUSCH). 
Zu ı. bis 3. einige Lichtbilder.) Aus der ersten Tat- 
sache folgt unmittelbar: Die absolute Frequenz der Ner- 
venimpulse ist Leitung verschiedener Intensitäten in 
einer einzelnen Opticusfaser (I. v. Krres). Aus der 
zweiten und dritten Tatsache folgt unmittelbar: die 
verschiedenartige Zeitfolge der Frequenzwechsel ist 
Leitung verschiedener Qualitäten in einer einzelnen Opti- 
usfaser (A. KOHLRAUSCH). Bei Identität der Einzel- 
mpulse (,,Alles- oder Nichts-Gesetz‘‘) bleiben ı. die 
absolute Frequenz und 2. die verschiedenartigen Frequenz- 
wechsel die einzigen Möglichkeiten der Intensitäten- 
bzw. Qualitätenleitung in einer einzelnen Nervenfaser. 
Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin, 
Chirurg Gynäkologie, Pathologie, Ohrenheilkunde. 


Mittwoch, den 10, September, 16 Uhr: Urania-Theater. 








Thema: Thrombose und Embolie. 


A. DIETRICH, Tübingen: Wesen und Bedingungen 
der Thrombose und Embolie. Bei dem Begriff der 
Ihrombose, der Abscheidung eines festen Pfropfes aus 
len Bestandteilen des Blutes innerhalb der Gefäßbahn, 
müssen wir die örtlichen Thromben von der fortschrei- 
tenden Thrombose unterscheiden; letzterer kommt die 
praktisch größere Bedeutung zu. 2. Für die Ent- 
stehung, den Ort, Größe und Schicksal eines Thrombus 
st das Zusammenwirken mehrerer Bedingungen, in 
lenen eine Änderung der Beziehungen von Gefäßwand, 
Blut und Strömung zum Ausdruck kommt, maß- 
gebend. 3. Die Innenschicht der Gefäße ist nicht nur 
eine Gleitfläche, vielmehr steht sie auch in den großen 
Venen und Arterien in stetem Austausch mit dem Blut 
\nderungen dieses Verhältnisses können zur Nieder- 
schlagsbildung an der Innenschicht und zu Abscheidung 
von festen Blutbestandteilen (Blutplättchen, Leuko- 
cyten, Fibrin) führen, wobei die Zusammensetzung des 
Blutes und Strombehinderung begünstigend mitwirken. 
4. Abgesehen von mechanischen Wandschädigungen 
können Änderungen der Beziehungen von Gefäßwand 
und Blut durch gesteigerte Resorptionsleistungen ge- 
geniiber körperfremden Stoffen oder Krankheitskeimen 
ausgelöst werden. Die Anpassung (Sensibilisierung) 
gegenüber solchen Leistungen setzt einen Zustand der 
[hrombenbereitschaft voraus, der bei neuen Anforderun- 
gen zur Abscheidung an der Gefäßwand und unter gleich- 
zeitigen Kreislaufstörungen zum geschichteten Throm- 
bus führt. 5. Aus der örtlichen Thrombose wird die fort- 
schreitende durch Weitergreifen der Reaktion zwischen 
Gefäßwand und Blut oder durch weitergehende Einflüsse 
iuf das Blut. Die Bedingungen des Kreislaufs (Ver 
angsamung, Wirbel) gestalten die Form. 6. Die Rolle 
infektiöser Einwirkungen ist nicht auf die örtliche Re 
orption von Keimen oder Stoffwechselprodukten be 
schränkt, auch nicht abhängig von Keimen im Throm 
bus selbst. Von irgendeinem Infektionsherd kann an 
ntfernter, reaktionsbereiter Stelle eine Thrombose aus 


selöst werden (Fernthrombose Andere Vorgänge des 
Gewebsabbaues und der Resorption von Zerfallspro 
lukten wirken in gleichem Sinne. 7. Thrombose ist 


omit kein rein mechanischer Vorgang der Abschei 
dung aus dem Blut, sondern ein reaktiver Vorgang 
wsgelöst durch Störung des Verhältnisses von Blut 
und Gefäßwand, sei es, daß die Schädigung der Wand 


oder die Veränderung der Blutbeschaffenheit stärke. 
hervortritt oder beide gleichmäßig zusammenwirken, 
Eine Behinderung der Blutströmung tritt als Begünsti- 
gung und formgestaltende Bedingung hinzu. 8. Die 
Gefahr der Verschleppung (Embolie) ist gering bei ört- 
lichen Thromben von beschränkter Ausdehnung, da 
die Organisation bald die Abscheidung fest mit der 
Wand verbindet. Sie ist groß bei den fortschreitenden 
Thromben, zumal wenn plötzliche Umstimmung des 
Verhältnisses von Gefäßwand und Blut zu rascher Ab- 
scheidung lockerer Pfropfmassen führt. Daher werden 
massige Lungenembolien vorwiegend von frischen roten 
Gefäßausgüssen gebildet, die sich von älteren, festeren 
Teilen losgerissen haben. 

A. MAYER, Tübingen: Thrombose und Embolei 
vom Standpunkt des Gynäkologen. ı. Von der vielfach 
berichteten Zunahme der Thrombose scheint es Aus- 
nahmen zu geben. Eine wirkliche Zunahme der kau- 
salen Bedingungen scheint schon deswegen nicht sicher 
bewiesen, weil wir diese nicht genau kennen. Die 
puerperale Thrombose scheint häufiger als die posts 
operative. Vermutlich hat die Verschiedenheit der 
Krankenmaterials (Varicen, Geburtenzahl, Arbeit, Er- 
nährungsart usw.) auf die Häufigkeit Einfluß; darum 
sollte man nicht Zahlen vergleichen, sondern Menschen 
2. Die Embolie ist bei uns häufiger geworden, auch ohne 
Zunahme der Thrombose. Im einzelnen ist dabei die 
Embolie häufiger nach Operation als nach Geburt 
häufiger nach okkulten und blanden Thrombosen als 
nach manifesten und infektiösen. 3. Die wirkliche 
Häufigkeit der Embolie ist schwer zu beurteilen, weil 
die Erkennung nicht immer ganz leicht ist und weil 
Verwechslungen mit Gallenblasenanfällen, Nierenstei- 
nen, postoperativen Peritonitisattacken usw. vor- 
kommen. 4. Die Differentialdiagnose zwischen infek- 
tiösen und blanden Thrombosen läßt sich klinisch 
weder nach Symptomen (Fieber, Schmerz), noch nach 
Verlaufsart (Tempo und Dauer der Beinanschwellung 
immer sicher durchführen. Die klinische Beobachtung 
bedarf in dieser Richtung künftig sehr der Verschärfung 
und der gesteigerten Sorgfalt. 5. Worin das gelegent- 
lich sehr rasch erfolgende Abschwellen des Beines seine 
Ursache hat, ist unbekannt (infektiöse oder blande 
I[hromben? Verhalten der Venenklappen und Kolla- 
teralen? usw.). Der Zeitpunkt der größten Embolie- 
gefahr ist fraglich. 7. Die Behandlung der Thrombose 
mit Gehverbänden verdient Beachtung. Eine sichere 
Prophylaxe gegen Thrombose und Embolie gibt es nicht 
8. Die TRENDELENBURGsche Operation bei Embolie ist 
eine wesentliche Bereicherung. Am erfolgreichsten ist 
sie da, wo eine Solitärembolie ohne Operation tödlich 
verlaufen würde; dieses aber ist klinisch oft nicht zu 
entscheiden. Die Indikationsstellung ist daher un- 
gewöhnlich schwer. Am striktesten ist die Indikation 
daher bei Sterbenden; hier sollte man immer den Ver- 
such der Rettung durch die Operation machen. 

O. NORDMANN, Berlin: Thrombose und Embolie. 

A. BÖTTNER, Königsberg i. Pr.: Zur Thrombose- 
Emboliefrage. Die Häufung der Thromboemboliefall 
beginnt mit Ausnahme der Schwangersc nse 


: 
hre, wo Störungen der vege 





der vierziger Ja 
hormonellen Regulation (nicht nur thyreogenen!) Boder 


fassen können. In dieser Hinsicht fördernde oder 
1 - 






konkurrierende Momente können sein 
Lebensintensivierung, Luxusernährung mit Fö 
intestigogener Intoxikation, kritiklose Vitaminsu 
vielleicht auch der Genuß von Südfrüchten im Winter 
usw., die fabrikmäßige Herstellung innersekretorische 


Nahrungs 


Präparate entzieht womöglich dieselben deı 


mitteln. Bei den gehäuften Thromboer 








1060 Kombinierte Sitzungen, Mittwoch den 


kardiovasculären Erkrankungen spielt die Herzkraft 
steigernde und zugleich übertriebene moderne Ent- 
wässerungsbehandlung (Bluteindickung?, cf. Polycyt- 
hämie!) eine Rolle, wobei Endothelschaden in erlah- 
menden Gefäßprovinzen Ausschlag für spontane Throm- 
bosenbildung geben kann. Prophylaktisch sind neben 
innersekretorischer Behandlung (Schilddrüse!) Bett- 
ruheschäden (z. B. mit dem BöTrnerschen Beinhoch- 
lagerungsgerät) zu bekämpfen. Therapeutisch kommt 
u.a. neben Peptongaben und O,-Atmung Spinalpunk- 
tion in Frage 

A. BLOHMKE, Königsberg i. Pr. : Zur Thrombose und 
Embolie. Die Lehre von der Thrombose ist von der 
Otologie durch Erforschung der pathologischen Vor- 
gänge bei der otogenen Thrombophlebitis in ihren 
lokalen sowie allgemeinen Auswirkungen fruchtbringend 
gefördert worden. Es gelang ihr früher und eindeutiger 
als anderen Disziplinen, sowohl das klinische Krank- 


heitsbild dieser Erkrankung scharf herauszuarbeiten, 
als auch die Ergebnisse dieser Forschung mit einer 
erfolgreichen operativen Therapie zu verbinden. Das 


war dadurch möglich, weil die im Felsenbein gelegenen 
und Venensysteme infolge ihrer besonderen 
ınatomischen und Abflußbedingungen es 
statten, einerseits das Übergreifen eines Infe ktionspro- 
zesses auf das Sinusrohr und damit die Entstehung 
Thrombose in ihm genau zu verfolgen, anderer- 
seits den ursächlichen lokalen thrombophlebitischen 
Krankheitsherd wirksam auszuschalten und damit eine 
Heilung der durch diesen vermittelten septicopyämi- 
schen allgemeinen Krankheitserscheinungen in der 
überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu erzielen. Es ist 
zu hoffen, daß es mit der Zeit auch in anderen Körper- 
nicht zuletzt unter Ver 
bei septicopyämischen 
‚den 


sinus 


Lage ge- 


einer 


gebieten möglich sein wird 

wertung der in der Otologie 
Krankheitszuständen gewonnenen Erfahrungen 
in solchen Fällen sicher immer vorhandenen, mit den 
heutigen diagnostischen Möglichkeiten aber noch nicht 
feststellbaren kausalen Krankheitsherd systematisch 
aufzudecken und ihn ebenso günstig operativ zu beein- 


flussen, wie es heute bei der otogenen Sinusthrombose 


der Fall ist. Damit wird der Begriff der krypto- 
genetischen Septicopyämie zwangsläufig eine immer 


erößere Einschränkung erfahren 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Augenheilkunde, 
Pathologie, Innere Medizin, Hygiene. 


Wittwoch, den 10. September, 17 Uhr: Gehauhrsaal 


Thema: Trachom. 
E. KUNZ, Königsberg i. Pr.: Die Veränderungen 
im Frühstadium des Trachoms. Auf Grund einer Reihe 





von histologisch untersuchten Fällen werden unter 
kritischer Würdigung der Literatur die frühen Ver- 
lerungen der Granulose beschrieben. Es werden die 
Veränderungen des Epithel owie insbesondere der 
lenoiden Schicht geschildert, die hier vorkommenden 
Zellformen besprochen unter besonderer Berücksich- 
gung der Plasmazellen und ihres zeitlichen Auftreten 
Weitere Untersuchungen sind dem Auftreten von 
Narbengewebe gewidmet, das sich bis in frühe Stadien 
verfolgen läßt 
A. BIRCH-HIRSCHFELD, Königsberg i. Pr.: Die 
Veränderungen im Spätstadium des Trachoms. Der 
Vortr. berichtet unter Vorführung von Mikrophoto- 
rammen über d Resultat der histologischen Unter- 
chung von mehr als 200 excidierten Tarsi mit Binde 
t l hildert die Veränderungen am |] pithel, in 
hypepithelialen und epitarsalen Gewebe sowie inner 
halb des Tarsus, die zu den für das Sehvermögen ver 
hängnisvollen Spätfolgen des Trachoms führen F 
zeigt sich, daß das Trachom im vorgerückten Stadium 


10., 


und Donnerstag, den 11. September. 


bis tief in den Tarsus entziindliche und degenerative 
Veränderungen feststellen läßt mit erheblichen lokalen 
Differenzen, daß der Charakter dieser Veränderungen 
sich von anderen klinisch ähnlichen Bindehauterkran- 
kungen deutlich unterscheidet, und daß sich aus den 
Befunden die Berechtigung der in trachomdurchseuch- 
ten Gegenden geübten medikamentösen, mechanischen 
und operativen Trachomtherapie in vollem Umfange 
ergibt 

W.CLAUSEN, Halle a.S.: Ätiologie des Trachoms. 
Emsige ätiologische Forschungen der letzten Jahre 
haben den Erreger des Trachoms bisher nicht auffinden 
lassen. Der von NoGucuHi trachomatösem Con- 
junctivalgewebe gezüchtete und als ,,Bacterium granu- 
losis‘‘ bezeichnete Mikroorganismus ist wohl sicherlich 
nicht der Erreger des Trachoms, eher schon ein oder der 
Erreger der Folliculosis conjunctivae. Trotzdem sind 
die Ergebnisse dieser Forschungen nicht rein negativer 


aus 


Natur, haben sie doch unsere Kenntnisse über das 
Wesen der Trachominfektiosität erheblich erweitert 
und vertieft, haben uns weiter zwei neue Einschluß- 


- die Einschlußblennorrhöe 
kennen gelehrt 


krankheitsbilder des Auges 
sowie die Schwimmbadconjunctivitis 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Botanik und 
Zoologie. 


Donnerstag, den 11. September, 9 Uhr: Neue Aula der Universität. 


Thema: Die Orientierung von Pflanze und Tier im 
Raume. 

W. ZIMMERMANN, Tiibingen: Botanischer Teil. 
Alle Orientierungsbewegungen der Pflanzen (Taxien 

freie Ortsveranderungen; Tropismen und Nastien 

Kriimmungen) zeigen auf reizphysiologischem Ge- 
biet viel Ubereinstimmendes auch mit den Orien- 
tierungsbewegungen der Tiere (Auslösungsprozeß, Reiz- 
mengengesetz usw.). Die Analyse der Krümmungs- 
bewegungen hat aber in den letzten Jahrzehnten tief- 
reichende Gemeinsamkeiten mit den eigentlichen ent- 
wicklungsphysiologischen Prozessen herausgearbeitet 
Beispiel: Phototropismus Hafer - ,, Koleoptile*‘ 
(= scheidenförmiges Primärblatt eines Haferkeimlings). 
Das Licht determiniert ungleiche Wuchsstoffverteilung 
und Wachstumsreaktionen an Licht- und Schatten- 
flanke (m.a.W. Querpolarität). Schafft das Licht dabei 
unmittelbar eine ‚„‚Integralpolarität‘, d.h. einen polaren 
Gegensatz der Hälften einer ganzen Pflanze (Lichtab- 
fallstheorien) oder „Differentialpolarität‘‘, 
einen polaren Gegensatz innerhalb der einzelnen Zellen 
(Lichtrichtungstheorien)? Wahrscheinlich Kombina 





einer 


eine etwa 


tion beider Prozesse. Bei Orientierungsbewegungen 
oberirdischer Organe wird die Polaritätsachse fast 
ausschließlich durch Licht (Phototropismus), durch 


Schwerkraft (Geotropismus) oder autonom gegebene 
Symmetrieverhältnisse (Nastien) festgelegt. 
Geotropismus entsteht primär eine Differentialpolari- 
tät, d. h. Massenverlagerung innerhalb der einzelnen 
Zellen oder Zellmembranen. Bei natürlich ablaufenden 
geotropischen Prozessen wechselt sehr häufig die Gefäll- 
richtung der 


Beim 


Polarisierung (Wechselgeotropismen s. 1.) 


Vermutlich ist auch das Kreisen der Winde- und 
Rankenpflanzen eine kombinierte Bewegung. Experi 
mentell festgestellt (zum Teil nach unveröffentlichten 
Versuchen) sind bisher mehrere ‚Zyklo'‘- Reaktionen 


(Zyklogeotropismus, Zy klophototropismus wahrschein 


lich auch Zyklonastie), d. h. Krümmungsbewegungen 
die auf einseitigen, geradlinig eintreffenden Reiz zu 
einer Kreisbewegung der Spitze führen. Es induziert 


also bei diesen Winde- und Rankepflanzen jeder wirk 


same Reiz eine „Drehpolarität‘. 


O. KOEHLER, Königsberg i. Pr.: Zoologischer Teil 


Der sichere Nachweis von Tropismen im botanischen 





: 
; 
; 
: 











Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 1061 


Sinne steht im Tierreich noch aus. Die Taxien frei- 
beweglicher Tiere als Tropismen zu bezeichnen, ist ein 
irreführender Mißbrauch. Phobische Taxien (auslösen- 
der Reiz: Intensitätsänderung in der Zeit; Reaktion: 
relativ zum _ Reizfelde ungerichtet, Unterschieds-, 
Schreckreaktion JENNINGS) und topische Taxien (Reiz: 
synchron ungleichmäßige Reizverteilung auf der Ge- 
samtsinnesfläche, Reaktion relativ zum Reizfelde ge- 
richtet) kommen nebeneinander vor, selbst beim gleichen 
Tier und gleicher Reizart. Protisten: Derselbe Reiz 
fördert (,,-Kinese‘‘) und richtet zugleich (,,-Taxis‘‘) die 
Bewegung. Hier geht die Analogie zum pflanzlichen 
Tropismus sehr weit. Metazoen gestatten trotz höherer 
Komplikation (Nervensystem) doch die Einordnung in 
das Taxienschema mit Nutzen. Topische Reaktionen 
überwiegen, sind von dreierlei Art: 1. Gleichgewichts- 
einstellung, Tropotaxis. Dem orientierten, reaktions- 
losen Indifferenzzustande entspricht Erregungsgleich- 
gewicht morphologisch symmetrischer Receptoren =ein- 
sinniger Lenker. Orientierungsunmöglichkeit bei Aus- 
fall einseitiger Receptoren. Resultantensatz bei doppel- 
seitiger Reizung. Unveröffentlichte Versuche über 
Tropotaxis im Bereich niederer Sinne. 2. Zieleinstellung, 
Telotaxis. Die Receptoren sind mehrsinnige Lenker, der 
vollzogenen Orientierung entspricht Reizung bestimm- 
ter Stellen der Sinnesfläche (bisher für Licht- und 
Schweresinn nachgewiesen). Vermöge von Bildung be- 
dingter Reflexe können bestimmte optische Gestalten, 
auch Bewegungsbilder Zielwert gewinnen. 3. Bei- 
behaltung eines bestimmten Erregungsungleichgewichtes, 
Menotaxis, bisher nur beim Lichtsinn nachgewiesen, bei 
niederen Sinnen gelegentlich vermutet. Ein und das- 
selbe Sinnesorgan kann Reaktionen nach verschiedenen 
Orientierungstypen vermitteln. Zudem kommen Über- 
gangsformen vor. Ein fruchtbarer Vergleich mit den 
pflanzlichen Tropismen (J. LoEB) würde sich auf die 
Tropotaxien beschränken müssen. 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Angewandte 
Botanik und Agrikulturchemie. 


Donnerstag, den 11. September, 10'/, Uhr: Hörsaal IX der Universität. 





Thema: Beziehungen zwischen Atmosphäre, Boden- 
und Pflanzenertrag. 


M. ANDRONIKOW-WRANGELL, Hohenheim: Das 
atmosphärische Jod und die Pflanze. Außer dem im 
Boden enthaltenen Jod stehen der Pflanze noch das 
Jod der Niederschläge und der Luft zur Verfügung 
Bei Wachstumsversuchen im Pflanzenernährungs- 
institut Hohenheim wurden die ersten beiden Quellen 
das Bodenjod und das Jod in den Niederschlägen, aus- 
geschaltet und die Frage geprüft, inwieweit das Luft- 


jod genügt, um das Bedürfnis der Pflanzen an Jod zu 


befriedigen und einen etwa normalen Jodgehalt in der 
\sche hervorzurufen Die Versuche zeigten, daß dic 
Pflanze imstande ist, recht erhebliche Mengen Jod aus 
mit Jod angereicherter Luft in Gasform durch die 
Blätter aufzunehmen und eine deutliche Jodanreiche- 





rung gegenüber normalen Pflanzen aufzuweisen In 
von Jod befreiter Luft sinkt der Gehalt an Jod in der 
Asche naturgemäß sehr erheblich und entspricht der 


in dem Saatgut enthaltenen Jodmenge; es konnten 
jedoch keinerlei Jodmangelerscheinungen im Habitus 
oder Ertrag von Pflanzen beobachtet werden, die völlig 
jodfrei aufwuchsen 

P. HOLDEFLEISS, Halle a. $.: Agrarmeteoro- 
logie: Einfluß der Witterungsfaktoren auf Bodenbildung 
und Ackerertrag. Es ist nötig, den Einfluß der Witte- 
rungsfaktoren auf alle landwirtschaftlichen Vorgänge 
und Erträge durch exakte Forschungsarbeiten kennen- 
zulernen, wie es bereits auf dem Gebiete der Bodenkunde 


weitgehend erreicht ist. Das Verhältnis der Verdun- 
stung zur Niederschlagsmenge bestimmt das Verhalten 
der Bodenkolloide, unter dem Einfluß der im Boden 
löslichen Salze. Auch die Bildung von Schwefelwasser- 
stoff und Schwefeleisen im Boden hängt davon ab. 
Ebenso die Entkalkung des Bodens. Unterschied des 
Bördebodens von Schwarzerde als Folge der Nieder- 
schlags- und Bodenwasserverhältnisse. Die Ernte- 
erträge beim Getreide werden günstig beeinflußt durch 
trockene, sonnenreiche Wintermonate bis März oder 
April und durch regenreiche kühle Witterung im Mai 
und Juni. Die Quantität der Zuckerrübenernte hängt 
ab von der Niederschlagsmenge von Juni bis September, 
die Qualität von Trockenheit und Sonnenschein beson- 
ders im September. Bei vielen Obstsorten wird die 
Höhe der Ernteerträge begünstigt durch Trockenheit 
im Vorjahr, verbunden mit hoher Temperatur, geringer 
Luftfeuchtigkeit und langer Sonnenscheindauer, da- 
gegen durch Feuchtigkeit im Ernteiahr, verbunden mit 
niedriger Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit und ge- 
ringer Sonnenscheindauer. Einige Früh-, Herbst- und 
Winterbirnensorten verhalten sich umgekehrt. Die 
Backqualität des Weizens nimmt vom kontinentalen 
nach dem maritimen Klima zu ab. 

O. HEUSER, Danzig: Der Temperaturverlauf im 
Ackerboden und seine Beziehungen zum Pflanzenwachs- 
tum. Auf ı2 verschieden behandelten bzw. verschieden 
bearbeiteten Feldparzellen wurde in 3 Bodentiefen 
(5, 171/, und 30 cm) der Temperaturverlauf während des 
ganzen Jahres durch täglich dreimalige Ablesung 
an fest eingelassenen Thermometern mit waagerecht 
liegendem Quecksilbergefäß ermittelt. Die Ergebnisse 
werden in Verbindung mit dem Temperaturverlauf der 
Luft in 2 m Höhe, sowie dem Temperaturverlauf dicht 
über dem Erdboden a) bei Hackfrüchten, b) bei 
Getreide gebracht. Als Ergänzung dienen Bestimmun- 
gen des Wassergehalts im Boden und des Porenvolu- 
mens. Die Untersuchungen geben einen genauen Ein- 
blick in den Temperaturverlauf in verschiedenen Acker- 
schichten, gleichzeitig lassen sie eine deutliche Ein- 
wirkung der Behandlungsart auf die Bodentemperatur 
und auf den physikalischen Bodenzustand, sowie be- 
stimmte Beziehungen zum Pflanzenwachstum erkennen. 
Besonderheiten der Versuchsanstellung auf diesem Ge- 
biet werden erörtert und die Notwendigkeit zu weiteren 
eingehenden Untersuchungen betont. 

A. VOLK, Bonn a. Rh.: Der Einfluß von Umwelt- 
faktoren, insbesondere der Ernährung auf das Verhalten 
der Pflanzen gegenüber pilzlichen Parasiten. In fünf- 
jährigen Vegetationsversuchen wurden eine Reihe 
verschieden ernährter Gewächse mit einer großen Zahl 
von Parasiten beimpft. Neben wechselnder Ernährung 
wurden als Umweltfaktoren noch in die Untersuchungen 
einbezogen verschiedene Boden- bzw. Luftfeuchtigkeit 
verschiedene Lichtintensität, verschiedener CO,-Gehalt 
der Luft, wechselseitige Beeinflussung von Parasiten 
Die Versuche zeigten, daß durch die Umwelt das Ver- 
hältnis von Parasit zum Wirt grundsätzlich geändert 
werden kann, daß aus einem Zusammenleben, in dem 
der Pilz die normale Lebensfähigkeit des von ihm 
durchwachsenen Gewebes verlängert, ein rein parasiti- 
sches Verhältnis werden kann, in dem der Parasit in 
kurzer Zeit seinen Wirt abtötet. Für Beurteilung von 
Pflanzenschäden durch Parasiten in der Praxis ist in 
bezug auf die Bedeutung der Umwelt mehr als bisher 
Nachdruck auf die Veränderung der Pflanze als auf 
die Beeinflussung des Parasiten zu legen. Nicht so sehr 
die Umgestaltung der Lebensbedingungen für den 
Pilz als die Veränderung in der Reaktion der Pflanze 
gegeuüber dem Parasiten bedingen das Ausmaß der 
Schädigung. 





1062 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin, 
Pathologie, Kinderheilkunde, Ohrenheilkunde, Hygiene, 
Deutsche sozialhygienische Gesellschaft. (Kingeladen 
Abt. Dermatologie, angew. u. theoret. Veterinärmedizin.) 


Donnerstag, den 11. September, 8 Uhr: Großer Saal der Stadthalle. 
A. LINCK, Greifswald: Die chronische Tonsillo- 


pathie. Krankheitsbegriff. Nicht nur entzündliche Vor- 
gänge, sondern auch solche Gewebsveränderungen, auf 





welche die Kriterien des Entziindungsbegriffs nicht 
zutreffen, können die Grundlage des chronischen 
Tonsillenleidens abgeben. Deshalb muß dies Leiden 


als chronische Tonsillopathie bezeichnet werden. Die 
Pathogenese der chronischen Tonsillopathie ist in 
der Hauptsache funktionell bedingt, wobei unter Ton- 
sillenfunktion der Abwehrkampf gegenüber pathogener 
Infektion verstanden werden muß. Das pathologisch- 
anatomische Bild der chronischen Tonsillopathie wird 
je nach der Entwicklungsphase und Intensität dar- 
gestellt von akut- und chronisch-entzündlichen Ver- 
änderungen und von Reizzustanden im Epithel 
und im lymphatischen Apparat. Das pathologische 
Entwicklungsprogramm der chronischen Tonsillopathie 
ist abhängig von dem Vorhandensein und der Lei- 
stungsfähigkeit funktioneller Kompensation. Ihr Feh- 
len führt zu den tonsillogenen Komplikationen. Die 
Symptomatologie: Die kompensierte chronische Ton- 
sillopathie ist meistens symptomlos. Symptome 
treten ausnahmsweise auf. Im Stadium der funk- 
tionellen Dekompensation oder Dysfunktion ergeben 
sich die mannigfaltigen Symptome aus den jeweiligen 
komplizierenden Krankheitszuständen. Die Diagnose 
der chronischen Tonsillopathie ist in den Lebensjahren, 
welche dem Ablauf der tonsillären Involution ent- 
sprechen, im allgemeinen ohne weiteres gegeben mit 
dem Vorhandensein der Gaumenmandeln. Durch die 
Symptome und die komplizierenden Krankheitszu- 
stände wird die Diagnose klinisch und anatomisch 
entsprechend differenziert und erweitert. Die Therapie: 
Für die kompensierte chronische Tonsillopathie kommen 
klimatische, physikalisch-diätetische, medikamentöse, 
mechanische, konservativ-chirurgische und radikal- 
chirurgische Maßnahmen (Tonsillektomie) in Betracht, 
deren Auswahl sich aus der Art und Intensität der 
symptomatischen Beschwerden ergibt. Bei der de- 
kompensierten Tonsillopathie ist neben der kurativen 
Behandlung der Komplikationen primär oder sekundär 
die kurative oder prophylaktische Tonsillektomie unter 
allen Umständen indiziert. 

ARIMA, Osaka (Japan): Tuberkuloseschutzimpfung 
mit AAO. 


E. G. DRESEL, Greifswald: Die Stellung der Sozial- 
hygiene zur allgemeinen Hygiene. Der Begriff ,,Sozial- 
hygiene‘ ist auch neuerdings von SCHLOSSMANN noch 
nicht geklärt. FLATZECKS Begriff von den armutbeding- 
ten Gesundheitsschaden ist zu eng. Alle Hygiene der Neu- 
zeit geht aus von unhygienischen Zustanden der armen 
Industriebevélkerung, hangt aber nicht nur von reinen 
Nitzlichkeitserwagungen ab, sondern wird notwendig, 
wo aufgelockerte sittliche Bindungen, wo zersetzte 
Gesellschaft und Gemeinschaft unhygienische Zu- 
stande in Menschengruppen auslösten. Scharf zu tren- 
nen sind Gesundheitslehre als Forschung und Gesund- 
heitspflege als in Tat umgesetzte Forschung. Hygiene 
darf nicht dem Heilwesen übergeordnet, auch nicht nur 
als Krankheitsverhütung aufgefaßt werden. ‚‚Sozial- 
hygiene’ hat keine eigenen Forschungsmethoden und 
ist nicht sozialer Fürsorge gleichzusetzen. Erkenntnisse 
der neuen Gesellschaftslehre müssen für die allgemeine 
Hygiene genützt werden, ohne eine Sozialisierung der 
Gesundheitspflege zu bedingen. „Sozialhygiene‘‘ ist 





Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 


kein Gegensatz zur allgemeinen Hygiene, sondern eine 
heute stärker zu berücksichtigende Betrachtungsweise, 
ohnediedie allgemeine Hygiene, wie sie heute schonan 
den Universitäten gelehrt wird, nicht auskommen kann. 

DE BARY, Frankfurt a. M.: Sozialhygiene und 
praktische Medizin. Der Aufschwung der Wissenschaft 
und die wirtschaftlich-sozialen Änderungen in den 
letzten 50 Jahren haben Stellung und Aufgaben der 
ausübenden Heilkunde wesentlich beeinflußt. Aus den 
Ergebnissen der Hygiene und der öffentlichen Gesund- 
heitspflege hat sich, gestützt auf die Lehren, die aus 
den Erfahrungen der Sozialversicherung gezogen wur- 
den, die Forschungsgruppe der Sozialhygiene gebildet, 
deren Wesensart mit dem Begriffe der Gesunderhaltung 
des Volksganzen umrissen wird, und deren Aufgaben 
als ein Teil der Gesamtpflichten des Arztes betrachtet 
werden. Die praktische Medizin hat bisher die Auf- 
gaben erfüllt, die ihr von der medizinischen Wissen- 
schaft gestellt wurden. Dies wird an Hand der er- 
reichten Fortschritte für die Volksgesundheit dargetan 
Auch in Zukunft wird die praktische Medizin erfolgreich 
an den Aufgaben der Wissenschaft auch der Sozial- 
hygiene mitarbeiten können, wenn man sie in die 
Kenntnis dieses Zweiges der Wissenschaft einführt. Die 
Kenntnisse müssen an die Ärzteschaft herangebracht 
werden durch die Ausbildung der Studierenden, die 
ärztliche Fortbildung und durch Einarbeitung der 
sozialhygienischen Gedanken in die praktische Medizin, 
die für die Erweiterung ihres Wirkungsfeldes der Stär- 
kung des Vertrauens bedarf und hierfür die Hilfe der 
Sozialhygiene erwartet, die ihrerseits der Mitarbeit der 
praktischen Medizin nicht entbehren kann. Gemein- 
same Arbeit der Vertreter der Sozialhygiene und der 
praktischen Medizin wird die sozialhygienischen Ge- 
danken zum Ziele führen, die Gesundung des Volks- 
ganzen fördern und durch die aus den sozialhygie- 
nischen Ideen zu erwartende Veredelung der ärztlichen 
Tätigkeit das Ansehen des Ärztestandes heben. 

A. PALDROCK, Tartu (Dorpat): Meine Lepra- 
behandlungsmethode. Kälteanwendung hat eine Zu- 
standsänderung der Kolloide nach der grobdispersen 
Phase hin zur Folge. Erfrorene Leprome werden re- 
sorbierbar, wobei die aufgespaltenen und über den 
ganzen Körper geschwemmten Produkte als Antigene 
Antikörperbildung veranlassen, infolgewessen nicht er- 
frorene Leprome dem gleichen Geschick wie erfrorene 
verfallen — also auch zum Verschwinden gebracht 
werden. Solche vermittels Kohlensäureschnee betrie- 
bene spezifische Reiztherapie ist eine Autoimmunisa- 
tion, welche nach zweijähriger Anwendung zur Abge- 
stumpftheit gegen Kohlensäureschneeanwendung führt. 
Für andersartige Reize aber ist der abgestumpfte 
Körper noch empfänglich geblieben, weshalb jetzt eine 
Chemotherapie angebracht ist mit Mitteln, welche che- 
mische Affinität zu den schon geschwächten Lepra- 
erregern haben. Geeignet hierzu sind die organischen 
Goldpräparate Solganol und Lopion. Sie geben gute 
therapeutische Resultate und wandeln auch noch die 
gegen Kohlensäureschneeanwendung ausgebildete Ab- 
gestumpftheit in Allergie um. Durch beide Behand- 
lungsmethoden, abwechselnd bei Leprösen angewandt, 
kann Heilung erzielt werden. Die Behandlung kann 
mit sonstigen Hilfsmaßnahmen auch noch kombiniert 
werden. 

H. MIESSNER, Hannover: Paratuberkulose, ihre 
Verbreitung und Diagnose. Die Paratuberkulose ist 


eine Erkrankung des Rindes, die mit Hypertrophie der 
Darmschleimhaut und der mesenterialen Lymphknoten 
einhergeht. Sie wird erzeugt durch ein säurefestes, dem 
Tuberkelbacterium ähnliches, jedoch etwas kürzeres 
und daher plumper erscheinendes Stäbchen. Es findet 











Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 1063 


sich gewöhnlich in Massen in der veränderten Darm- 
schleimhaut sowie in den zugehörigen Lymphknoten. 
Der Nachweis gelingt leicht in Ausstrichen von der 
Darmschleimhaut nach der Färbung von ZIEHL- 
NELSEn. Die Bakterien sind hierbei meist nesterweise, 
in Haufen gelagert, sichtbar. Die Züchtung des Erregers 
gelingt nur schwer auf eiweißreichen Nährböden nach 
der Methode von TworT und InGrAMm. Die Krankheit 
verläuft stets chronisch unter periodisch auftretendem 
Durchfall und zunehmender Abmagerung. Sie tritt in 
einzelnen Beständen endemisch auf, gewöhnlich nach 
dem ersten oder zweiten Kalben. Der Erreger wird 
häufig schon während der Saugezeit mit bakterien- 
haltigem Kot kranker Mütter aufgenommen. Die 
Diagnose läßt sich zu Lebzeiten durch Nachweis der 
Paratuberkelbakterien im Kote sichern. Weitere dia- 
gnostische Methoden sind die Lidbindehaut- sowie die 
Subcutanprobe nach Applikation von Paratuberkulin 
bzw. Geflügeltuberkulin. Eine Behandlung kranker 
Tiere erscheint aussichtslos 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Innere Medizin, 
Gynäkologie, Geburtshilfe, Pathologie und Gericht- 
liche Medizin. 


Donnerstag, den 11. September, 11 Uhr: Gebauhrsaal. 


H. NAUJOKS, Marburg (Lahn): Neuere Gesichts- 
punkte hinsichtlich der Indikationsstellung zum künst- 
lichen Abortus auf der Grundlage des heutigen Gesetzes, 
Auf Wunsch werden nur die Krankheitsbilder abgehan- 
delt, die im wesentlichen internistische Beratung er- 
heischen. Das in den letzten Jahren neu Erkannte 
wird kurz zusammengefaßt, die noch offenen und um- 
strittenen Fragen werden besonders hervorgehoben. 
Eine Wiedergabe des Inhaltes — selbst in Form kurzer 
Leitsätze — ist wegen des beschränkten Raumes hier 
nicht möglich. Es soll nur erwähnt werden, daß die 
wesentlichsten Wandlungen auf dem Gebiet der 
Schwangerschaftstoxikosen und der Blutkrankheiten 
zu verzeichnen sind. Beim Diabetes hat das Insulin 
neue Gesichtspunkte gebracht. Krebs und Röntgen- 
strahlen mit ihren Beziehungen zur Schwangerschafts- 
unterbrechung werden als neue Indikationen diskutiert. 

P. FRAENCKEL, Berlin: Die pathologische Ana- 
tomie des kriminellen Aborts. Das Referat gibt eine 
kritische Übersicht über die mit kriminellen Aborten 
zusammenhängenden Befunde, hauptsächlich auf Grund 
der Berliner gerichtsärztlichen Erfahrungen und mit 
Rücksicht auf ihre kriminalistische und gerichtliche 
Bedeutung. Zur Diskussion gestellt werden u. a. Fragen 
zum Thema Luftembolie, Gasbrand, intrauterine Fremd- 
körper, primäre Sepsis oder sekundäre nach therapeuti- 
schem Eingriff wegen lokaler Infektion. 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hals-, Nasen- und 
Ohrenheilkunde, Innere Medizin, Hygiene, Chirurgie und 
Kinderheilkunde. 


Donnerstag, den 11. September, 15 Uhr: Neue Aula, Universität. 


A. SEIFFERT, Berlin: Zur Behandlung retrobul- 
bärer Eiterungen. Die eiterigen Prozesse in der Orbita 
hinter dem Augapfel nehmen meist ihren Ursprung von 
erkrankten Siebbeinzellen. Es empfiehlt sich, den Ent- 
zündungsherd nach endonasaler Ausräumung des Sieb- 
beins und Fortnehmen der Lamina papyracea vom 
Naseninnern aus freizulegen. Handelt es sich um sub- 
periostale Abscesse an der medialen Wand der Orbita, 
was nicht selten der Fall ist, so ist damit der Eiterherd 
breit eröffnet. Liegt er aber im orbitalen Fettgewebe, 
so wird die Periorbita gespalten und durch stumpfes 
Auseinanderdrängen des Fettgewebes dem Eiter nach 
der Nase zu Abfluß geschaffen. Diese Operations- 
methode eignet sich für jedes Lebensalter, sie ist sogar 








beim Säugling wiederholt mit Erfolg ausgeführt worden. 
Am Boden der Orbita liegende Abscesse werden am 
besten durch die Kieferhöhle hindurch eröffnet. 

F. BLUMENFELD, Wiesbaden: Über den Zusam- 
menhang zwischen Wetter und Krankheiten. Die bis- 
herigen Untersuchungsmethoden über den Zusammen- 
hang des Entstehens von Krankheiten mit den jeweiligen 
Witterungsverhältnissen haben infolge falscher Syste- 
matik der Untersuchungen zu keinem befriedigenden 
Ergebnis geführt. Mit Beziehung auf Mitteleuropa wird 
die Luftkörpertheorie kurz dargestellt, und es wird so- 
dann gezeigt, daß gewisse Krankheiten in ihrem Auf- 
treten abhängig sind von dem jeweils herrschenden 
Luftkörper bezw. von dem Wechsel des Vorherr- 
schens dieser Luftkörper. Das Auftreten der in Deutsch- 
land im Monat Juni 1930 beobachteten Epidemie von 
Angina wird an Hand synoptischer Karten als Beispiel 
dargelegt. 

A. LAUTENSCHLÄGER, Berlin: Das Ozaena- 
problem im Lichte der operativen Therapie. Die 
Theorie vom entzündlichen Herkommen der genuinen 
Ozaena hat zur operativen Therapie geführt. Diese 
wiederum hat der Entzündungslehre die stärksten 
Stützen gegeben: a) durch die Veränderungen des 
Krankheitsbildes infolge operativer Eingriffe, b) durch 
die Aufdeckung der Nasennebenhöhlen, c) durch die 
Untersuchung des dabei gewonnenen anatomischen 
Materials. Demnach verdanken wir der operativen 
Therapie, abgesehen von ihrer Heilwirkung, die schlüs- 
sigen Beweise vom entzündlichen Ursprung der genuinen 
Ozaena, deren Wesen im Lichte dieser Therapie gezeigt 
werden soll. 

GOLDMANN, Iglau: Die Nebenhöhlen der Nase in 
ihren Beziehungen zur allgemeinen Pathologie. 


Kombinierte Sitzung der Abteilungen Hygiene und 
Deutsche Sozialhygienische Gesellschaft. 
Donnerstag, den 11. September, 15 Uhr: Gebauhrsaal. 

CÖRPER, Köln: Krankenhaus und Gesundheitshaus 
in ihrer Bedeutung für die öffentliche Gesundheitspflege. 


F. ICKERT, Gumbinnen: Die Sozialversicherung 
vom Standpunkte des Fürsorgearztes. Wenn man 
das Ziel der Gesundheitsfürsorge als die planmäßige 
Bewirtschaftung der Gesundheit und dasjenige der 
Sozialversicherung als die Erhaltung und Wiedergewin- 
nung der Arbeitsfähigkeit neben der Versorgung der 
Alten und Invaliden definiert, so sind die Ziele beider 
entschieden wesensverwandt. Die geschichtliche Ent- 
wicklung der Gesundheitsfürsorge (Gründung durch 
Kommunen oder Vereine) ließ Gesundheitsfürsorge und 
Sozialversicherungen zunächst ziemlich unbeeinflußt 
nebeneinander herlaufen, obwohl die RVO schon immer 
über recht konkrete Bestimmungen zur Anwendung von 
Invalidität verfügte. Langsam erst brach sich bei den 
Trägern der Sozialversicherungen der Gedanke Bahn, 
daß die Einrichtungen der Gesundheitsfürsorge geeignet 
seien, viele der Krankheiten, die zur vorzeitigen Invalidi- 
tät führen, schon frühzeitig zu erkennen; andererseits 
zeigte sich, daß sich die Gesundheitsfürsorge nur richtig 
auswirken konnte, wenn sie sich für die von ihr Be- 
treuten auf alle die ihr zustehenden Mittel der Sozial- 
versicherungen stützen konnte. — Die Sozialversiche- 
rungen geben jährlich rund 6 Milliarden aus, um fünf 
Neuntel des deutschen Volkes über die gesundheitlichen 
und wirtschaftlichen Krisen des Daseins hinwegzuhelfen. 
Ihnen ist es vornehmlich zu verdanken, daß die Tuber- 
kulosesterblichkeitskurve nach dem Kriege so rasch ge- 
sunken ist. Das Reichsgesetz über die Gesundheits- 
fürsorge vom Jahre 1925 und die bekannten Richtlinien 
des Reichsarbeitsministers ebnen nunmehr einer ratio- 
nellen Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsfürsorge 








1004 


und den Trägern der Sozialversicherungen den Weg. 
Jedoch bedrohen die schweren jetzigen und kinftigen 
Krisen der Sozialversicherungen auch die Gesundheits- 
(Niedergang der Wirtschaft, Vergreisung des 
An der Rationalisierung der Sozialversiche- 
h naturgemäß der Fürsorgearzt, der im 
Sozialversicherung 
beteiligen 


tiirsorge 
Volkes 
rungen muß si 
Einzelfalle die Massenfürsorge der 
in Individualfürsorge umsetzt, mithelfend 
Der veränderte Altersaufbau des Volkes bringt neue 
vorzeitige Invalidität bedingende Volkskrankheiten 
(Herzkrankheiten, Krebs, rheumatische Leiden) mit 
sich Das Problem der Beschäftigung der 
beschränkten schiebt sich immer mehr in den Vorder 
Dem Fürsorgearzt liegt es ob, durch Finden 
geeigneter Arbeitsmethoden den Sozialversicherungen 
die Wege zu weisen, damit diese den neuen Aufgaben 
und auch der Menschenökonomie ge 


Erwerbs- 


grund 


der Gesundheits 
recht werden können 

C. BEUSCH, Königsberg i. Pr.: Die Sozialhygiene 
in der Verwaltung einer deutschen Großstadt. Der 
deutschen Selbstverwaltung und besonders den deut- 
schen Großstädten sind aus der kulturellen Entwicklung 
unserer Zeit neue Verwaltungsaufgaben erwachsen. Zu 
ihnen gehört die Übernahme von Erfahrungen der 
Sozialhygiene in die Verwaltungspraxis. Irgendwie sind 
sie wohl von allen Großstädten berücksichtigt worden 
Die notwendige vollkommene Auswirkung wird aber 
allein erreicht durch eine Zusammenfassung aller Teil- 
gebiete zu einer planmäßigen Gesundheitsfürsorge. 
Ihre Organisation muß dem Umfange und den Arbeits- 
methoden der Sozialhygiene gerecht werden, aber auch 
die übernommenen allgemeinen Verwaltungsgrundsätze 
berücksichtigen. Eine derartige Organisation wird nicht 
nur unentbehrlich für die kommunale Arbeit am Ge 
meinwohl, sondern auch der Mittelpunkt für jede über- 
haupt betriebene Gesundheitsfürsorge 

BENZE, Heinrichswalde: Gesundheitsfürsorge auf 
dem Lande. 

KALLE, Mansfeld: Tuberkulosefürsorge auf dem 
Lande. Die Durchführung der Tuberkulosefürsorge ist 
an zweckentsprechend eingerichtete und gut geleitete 
Tuberkulosefürsorgestellen gebunden, da nach dem 
Stande der heutigen Wissenschaft die Erkennung d 
Frühformen der kindlichen wie Erwachsenentuberkulose 


rium und einen gebrauchsfähigen Röntgen- 
apparat voraussetzt. In den Groß- und Mittelstädten 
dürfte die Einrichtung von Tuberkulosefürsorgestellen 
und planmäßige und zweckmäßige Tuber- 
kulose-Fürsorgebekämpfung gesichert sein. Anders auf 
Provinzen Deutschlands ist 
lürsorgestellen auf dem noch sehr 


ein Laborat 


omit eine 


dem Lande In manchen 
das Netz der 
lickenhaft, in n 
Ansätze für Einrichtung von Tuberkul 
vorhanden. Im Regierungsbezirk Gumbinnen hat Re- 
| Medizinalrat ICKERT gezeigt, daß eine 
lückenlose Überziehung des flachen Landes mit brauch- 
I glich ist; die Ent 


t ihre 


Lande 
anchen Provinzen sind überhaupt erst 


sefürsorgestellen 
gierungs- un 
tellen sehr wohl mi 
wicklung die Tuberkulosefürsorgestellen t 
Notwendigkeit bewiesen. Wie sich eine kleine ländliche 
I aus primitivsten Anfängen und mit ein 
Mitteln zu einer angesehenen Forsch 

entwickeln kann, zeigt der Werdegang der Tuberk 

j 


aren Fürsorge 


Irsorgestelie 


lungsstatte 





estelle in M 


lürsorg l nsieid 

H. REITER, Schwerin und Rostock: Auswirkung 
von Anlage und Milieu, untersucht an adoptierten, un- 
ehelich Geborenen. Mit Unterstützung des Reichs 
ministeriums des Innern wurde an den Jugendämtern 


Dresden, Leipzig und Hamburg unter Mitwirkung zu 
Aszendenz 


Kinder erforscht 


unehelich Ge 


Dienststellen die 
borener, der Adoption zugeführteı 


tändiger 





Kombinierte Sitzungen, Donnerstag, den 11. September. 


die diesbezüglich sichere Grundlagen boten. Unberück- 
sichtigt blieben demnach uneheliche Kinder, deren 
Väter unbekannt nicht anerkannt waren. Fit 
Dresden konnten 56, für Leipzig 29, für Hamburg 
53 Kinder, zusammen 138, verfolgt werden. Sämtliche 
befanden sich mindestens 5 Jahre in Kontrolle der 
Jugendämter. In Abständen von 5 Jahren wird die 
Enquete für sämtliche noch erfaßbare Kinder fort- 
Berücksichtigt den natürlichen 


oder 


gesetzt wurden bei 


Eltern Angaben über gesundheitliche und kriminelle 
Belastung, Elternberuf, Gesundheit, Alter und Beruf 
bei Zeugung, gegenwärtiger Beruf, dazu bei den 


Müttern frühere Geburten, Gesundheit, Alter und Be 
ruf bei Geburten. Beim Kind selbst wurde geachtet 
auf Geschlecht, Geburtsverlauf und -gewicht, Stillen 
Zeit des Laufen- und Sprechenlernens, Anzahl deı 
Pflegestellen vor Adoption, Alter bei Adoption, Ge 
sundheit und Schulleistungen vor und nach Adoption 
Bei den Adoptiveltern wurde berücksichtigt Alter, Ge- 
sundheit und Beruf Neben der Beobachtung deı 
Kinder über ihre Bewegung innerhalb oder zwischen 
den verschiedensten Volksschichten wurden Pfropf- 
stammbäume aufgestellt, die bisher erkennen lassen 
daß die biologische Herkunft die Kindesentwicklung be- 
stimmt und die Adoption als Milieuveränderung eine 
durch die Anlage Entwick- 
lung lediglich mehr oder weniger zu modifizieren im- 


biologische vorgeze ichnete 
stande ist. 

KIREEW, Moskau: Uber die epidemiologischen, 
klinischen, therapeutischen und prophylaktischen Er- 
gebnisse der Scharlachepidemie 1923 — 1929. Der 
Scharlach verläuft in der U.S.S.R. wellenartig mit 
bald größeren, bald kleineren Schwingungen. Von 1923, 
nach einer Periode niedrigen Niveaus der Morbidität, 
stieg der Scharlach sprungartig und nahm eine epi- 
demische Form an, welche sich an einigen Orten zu 
einer bedeutenden und hartnäckigen Epidemie ent- 
wickelte. In Moskau übertraf sie alle früheren in 
den letzten 43 Jahren. Die jetzige Epidemie muß 
der Schwere des Verlaufs nach als eine mittelstarke 
Form bezeichnet werden und zeigt einige ihr eigene 
Besonderheiten Nach dem Material des Botkin- 
Hospitals ist ein verhältnismäßig häufiges Auftreten 
von Rezidiven und Erkrankungen Erwachsener zu ver- 
zeichnen; von Komplikationen herrschen Ohreı 
erkrankungen mit häufigem Übergang in Mastoiditis 
vor. Die intramuskuläre Anwendung des antitoxischen 
und kombinierten (Behringwerke) antiskarlatinösen 
Serums gibt in Fällen toxischen Scharlachs einen glän- 
zenden therapeutischen Effekt. In septischen Fällen 
sind wir, wie früher, machtlos. Nach den Erfahrungen 
der Moskauer Hospitäler gab die Entlassung der Kran- 
ken aus dem Hospital nach Schwinden des hämolyti- 
schen Streptococcus Resultate. Unter den 
Bedingungen spezieller Abteilungen mit Boxenanwen 


günstige 
dung für Rekonvaleszenten werden 53% der Kranken 
in 4—6 Wochen von Beginn der Erkrankung vom 
Streptococcus befreit; bei Unterbringung der Kranken 
in kleinen Zimmern (zu 2—4 
Komplikationsfälle entfernt 
Streptococcen in derselben 


Kranken), wobei di 
werden, verlieren den 
Zeit 25% der Kranken 
Die nach dreimaligem negativem Befund entlassenen 
Kranken Sinne einer Infektionsüber- 
tragung, als ungefährlich ansehen Die Scharlacl 
welche von der Mosk epidem 
Abteilung ausgeführt werden, zeigen cine 4 mal geringere 
Morbidität unter den Geimpften. Der Verlauf des Schar- 
lachs ist unter den Geimpften leichter, und die Kom- 
Letalität ist bei den 
Geimpften ıomal geringer als bei den Nichtgeimpften 





kann man, im 


sanıt 


immunisierungen, 


plikationen sind seltener. Die 











AUTOREFERATE DER VORTRAGE DER NATURWISSENSCHAFTLICHEN 
ABTEILUNGEN UND BEFREUNDETER GESELLSCHAFTEN. 


Deutsche Mathematiker-Vereinigung. 


Donnerstag, den 4. September, 9 Uhr: Hörsaal I, Universitat. 


H. GEPPERT, Gießen: Die Klassifikation der alge- 
braischen Flächen. Die Klassifikation der algebraischen 
Flächen nach ihren Invarianten gegenüber birationalen 
Transformationen knüpft an das Vierundzwanziger- 
geschlecht an. Ist dieses gleich Null, so ist die Fläche 
einer Regelfläche äquivalent; ist es Eins, so erhält man 
die singulären Flächen, die keine eigentlichen mehr- 
kanonischen Kurven besitzen und alle Geschlechts- 
zahlen gleich Null oder Eins haben (sie werden noch 
genauer unterteilt). Ist es schließlich größer als Eins, 
so erhält man die Flächen mit mehrkanonischen 
Kurven, die ein invariantes Bild besitzen. Das Vier- 
undzwanzigergeschlecht ist das niedrigste Geschlecht, 
das diese Einteilung zuläßt. Im besonderen werden die 
Flächen mit dem geometrischen Geschlecht Null 
(Regel- und elliptische Flächen) nach neuen Methoden 
behandelt und eingehend klassifiziert. 

VANDIVER: The composition of the ideal-class- 
group in an irregulary cyclotomic field. 

O0. TAUSSKY, Wien: Eine Verschärfung des Haupt- 
idealsatzes. 

H. HASSE, Marburg: Über p-adische Schiefkörper 
und ihre Anwendung auf die Arithmetik hyperkomplexer 
Zahlsysteme. Es werden alle Schiefkörper über einem 
p-adischen algebraischen Zahlkörper als Zentrum be- 
stimmt. Für jeden Grad gibt es im wesentlichen nur 
einen Typus, dessen algebraische und arithmetische 
Struktur aufgedeckt wird. Mit Hilfe dieser Unter- 
suchungen wird die Arithmetik in einem beliebigen, 
halb einfachen hyperkomplexen Zahlsystem über einem 
algebraischen Zahlkörper als Zentrum in einfacher, 
naturgemäßer und durchsichtiger Weise aufgebaut. 
Die Stellung dieses Aufbaus zu früheren arithmetischen 
Theorien über hyperkomplexe Systeme kann wie folgt 
gekennzeichnet werden: Der nach dem Muster der 
DEDEKINDschen Idealtheorie vorgehenden Theorie von 
BRANDT und ARTIN wird eine Fortführung der SPEI- 
serschen Theorie an die Seite gestellt. Zum Schluß 
wird überdies der Übergang zur DEDEKIND-BRANDT- 
Artinschen Theorie nach PRÜFER-v. NEUMANNschen 
Prinzipien vollzogen. 


R. BRAUER, Königsberg i. Pr.: Über Schiefkörper. 


ST. PIETRKOWSKI, Erlangen: Über unendliche 
Abelsche Gruppen. Der Satz über die bis auf holondri- 
sche Isomorphie eindeutige Zerlegung einer endlichen 
ABELschen Gruppe in eine direkte Summe von primären 
cyclischen Gruppen läßt sich sinngemäß- auf eine ge- 
wisse Klasse unendlicher ABELscher Gruppen, die sog. 
abgeschlossenen Gruppen übertragen. Jede ABELsche 
Gruppe läßt sich in eine abgeschlossene einbetten. 
Stellt man die unendlichen ABELschen Gruppen als 
topologischen Punktraum dar, indem man gewisse 
„große“ Untergruppen und ihre Restklassen als Um- 
gebungen einführt, so haben die Gruppenräume der 
abgeschlossenen Gruppen eine Eigenschaft, die sich 
ungefähr mit der Kompaktheit von Räumen vergleichen 
läßt. 





F. K. SCHMIDT, Erlangen: Über mehrfach perfekte 
Körper. 

A. BRAUER, Berlin: Über den kleinsten quadra- 
tischen Nichtrest. 
Donnerstag, den 4 September, 15 Uhr: Hörsaal I, Universiti. 


A. DUSCHEK, Wien (gemeinsam mit W. MAYER, 
Berlin): Über Räume konstanter Krümmung. Die 
RIEMANNschen Räume konstanter Krümmung haben 
bekanntlich die charakteristische Eigenschaft, daß in 
ihnen sog. projektive Koordinaten existieren, in denen 
die Gleichungen aller Geodätischen linear sind. Es 
wird ein Weg aufgezeigt, der direkter als die gebräuch- 
lichen, die entweder von RrEMANNschen Normalkoordi- 
naten oder von der konformen Abbildung der R, 
konstanter Krümmung auf einen euklidischen R, aus- 
gehen, zu projektiven Koordinaten führt und sich 
zudem ausschließlich auf die rein geometrische Charak- 
terisierung der R,„ konstanter Krümmung als jene 
RrEMANNschen R, bezieht, in denen unbeschränkt, d.h. 
durch jeden Punkt und in jeder Stellung, Ebenen exi- 
stieren. 

E. KAMKE, Tübingen: Über Eindeutigkeitssätze bei 
gewöhnlichen Differentialgleichungen. 

M. SADOWSKY, Berlin-Charlottenburg: Die Funk- 
tionalgleichung eines (symmetrischen) Kernes einer 
Integralgleichung mit nur endlich vielen Eigenwerten. 

Ist K(s, t) der symmetrische Kern, so gestattet er 
die Darstellung als endliche Summe 








von 
K(s, t) = = A,(s) B,(t) ® 
v=1 


Hieraus läßt sich die Funktionalgleichung 
Determinante der K(s,, tz) = 0 
a von 1 bis n+ 1 
P von 1 bis n+1 
ableiten. Dabei ist x der Zeilen-, 6 der Spaltenindex. — 
Umgekehrt folgt aus der Determinantengleichung die 
Produktenform des Kernes. Bei dieser Betrachtung 
wird von K(s, t) nicht einmal Stetigkeit verlangt, 
eindeutige Bestimmtheit genigt. 
R. IGLISCH, Berlin: Zur Theorie der reellen Ver- 
zweigungen von Lésungen nichtlinearer Integralglei- 
chungen. Vorgelegt sei eine Integralgleichung der Form 


(1) w(s) 4 ~~ | G(s, t) H(w(t)t) dt = h(s) , 


das Integral über ein gewisses abgeschlossenes Grund- 
gebiet B erstreckt; dabei bedeute w(s) die gesuchte 
unbekannte Funktion, h(s) eine bekannte rechte Seite, 
G(s, t) sei ein brauchbarer symmetrischer Kern und 
H(w,t) eine in w analytische Funktion, wobei, wie dies 
in der Scumiptschen Theorie der nichtlinearen Inte- 
gralgleichungen immer geschieht, H,(wy(t) , £) 0 vor- 
ausgesetzt sei. Man kenne nun eine Lösung w,(s) von 
(1) zur rechten Seite h,(s). Gefragt ist dann nach allen 
reellen Lösungen w(s), die zu vorgegebenen von Ay(s) 
wenig verschiedenen rechten Seiten h(s) gehören und 
sich selbst von w,(s) wenig unterscheiden. Die 
Scumiptsche Theorie lehrt, daß eine Verzweigung der 





1000 


Ausgangslésung w,(s) dann und nur dann eintritt, 
wenn die homogene lineare Integralgleichung 


(2) p(s) + — | As, t) H,(wo(t), t) plt)dt =o 


nicht identisch verschwindende Lésungen besitzt. In 
dem Vortrag wird der Fall behandelt, daß Gleichung (2) 
mehrere unabhängige Eigenlösungen aufweist. 

E. A. WEISS, Bonn: Über lineare Systeme projek- 
tiver Punktreihen in der Ebene. In der projektiven 
Geometrie der Ebene spielt die aus einer Geraden zu- 
sammen mit einer ihrer Parameterdarstellungen be- 
stehende Figur eine hervorragende Rolle. Wir nennen 
sie Punktreihe und das duale Gegenstück Strahlenreihe. 
(Im Gegensatz zu ‚„Punktbüschel‘ und ‚Strahlen- 
büschel“, die die linearen Mannigfaltigkeiten ohne be- 
stimmte Parameterdarstellung bezeichnen.) Analytisch 
erhält man eine Punktreihe durch Nullsetzen einer in 
ternären Geradenkoordinaten und einem binären Para- 
meter bilinearen Form. Die sechs Koeffizienten dieser 
Form sind die Koordinaten der Punktreihe und wer- 
den als Punktkoordinaten in einem Bild-R, gedeutet. 
Die Strahlenreihen werden dabei auf die R, des R, ab- 
gebildet. Lineare Mannigfaltigkeiten von Punkt- und 
Strahlenreihen. Die Geometrie der Punktreihen hat 
Tu. REYE synthetisch für den Raum begründet. Neu 
ist die analytische Behandlung des einfacheren Falles 
der Ebene und die Abbildung auf den R,. 


O. MUHLENDYCK, Berlin: Über die analytischen 
Scharen euklidischer Geraden. Sucht man für die ana- 
lytischen Scharen euklidischer Geraden natürliche Glei- 
chungen aufzustellen, so findet man, daß sechs Fälle zu 
unterscheiden sind, was zu einer Einteilung der Scharen 
in sechs Familien veranlaßt. Unter diesen Familien 
befindet sich eine, für deren Vertreter natürliche Glei- 
chungen noch nicht aufgestellt worden sind. Diese 
Lücke wird in dem Vortrag ausgefüllt. 

R. LAUFFER, Graz: Ein duales Gegenstück zur 
kotierten Projektion. 

R. LAUFFER, Graz: Rationale Punkte auf Kurven 
dritter Ordnung. 


Freitag, den 5. September, 14‘/, Uhr: Hörsaal I, Universität, 


W. MAIER, Ulm: Orthogonale Thetafunktionen. 


BEHNKE, Münster i. W.: Analytische Abbildungen 
im Raum zweier komplexen Veränderlichen (Die 
Entwicklung der Theorie in der letzten Zeit.) Während 
die Frage nach den möglichen Abbildungen von Be- 
reichen auf sich und untereinander durch analytische 
Funktionen einer komplexen Veränderlichen seit nun 
schon geraumer Zeit in einer klaren und übersichtlichen 
Weise beantwortet ist, sind dem Versuch, das gleiche 
Problem bei den analytischen Funktionen zweier (oder 
mehrerer) komplexen Veränderlichen zu lösen, bisheı 
immer noch schwere Hindernisse im Wege gewesen. 
Seit WEINSTEIN hat man sich an dem Problem ver- 
Poıncark und HarToGs wesentliche 
Fortschritte erzielt. Überraschende Tatsachen wurden 
aufgedeckt, auf die man nicht gefaßt war und die 
zeigten, daß man es hier mit einer ganz neuen Theorie 
zu tun hatte Über- 
tragung der aufzu- 
bauen war. Doch sollte die weitere Entwicklung lange 
Zeit kaum vonstatten gehen. Dann ist aber in den 
letzten Jahren das Problem von einer größeren Anzahl 
von Mathematikern in breiter Front aufgerollt worden. 
Bei der nun so ständig wachsenden Spannung in der 
Entwicklung der Abbildungstheorie dürfte in einem 
weiteren Kreise von Mathematikern ein Überblick über 





sucht haben 


die gewiß nicht durch einfache 
gewöhnlichen Funktionentheorie 





Deutsche Mathematiker-Vereinigung. 


diese neueren Untersuchungen, ihre Ansatzpunkte und 
ihr Ineinandergreifen interessieren. Für eine solche 
Orientierung ist dieser Vortrag gedacht. 

ST. BERGMANN, Berlin: Über die ausgezeichneten 
Randflächen in der Theorie der Funktionen von zwei 
komplexen Veränderlichen. Man kann im vierdimen- 
sionalen Raume bei den Funktionen von zwei kom- 
plexen Veränderlichen zu jeder dem Torus homöo- 
morphen, gewissen weiteren Beschränkungen unter- 
worfenen Fläche #% einen vierdimensionalen Bereich 
A® zuordnen, auf dessen (dreidimensionaler) Beran- 
dung 3 liegt, wobei % die folgenden Eigenschaften 
hat: 1. Ist f(z,2) in U“ regulär, so ist Max. | f(z, z) 

bY) 
Max. | f(z, z) 2. Zu jedem stetigen, reellen, auf }* 
2) 
vorgegebenen Wertevorrat gibt es eine und nur eine 
reelle Funktion p(,n,{,)g=E+in, z={-+ ir], 
a2 Ja 
die in W® simultan die Gleichungen - ee 


- — o 
© &2 c n® 


, 


N 


Cp Op ee en 4 
ant aa = o befriedigt und auf 75 die vorgeschrie- 
benen Werte annimmt. Im Vortrage werden einige 
Anwendungen des eingeführten Begriffes geschildert. 
Unter anderen gilt z.B. der folgende Satz: Es sei 
j(z,z) eine in einem Bereiche B* reguläre Funktion, 
deren Funktionselement die Form AX + BZ + CX? 
+ DXZ+EZ +... hat und die in 8 den Wert y 
ausläßt. 75 sei eine Fläche der oben angegebenen Art, 
die ganz im Innern von B® liegt. Es ist dann möglich, 
iwi . Sale 
\OZ% ig=z=0 ld2]z z=0 

und von Größen, die von f(z,z) unab- 


mit Hilfe von 


Max. | f(z,z) 


vw 
hängig sind, eine untere Schranke für |y 


anzugeben. 


Sonnabend, den 6. September, 8"/,: Hörsaal I, Universität. 


K. MENGER, Wien: Allgemeine Metrik. Die ana- 
Iytische Geometrie geht davon aus, daß die Punkte, die 
ebenen Räume usw. arithmetisch (als n-Tupel reeller 
Zahlen, als lineare Gleichungen usw.) gegeben sind, 
und behandelt rechnerisch die Eigenschaften der ein- 
fachen Raumgebilde. Die axiomatische Geometrie geht 
von Sätzen über undefinierte Dinge (genannt Punkte, 
Geraden usw.) aus und deduziert aus den Axiomen ein 
System von Sätzen Die metrische Geometrie läßt die 
Punkte undefiniert und geht lediglich von der Tatsache 
aus, daß je zwei Punkten des Raumes ein Abstand 
zugeordnet ist. Zum Anschluß an die beiden anderen Be- 
handlungsweisen der Geometrie untersucht sie einer 
seits jene Eigenschaften des Abstandes, welche den geo- 
metrischen Axiomen entsprechen, und die zugehörigen 
Klassen allgemeiner Räume, anderseits Bedingungen, 
welche notwendig und hinreichend dafür sind, daß der 
allgemeine Raum mit dem arithmetisch gegebenen 
euklidischen Raum der analytischen Geometrie kon- 
gruent sei. Diese Bedingungen wurden vom Vortragen- 
den (Mathem. Ann. 100) entwickelt. Für den ein- 
dimensionalen Fall sind auch Kennzeichnungen durch 
lokale Krümmungseigenschaften gelungen, welche den 
Anschluß an die Differentialgeometrie herstellen. Zum 
Beispiel wird die klassische Kennzeichnung der Geraden 
als einer Kurve mit überall verschwindender Krümmung 
in stark verallgemeinerter Form ohne Differenzierbar- 
keitsvoraussetzungen und ohne Differentialrechnung neu 
bewiesen, und es werden zugleich Grenzen für die Gültig- 
keit dieses Satzes angegeben. 

A. SCHOLZ, Freiburg: Zermelos neue Theorie der 
Mengenbereiche. 














Abt. f. math. u. naturwiss. Unterricht. 


E. TORNIER, Kiel: Zur Grundlegung der Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung. Wird jemandem ein Würfel 
gegeben und ihm aufgetragen, beliebig oft zu würfeln 
und die Ergebnisse der Reihenfolge nach aufzuzeichnen, 
so ist dies eine Versuchsvorschrift. Wird sie ausgeführt, 
so entsteht eine spezielle der logisch möglichen Reali- 
sierungen der Vorschrift; auch ı, ı, 1... ist eine solche. 
Die übliche Häufigkeitstheorie betrachtet nur bestimmte 
Realisierungen als zulässig, nämlich die, die den Kol- 
lektivaxiomen genügen, und axiomatisiert so die Reali- 
sierung selbst. Es ist jedoch vorteilhafter, die Vor- 
schrift zu axiomatisieren. Dies geschieht mit Hilfe 
beliebiger ihrer Realisierungen und der Bewertungen 
(Wahrscheinlichkeiten), die die zu axiomatisierende 
Vorschrift dem Auftreten bestimmter vorgegebener 
Eigenschaften an ihren Realisierungen verleihen soll. 
Die methodische Klarheit, die Herr v. Mises durch 
Einführung von Operationen der Wahrscheinlichkeits- 
rechnung gegeben hat, wird durch allgemeine Defini- 
tion des Operationsbegriffs noch vergrößert, während 
einige Schwierigkeiten der Häufigkeitstheorie ver- 
schwinden. 

O. HAUPT, Erlangen: Zur Theorie der reellen 
Gruppen. 
O. TAUSSKY, Wien: Eine metrische Geometrie in 
Gruppen. 

G. NÖBELING, Wien: Einige neueste Ergebnisse der 
Dimensionstheorie. 

I. H. FREUDENTHAL, Berlin: Über Eigenschaften 
im Großen nicht kompakter topologischer Räume und 
Gruppen. 


Tagung des Mathematischen Reichsverbandes. 


Freitag, den 5.September, 15'/,Uhr (inVerbindung mit der Abteilung für 





den mathem, u. naturwiss. Unterricht): Hörsaal III, Universität. 


HAMEL-DREETZ, Berlin: Berichte über die schul- 
politische Lage, insbesondere über die Ausbildung der 
Lehrer an den höheren Schulen. 

Berichte über Erfahrungen mit Vorlesungen über 
ausgewählte Kapitel aus der Schulmathematik, einge- 
leitet durch die Herren BiEBERBACH und ROTHE. 





Abteilung für mathem. und naturwiss. Unterricht 
mit der Vereinigung f. mathem. und naturwiss. Unter- 
richt in Königsberg] Pr.). 

Sonnabend, den 6. September, 16 Uhr: Hörsaal III, Universität, 


W. FR. MEYER, Königsberg i. Pr.: Unterschiede 
zwischen antikem und modernem Denken in der Mathe- 
matik. Die Euklidische Schöpfung erscheint als eine 
prastabilierte Harmonie. Jedem Satze ist seine be- 
stimmte Stelle zugewiesen, und keiner läßt sich ent- 
fernen, ohne den Aufbau des Ganzen zu zerstören. 
Hier wie überall in der antiken Mathematik ist der Sinn 
stets auf das konkrete Einzelgebilde gerichtet. Dem- 
gegenüber tritt in der modernen Mathematik die Ver- 
wandtschaft der als beweglich gedachten Gebilde zu- 
einander und ihre gegenseitige Überführung (Energie- 
übertragung) in den Vordergrund. Als Brücke zwischen 
beiden Anschauungsarten mag etwa die stereographische 
Projektion der Kugel sowie der Satz des Pappus dienen. 
Bei ersterer gehen Kreise auf der Kugel über in Kreise 
in der Ebene (und vice versa), und die Winkel bleiben 
erhalten. Damit hat man ein einfaches Prinzip, um 
die Geometrie auf der Kugel auf die in der Ebene zu 
ibertragen. Dieser Gedankengang läßt sich verschie- 
dentlich verallgemeinern. Einmal läßt sich die Kugel 
lurch eine beliebige Fläche zweiter Ordnung ersetzen, 
wobei die Konformität zum Satze des Pappus und zur 
nichteuklidischen Geometrie in Beziehung tritt. Weiter 








— Tagung für exakte Erkenntnislehre. 1067 


gelangt man zu Paaren algebraischer Flächen, die auf- 
einander abbildbar sind, und in der Differentialgeome- 
trie zu solchen Paaren, wo gewisse ausgezeichnete 
Kurvensysteme einander entsprechen. Andere instruk- 
tive Fälle bieten sich in anderen mathematischen 
Disziplinen dar. Bei derartigen Abbildungen kann man 
erkennen, wie neue Sätze in der Mathematik entstehen. 

A. SCHÜLKE, Berlin: Geometrische Verwandtschaft 
im Unterricht. Die Reform der Geometrie vollzieht 
sich langsamer als die der Arithmetik, <s muß daher die 
bildende Kraft der Geometrie durch stärkere Betonung 
der Verwandtschaft gesteigert werden. Zum Beispiel 
in jedem Dreieck ist a+b >c; dual dazu (Study 1893) 
wird für die Winkel A + B >C (Schülerarbeit, Schiller- 
Realgymnasium Stettin). Die EuLersche Gerade 
HSO und der FEUERBACHsche Kreis waren Kuriosi- 
täten; aber man kann zeigen, daß es Symmetrieeigen- 
schaften des Dreiecks oder des Würfels sind (W. WEBER, 
Berlin). — Durch Affinität kann man aus speziellen 
Figuren Sätze über Tangenten usw. herauslesen, zum 
Beispiel: Welche Fehler können beim Tabellenrechnen 
durch lineare Interpolation entstehen? Durch graphi- 
sche Darstellung ersieht man ohne Rechnung, daß der 
größte Fehler ein Achtel der 2. Differenz wird, — Bei 
Perspektive kann der Übergang von den räumlichen 
Verhältnissen zur Zeichnung durch ein einfaches Modell 
anschaulich bewiesen werden. Wenn man nach Beck, 
Elementargeometrie II, die Abbildung der ganzen Ebene 
betrachtet, dann wird jeder Kegelschnitt durch Pol 
und Polare perspektiv in sich gespiegelt, ebenso wie er 
durch einen Durchmesser und den Mittelpunkt affin 
gespiegelt wird. Endlich kann man leicht Gleichung 
und Zeichnung für die Schar von Kegelschnitten an- 
geben, die durch einen Pol und Polare in sich gespiegelt 
werden, und die außerdem durch zwei reelle oder ima 
ginäre Punkte gehen. 

O. NEUGEBAUER, Göttingen: Über das neue 
mathematische Institut der Universität Göttingen. Die 
Erbauung eines mathematischen Institutes hat es er- 
möglicht, Unterrichtseinrichtungen, Bibliothek und 
Sammlung nach einheitlichen Grundgedanken durch- 
zubilden, deren wesentlichste möglichst selbstverständ- 
liche Berührung der Studenten mit Bibliothek und 
Modellsammlung und ungestörte Arbeitsmöglichkeiten 
für wissenschaftlich Arbeitende sind. Die steigenden 
Frequenzziffern (gegenwärtig über 600 Studenten) und 
die Frage der Auswahl Geeigneter bilden das Haupt- 
problem der Unterrichtsfragen. Ausgedehnter Übungs- 
betrieb ist wohl der einzige, einigermaßen zu ihrer Lö- 
sung führende Weg. Die Erfahrungen der letzten Jahre 
lassen an Hand von genauen Statistiken einen Einblick 
in die Wirkungen eines solchen Systems gewinnen. 


Tagung für exakte Erkenntnislehre. 
Freitag, den 5. September, 9 Uhr: Hörsaal III, Universität. 


R. CARNAP, Wien: Die Grundgedanken des Logi- 
zismus. Unter ,,Logizismus‘‘ wird die Auffassung ver- 
standen, daß die Mathematik ein Zweig der Logik ist. 
Diese Auffassung ist von FREGE begründet und von 
RUSSELL und WHITEHEAD systematisch durchgeführt 
worden. Man hat nachgewiesen, daß der Begriff der 
natürlichen Zahl und die einzelnen natürlichen Zahlen 
abgeleitet werden können aus den logischen Begriffen: 
nicht, oder, alle, es gibt, identisch. Aus den natürlichen 
Zahlen können die übrigen Zahlarten (positive und nega- 
tive Zahlen, rationale Zahlen, reelle Zahlen) und die weite- 
ren Begriffe der Mathematik (arithmetische Operationen, 
Grenzbegriffe,Stetigkeit) abgeleitet werden. DieSätze der 
Mathematik können aus den logischen Axiomen deduziert 
werden, unter Zuhilfenahme des Unendlichkeitsaxioms 








1005 


und des Auswahlaxioms. Aus der Betrachtung des Ver- 
hältnisses zwischen den drei gegenwärtigen Lösungs- 
Intuitionismus (BROUWER), Formalismus 
und Logizismus läßt sich ein Ausblick auf 
Annäherung dieser Auffassungen ge- 


versuchen 
(HILBERT 
eine 
winnen. 

A. HEYTING, Enschede (Niederlande): Die intui- 
tionistische Begründung der Mathematik. Zweck des 
Vortrags ist, in die intuitionistische Denkweise ein- 
zuführen unter Vermeidung der mit der Deutung der 
Grundbegriffe verbundenen philosophischen Schwierig- 
keiten. Nach einer kurzen Kennzeichnung des Stand- 
punktes wird die Reihe der ganzen Zahlen besprochen ; 
Veranlassung zu einer Erörterung über die 
mathematische Existenz. Aus dem Aufbau der Mathe- 
matik werden die Begriffe der Irrationalzahl, der Wahl- 


mögliche 


diese gibt 


folge und der Menge näher betrachtet Der zweite 
Teil des Vortrags handelt von der intuitionistischen 
Logik. Eine mathematische Aussage drückt eine be 


ihre Negation be 
Wider- 


stimmte Erwartung (Intention) aus; 
deutet die 
spruch 


Aussage auf einen 
können. Besprechung des 
Satzes vom ausgeschlossenen Dritten. Als zweite Aus 
sagenfunktion wird die Beweisbarkeit eingeführt; alle 
möglichen Formen einer mit Hilfe dieser beiden Funk- 
tionen gebildeten Behauptung über den logischen Wert 
einer Aussage werden aufgestellt 

J. VON NEUMANN, Berlin: 
Begründung der Mathematik. 


Erwartung, die 
zurückführen zu 


Die axiomatische 


Sonnabend, den 6. September, 10 Uhr: Hörsaal III, Universität, 


H. REICHENBACH, Berlin: Der physikalische Wahr- 
heitsbegriff. 

W. HEISENBERG, Leipzig: Kausalität und 
Quantenmechanik. Die Quantenmechanik hat in deı 
Frage nach der Gültigkeit des Kausalgesetzes eine neue 
Situation geschaffen. Sie hat in erster Linie dazu ge- 
führt, daß den meisten bisher üblichen Formulierungen 
dieses Gesetzes kein präziser Sinn zugeordnet werden 
kann. Die verschiedenen Formulierungen müssen also 
einzeln auf ihre Brauchbarkeit 
physikalischen Erfahrungen geprüft werden. Eine ein- 
\nalyse der quantenmechanischen Begriffe 
anzugeben einer Determiniert- 
Prozesse gesprochen werden darf. 








gegenüber den neuen 


gehende 
gestattet 
heit physikalischer 


wieweit von 


Sonnabend, den 6. September, 15 Uhr: Hörsaal III, Universität 


O. NEUGEBAUER, Göttingen: Die Geschichte der 
vorgriechischen Mathematik. 


K. GÖDEL, Wien: Über die Vollständigkeit des 
Logikkalkiils. Bei der axiomatischen Begründung 
der Logik, wie sie z. B. in den Principia Mathematica 
vorliegt, taucht die Frage auf, ob die an die Spitze 
gestellten Axiome ‚vollständig‘ sind, d.h. wirklich dazu 
ausreichen, jeden richtigen Satz der Logik auf formalem 
Wege zu Problem ist bisher nur 
für die einfachsten Sätze, nämlich die des 
\ussagenkalkiils, gelöst. Die Antwort fällt positiv aus 
d. h.: Jede (allgemeingültige) Aussageformel 
folgt aus den Axiomen der Principia Mathematica 
Vortragender zeigt, wie man diesen Satz auf die Formeln 
Funktionenkalküls (Formeln 
bundene Funktionsvariable) ausdehnen kann 

A. SCHOLZ, Freiburg: Über den Gebrauch des Be- 
griffs Gesamtheit in der Axiomatik. 

W. DUBISLAV, Berlin-Friedenau: Über den soge- 
nannten Gegenstand der Mathematik. Es wird gezeigt, 
daß weder die intuitionistische Auffassung von dem 
Wissenschaftscharakter der Mathematik (Altintuitionis- 
mu KANT, Neointuitionismus: BROUWER), noch die 





deduzieren. Dieses 


logischen 


richtige 


des engeren ohne ge- 





Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 


empiristische Auffassung (MILL, HERSCHEL), noch die 
konventionalistische (PoINCARE), noch die logizistische 
(RUSSELL, WITTGENSTEIN), sondern allein die wesent- 
lich auf HıLBERT zurückgehende formalistische zu Recht 
besteht. Entsprechend dieser formalistischen Auffas- 
sung ist die reine Mathematik lediglich ein Kalkül, ir 
dem es weder Wahrheit noch Falschheit gibt 
sondern in dem es sich darum handelt, aus bestimmten 
Ausgangsformen nach bestimmten Operationsvor- 
schriften Formeln abzuleiten. Und zwar gelangt man 
zu diesem Kalküle, wenn man den Kalkül der Logistik 
um einige neue Ausgangsformeln erweitert, ohne daß 
es zusätzlicher Operationsvorschriften bedarf, von den 
Definitionssubstitutionen abgesehen. Einen Gegenstand 
der reinen Mathematik gibt es also überhaupt nicht. 


also 


Deutsche Physikalische Gesellschaft 
und Gesellschaft für Technische Physik. 


Vorträge zur gemeinsamen Sitzung am 


Donnerstag, den 4. September, 15 Uhr: Neue Aula, Universität. 











Gesamtthema: Quanten- und Wellenmechanik. 
Leitung: M. Born, Göttingen. 

HUND, Leipzig: Molekelbau und Bandenspektren. 
I. Grundlage und Methoden. Quantenmechanik (Korre- 
spondenzprinzip, SCHRODINGERsche Gleichung). Sym- 
metriceigenschaften und allgemeine Sätze. Qualitative 
und quantitative Methoden. II. Allgemeine Eigen- 
schaften der zweiatomigen Molekeln. Abstufungen der 
Kräfte. Zweizentrensystem, Quantenzahlen, Auswahl- 
regeln, Klassifikation der Terme. Interpolation zwi- 
schen den Fällen weitgetrennter Zentren und vereinig- 
ter Zentren. Rezept zur Aufstellung des Termschemas. 
Rotationstermtypen. Molekelterme. III. Anwendung 
auf Molekeln mit zwei gleichen Kernen. Ergebnisse der 


qualitativen Betrachtung (Hy, He,, Li, NZ, N,). Che- 
mische Bindung. Rechenmethoden. IV. Mehr- 
atomige Molekeln. V. Reaktionen von Molekeln. Akti- 


vierung, Katalyse, Prädissoziation. 

E HÜCKEL, Leipzig: Zur Quantentheorie der Dop- 
pelbindung. Die Stabilität der C=C und C=N-Dop- 
pelbindung gegen Verdrehung, welche aus der Existenz 
von cis-trans- bzw. syn- und anti-Isomeren folgt, wird 
auf Grund der Elektronenstruktur der Doppelbindung 
gedeutet. Wesentlich ist dabei die Anwesenheit zweier 
[a]-Elektronen. Es wird ferner die Elektronen- 
struktur des O,-Moleküls und der C=O-Doppelbin- 
dung diskutiert. 

WEIZEL, Rostock: Rotationsstruktur leichter Mo- 
lekeln. Für die leichten Moleküle H, und He, und 
ihre Bandenspektren sind folger de Züge charakteristisch: 
1. Große Rotationsenergie. Vie.'inienspektren. 2. Elek- 
tronentermserien. Deutbarkeit durch Molekülrumpf 
und Leuchtelektron 3. Starke 1-Entkoppelung. 
Hieraus Bestimmung der Quantenzahl 1 des Leucht- 
elektrons. 4. Geringe Wirkung des Spins. Durch Extra- 
polation der Serien kann man auf die Eigenschaften des 
Molekülions und damit des Molekülrumpfs schließen. 
So kann man z.B. bei He, zeigen, daß alle bekannten 
Zustände denselben Molekülrumpf besitzen. Bei Was- 
serstoff scheint es zweierlei Zustände zu geben, die zu 
zwei verschiedenen H}-Rümpfen gehören. 


WENTZEL, Zürich: Aperiodische Vorgänge in der 
Quantenmechanik. 1. Grundlagen und geschichtliche 
Entwicklung der Theorie. 2. Strahlungslose Vorgänge: 


Auger-Effekt, Elektronenstoß, Vorgänge in Molekülen. 
3. Strahlungsprozesse: Absorption, Emission und Streu- 
ung von Licht, Compton-Effekt. 








ie 








Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 1069 


BETHE, München: Elektronenstoß. Der elastische 
bzw. unelastische Zusammenstoß eines schnellen Elek- 
trons mit einem Atom zeigt weitgehende Analogie zur 
kohärenten bzw. inkohärenten Streuung von Röntgen- 
strahlen. Dies ergibt sich aus der wellenmechanischen 
Stoßtheorie von Born unmittelbar, wenn man die dort 
auftretenden Matrixelemente der Wechselwirkungs- 
energie zwischen Elektron und Atom nach einer be- 
sonders einfachen Methode auswertet. Für das Brems- 
vermögen eines Gases für schnelle Elektronen ergibt 
die Wellenmechanik etwas andere Formeln als die 
klassische Theorie von BoHR, aber fast die gleichen nu- 
merischen Werte. Die Richtungsverteilung der ge- 
streuten Elektronen stimmt nur bei großen Ablenkungs- 
winkeln, die Geschwindigkeitsverteilung der Sekundär- 
elektronen nur bei großen Geschwindigkeiten mit der 
klassischen Theorie überein, letztere jedoch durchweg 
mit dem Experiment. 

H. POSE, Halle: Über Richtungsverteilung der von 
Polonium-x-Strahlen aus Aluminium ausgelösten H- 
Teilchen. Sowohl die Ausbeute als auch die Reich- 
weite von Atomtrümmern ist abhängig von der Primär- 
energie und von dem Winkel zwischen Primär- und 
Sekundärstrahl. Für den Vergleich der Ergebnisse ver- 
schiedener Beobachter, die stets unter anderen Ver- 
suchsbedingungen gearbeitet haben, sind systematische 
Untersuchungen dieser Abhängigkeit wichtig. Für das 
Al sind solche Untersuchungen hier durchgeführt wor- 
den, die Ergebnisse bei Variation der Primärenergie 
sind schon im Druck, die Versuche über die Winkel- 
abhängigkeit sind noch im Gang. Auf Grund der bis- 
herigen Ergebnisse konnten die großen Diskrepanzen, 
die zwischen den Messungen verschiedener Beobachter 
auftraten, zum Teil erklärt werden, die Versuche über 
die Richtungsverteilung sollen hier noch weitere Klä- 
rung schaffen. 

G. BECK, Leipzig: Über die theoretische Behand- 
lung der Atomzertrümmerungsprozesse. Es werden 
zwei verschiedene Quantenprozesse untersucht, welche 
für die Kernzertrümmerung maßgebend sind und 
welche als normale und Resonanz-Zertrümmerung zu 
bezeichnen sind. Für beide Prozesse werden Ausbeute, 
Geschwindigkeits- und Richtungsverteilung der aus- 
gelösten H-Strahlen berechnet. 

BETHE, München: Richtungsverteilung der Photo- 
elektronen. Fällt linear polarisiertes, langwelliges Licht 
auf ein Atom, so ist die Anzahl der emittierten Photo- 
elektronen, deren Emissionsrichtung mit dem elektri- 
schen Vektor der einfallenden Strahlung den Winkel x 
bildet, gleich acos? x + b. Für diejenigen Elektronen, die 
aus Schalen mit der azimutalen Quantenzahl !=o 
ausgelöst werden — und nur für diese —, ist b o; der 
Photostrom verschwindet in der Ebene senkrecht zum 
elektrischen Vektor der einfallenden Strahlung. Bei 
kürzerer Wellenlänge des Lichts erhalten die Photo- 
elektronen im Mittel noch einen zusätzlichen Impuls 
in Richtung der Wellen-Normale der Strahlung; dieser 
ist bei den Photoelektronen der K-Schale doppelt so 
groß, wie aus klassischen Betrachtungen (Lichtdruck) 
folgt, bei denen der L-Schale etwas kleiner. 

H. H. HUPFELD, Berlin-Dahlem: Prüfung der 
Streuungsformeln von KLEIN-NISHINA an kurzwelliger 
y-Strahlung. Die quantenmechanische Streuformel von 
KLEIN und NısHinA erfordert zur Prüfung eine sehr 
harte monochromatische Strahlung. Eine solche läßt 
sich durch Filterung der y-Strahlen des Thorium C” 
herstellen. Ihre Wellenlänge beträgt 4,7. E. Ab- 
sorptionsversuche mit dieser Strahlung in verschiedenen 
Materialien zeigen nun, daß die experimentellen Ab- 
sorptionskoeffizienten nicht mit den aus der KLEIN- 


Nw. 1930 


NısHinaschen Theorie berechneten Streukoeffizienten 
übereinstimmen. Dies müßte bei der sehr hohen Fre- 
quenz der Strahlung der Fall sein, da hier der Absorp- 
tionseffekt fast nur durch Comptonsche Streuprozesse 
zustande kommt. Als Grund der Abweichungen ist 
evtl. eine Streuung an den Atomkernen anzunehmen, 
wodurch auch das Anwachsen dieser Abweichungen 
mit steigender Ordnungszahl erklärt würde. 


Freitag, den 5. September, 10 Uhr: Neue Aula, Universität. 





Gesamtthema: Korpuskularstrahlen. 

Leitung: C. Ramsauer, Berlin. 

GEHRTSEN, Tübingen: Kanalstrahlen. Die An- 
wendung von Zähl- und Ionisationsmethoden zur In- 
tensitätsmessung von Kanalstrahlen, die für alle Atom- 
gattungen durchführbar ist, bedeutet gegenüber den 
älteren Methoden eine Empfindlichkeitssteigerung um 
den Faktor 10% und gestattet so eine erfolgreiche 
Untersuchung von Stoßvorgängen bei Kanalstrahlen. 
Es wird eine Übersicht über Experimente gegeben, die 
systematisch zur Klärung der Stoßvorgänge bei H- bzw. 
He-Kanalstrahlen durchgeführt wurden. Die Gesetze 
des Durchgangs durch Materie sind in den wesentlichen 
Zügen quantitativ erkannt, und ihre charakteristischen 
Merkmale gestatten eine widerspruchslose Einordnung 
in unsere Kenntnis der Eigenschaften der gut durch- 
forschten x- und Kathodenstrahlen. 

R. KOLLATH, Reinickendorf: Über den Wirkungs- 
querschnitt von Gasmolekülen gegenüber langsamen 
Protonen (nach gemeinsamen Versuchen von C. RAM- 
SAUER und R. KoLLATH). Zur Erforschung der mole- 
kularen Kraftfelder bedient man sich verschiedener 
Sonden, unter denen eine prinzipiell bevorzugte Stellung 
die kleinsten Bausteine der Materie einnehmen: das 
Elektron und das Proton. Während die Wirkungsquer- 
schnittsforschung mit Elektronen als Sonden schon weit 
vorgeschritten ist und überraschende Resultate ergeben 
hat, liegen Untersuchungen mit Protonen als Sonden 
bisher nur vereinzelt und nur für größere Geschwindig- 
keiten vor. Eigene Ergebnisse der Verff. bei Wirkungs- 
querschnittsuntersuchungen verschiedener Gase gegen- 
über langsamen Protonen werden mitgeteilt und mit 
den Ergebnissen der Wirkungsquerschnittsmessungen 
gegenüber Elektronen verglichen. 

STERN, Hamburg: Beugungserscheinungen an 
Molekularstrahlen. Nach DE BroGLieE soll ein Strahl 
von Molekülen Welleneigenschaften zeigen, wobei sich 
die Wellenlänge aus der Formel 4 = — (A Wellen- 
länge, h PLancksche Konstante, m Masse, v Geschwin- 
digkeit des Moleküls) ergibt. Größenordnung von 4 
für He oder H, von Zimmertemperatur etwa !/,ıo"®cm. 
Es werden verschiedene experimentelle Möglichkeiten 
besprochen, die hiernach zu erwartenden Beugungs- 
erscheinungen an Molekularstrahlen nachzuweisen, und 
es wird über die bisherigen Versuche berichtet, speziell 
über die Erscheinungen, die bei der Reflexion eines 
Molekularstrahls an der Spaltfläche eines Krystalls auf- 
treten. Schließlich wird über die Resultate der letzten 
in Hamburg ausgeführten Versuche berichtet, deren 
Resultat ist: Trifft ein Molekularstrahl (He, H,) auf 
eine Krystallspaltfläche (Li F) auf, so zeigen die von 
ihr gestreuten Strahlen in allen Einzelheiten eine In- 
tensitätsverteilung, wie sie den von einem Kreuzgitter 
entworfenen Spektren entspricht. Die aus der Gitter- 
konstante des Krystalls berechnete Wellenlänge hat 
für verschiedene m und v den von DE BROGLIE ge- 
forderten Wert. 

E. RUPP, Berlin-Reinickendorf: Anwendung der 
Elektroneninterferenzen zur Strukturanalyse. Aus den 


79 





1070 


Tatsachen der Elektroneninterferenzen lassen sich neue 
Verfahren zur Strukturanalyse krystalliner Stoffe her- 
leiten. So kénnen mit langsamen Elektronen Schichten 
eines Körpers untersucht werden. Bisher sind Versuche 
ausgeführt über Gasadsorption an Metallen, über che- 
mische Reaktionen mit Oberflächenkatalysatoren, über 
passives Eisen, über Sauerstoffbedeckung an Wolfram 
und über den lichtelektrischen Effekt an hydriertem 
Kalium. Der Vortrag gibt einen Überblick über die 
Ergebnisse dieser Versuche. 

F. KIRCHNER, München: Neue Versuche über 
Elektronenbeugung. ı. Infolge einer Kathodenbestrah- 
lung treten in dünnen Celluloidhäutchen gewisse Struk- 
turveränderungen auf, die mittels Elektroneninter- 
ferenzen studiert werden. 2. Es wird ein neues Ver- 
fahren beschrieben, das die Strukturuntersuchung be- 
liebiger Substanzen mittels Elektronenwellen gestattet. 
3. Verschiedene Anwendungen des letzteren Verfahrens 
und Demonstration von Interferenzaufnahmen an ver- 
schiedenen Substanzen 


F. KIRCHNER, München: Die spezifische Ladung 


des Elektrons. Mittels ungedämpfter elektrischer 
Schwingungen, deren Frequenz durch Überlagerung 


mit einer Normalschwingung (Piézoquarz) kontrolliert 
wird, wurde die Geschwindigkeit von Kathodenstrahlen 
nach einer früher vom Vortragenden ausgearbeiteten 
Methode direkt gemessen. Die Kombination mit sorg- 
fältigen Messungen der Beschleunigungsspannung (nach 
dem |Kompensationsverfahren) ermöglichte die Bestim- 
mung der spezifischen Ladung des Elektrons; die be- 
nutzte Methode erfordert also im Gegensatz zu allen bis- 
herigen e/m-Bestimmungen an Kathodenstrahlen über- 
haupt keine Ablenkung im Magnetfeld. Als Resultat 
ergab sich ein beträchtlich kleinerer Wert als ihn die 
letzte und bisher genaueste e/m-Bestimmung an Ka- 
thodenstrahlen [F. WoLf, Ann. Phys. 83 (1927)] ge- 
liefert hat 

E. BRÜCHE, Berlin-Reinickendorf: Experimente zu 
Störmers Polarlichttheorie. Dem Verfasser ist es ge- 
lungen, fadenförmige leuchtende Elektronenstrahlen 
von geringer Geschwindigkeit herzustellen, die bei einer 
Länge bis zu ı m ihren sehr geringen Strahlquerschnitt 
bewahren Damit ist die Möglichkeit gegeben, die 
StORMERsche Polarlichttheorie zu redifizieren. Mit 
Fadenstrahlen von 200 Volt Geschwindigkeit und 
Erdkugel nachgebildeten Kugelmagneten 
werden Elektronenbahnen, die für die Elektronenbewe- 
gung im Erdfeld typisch sind, nachgeahmt. Die Ergeb- 
stehen mit den Berechnungen und Angaben 
STÖRMERS in Übereinstimmung. Im einzelnen gelingt 
es, das Umkehren der Strahlen in Erdnähe, ihr Ein- 
treffen an den Polen, den Ringstrom um die Erde usw 
photographisch festzuhalten 


einem der 


nısse 


Sonnabend, den 6. Septemoer, 9 Uhr: Neue Aula, Universität 








Gesamtthema: Technische Probleme im Lichte der 
neuzeitlichen Atomvorstellung. 


Leitung: M. Pirani, Berlin. 


SEELIGER, Greifswald: Das Eingreifen der Atom- 
physik in die Anwendungen der Gasentladungen. Die 
Ergebnisse der modernen atomtheoretischen Forschung 
haben sich als unentbehrliches Hilfsmittel für das Ver- 
ständnis der Vorgänge in Gasentladungen erwiesen ; der 
Vortrag soll nun zeigen, in welchem Umfang dies ins- 
besondere auch für die technischen Anwendungen gilt. 
Betrachtungen über die Art der 
Problemstellungen in der angewandten Physik werden 


Nach allgemeineren 


die atomphysikalischen Elementarprozesse, die in Gas- 
entladungen eine Rolle spielen, kurz besprochen, dann 





Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 


spezielle Beispiele (Wärmeerzeugung in Leuchtröhren, 
Rückzündungen in Gleichrichtern, gesteuerte Ent- 
ladungen) im Sinne des Vortragsthemas diskutiert und 
zum Schluß die Grenzen gezogen, bis zu denen die Ver- 
wertung des von der Atomphysik gelieferten Materials 
zur Zeit bereits ausgedehnt werden kann. 

M.PIRANI, Berlin: Lichterzeugung. Die Aussichten 
für die Lichterzeugung auf Grund der Beschaffenheit 
des Termschemas eines Gases werden erörtert. Die 
Frage nach den Energieverhältnissen der ausgestrahlten 
Linien ist von der Theorie bisher nur für einzelne Serien 
geklärt worden; dagegen steht die Energiebilanz der 
Gesamtspektren noch aus. Es werden die Aussagen der 
Theorie den experimentellen Befunden gegenüber- 
gestellt und dabei insbesondere die Rolle des Edelgases 
in Mischungen von Edelgas und Metalldampf erörtert 
und, zwar bezüglich der Lichterzeugung, der Zündung 
und der Stromleitung. Die praktisch erreichten Licht- 
ausbeuten werden mit den theoretisch erreichbaren 
verglichen. 

F. KESSELRING, Berlin: Schaltvorgänge. Bei Ver- 
suchen an Wechselstromlichtbögen zwischen Metall- 
elektroden stellt man fest, daß wesentliche Unterschiede 
bestehen, je nachdem der Versuch in einem trockenen 
Gas oder in gesättigtem Dampf durchgeführt wird. 
Insbesondere zeigt sich, daß eine adiabatische Druck- 


entlastung von Sattdampf eine starke lichtbogen- 
löschende Wirkung ergibt. Die Brenndauer eines 


Wechselstromlichtbogens in Dampf hängt wesentlich 
ab vom Verhältnis des Temperaturgefälles während 
des Stromnulldurchganges zum Anstieg der wiederkeh- 
renden Spannung. Zum Schluß werden diejenigen Ver- 
suche und Überlegungen zusammengestellt, welche da- 
für sprechen, daß der Wilson-Effekt von maßgebendem 
Einfluß auf die Lichtbogenlöschung ist. 

E. SCHMID, Berlin-Dahlem: Über Werkstoffverfor- 
mung und -Festigkeit. Da sämtliche metallischen Werk- 
stoffe krystallinen Aufbau zeigen, stellt der Einkrystall 
das zur Untersuchung der Verformungs- und Festig- 
keitseigenschaften geeignete Objekt dar. Die Deforma- 
tionsmechanismen und ihre geometrischen Folgerungen 
und die den Kraftbedarf bei der Krystallverformung 
regelnden Gesetzmäßigkeiten werden erläutert. Hierbei 
werden insbesondere jene Punkte hervorgehoben, die 
heute noch einer befriedigenden physikalischen Deutung 
harren. Die Übertragung der am Einkrystall gewon- 
nenen Erkenntnisse auf den technischen Vielkrystall 
liefert zunächst eine Erklärung für die bei Kaltformung 
auftretenden Gefügeregelungen (Texturen); aber auch 
zahlreiche weitere Züge im Verhalten der Werkstoffe 
werden hierbei unserem Verständnis nähergebracht. 


Einzelvorträge. 

Die zeitliche Einordnung erfolgt noch und wird den 
Teilnehmern vor Beginn der Tagung zugestellt. 

H. BARTELS, Danzig: Über Messungen am Ende 
der Natriumnebenserien. Ein Natriumbogen zwischen 
Eisen und metallischem Natrium, der unter hoher Be- 
lastung in einem ganz aus Metall gebauten Bogen- 
gefäß brennt, gibt die Nebenserien bis ans Serienende 
und das daran anschließende kontinuierliche Serien- 
endspektrum so intensiv, daß Beobachtung des Spek- 
trums bei hoherDispersion möglich ist. Messungen ander 
1. Nebenserie zeigen, daß die von SCHRÖDINGER auf 
Grund alter Messungen vermutete anomale Polarisier- 
barkeit des Natriumrumpfes nicht reell ist. Beim Über- 
gang des diskontinuierlichen Linienspektrums in das 
kontinuierliche Serienendspektrum zeigen eine 
Reihe charakteristischer Erscheinungen, die zum Teil 


sich 














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Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft für Technische Physik. 1071 


auch von PAScHEn am Ende der He-Serie beobachtet 
wurden. 

H. BAUER, Wien: Ein rotierendes Lichtquanten- 
modell. Das Lichtquantum wird als ein doppelstern- 
artiges Gebilde von der Ausdehnung einer Lichtwellen- 
länge aufgefaßt, das aus zwei Komponenten mit ent- 
gegengesetzter elektrischer Ladung von der Größe (je) 
eines Elementarquantums besteht, die um ihren ge- 
meinsamen Schwerpunkt kreisen. Für dies Modell 
werden die Massen und Radien der beiden Komponen- 
ten, sowie deren Winkelgeschwindigkeit als Funktionen 
der Frequenz des Quantums berechnet. Das Verhältnis 
der beiden Massen bzw. Radien erweist sich als kon- 
stant. 

W. BOTHE, Berlin: Zertriimmerung und Anregung 
von leichten Atomkernen. Gemeinsam mit K. BECKER 
ausgeführte Versuche haben ergeben, daß a-Strahlen 
in leichteren Elementen nicht nur H-Strahlen, sondern 
auch eine harte y-Strahlung zu erzeugen vermögen, 
welche aber mit der Zertrümmerung nicht ganz parallel 
geht. 

K. CONRAD, Oppau: Über das Auftreten von dop- 
pelt geladenen Molekülen im Kanalstrahl. Es galt bis- 
her als Erfahrungsregel, daß im Kanalstrahl im Gegen- 
satz zu den Atomen, die auch mehrfach geladen vor- 
kommen, Moleküle nur einfach geladen auftreten. Mit 
einer Anordnung, bei der die Kanalstrahlanalyse bei 
sehr guter Auflösung nach der Parabelmethode erfolgt, 
konnten nunmehr in zahlreichen Fällen auch bei 
Molekülen doppelte Ladungen nachgewiesen werden. 

E. DARDIN und K. NESSELMANN, Berlin: Über 
einige thermische Eigenschaften von Toluol. Es werden 
Versuche über die Dampfspannung, die spezifische 
Wärme der Flüssigkeit, die Verdampfungswärme und 
die spezifische Wärme des Dampfes von Toluol bis 
ıo ata beschrieben. Auf Grund der Meßwerte werden 
Gleichungen für die Spannungskurve, Verdampfungs- 
wärme, spezifische Wärme des Dampfes und für die 
spezifische Wärme auf den Grenzkurven aufgestellt. 
Mit Hilfe dieser Gleichungen werden die Versuchsergeb- 
nisse miteinander verglichen. Für die rechte Grenz- 
kurve zwischen nassem und überhitztem Dampf ergibt 
sich ein auch bei anderen Kohlenwasserstoffen beob- 
achteter Verlauf, daß bei adiabatischer Expansion des 
Dampfes von der Grenzkurve aus dieser nicht naß, 
sondern überhitzt wird. Diese Tatsache kann bei der 
Verwendung des Toluols als Arbeitsmittel in Kraft- 
maschinen von besonderem Vorteil sein. 

H. EDLER, München: Über den Einfluß des Gas- 
gehalts des Elektrodenmaterials auf die Stromleitung 
in dielektrischen Flüssigkeiten. 

E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Objektive 
Vorführung des Haidingerschen Polarisationsbüschels. 
Das bisher nur subjektiv beobachtete HAIDINGERSche 
Polarisationsbüschel wird objektiv auf dem Projek- 
tionsschirm gezeigt, auch im Spektrum. 

E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Vorführung 
eines Multiplex-Interferenzspektroskops (nach gemein- 
samen Versuchen mit E.LAv). Nach dem von den Ver- 
fassern gefundenen Prinzip der verscharften Inter- 
ferenzen ist ein stabiler Interferenzapparat konstruiert 
worden, der die Vorteile groBen Dispersionsgebiets und 
großen Auflösungsvermögens bei großer Intensität in 
sich vereinigt. 

E. GEHRCKE, Berlin-Charlottenburg: Die Patina 
auf Quarzen als Zeitmesser. Es wird gezeigt, daß die 
Patina auf Quarzen nicht auf komplizierte, physika- 
lische und chemische Ursachen zurückzuführen ist, 
sondern nur auf ganz bestimmte chemische Einflüsse, 
und zwar in den meisten Fällen auf zeitlich weit 


zurückliegende. Die verschiedenen Sorten der Pati- 
nierung gestatten eine quantitative zeitliche Auswer- 
tung. Die Größenordnung der sich so ergebenden Zei- 
ten liegt in praktischen Fällen über 10000 und unter 
mehreren 100000 Jahren. 

R. GOLDSCHMIDT, Berlin : Magnetische Materialien 
bei schwachen Wechselfeldern. Es wird für die ver- 
schiedensten magnetischen Materialien der Verlauf der 
reversiblen Permeabilität in Abhängigkeit von der Vor- 
magnetisierung bestimmt und mit der theoretischen 
Beziehung von Gans verglichen. Ferner wird im glei- 
chen Bereich das Verhalten der magnetischen Verlust- 
konstanten untersucht. Weitere Untersuchungen er- 
strecken sich auf das Verhalten von Permeabilität und 
Verlustkonstanten in Abhängigkeit von der Tempera- 
tur sowie auf den Verlauf von Permeabilität und Hyste- 
reseverlusten in Abhängigkeit von der Feldamplitude. 

K. HERRMANN, Berlin-Charlottenburg: Zur rönt- 
genographischen Strukturbestimmung der Gelatine- 
micelle. An Hand von Röntgenbildern trockener, ge- 
quollener und gedehnter Gelatine wird ein Bild der 
Gelatinemicelle entworfen, das zunächst diese Bilder, 
dann aber auch eine Reihe von hervorstechenden 
Eigenschaften der Gelatine zu erklären vermag. Da- 
nach besteht die Gelatinemicelle aus einem kristallinen 
Kern, zu welchem sich die Polypeptidketten zusammen- 
schließen. Diese sind in ihrer Längsrichtung durch 
Hauptvalenzkräfte, senkrecht aber dazu durch Neben- 
valenzkräfte gehalten. An den Enden, in Richtung der 
Hauptvalenzen, ist die Micelle ausgefranst, das heißt 
die Enden der Polypeptidketten sind am Anfang und 
Ende seitlich nicht mehr zusammengehalten. Die 
nebenvalenzartige Betätigung dieser Fransen zwischen 
den Micellen bedingt den Zusammenhang und die 
elastischen Eigenschaften des Gels. Auch die mechani- 
schen Eigenschaften des Kollagens (Sehne) finden mit 
analogem Bilde ihre Erklärung. 

HORNUNG, Berlin-Tempelhof: Reichweitenver- 
suche mit einem fremdgesteuerten 6-m-Sender fiir 
Rundfunk und Fernsehen in Stadtgebieten. Ein fremd- 
gesteuerter 6 m-Sender, mit ungefähr 1 kW Ausgangs- 
leistung, wird beschrieben, wobei eine geradlinige 
Modulationskurve über einen größeren Modulations- 
bereich ohne wesentliche Rückwirkung erhalten werden 
konnte. Es werden die Reichweitenergebnisse eines 
derartigen Senders als Rundfunksender innerhalb von 
Stadtgebieten bei Verwendung verschiedener Emp- 
fängertypen mitgeteilt. 

JACOBS, Berlin-Tempelhof: Entwicklung eines 
Thermostaten für Krystallerregung und seine An- 
wendung im Gleichwellen-Rundfunk. Für quarz- 
gesteuerte Sender, die z. B. als Gleichwellen-Rundfunk- 
sender Verwendung finden sollen, ist es nötig, den 
schwingenden Quarz vor Temperaturänderungen zu 
schützen. Temperaturänderungen können auftreten, 
sowohl durch Veränderungen der Raumtemperatur als 
auch durch Änderung der Eigenwärme des Quarzes. 
Um diese Einflüsse auszuschalten, benutzt man Ther- 
mostaten. Es wird gezeigt, daß die bisher ausgeführten 
Thermostaten nicht imstande sind, diese Einflüsse aus- 
zuschalten. Ein neuer Thermostat wird beschrieben, 
der es gestattet, Temperaturen auf wenige hundertstel 
Grad Celsius konstant zu halten. Über die Versuchs- 
ergebnisse und die praktischen Ergebnisse im West- 
deutschen Gleichwellen-Rundfunknetz wird berichtet. 

R. JAEGER, Berlin, in Gemeinschaft mit H. HERR- 
MANN, Berlin-Wannsee: Über Messungen mit extrem 
harten Röntgenstrahlen. Die zu den Messungen be- 
nutzte Röntgenapparatur wurde in der Elektrizitäts- 
gesellschaft ,,Sanitas‘‘ Berlin entwickelt. Sie gestattet 


i9 


2 Deutsche 


107 Physikalische 
unter Verwendung normaler AEG-Therapieröhren einen 
Dauerbetrieb bei 400 kV Scheitelspannung. Die Appa- 
ratur bedient sich der Villardschaltung. Zur Charakteri- 
sierung der Strahlenqualität wurden mit einem be- 
sonders empfindlichen Dosismesser der Physikalisch- 
Technischen Reichsanstalt Halbwertschichten in 
Kupfer gemessen. Um einen Vergleich mit der radio- 
aktiven Gammastrahlung zu haben, wurde der Schwä- 
chungskoeffizient «in Blei bestimmt. Während « (cm!) 
bei 200 kV etwa 20 beträgt, sinkt der Wert bei 
400 kV auf 4 ab und nähert sich schon beträchtlich der 
einen Komponente «, der Radium-C-Gammastrahlung, 
für die der Wert von rund 1,5 angegeben wird, und die 
einer Spannung von etwa 6 + 10° V entspricht. Fordert 
man für harten Röntgenstrahlen eine gleiche 
Schutzvorrichtung, wie sie bei 200 kV mit 4 mm Blei 
erreicht wird, so ergeben sich für 300 kV 8 mm, für 
400 kV 14,5 mm Blei. 

G. JOOS, Jena: Die Jenaer Wiederholung des 
Michelson-Versuchs. Es wurden mit einem großen 
registrierenden Interferometer von 21 m Lichtweg Auf- 
nahmen gemacht. Durch photometrische Ausmessung 
wurde die Lage des Interferenzstreifensystems in den 
Stellungen auf 14/j999 Streifenbreite ge- 
messen. Die Schwankungen waren von der Größen- 
ordnung einiger Tausendstel Streifenbreite. Ihre rein 
zufällige Verteilung zeigt aber, daß es sich nicht um 
einen wirklichen Ätherwindeffekt handeln kann, der 
demnach kleiner als !/,o0o des erwarteten ist. 

W. KLUGE und E. RUPP, Berlin-Reinickendorf: 
Photoelektrischer Effekt und Elektronenbeugung an 
hydriertem Kalium. Es wird ein Zusammenhang ge- 
sucht zwischen der Struktur und dem photoelektrischen 
Effekt an Kalium und hydrierten Kaliumoberflächen. 
Den spektralen Verteilungskurven des Photoeffektes 
lassen sich bestimmte Elektronenbeugungsmaxima zu- 
ordnen, die teils dem Kalium, teils dem Kaliumhydrid, 
teils einer unbekannten Schicht mit dem Gitterabstand 
von 2,9 A angehören. 

M. KNOLL, Berlin: Photographische Aufnahme- 
technik des Kathodenstrahl-Oszillographen. Ein wesent- 
liches Maß für die Leistungsfähigkeit eines Kathoden- 
strahloszillographen ist seine maximale Schreib- 
geschwindigkeit. Diese ist abhängig von Geschwindig- 


diese 


verschiedenen 


keit und Dichte der Elektronen im Auftreffpunkt 
sowie vom Wirkungsgrad der Umsetzung der Elek- 


tronenenergie in photochemische Energie Die in 
diesem Wirkungsgrad enthaltene Elektronenempfind- 
lichkeit einer Bromsilberemulsion oder Leuchtsubstanz 
kann aus der Abnahme der Strichstärke mit zunehmen- 
der Schreibgeschwindigkeit bestimmt werden Die 
neuerdings an den Kathodenstrahloszillographen be- 
züglich Bildzahl, Betriebsdauer und Betriebssicherheit 
gestellten Ansprüche haben zu besonderer Ausbildung 
der Aufnahmekammer geführt. Die Hochvakuum- 
schleusen für Innenphotographie konnten in letzter 
Zeit vereinfacht und ihre Betriebssicherheit erhöht 
werden. Bei der Außenphotographie ist es mit Be- 
nützung des Elektronenfensters, an dessen Stelle ein 
dünner Leuchtschirm gesetzt werden kann, möglich, 
bis zu sehr hohen Schreibgeschwindigkeiten scharfe 
durch Andrücken der lichtempfind- 
lichen Schicht von außen zu erhalten. 

A. KORN, Berlin-Charlottenburg : De Broglie-Wellen 
in mechanistischer Auffassung und eine erweiterte Zu- 
standsgleichung für Gase. Wenn bei raschen transla- 
torischen Bewegungen Schwingungen als Trabanten- 
bewegungen hinzutreten, so hat das nach Korns An- 
sicht nicht das geringste mit der Relativität (im Eın- 
STEINSchen Sinne) zu tun; solche Schwingungen können 


Oszillogramme 


Gesellschaft und Gesellschaft für 





Technische Physik. 

infolge einer kleinen Kompressibilität der sich bewegen- 
den Materie auftreten. Korn glaubt allerdings, gerade 
in bezug auf die SCHRÖDINGERSschen Resultate der Zu- 
standsgleichung der Gase eine etwas allgemeinere Form 
geben zu müssen. Die Aufstellung der Zustandsglei- 
chungen ist ja gerade ein in mechanistischer Hinsicht 
noch in keiner Weise zum Abschluß gebrachtes Gebiet, 
und hier können die neuen Bestrebungen der Quanten- 
mechaniker und diejenigen der mechanischen Theorien 
zu einer Einigung gelangen. 

KRAMAR, Berlin-Tempelhof: Verfahren zur Rich- 
tungsbestimmung eines drahtlosen Senders, der Zeichen 
in verschiedenen Ebenen ausstrahlt. Nach dem ScHEL- 
LERschen Verfahren wird vorgeschlagen, zum Zwecke 
der Funkpeilung die Feldstärken zweier zueinander 
senkrecht angeordneter Richtantennensysteme mitein- 
ander zu vergleichen. Bei den gebräuchlichen Verfahren 
werden zur Durchführung dieses Vorschlages durch die 
beiden Richtantennensysteme komplementäre Zeichen 
ausgesandt, meist durch die Buchstaben a und n. Auf 
der Winkelhalbierenden zwischen den beiden Richt- 
ebenen verschmelzen dann die beiden Zeichen zu einem 
Dauerstrich. Der akustische Vergleich ist für ver- 
schiedene Anwendungsgebiete nicht möglich. Es wurde 
daher in Amerika, wo das System für Flugzeugpeilung 
mit Erfolg Verwendung findet, eine optische Einrich- 
tung ausgearbeitet. Über neuere in letzter Zeit hier in 
Deutschland entwickelte optische Anzeigevorrichtungen 
sowie Versuche mit diesen am Boden und im Flugzeug 
wird berichtet. 

K. KRÜGER, Berlin-Adlershof: Untersuchungen 
über Schwunderscheinungen bei kurzen Wellen (nach ge- 
meinsamen Versuchen mit H. PLENDL). Im Kurzwellen- 
Großstationsverkehr wird heute eine Fadingverminde- 
rung vielfach dadurch erzielt, daß auf der Empfangs- 
seite Kombinationen von mehreren Antennen mit räum- 
lichem Abstand oder verschiedener Polarisation ver- 
wendet werden. Die ausgleichende Wirkung beim Emp- 
fang mit räumlich getrennten Systemen kommt dadurch 
zustande, daß mehrere getrennte Wegbündel zwischen 
Sender und Empfänger benutzt werden, welche dem 
Schwund nicht gleichzeitig unterliegen. In vielen 
Fällen, namentlich bei beweglichen Stationen, ist nun 
die Verwendung mehrerer getrennter Empfangssysteme 
nicht durchführbar. Es wird über eine Methode berich- 
tet, welche die Trennung der Wegbündel bereits am 
Sender vornimmt, so daß man auf der Empfangsseite 
mit einem einzigen System auskommt. Diese Methode 
beruht im wesentlichen darauf, daß am Sender mit 
zwei verschieden orientierten Antennen gearbeitet 
wird, welche aber nicht gleichzeitig strahlen, sondern 
im Takt einer Modulationsfrequenz abwechselnd er- 
regt werden. An Hand von Rekorderstreifen werden 
die Ergebnisse gezeigt, die bisher mit dieser Methode 
erhalten wurden. 

M. KULP, Rostock: Analyse der ultravioletten Salz- 
säurebanden. Eine Entladung in Salzsäure gibt zwi- 
schen 3000 und 4000 A ein Bandenspektrum, das bei 
hoher Dispersion eine linienreiche Feinstruktur zeigt. 
Das Spektrum ist wahrscheinlich HCl+ zuzuschreiben. 
Die Analyse ergibt einen 2 — 2z Elektronensprung. 
Die Komponenten des Dubletts sind um 663 cm 
trennt. Der tiefere Term ist ein verkehrter 
Jede Dublettkompone nte enthält 6 Zweige, 


1 ge- 
271-Term. 
3 stärkere 





entsprechend 2341, — ?a7+1, bzw. 2-1, —®rz-ı,, 
und 3 sc pe here e -ntspre chend #241/,—» ?z-ı, bzw. 
2>'_1),-» 22 +1),. Die Banden sind nach Rot abschattiert. 


B. LANGE. Berlin-Dahlem: Uber eine neue Art von 
Photozellen. Die neuen Photozellen beruhen auf einem 


lichtelektrischen Effekt, der bei unipolarleitenden Metal- 








en- 
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Zu- 
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Deutsche Physikalische Gesellschaft und Gesellschaft fiir Technische Physik. 1073 


len beobachtet wurde.Durch Anwendung diinner unipolar 
leitender Halbleiterschichten zwischen Metallelektroden 
lieBen sich Photozellen herstellen, die sich durch ihre 
Rotempfindlichkeit und einen hohen Wirkungsgrad 
auszeichnen. Während bei Vakuum-Photozellen die 
Photoelektronen aus dem Metall in das Vakuum aus- 
treten, gelangen sie bei der neuen Photozelle aus ciner 
Halbleiterschicht unmittelbar in das angrenzende Me- 
tall, so daB hierdurch die Austrittsarbeit vermindert 
wird und sich die Anwendung einer Saugspannung er- 
übrigt. Obgleich es sich hierbei ähnlich wie bei Selen- 
zellen um einen inneren Photoeffekt handelt, erfolgt 
bei den neuen Photozellen eine unmittelbare Umwand- 
lung von Licht in elektrische Energie, die annähernd 
trägheitslos und völlig intensitätsproportional verläuft. 

B. LANGE, Berlin-Dahlem: Über eine verbesserte 
Methode zur Bestimmung des Leitvermögens von Elek- 
trolyten. Leitfähigkeitsmessungen wurden bisher vor- 
wiegend nach der WHEATERTONEschen Brückenmethode 
unter Anwendung eines Induktoriums als Stromquelle 
und eines Telephons als Nullinstrument ausgeführt. Da 
die stets vorhandene Gleichstromkomponente des 
Farapayschen Stromes Polarisation bewirkt, ist die Ein- 
stellung des Tonminimums unscharf und besonders bei 
geringen Leitfähigkeiten sehr ungenau. Durch eine 
neuartige Schaltung wurde mit einfachen Mitteln eine 
Frequenzvervielfachung des Netzwechselstromes er- 
zielt, so daß an Stelle von Induktorium und Batterie 
das Lichtnetz angewandt wird. Durch den tonfre- 
quenten sinusförmigen Wechselstrom wird hierdurch 
eine Polarisation weitgehend vermieden. Der Wechsel- 
strom im Nullzweig der Brücke wird durch Metall- 
plattengleichrichter in Graetz-Schaltung gleichgerichtet 
und mit Gleichstrominstrumenten gemessen. Die Ge- 
nauigkeit dieser objektiven Methode hängt demgemäß 
nur von der Empfindlichkeit des Gleichstrominstru- 
mentes ab und läßt sich fast beliebig steigern. Bei An- 
wendung eines Spiegelgalvanometers als Nullinstrument 
werden Leitfähigkeit von 1078 Ohm"! leicht meßbar, 

E. REICHENBÄCHER, Königsberg i. Pr.: Die 
Diracsche Wellengleichung ı. Ordnung mit zwei Kom- 
ponenten. Die Zurückführung der SCHRÖDINGERSchen 
Wellengleichung 2. Ordnung auf die 1. Ordnung, die 
sich wegen des Erhaltungssatzes der Elektrizität als 
nötig erweist, ist Drrac nur dadurch möglich gewesen, 
daß er statt der einen Wellenfunktion SCHRÖDINGERS 
deren vier einführte. Es kann nun gezeigt werden, daß 
man mit nur 2 Komponenten auskommt, wenn man 
die SCHRÖDINGERSche Gleichung nicht in der nur für 
die Lorentztransformationen invarianten, sondern in 
der absolut invarianten Form der allgemeinen Relativi- 
tätstheorie schreibt. Aus dieser mathematischen Um- 
formungsmöglichkeit ergibt sich physikalisch die Aus- 
sicht, die der Drracschen Theorie noch anhaftenden 
Mängel zu vermeiden, während an ihren Erfolgen nichts 
verlorengeht. 

U. RETZOW, Berlin: Lösung verschiedener Mi- 
schungsaufgaben auf graphischem Wege. Die Aus- 
führungen weisen eine Konstruktion nach, durch die 
der bekannte Höhensummensatz des gleichseitigen 
Dreiecks auch auf ungleichseitige Dreiecke anwendbar 
wird; die Anwendung der Dreieckskoordinaten erfährt 
dadurch eine bedeutende Erweiterung. An 2 Beispielen 
aus der Praxis wird das Verfahren näher dargelegt 

SCHEPPMANN, Berlin-Tempelhof: Drahtlose Bild- 
telegraphie auf langen Wellen, insbesondere in Zu- 
sammenwirkung mit Radioübertragung. Es wird das 
Prinzip der Bildabtastung auf der Sendeseite erklärt 
und die Verwendung der Gleichstromzeichen in 
Wechselstromzeichen. Darauf folgt die Synchroni- 


sierungsmethode und die Lichtsteuerung auf der Emp- 
fangsseite durch Saitengalvanometer. Es werden 
einige Ergebnisse des praktischen Bildfunkverkehrs 
bei der preußischen Polizei mitgeteilt. Einige Dia- 
positive der Geräte System Lorenz-Korn und draht- 
lose Übertragungsbeispiele werden gezeigt. 

A. SCHULZE, Berlin: Untersuchungen an Silicium. 
Es wird eine große Reihe verschiedener Siliciumsorten 
in erster Linie auf den elektrischen Widerstand bis 
nahe an den Schmelzpunkt untersucht. Hierbei findet 
sich die Theorie von GUDDEN bestätigt, daß die nega- 
tive Widerstandstemperatur durch die zwischen den 
Einzelkrystallen liegenden Oberflächenschichten hervor- 
gerufen wird. Alle Krystallaggregate zeigen in dem 
großen untersuchten Temperaturgebiet nahezu den 
gleichen Temperaturverlauf. Einkrystalle dagegen ver- 
halten sich vollkommen metallisch, d.h. sie besitzen 
in allen Temperaturgebieten einen positiven Wider- 
standstemperaturkoeffizienten. Unstetigkeiten (im 
Sinne KOENIGSBERGERS) konnten nicht festgestellt 
werden. Demgemäß ergeben sich Schlüsse auf die 
Konstitution des Siliciums. 

K. SCHNETZLER, Jena: Der Zeemaneffekt des 
Kaliumchromselenats. Das Kaliumchromselenat zeigt 
in Absorption ein scharfes Dublett bei 6700 A. Ob- 
wohl der Krystall als regulär krystallisierender Alaun 
optisch isotrop ist, ergibt die experimentelle Aufnahme 
der Zeemanaufspaltung je nach der Orientierung in 
Typus und Größe ganz verschiedene Bilder. Offenbar 
ist nicht die optische, sondern die komplizierte Gitter- 
symmetrie des Alauns maßgebend. 

W. SCHOTTKY, Berlin-Siemensstadt: Über den 
Entstehungsort der Photoelektronen in Kupfer-Kupfer- 
oxydul-Photozellen. Eine gleichrichtende Kupfer- 
Kupferoxydulplatte nach GRONDAHL wurde auf der 
Oxydulseite mit dünnen Elektrodenstrichen versehen 
und der ohne Vorspannung auftretende Photostrom 
bei Abtastung der Zelle mit einem dünnen Lichtstrich 
gemessen. Man findet ein exponentielles Abklingen des 
Effektes mit wachsender Entfernung Elektrodenstrich- 
Lichtstrich. Die gemessene Abklingstrecke von einigen 
Millimetern erweist sich im Einklang mit einer aus 
reinen Widerstandsmessungen der Zelle berechneten 
Größe, wenn man die Annahme zugrunde legt, daß der 
primäre Photoeffekt in der Durchdringung der zwischen 
Kupfer und Kupferoxydul ausgebildeten Sperrschicht 
von submikroskopischen Abmessungen besteht (,,Sperr- 
schicht-Photozelle‘‘). Messungen mit positiver und 
negativer Vorspannung sowie mit Variation der Oxydul- 
schichtdicke bestätigen ebenfalls diese Theorie. 

H. SENFTLEBEN, Breslau: Magnetische Beeinflus- 
sung des Wärmeleitvermögens paramagnetischer Gase. 
Der Verfasser beobachtete, daß das Wärmeleitvermögen 
paramagnetischer Gase (O,, NO) abnimmt, wenn diese 
in ein Magnetfeld gebracht werden. Die Messung der 
Abhängigkeit dieser Feldwirkung von den äußeren 
Bedingungen (Feldstärke, Druck, Temperatur) läßt 
sich genau durchführen und durch einfache Gesetz- 
mäßigkeit darstellen. 

H. SENFTLEBEN und O. RIECHENMEIER-Bres- 
lau: Uber die Reaktionskinetik bei der Vereinigung von 
Wasserstoffatomen zu Molekiilen. Quantitative Mes- 
sungen der Reaktionsgeschwindigkeit bei der Bildung 
von Wasserstoffmolekülen aus den Atomen werden 
nach einem Registrierverfahren ausgeführt. Die Er- 
gebnisse erbringen den experimentellen Beweis dafür, 
daß die Molekülbildung durch Dreierstöße erfolgt und 
erlauben Schlüsse auf den Wirkungsquerschnitt der 
Atome beim Stoß. Im weiteren wird der Einfluß der 
Variation deräußeren Bedingungen (Druck usw.)verfolgt. 





Abteilung: 


1074 


H. SIEDENTOPF, Jena: Molekularbewegung. (De- 


monstration). 


H. RAUSCH VON TRAUBENBERG, Prag: Uber die 
Erzeugung sehr hoher elektrischer Felder und ihre An- 
wendung in der Spektroskopie. Es wurden Wasserstoff- 
kanalstrahlen elektrischen Feldern ausgesetzt, wobei 
die Feldlinie senkrecht zur Bewegungsrichtung der 
Strahlen stand Es wurden dabei Feldstärken über 
eine Million Volt/cm erreicht und längere Zeit aufrecht- 
erhalten. In Feldern bis 947600 Volt/cm wurden sehr 
gute Aufnahmen erhalten und der Starkeffekt bis zur 
3. Ordnung in ausgezeichneter Übereinstimmung mit 
der SCHRÖDINGERSchen Theorie gefunden. Die Fein- 
einzelnen Serienlinien zeigen dabei 
mit der Existenzgrenzen, 
d.h. beim Überschreiten kritischer Feld- 
tärken sinkt die Intensität zu Nullherab. Die Arbeiten 
GEBAUER und G. LE 


komponenten der 
Gliednummer abnehmende 
gewisser 


wurden gemeinsam mit Herrn R 
WIN ausgeführt 

F. TRAUTWEIN, Berlin-Zehlendorf: Über elektrische 
Synthese von musikalischen Klängen und Sprach- 
lauten. Die von HERMANN aufgestellte und von STUMPF 
in abgeänderter Form experimentell bestätigte Theorie, 
daß die Klangfarben der Sprachlaute auf bestimmte 
Teiltöne, Formanten genannt, zurückzuführen sind, 
sowie die Annahme von STUMPF, daß auch die cha- 
rakteristischen Klangfarben Musikinstru- 
mente durch Formanten zu erklären sind, wird weiter 
ausgebaut und zur Grundlage einer elektrischen Klang- 
synthese gemacht. Die Formanten werden in jeder 
Periode des Grundtones neu angestoßen, so daß die 
Gesamtschwingung streng periodisch bleibt Diese 
Stoßerregung hat Ähnlichkeit mit den Vorgängen, 
welche in der Hochfrequenztechnik zur Erzeugung ge- 
dämpfter Schwingungen benutzt werden. Auch durch 
Anordnungen, wie sie in der Hochfrequenztelephonie 
zur Modulation dienen, können Sprachlaute nachge- 
ahmt und musikalische Klänge erzeugt werden. Ein 
auf dieser Grundlage entwickeltes neues Musikinstru- 
ment gibt dem Musiker neue Ausdrucksmöglichkeiten 
durch Vielseitigkeit der Klangfarben und Erleichterung 
der Spieltechnik 

F. TRENDELENBURG, Berlin: Über eine Methode 
zur Untersuchung von Druckvorgängen mittels der 
Druckabhängigkeit der Dielektrizitätskonstanten. Die 
Abhängigkeit der Dielektrizitätskonstante vom Druck 
benutzt werden, 
auch solche in Flüssigkeiten auf elektrischem 
theoretischen Grundlagen 
Aufbau der Meßanordnung werden 
Druckvorgänge werden in ein kleines 


mancher 


kann Druckvorgänge und zwar ins- 
be sonde rt 
Wege aufzuzeichnen Die 
der Methode und der 
besprochen. Die 
Meßgefäß übertragen, in welchem sich zwischen zwei 
festen Kondensatorbelegungen ein flüssiges Dielektri 
Die durch die Änderung der Dielektri- 
zitätskonstante hervorgerufenen Kapazitätsschwankun- 
gen werden mit der Methode der halben Resonanzkurve 
wird über praktische MeBergebnisse 


cum befindet 


nachgewiesen. E 
berichtet 


Abteilung: Agrikulturchemie. 
Dienstag, den 9. September (15"/, Uhr) und Mittwoch, den 10. Sep- 


tember: Hörsaal Tragheimer Kirchenstr. 83 


K. SCHARRER, Weihenstephan-Miinchen: Boden- 
absorptionsstudien mit Jod. Böden der verschiedensten 
Art (Hochmoor, Niedermoor, tertiärer 
Decklehm, wurden mit Jodiden, Jodaten, 
Perjodaten und elementarem Jod behandelt. Die einzel- 
nen Böden verhielten sich in der Größe ihres Ad- und 
Absorption mehr 


Miocänsand 
sandiger Ton) 


verschieden Bei 
Bruchteil des 


vermögen sehr 


tündigem Auswaschen wurde nur ein 





Agrikulturchemie. 


ursprünglich aufgenommenen Jods zurückgehalten. 
Von den untersuchten Böden zeigten die Moorböden 
eine größere Ad- und Absorption als die Mineralböden. 
Das größte Absorptionsvermögen wies der stark saure 
Hochmoorboden (Chiemsee) auf; darauf folgten in der 
Größe nach abnehmender Reihe der neutrale Nieder- 
moorboden (Dachauer Moos), der schwach saure tertiäre 


Decklehm (Weihenstephaner Hügelland), der stark 
alkalische sandige Tonboden (Umgebung von Wien) 


und der neutrale Miocänsand (Weihenstephan). Bei 
den Mineralböden ist somit die Größe der Absorption 
hauptsächlich durch den Reichtum an Kolloiden be- 
stimmt. Das Perjodation wurde meist (mit Ausnahme 
des Hochmoors) am besten absorbiert; darauf folgte 
Jodation und schließlich das Jodidion. Durchweg ist 
zu beobachten, daß der Unterschied zwischen der Größe 
des Absorptionsvermögens der Böden gegenüber Joda- 
ten und Perjodaten nur gering ist, während Jodide im 
Vergleich dazu bedeutend weniger absorbiert werden 
Elementares Jod wurde von den Moorböden schlechter 
absorbiert als von den Mineralböden; bei diesen stand 
es in der Größe seiner Absorption unmittelbar nach den 
Perjodaten, wurde also meist besser absorbiert als 
Jodide und Jodate. Die Reaktion der Böden ist für die 
Absorption des Jodid-, Jodat- und Perjodations von 
mehr untergeordneter Bedeutung. Im Gegensatz dazu 
scheint für die Absorption des molekularen Jods die 
Bodenreaktion von großer Wichtigkeit zu sein. Die 
Kationen üben zwar unzweifelhaft einen Einfluß auf 
die Absorption der jeweiligen Salze aus; nicht immer 
jedoch wurden die Kaliumsalze besser als die Natrium- 
salze festgehalten ; auch das umgekehrte Verhalten war 
zu beobachten. 


K. SCHARRER, Weihenstephan-München : Zur Frage 
des Zurückgehens der citratlöslichen Phosphorsäure 
im Rhenaniaphosphat. Der charakteristische Bestand- 
teil im Rhenaniaphosphat ist das bei seiner Erzeugung 
durch alkalischen Aufschluß aus den Rohphosphaten 
entstehende Alkalikalkphosphat. Diese Substanz ist 
ammoncitratlöslich, und diese Löslichkeitsform ist daher 
wesentlich für das Rhenaniaphosphat, um so mehr als 
Forschungen unseres Instituts bewiesen haben, daß 
dieser citratlöslichen Phosphorsäure in pflanzenphysio- 
logischer Hinsicht infolge ihrer leichten Aufnehmbar- 
keit ein besonderer Wert zukommt. Wegen der Wich- 
tigkeit der Entscheidung der Frage, ob die oft bei der 
Analyse von Rhenaniaphosphaten auftretenden Unter- 
schiede im Gehalt an ammoncitratlöslicher Phosphor- 
säure auf ein ‚„Zurückgehen“ citratléslichen 
Phosphorsäure, also auf eine Rückverwandlung diese 
Phosphorsäureform in schwerer lösliche Verbindungen 
zurückzuführen seien, wurden eine große Anzahl Rhe- 
naniaphosphate neuerer Fabrikation ein Jahr lang ge 
lagert und in der Zwischenzeit häufiger auf ihren Ge- 
halt an den Löslichkeitsformen der 
Phosphorsäure und auf ihre sonstige Zusammensetzung 
hin untersucht. Durchweg war der Gehalt an citrat- 
löslicher Phosphorsäure am Ende des Versuches etwas 


dieser 


verschiedenen 


geringer als beim Beginn, doch lagen die Unterschiede 
größtenteils innerhalb des Analysenspielraums. Von 
den 15 untersuchten Proben wiesen nach Ablauf eines 
Jahres 5 der Phosphate Differenzen auf, die höher als 
Von 
5 Proben zeigten 2 Phosphate eine Differenz über 0,5%, 
während bei den anderen 3 die Unterschiede zwischen 
lagen. Die von anderen bei früheren 


der zulässige Analysenspielraum waren diesen 


0,3 und 0,4% 


Untersuchungen festgestellten viel höheren Rückgänge 
im Gehalt an ammoneitratlöslicher Phosphorsäure beim 
Lagern dieser Phosphate dürften auf die verschiedene 
Art des Lagerns und des Materials zurückzuführen sein 











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Abteilung: Agrikulturchemie. 1075 


A. WILHELM], Berlin: Neue Ergebnisse über die 
Zusammensetzung und Wirkung des Thomasmehls. Bis- 
her wurde fast allgemein angenommen, daß die Phos- 
phorsäure des Thomasmehls durch Pflanzen- oder 
Boden- (Kohlen-) Säure gelöst werden müsse, damit sie 
wirksam würde. Eingehende Untersuchungen haben 
dargelegt, daß das nicht der Fall ist. Die Thomasmehl- 
phosphorsäureverbindung ist wasserlöslich und wird 
aus wässerigen Lösungen von den Pflanzen aufgenom- 
men. Weiterhin hat sich herausgestellt, daß die früher 
in der Thomasschlacke gefundenen Krystalle nicht die 
Phosphorsäureträger des Thomasmehls sind, sondern 
daß diese Krystalle beinahe unlöslich sind und für die 
Pflanzenernährung nicht in Betracht kommen. Die 
Wirkung der Thomasmehle ist um so besser, je mehr 
„lösliche‘‘ Kieselsäure darin vorhanden ist. Die Tho- 
masmehle mit höchstem Gehalt an löslicher Kiesel- 
säure (4% und darüber) sind auch über 90% ammon- 
citratléslich. Zahlreiche Versuche nach NEUBAUER, 
Vegetationsversuche und Kopfdüngungsversuche be- 
stätigen die Richtigkeit der neuen Erkenntnisse. 

K. MAIWALD, Breslau: Grundsätzliche Betrach- 
tungen über Nährstoffaufnahme und Stofferzeugung bei 
einjährigen Pflanzen. Nährstoffaufnahme und Stoff- 
erzeugung von Pflanzen sind aus methodischen Gründen 
am besten im sorgfältig durchgeführten einjährigen 
Gefäßversuch zu ermitteln. Die Bedingungen, denen 
die Pflanze dabei unterliegt, machen sich im Gesamt- 
ergebnis aber stark bemerkbar, da sie sich aus Gründen 
der Versuchstechnik von einem ‚wilden‘ Aufwachsen 
der Pflanze zum Teil ziemlich weit entfernen. Solche 
Einflüsse der Versuchsmethode müssen also richtig er- 
kannt und gedeutet und von echten, physiologisch be- 
gründeten Wachstumsvorgängen abgezogen werden. 
Tut man dies (sofern es überhaupt gelingt), so verschiebt 
sich das Bild, welches die unmittelbaren Versuchszahlen 
uns zu geben scheinen, da die Löslichkeitsverhältnisse 
der gegebenen Nährstoffe und der von uns willkürlich 
geregelte Wasserhaushalt der Versuchspflanze hier 
wesentlich mit hineinspielen. Nun werden aber bei 
unseren Kulturpflanzen, auf deren Beobachtung und 
Erforschung ja die meisten ernährungsphysiologischen 
Versuche und Versuchsfragen gerichtet sind, die Wachs- 
tumsbedingungen aus wirtschaftlichen Gründen auch 
im Felde durch die Bodenbearbeitung und die Bevor- 
zugung bestimmter Nährstofformen (natürliche und 
künstliche Düngemittel) schon so einseitig gelenkt, daß 
die Pflanzen ein ganz spezielles physiologisches Ver- 
halten zeigen, zugeschnitten auf das besondere Ziel der 
Erzeugung großer Substanzmengen von besonderer 
Beschaffenheit (hohe Ernten, reich an Eiweiß oder 
Zucker oder Kohlehydraten usw.). Insofern entspricht 
der Gefäßversuch der Wachstumsphysiologie der ein- 
jährigen Kulturpflanze meist recht gut. Die so ge- 
wonnenen, mit neuen Beispielen belegten Ergebnisse 
über den Verlauf des stofflichen Aufbaus der Pflanze 
und ihrer Organe, die beschleunigte Aufnahme gewisser 
Nährstoffe gegenüber anderen, die nachträgliche Ver- 
lagerung von Stoffen innerhalb der Pflanze, über den 
ganzen sog. inneren Wachstumsrhythmus der Pflanze, 
dürfen vorläufig aber nur unter Vorbehalt als allgemein 
für die pflanzliche Ernährungsphysiologie gültig be- 
trachtet werden. 

M. POPP, Oldenburg: Untersuchungen über die 
amerikanische Giftgerste. Im Herbst 1928 zeigten sich 
bei der Verfütterung von Futtergerste an Schweine 
bisher nicht beobachtete Krankheitserscheinungen. 
Die Gerste stammte aus bestimmten Gebieten der Ver- 
einigten Staaten von Nordamerika. Sie zeigte bei ober- 
flächlicher Betrachtung keine von normaler Gerste 


merklich abweichenden Eigenschaften. Bei näherer 
Untersuchung fand man jedoch einen starken Befall 
der Körner mit Mikroorganismen, unter denen der 
Pilz Gibberella saubinetti (Fusarium roseum) überwog. 
Reinkulturen dieses Pilzes erwiesen sich nicht als giftig; 
es gelang auch nicht, einwandfreie Gerste künstlich 
giftig zu machen. Chemische Untersuchungen, die im 
Einklang mit amerikanischen Befunden stehen, ergaben 
eine Veränderung in der Zusammensetzung des Gersten- 
kornes; namentlich waren die Eiweißstoffe abgebaut 
worden. Es hatten sich also Toxalbumine oder ähn- 
liche toxische Stickstoffverbindungen gebildet, welche 
die Erkrankung der Schweine herbeiführen. Dusch 
Extraktion der Gerste mit heißem Wasser kann man 
die Giftstoffe zum Teil entfernen, doch war dies Ver- 
fahren bei den großen in Frage kommenden Gersten- 
mengen in der Praxis nicht durchführbar. Die Gift- 
wirkung tritt auch noch in starker Verdünnung auf, 
so daß auch ein Vermischen der Giftgerste mit einwand- 
freier Gerste nicht mit Sicherheit zur Entgiftung führt. 
Die Infektion der amerikanischen Gerste ist während 
des Wachstums erfolgt. Sie tritt besonders in Jahren 
nach einem feuchten Herbst ein, wobei das in Amerika 
vielfach auf dem Lande gelassene, faulende Stroh einen 
günstigen Nährboden liefert. Auch deutsches Getreide 
kann mit dem Pilz infiziert werden, jedoch scheint das 
hier infizierte Getreide nicht giftig zu sein. 

A. KELLER, Königsberg i. Pr.: Die physiologischen 
Grundlagen der Sauerfutterbereitung. Unter Sauer- 
futterbereitung versteht man heute allgemein die Halt- 
barmachung grüner Pflanzen durch eine milchsaure 
Gärung. Es handelt sich bei sämtlichen in Frage 
kommenden Erscheinungen dieser Gärung um energe- 
tisch biologische Vorgänge, die man in 2 Stadien ein- 
teilt: 1. Das Stadium der Sauerstoffatmung und der 
anaeroben Atmung. 2. Das Stadium der Gärung, her- 
vorgerufen durch die Luftverdrängung und den Sauer- 
stoffmangel im Silobehälter. Als Urheber und Träger 
dieser Vorgänge unterscheidet man: a) die Pflanze als 
Konservierungsgut, b) Fermente, c) Mikroorganismen, 
besonders Bakterien und Pilze. Der im Silobehälter 
noch vorhandene Luftsauerstoff wird von den ein- 
gebrachten Pflanzen veratmet. Da die Atmung un- 
erwünschte Nährstoffverluste mit sich bringt, sorgt 
man durch Zusammenpressen des Futters für die 
Entfernung des Sauerstoffs. Bei der nun bis zum 
völligen Absterben der Pflanzenzellen einsetzenden 
intramolekularen Atmung entstehen als Endprodukte 
vorwiegend Fettsäuren nebst geringen Mengen von 
Alkohol; weiterhin bilden sich wie bei allen Lebens- 
prozessen infolge des Eiweißabbaues Aminosäuren bzw. 
Ammoniak. Die Vorgänge bei der intramolekularen 
wie auch bei der eigentlichen Atmung werden durch 
die gleiche Gruppe von Fermenten hervorgerufen. Ein 
Teil der im fertigen Sauerfutter vorhandenen End- 
produkte ist daher stets auf den Stoffumsatz und die 
Fermente der Pflanzenzellen zurückzuführen. Die 
Größe dieses Anteils läßt sich allerdings nicht genau 
festlegen. Die Milchsäure selbst wird zum größten Teil 
durch Milchsäurebakterien gebildet, die trotz des Über- 
wiegens der übrigen auf den Pflanzen befindlichen, zum 
Teil schädlichen Bakterienflora infolge günstiger Ge- 
staltung ihrer Daseinsbedingungen (Luftabschluß, 
zuckerreicher Nährboden) die Oberhand gewinnen. 

P. KOENIG, Forchheim: Natürlich nicotinfreie, 
-arme und -reiche Tabake. Die Rolle des Nicotins für 
die Tabakpflanze sowie der Auf- und Abbau des Nicotins 
während des Wachstums und der Verarbeitung, auch 
der Einfluß der Züchtung, der Feldpflege, der Düngung 
usw. sind noch wenig studiert. Unsere Versuche im 





1076 


Tabak-Forschungsinstitut, an denen sich besonders 
auch Dr. Dörr beteiligt hat, suchen diese Fragen durch 
Einzelauslese und Nachprüfung der Blätter in allen 
Lebensstadien sowie durch Verfolgung, Veränderungen 
in der Trocken- und Fermentationsperiode zu lösen. 
Das Einzelindividuum hat in jedem Blatt verschieden 
hohen Nicotingehalt, der nach der Höhe der Ansatz- 
stelle mit Regelmäßigkeit zunimmt, so daß die obersten 
Blätter in allen Fällen den höchsten Nicotingehalt auf- 
weisen. Der Nicotingehalt nimmt bis zur Blattreife 
ständig zu. Wir fanden grüne Tabake, die im Niedrigst- 
falle unter 0,2% und im Höchstfalle etwa 12% Nicotin 
enthielten, die wir züchterisch und chemisch-biologisch 
weiter verarbeiten. Als wichtigstes Ergebnis der Unter- 
suchungen liegt vor, daß es bei reinen Nachkommen- 
schaften eine ,,Nicotinkonstante“ (Alkaloidkonstante) 
gibt, d.h. mag das Nicotin bei ein und derselben Sorte 
durch Boden-, Düngungs- und sonstige Einflüsse in der 
Grünsubstanz noch so verschieden sein, bei regelrechter 
(nicht künstlicher) Trocknung enthält dieselbe Nach- 
kommenschaft ungefähr gleiche Alkaloidwerte. 

W. SCHROPP, Weihenstephan-München: Zur Me- 
thodik des GefaBvegetationsversuches. Es wird über 
Versuche berichtet, welche die Art der Regelung der 
Standorts- und Wasserverhältnisse bei Vegetations- 
versuchen mit ortsfester Aufstellung der Gefäße prüften. 
Die Untersuchungen ergaben, daß bei Verwendung von 
Randgefäßen und unter Vermeidung zu großer Aus- 
dehnung einer Versuchsreihe in der Nord-Südrichtung 
mindestens bei den kurzlebigen landwirtschaftlichen 
Kulturpflanzen auf eine tägliche Standortsveränderung 
verzichtet werden kann, ohne nennenswerte Versuchs- 
fehler herbeizuführen. 

H. WAGNER, Oppau: Nährstoffaufnahme und 
-wanderung in der Pflanze. An einer beschränkten 
Anzahl ausgewählter Beispiele der umfangreich durch- 
geführten Wachstumsversuche mit verschiedenen Pflan- 
zen, deren Ernten in kurzen Zeitabständen erfolgten 
und in die einzelnen Pflanzenorgane zerlegt wurden, 
wird die zeitliche Aufnahme der 4 Hauptnährstoffe 
Stickstoff, Phosphorsäure, Kali und Kalk durch die 
Pflanze an schematischen Kurven gezeigt. Stickstoff 
und Phosphorsäure wird sowohl in den Blättern wie 
auch in den Halmen bzw. Stengeln bis zu einem Maxi- 


mum aufgenommen, dann wandert der größte Teil 
dieser beiden Nährstoffe aus beiden Pflanzenorganen 


in die Blütenstände. Kali, welches mengenmäßig am 
meisten in den Halmen bzw. Stengeln enthalten ist, 
wandert nur aus den Blättern nach den Blütenständen, 
während der Kalk in jedem Pflanzenorgan festgelegt 
wird. An der Zuckerrübe wurden diese Wachstums- 
vorgänge im ersten Jahr (vegetatives Wachstum) und 
im zweiten Jahr (generatives Wachstum) verfolgt und 
typische Unterschiede dieser beiden Wachstumsperioden 
gefunden. So konnte im ersten Wachstumsjahr fest- 
gestellt werden, daß auch der Kalk aus den Blättern 
wandert, und zwar nach der Rübe in der Zeit ihrer 
stärksten Zuckeranreicherung. An der Mohnpflanze 
wird die Frage der Nährstoffrückwanderung durch die 
Wurzeln kurz gestreift. 

E. UNGERER, Breslau: Änderung des Gehalts der 
Böden an Kolloidton unter dem Einfluß des Kationen- 
umtauschs; die quantitative Ermittlung des Kolloid- 
tons mit Hilfe der Schälzentrifuge. Kolloidton, aus 
Boden isoliert, ist nach P. EHRENBERG eine beständige, 
mehr oder weniger gelblich gefärbte Suspension feinster 
Teilchen (< 140 su), welche im durchfallenden Licht 
klar, im auffallenden opalescierend getrübt ist. Der 


Kolloidton hat erheblichen Anteil an der Bildung und 
Beständigkeit der Bodenkrümel. 


Tone und carbonat- 





Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft. 


arme Böden wurden im ursprünglichen wie im mit ein- 
wertigen Kationen durch Kationenumtausch an- 
gereicherten Zustand auf den Gehalt an Teilchen der 
angegebenen Größenordnung untersucht. Hierbei nahm 
der Gehalt an Kolloidton in der Reihe der Kationen 
K < NH,< Na<Li zu. Aus einem Ton konnten 
durch Anreicherung mit Li 58% von Teilchen < 200 nu 
abgetrennt werden. Die quantitative Ermittlung ge- 
schieht zweckmäßig mit einer Schälzentrifuge bei einer 
Umdrehungszahl von 3000 Touren in der Minute und 
einer Schleuderzeit von 10 Minuten nach folgender 
Formel: 


9 N 
V: Be 


Die benutzte Zentrifuge wird genauer beschrieben. 


Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft. 
Montag, den 8. September, 9 Uhr: Hörsaal Palästra Albertina III, 
Fliess-Str. 3. 


O0. LEMMERMANN, Berlin-Dahlem: Die Bedeutung 
des Kohlenstoff - Stickstoffverhältnissess und anderer 
chemischen Eigenschaften der organischen Stoffe für 
ihreWirkung. Durch die Zersetzung organischer Substan- 
zen ändert sich ihre chemische Beschaffenheit derart, 
daß sich die verschieden starke Zersetzung durch die 
chemische bzw. biochemische Untersuchung verfolgen 
läßt. Zur Charakterisierung des physiologischen Wertes 
der organischen Substanzen eigneten sich von den ge- 
prüften Methoden a) die Bestimmung des C/N-Verhält- 
nisses, b) die Bestimmung des Prozentgehaltes an N, 
c) evtl. die Bestimmung des Humifikationsgrades durch 
NH, und d) die Pentosanbestimmung. Die Bestimmung 
des Energiegehaltes der organischen Substanz durch 
Messung der CO,-Produktion führte zu unbefriedigenden 
Ergebnissen. Wenn man aber solche Untersuchungen 
vornimmt, muß u.a. dafür Sorge getragen werden, daß 
den Mikroorganismen in den Atmungsgefäßen stets ge- 
nügende N-Mengen zur Verfügung stehen. Wenn das 
Verhältnis von C: N in der organischen Substanz sich 
verhält wie 20 : 1 (oder enger ist), so ist die Zersetzung 
solcher organischen Substanzen wie Stroh und ähnlicher 
Stoffe so weit fortgeschritten, daß ein Verlust von etwa 
50% Trockensubstanz eingetreten ist. Der N-Gehalt 
der organischen Substanz beträgt in diesem Zustande 
in der Regel 2% und mehr. Die schädliche (d.h. N- 
entziehende) Wirkung organischer Stoffe ist um so 
größer, je weiter das C/N-Verhältnis in ihnen ist. Die 
schädliche Wirkung solcher organischen Substanzen 
hört auf, wenn das C/N-Verhältnis etwa wie 
und der N-Gehalt der Trockensubstanz 2% und mehr 
beträgt. Der Humifikationsgrad solcher organischen 
Substanzen (bestimmt durch NH,) scheint größer als 
30% zu sein, der Pentosangehalt ist kleiner als 12%, wie 
das auch von O. FLieg festgestellt worden ist. Aus den 
Untersuchungen gebt weiter hervor, daß ein ziemlich 
weitgehender Zersetzungsgrad von Stroh bzw. strohi- 
gem Dünger, der kurz vor der Aussaat untergebracht 
wird, nötig ist, um seine N-festlegende Wirkung aus- 
zuschalten. Dieser Umstand verdient mehr als bisher 
in der Praxis beachtet zu werden; denn man kann nicht 
selten beobachten, daß nur ganz ungenügend zersetzter 
strohiger Dünger auch noch im Frühjahr angewendet 
wird. Neben einem solchen Dünger wird eine Stick- 
stoffdüngung nie voll zur Wirkung kommen können. 

K. MAIWALD, Breslau: a) Unterschied im Puffer- 
vermögen carbonatarmer Böden in wässriger und in 
KCl-Aufschwemmung. — b) Stand unserer Kenntnis 
von der chemischen Natur der organischen Boden- 
bestandteile. 





20 : I 1st, 











Deutsche Bodenkundliche Gesellschaft. 


W. WOLFF, Berlin-Frohnau: Uber die Einwirkung 
der geologischen Formationen auf die Bodenbildung in 
Norddeutschland. In Norddeutschland wird der Boden- 
typ in erster Linie durch das Ortsklima und die Vege- 
tation bestimmt. Daneben macht sich aber ein deut- 
licher Einfluß der Bodenart, d. h. des Gesteins oder der 
geologischen Formation geltend, und zwar um so 
stärker, je jünger diese Formation ist. Im älteren 
Glazialgebiet von Nordwestdeutschland herrscht infolge 
der außerordentlich langen Verwitterung allgemeine 
kräftige Podsolierung. Im jungen Glazialgebiet hat die 
Bodenbildung weit geringere Mächtigkeit und Intensität 
erreicht. Verhältnismäßig vorgeschritten ist sie auf 
den durchlässigen Sandböden, die gewöhnlich pod- 
soliert sind. In den Geschiebelehmgebieten herrschen 
rostfarbige Waldböden vor. Das Auftreten von land- 
wirtschaftlich hochwertiger Braunerde ist auf warme 
und trockene Gegenden und in diesen wiederum auf 
kalk- und feinerdereiche Bodenarten beschränkt, z. B. 
auf feinerdige Geschiebemergel in der Zentraldepression 
des Odergletschers und feinsandreiche Beckentone, die 
im Pyritzer Weitzacker eine Abart von Schwarzerde 
tragen. In OstpreuBen neigt der Deckton zur Braun- 
erdebildung. Relikte glazialer Bodenstrukturen sind 
außerhalb der jüngsten Vergletscherungszone in Nord- 
westdeutschland nicht selten. 

G. HAGER, Bonn: Die Bedeutung der Hydratation 
der Ionen für die Bodenstruktur. Die Bodenstruktur 
wird durch basische Kalkdüngemittel verbessert, durch 
Kalisalze und Natronsalpeter dagegen geschädigt. 
G. WIEGNER und seine Schüler, vor allem R,. GALLay, 
schließen auf Grund eingehender Untersuchungen, daß 
die verschiedene Hydratation der Kationen die Ursache 
von Strukturveränderungen durch die Salze und Ver- 
bindungen ist. Werden wenig hydratisierte Kationen 
der zeolithähnlichen Bodenteilchen es kommen hier 
vor allem die Ca-Ionen in Frage durch andere stark 
hydratisierte Ionen, z. B. Na-, K- und Mg-Ionen ersetzt, 
wie es bei Meerwasserüberschwemmungen und der 
Düngung mit Kalisalzen und Natronsalpeter der 
Fall ist, gehen die Bodenbestandteile von einer körnigen 
Beschaffenheit über und nehmen 
damit den Charakter eines hydrophilen Kolloids an. 
Diese Anschauung steht aber mit vielen Beobachtungen 
nicht im Einklang. Nach einer Reihe von Versuchen 
setzen Magnesiasalze die Durchlässigkeit der Böden 
trotz der erheblichen Hydratation der Mg-Ionen nicht 
herab, sondern wirken ähnlich wie die Kalksalze er- 
höhend auf sie ein. Der Widerspruch zwischen den 
an sich richtigen Feststellungen WIEGNERs und seiner 
Schüler und den Beobachtungen anderer Forscher ist 
so zu erklären, daß seitens der Züricher Schule die 
Tatsache nicht berücksichtigt ist, daß der Gehalt der 
meisten Böden an zeolithähnlichen Bestandteilen sehr 
mäßig ist, und daß daher auch das Verhalten der an- 
deren Bodenanteile bei Veränderungen der Boden- 
struktur berücksichtigt werden muß. Die vor 10 Jahren 
mitgeteilte Anschauung des Vortragenden, daß 
Peptisation des ganzen Bodensystems infolge negativer 
Aufladung der Ursache der Ver- 
schlechterung des Bodengefiiges durch Kali- und 
Natronsalze ist, scheint um so berechtigter, als das 
Sickerwasser bei solchen Versuchen stets Tonbestand- 
teile in Solform enthält und die wasserhaltende Kraft 
des Bodens zurückgeht. 

S. GOY, Königsberg: Der basenfassende Raum des 
Bodens und die gesetzmäßigen Beziehungen seiner 
Größenelemente. Der Bedarfdes Bodensan Kalk wird ein- 
mal nach dem Säuregrad, das andere Mal nach der Säure- 
menge, welche ein Boden enthält, festzustellen versucht. 


in eine schleimige 


eine 


Bodenteilchen die 


1077 


Bisher waren die genaueren Beziehungen zwischen die- 
sen beiden Faktoren nicht näher bearbeitet. Aus den 
eingehenden Arbeiten des Verfassers und seiner Mit- 
arbeiter MÜLLER und Roos haben sich diese Beziehun- 
gen ergeben. Sie sind gesetzmäßig und zeigen, daß es 
für jeden Boden einen bestimmten basenfassenden 
Raum gibt, dessen Größenverhältnisse sich durch die 
elektrometrische Titration feststellen lassen. Aus dieser 
und den durch sie feststellbaren Beziehungen zwischen 
Basenadsorption und Säurezustand entwickelt der Vor- 
tragende ein neues bodenkundliches Gesetz. 

M. TRENEL und I. WUNSCHIK, Berlin: Über den 
Chemismus der mineralischen Bodenacidität. Der Aus- 
gangspunkt unserer Untersuchungen bildete die durch 
die Japaner Kozaı und DAIKUHARA bekanntgewordene 
Reaktion von Chlorkalium auf gewisse Böden. Die 
Fragestellung meiner achtjährigen Arbeit war die fol- 
gende: Woher stammt das Aluminium und wie kommt 
es in den Chlorkaliumauszug hinein? Die überwiegende 
Mehrzahl der Bodenforscher nimmt an, daß der Boden 
an Stelle der fortgeführten Basen Wasserstoffionen auf- 
nimmt und daß diese Wasserstoffionen gegen das Kalium 
der Chlorkaliumlösung ausgetauscht werden. Die Be- 
antwortung der Frage ist deshalb so schwierig, weil 
der Boden nicht chemisch definiert ist. Aus diesem 


Grunde haben wir den Chemismus der sog. Aus- 
tauschacidität an chemisch definierten Substanzen 


studiert, die im Boden vorkommen, an den Hydraten 


der Kieselsäure und der Tonerde. Durch Behand- 
lung mit verschiedenen Säuren Kohlensäure, Salz- 
säure, Schwefelsäure. Essigsäure, Oxalsäure und 


mit kohlensäurehaltigem Wasser wurde ein selbst- 
erschmolzener Permutit seiner Basen beraubt und in 
verschiedenen Sättigungszuständen auf seine Fähigkeit 
geprüft, mit Chlorkaliumlösung (0,1 und ı m) „Aus- 
tauschacidität‘ zu zeigen. Die Basen wurden ferner 
elektrodialytisch übereinstimmende 
Ergebnis dieser Versuche ist Mit fort- 
schreitender Entbasung zerfällt der Permutit in seine 
Bestandteile. Nach teilweiser Entbasung stellt der 
Permutit im wesentlichen ein @elgemisch aus den Hy- 
draten der Tonerde und der Kieselsäure dar und ist sehr 
wahrscheinlich keine ‚„Permutitsäure‘‘; nach völliger 
Entbasung besteht der Restkörper im wesentlichen aus 
Kieselsäure. 2. Die ‚„Austauschacidität‘ tritt in einer 
o,ı molaren KCL-Lösung bei Zimmertemperatur erst 
ein, wenn der Permutit mehr als die Hälfte seiner Basen 
abgegeben hat. 3. Äquivalenz zwischen der im Filtrat 
gravimetrisch bestimmten und aus der Titration berech- 
neten Tonerde konnte nur in einem Falle festgestellt wer- 
den. Auch in den KCL-Ausschüttelungen, die noch keine 
oder keine saure Reaktion mehr zeigten, wurden Alumi- 
nium- und Eisenoxyde in fast gleicher Höhe wie in den 
sauren Ausschüttelungen bestimmt. Es scheint also 
außerdem Peptisation der Gele durch die Kaliumchlorid- 
lösung vorzuliegen. 4. Da in der KCL-Ausschüttelung 
zwischen K und Cl Äquivalenz besteht, kann weder ein 
direkter Wasserstoffionen- noch Aluminiumionen-Aus- 
tausch angenommen werden. Der Name ‚, Austauschacidi- 
tät‘‘ trifft die Sache nicht. 5. Die Ergebnisse der entspre- 
chenden Versuche mit basenarmen Böden gleichen den 
mit synthetischen Silicaten erhaltenen außerordentlich, 
so daß die Übertragung der aus den Versuchen gezogenen 
Schlüsse auf den Boden nicht unberechtigt erscheint. 
6. Durch die Einwirkung von KCl bzw. NH,CI auf die 
elektrodialytisch gereinigten Gele von Al- und Fe-Oxyd- 
hvdrat tritt bei Zimmertemperatur alkalische Reaktion 
ein. 7. Durch weitere Zugabe von SiO,-Hydratgel, das 
allein mit KCl keine saure Reaktion gibt, wird ,,Aus- 
tauschacidität‘‘ hervorgerufen. 8. Die durch Fällung 


ausgelaugt. Das 
folgendes: I. 





1078 Abteilung: 
mit ,,Natronwasserglas erhaltenen Gelgemische der 
Al- und Fe-Oxydhydrate geben die gleiche Reaktion. 
9. Die ,,Austauschaciditat wird deshalb aufgefaBt als 
rückläufige Umsetzung der Fällung von Al und Fe 
durch Hydroxylionen im Sinne des Gleichgewichts: 
Al(OH), 3 KCl = AICI, 3 KOH 

P. VAGELER, Berlin: Die quantitative Formulie- 
rung der Gesetze des Basenaustausches und ihre prak- 
tische Bedeutung. Aus umfangreichen Versuchen an 


Permutiten und Böden geht hervor, daß der Aus- 
tausch der sorptiv gebundenen Basen gegen einwir- 


kende Kationen unabhängig von der Verdünnung nach 
der Formel 


2«-S 

(1) y aq 8 

verläuft, worin bedeutet: 

x...die Anfangsmenge des einwirkenden Kations in 
Milliäquivalenten, 

y...die im Gleichgewicht ein- oder ausgetauschte 
Ionenmenge, 

S...deninder Unendlichkeit erreichten Grenzwert des 
Vorganges, 

q...den ,,Austauschmodul“ und gleichzeitig den Diffe- 


rentialquotienten der reziprok ausgedrückten obigen 

Gleichung, die dabei lineare Form annimmt. 

Ein- und Austausch verlaufen prinzipiell nicht äqui- 
valent, so daß für jedes System eine besondere Gleichung 
für Eintausch und Austausch besteht. Der Austausch- 
modul g, der die Form der Austauschkurve bedingt, ist 
abhängig von der Zusammensetzung des Sorptions- 
komplexes und der einwirkenden Lösung. Benutzt man 
das Verhältnis des untersuchten Kations zu den Be- 
gleitkationen als unabhängige Variabele, so läßt sich 
die Änderung von q für jedes Kation durch eine hyper- 
bolische Gleichung der Form 


(2) («—-a)(g—b)=C 


sehr gut genähert wiedergeben. Dieser Zusammenhang 
besagt praktisch 1. daß q für jeden Boden und jeden 
Pflanzennährstoff eine individuelle Konstante ist, deren 
Kenntnis das Verhalten Nährstoffes im ge- 
gebenen Boden mit großer Annäherung quantitativ 
zu übersehen gestattet. 2. Daß nur das Lemmermann- 
sche Prinzip der relativen Löslichkeit, deren verall- 
gemeinerter Ausdruck der Austauschmodul ist, eine 
begründete Deutung kolloidchemischer Bodenanalysen 
gestattet, da die absoluten Analysenwerte relativ un- 
wichtig sind. Die bekannten Widersprüche zwischen 
Bodenanalyse und darin 
bestehen, daß sehr häufig trotz hohen absoluten Ge- 
haltes an einem Nährstoff ein Boden dennoch auf diesen 
Nährstoff gut reagiert, werden dadurch weitgehend 
erklärt und erscheinen als logische Konsequenz der 
erörterten Beziehungen. 

J. ROTHE, Königsberg: Das Verhalten des Wassers 
im gedränten Felde. Werden in einem vom Wasser 
allseitig durchnäßten Boden Dränröhren verlegt, so 
erfolgt bei Vorflut ein Abfluß des Wassers in der Weise, 
daß an den Dränröhren der Wassergehalt am geringsten, 
in der Feldmitte am größten ist. Die zwischen den Röh- 
ren sith bildende Wasserkurve kann zur Berechnung 
von Strangentfernungen benutzt werden. Wenn im 
Gegensatz hierzu Untersuchungen größeren 
Wassergehalt an den Dränröhren, einen kleineren in der 
Feldmitte ergeben haben, so läßt sich dieses durch den 
Gang der Niederschläge erklären, so daß Kondensations- 
nicht als Grund angenommen zu werden 


dieses 


Düngungsversuchen, die 


einen 


vorgänge 


brauchen. Schwedische Untersuchungen haben ergeben, 
daß das Dränwasser hauptsächlich in der Oberkrume 





Pharmazie, Pharmaz. Chemie und Pharmakognosie. 


verläuft und in die lockeren Drängräben einsickert. Es 


findet also keine ausgesprochene Ausbildung einer 
Wasserkurve statt. Die erheblichen Schwankungen 
gemessener Dränwasserabflußmengen in kurzer Zeit 


bestätigen, daß der Zufluß nicht gleichmäßig durch den 
Untergrund stattfinden kann. Als Abflußmenge genügt 
im norddeutschen Flachlande die Annahme von 0,5 Sek. 
l/ha. Die Dränabflußmenge beträgt nach schwedischen 
Messungen 26% der jährlichen Niederschläge. 

H. JANERT, Leipzig: Untersuchungen über die Be- 
netzungswärme des Bodens. Die Benetzungswärme, 
die mit einer neuen Apparatur leicht gemessen werden 
kann, liefert einen brauchbaren Maßstab für die Be- 
urteilung des Dispersitätsgrades der Böden. Infolge- 
dessen kann aus der Höhe der Benetzungswärme auf 
andere, wichtige Eigenschaften des Bodens geschlossen 
werden. Namentlich die Erscheinungen, welche auf 
Adsorptionswirkungen zurückzuführen sind, lassen sich 
aus der Benetzungswärme ableiten und berechnen, so 
z. B. die Hygroskopizität und die Kalk-Höchstsättigung 
des Bodens. Zur Berechnung der Strangentfernung bei 
Drainungen wird die Benetzungswärmemessung bereits 
praktisch angewendet. 

Abteilung: Pharmazie, pharmaz. Chemie und Pharma- 

kognosie (Eingeladen Abt. Chemie und Pharmakologie). 

Mittwoch, den 10, September, 10'/, Uhr: Hörsaal des Pharm.-chem, 
Laboratoriums der Universität, Besselstr. 3. 

G. URDANG, Berlin: 100 Jahre Abteilung Phar- 
mazie der Deutschen Naturforscherversammlung. Als 











Gründungsjahr der Abteilung Pharmazie der Ver- 
sammlung Deutscher Naturforscher und Arzte wird 


endgültig 1830, als Gründungsort Hamburg festgestellt. 
Das Schicksal der Abteilung während des seit ihrer 
Gründung verflossenen Jahrhunderts wird geschildert, 
eine Übersicht über die wesentlichsten Vorträge und 
Redner gegeben und an Hand des dargelegten Materials 
die Frage nachgeprüft, welche Bedeutung der Abteilung 
Pharmazie im Rahmen der Naturforscherversamm- 
lungen, für die pharmazeutischen Wissenschaften und 
schließlich für den deutschen Apothekerstand beizu- 
messen ist. Es wird der Nachweis geführt, daß der 
Versammlungszweck des Sichkennenlernens der maß- 
geblichen Männer der wissenschaftlichen Pharmazie 
ebenso erreicht wurde wie die als weiteres Ziel der 
Naturforschertagungen anzusehenderepräsentative Dar- 
bietung der auf diesem Sondergebiete geleisteten natur- 
wissenschaftlichen Arbeit. Zugleich wird festgestellt, 
daß durch die Abteilung Pharmazie die Wissenschaften 
der Pharmazie gefördert und der deutsche Apotheker- 
stand gegenüber den auf den Naturforscherversamm- 
lungen vertretenen Disziplinen aufs vorteilhafteste re- 
präsentiert wurde. 

C. MANNICH, Berlin-Dahlem: Über Digitalisstoffe. 
Nach einem kurzen Überblick über die bisher aus Digi- 
talis purpurea gewonnenen wirksamen Stoffe berichtet 
der Vortragende über neue Glykoside, die er aus Digi- 
talis lanata Ehrh. gemeinsam mit Mons und Mauss 
isoliert hat. Die vier aufgefundenen Glykoside werden 
als Lanata-Glykoside I—IV bezeichnet. Das Haupt- 
glykosid I hat die vermutliche Formel C,,Hg01r 
+4H,0. Es ist optisch aktiv und liefert bei der 
Hydrolyse ein neues mit dem Gitoxin isomeres Genin 
C,,H,,0,, ferner Digitoxose und ein Disaccharid der 
Formel C,,H350,. Das Lanata-Glykosid II scheint eine 
Molekularverbindung zwischen dem vorerwähnten und 
einem anderen Glykosid zu sein, denn bei der Hydrolyse 
werden 2 Genine, das Genin des ersten Glykosides und 
Digitoxigenin erhalten. Das dritte Glykosid stimmt 
mit dem Digitalinum verum von KILIANI so weitgehend 








er 
en 


en 
gt 


en 


1g 
el 





Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft. 1079 


überein, daß an der Identität der beiden Stoffe nicht 
zu zweifeln ist. Das vierte Glykosid ist physiologisch 
nur wenig wirksam. Als Formel kommt C,H30,, in 
Frage. Durch Alkalien läßt es sich in ein isomeres, 
noch weniger wirksames Glykosid umlagern. Bei der 
Hydrolyse entsteht als Zucker ausschließlich Glykose, 
daneben ein schön krystallisierendes Genin, für welches 
die Formel C„H,,0, oder C,,H,50, in Betracht kommt. 
Das kürzlich von SMITH aus Digitalis lanata isolierte 
Digoxin wurde bisher nicht aufgefunden. 

K. W. MERZ, Berlin-Dahlem: Über die pharmako- 
logischen Eigenschaften neuer Digitalisstoffe. Die vier 
neuen aus Digitalis lanata Ehrh. von C. MANNICH und 
Mitarbeitern (s. vorstehendes Referat) isolierten Glyko- 
side und ihre Genine wurden am isolierten Froschherzen 
untersucht. Das Hauptglykosid (I) ist von annähernd 
derselben Wirkungsstärke wie Digitoxin, läßt sich aber 
im prinzipiellen Gegensatz zu diesem vollkommen aus- 
waschen. Auch das Glykosid III (Digitalinum verum) 
ist leicht auswaschbar. Die beiden anderen, schwächer 
wirksamen Glykoside sind nur schwer bzw. kaum aus- 
waschbar. Die Genine verhalten sich teilweise wie die 
der bereits aus Digitalis purpurea isolierten Glykoside, 
teilweise überwiegt die negativ tonotrope Wirkung 
maximal. Die Befunde werden kurz diskutiert und in 
Beziehung zu den bei Digitalis purpurea erhobenen ge- 
bracht. Die wichtigsten Kurven werden projiziert. 


Im Anschluß hieran Sitzung der Abteilung Pharmazie /ür sich. 


H. KAISER, Stuttgart: Über neuzeitliche Unter- 
suchung und Beurteilung des Harns in Apotheken 
Die Fortschritte in physikalischer und Kolloid-Chemie 
zwingen, derartige Methoden immer mehr in den Dienst 
einer zeitgemäßen Harnanalyse zu stellen. Im Vorder- 
grund steht die Wasserstoffionenkonzentration, die von 
besonderer Bedeutung bei der Eiweißbestimmung ist, 
ganz gleichgültig, ob es sich um qualitative oder quanti- 
tative Bestimmungen handelt. Bei den Reduktions- 
methoden müssen die störenden Nicht-Zucker-Sub- 
stanzen von der Mitbeteiligung an der Reaktion aus- 
geschaltet werden. Auf dem Gebiet des Nachweises 
der Azetonkörper muß eine vollständige Umstellung 
erfolgen, denn die meisten bisherigen Reaktionen und 
die darauf gegründeten Befunde hatten nur eine schein- 
bare Richtigkeit. Von neueren Methoden darf z. B. die 
des Harnstoffs mit Xanthydrol nicht unerwähnt bleiben. 
Für Gallenfarbstoff- und Indicannachweis sind ver- 
altete und zweifelhafte Methoden auszuschalten. Be- 
sondere Beachtung verdient die Untersuchung des 
Harnsedimentes, wobei sich zweckmäßige Färbe- 
methoden sehr günstig auswirken können. Nicht zu- 
letzt beansprucht die Untersuchung der Harnkonkre- 
mente eingehendere Bearbeitung. 

W. PEYER, Halle a. S.: Über eine neue Zingi- 
beraceendroge, Temoe lawak. Die im Holländischen 
Arzneibuch IV 1926 offizinelle Rhizoma Curcumae 
Javanicae erfreut sich auf Grund einer Empfehlung 
von GÜRBER, Marburg, einer Beachtung gegen Gallen- 
leiden. Früher wurden falsche Stammpflanzen genannt. 
Es kommt allein Curcuma domestica in Frage; Heimat: 
der Malaiische Achipel. Die Anatomie der Droge wird 
eingehend beschrieben und festgestellt, daß (geringe) 
anatomische Unterschiede gegenüber anderen Curcuma- 
rhizomen vorhanden sind. Weiter werden chemische 
Konstanten festgelegt im Vergleich mit anderen Zingi- 
beraceendrogen. 

W. PEYER, Halle a. S.: Uber eine neue insekticid 
wirkende Droge, Derris elliptica. Die Wurzeln von 
Derris elliptica (Leguminosae) stammen vom Malai- 
ischen Archipel und führen dort den Namen Tubawurzel 





oder Aker Tuba neben verschiedenen anderen Namen. 
Die Wurzel wird beschrieben, ebenso ihre Anatomie. 
Die bei der chemischen Untersuchung gefundenen 
Zahlen, ebenso wie die Ergebnisse der Untersuchung 
unter der Analysenquarzlampe werden festgelegt. Als 
Inhaltsstoffe sind bisher bekannt: Derrin, Derrid und 
Rotenon. Außerdem ist noch vorhanden: Gerbstoff 
und ein mit Wasserdämpfen flüchtiger Stoff. Die wirk- 
samen Inhaltsstoffe sind in Wasser wenig löslich, aber 
in organischen Lösungsmitteln. Einzelne Verfahren zur 
Herstellung von Insektenvertilgungsmitteln aus der 
Droge sind bereits gesetzlich geschützt. Vortragender 
empfiehlt, Versuche anzustellen, inwieweit ein Petro- 
leumauszug, der am billigsten herzustellen ist, als Ver- 
tilgungsmittel für tierische und pflanzliche Schädlinge 
Verwendung finden kann. Auch Benzol kommt in 
Frage. 

R. FISCHER, Innsbruck: Zum Nachweis des Nipa- 
gins und ähnlicher Konservierungsmittel. 

L. KOFLER, Innsbruck: Die Beurteilung von Rhi- 
zoma Filicis. Die in der Literatur allgemein ver- 
breitete Ansicht, daß die im Gebirge gesammelte Farn- 
wurzel der Droge in der Ebene und daß die Herbstdroge 
der Frühjahrsdroge überlegen sei, wurde in gemeinsam 
mit E. MÜLLER durchgeführten Versuchen nachgeprüft. 
Bei 22 im Herbst an verschiedenen Orten im Gebirge und 
in der Ebene gesammelten Drogen wurde der Extrakt- 
und der Rohfilicingehalt bestimmt und eine biologische 
Prüfung an Fischen durchgeführt. Ein Einfluß des 
Standortes auf den Wert von Rhizoma Filicis ließ sich 
dabei nicht erkennen. Sechs im Frühjahr gesammelte 
Farnwurzeln standen an Wert den an den gleichen Orten 
im Herbst geernteten Drogen nicht nach. Von den 
22 im Herbst vorschriftsmäßig gesammelten Rhizoma 
Filicis erreichten nur drei den vom D.A.B. 6 vorge- 
schriebenen Extrakt- und Rohfilicingehalt. Dieses 
Ergebnis läßt die Forderung des D.A.B. 6 als zu hoch 
erscheinen. Bei sechs zum Vergleich herangezogenen 
alten Drogen war die Wirkung auf Fische wesentlich 
schwächer als bei den frischen Drogen, während der 
Rohfilicingehalt kaum einen Unterschied zeigte. Beim 
Altern von Rhizoma Filicis scheinen Veränderungen 
vor sich zu gehen, die sich besser an der verringerten 
Giftwirkung gegenüber Fischen als an einer Änderung 
im Extrakt- oder Rohfilicingehalt erkennen lassen. 


Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft. 


Mittwoch, den 10, September, 15 Uhr: Hörsaal des Pharm.-chem. 





Laboratoriums der Univ., Besselstr. 3. 


TH. SABALITSCHKA, Berlin-Steglitz: Uber die 
Verwendung der p-Oxybenzoesäureester bei der Sterili- 
sation und Desinfektion. Die Alkylester der p-Oxy- 
benzoesäure zeigen beim Dauerversuch im künstlichen 
Nahrmedium ein starkes Vermögen, die Entwicklung 
von Mikroorganismen zu verhindern. Dieses Vermögen 
nimmt mit ansteigender Alkylgröße erheblich zu. Die 
Ester der höheren aliphatischen Alkohole und auch der 
Benzylester betätigen beim Keimträgerversuch auch 
eine praktisch verwertbare, abtötende Wirkung gegen- 
über Mikroorganismen. Diese beiden Wirkungen gehen 
auch nicht verloren bei Überführung der Ester in ihre 
Alkaliphenolate, während doch z.B. bei der Salicyl- 
säure die entwicklungshemmende und abtötende Wir- 
kung gegenüber Mikroorganismen bei Überführung in 
die Alkalisalze aufgehoben wird. Die Ester der p-Oxy- 
benzoesäure und ihre in Wasser leicht löslichen Alkali- 
verbindungen sind somit verwendbar zur Sterilhaltung 
wie auch zur direkten Sterilisation, ferner zur Des- 
infektion. Die Ester erwiesen sich bei eingehender 
pharmakologischer Prüfung ganz ungiftig für den Men- 








1080 


schen. Daher eignen sich die Ester und ihre Alkali- 
verbindungen bei der Unterdriickung der Entwicklung 
von Mikroorganismen in pharmazeutisch oder medi- 
zinisch angewandten festen und fliissigen Materialien, 
wie auch bei der direkten Sterilisation solcher Materia- 
lien; sie lassen sich ferner zu desinfizierenden Prapa- 
raten verarbeiten und finden in der Zahnheilkunde als 
Dauerdesinfiziens fir Zahn- und Wurzeleinlagen Ver 
wendung. 

K. BODENDORF, Berlin-Dahlem: Uber Gewinnung, 
Anwendung und Nachweis von Methylalkohol und Iso- 
propylalkohol. Die synthetische Gewinnung von Äthyl- 
alkohol aus Äthylen oder Acetylen besitzt kaum mehr 
praktische Bedeutung, da diese Verfahren im Vergleich 
zum Gärungsverfahren zu unwirtschaftlich sind. Da- 
gegen gewinnt die Methanolsynthese immer mehr an 
Bedeutung. Für die Hydrierung von Kohlenoxyd zu 
Methanol gibt es eine große Zahl wirksamer 
Katalysatoren. Das Verfahren läßt sich auch so leiten, 
daß neben Methanol benzinähnliche Kohlenwasserstoffe 
entstehen. Solche Mischungen sind als Betriebsstoffe 
wertvoll. Methylalkohol spielt große 
Rolle als Lösungsmittel; pharmazeutisch ist er seiner 
Giftigkeit wegen kaum zu verwenden. In dieser Hin- 
sicht könnte Isopropylalkohol von Wichtigkeit werden. 
Isopropylalkohol ist durch Hydrierung von Aceton 
leicht zugänglich, während dieses entweder aus Calcium- 
acetat oder neuerdings katalytisch aus Acetylen und 
Wasserdampf in hoher Ausbeute erhalten werden kann 
Für den Nachweis beider Alkohole wird auf die be- 
kannten Methoden verwiesen. 


sehr 


weiterhin eine 


Deutsche Mineralogische Gesellschaft. 
Tagung vom 11.—13. September. 
Die Themen der Vorträge sind der Schriftleitung zu spät 
be kanntge worden, als daß noch Re jerate hätten einge fordert 
werden können 

A. JOHNSEN, Berlin: Neue Eigentümlichkeiten des 
Sylvins. 

K. SCHLOSSMACHER, Königsberg i. Pr.: Absorp- 
tionsmessungen mit Photozelle und Hochvakuum- 
thermoelement. 

C. H. EDELMAN, Amsterdam: Mineralogische 
Untersuchungen von Sediment-Gesteinen. 

E. BAIER, Tiibingen: Optik der Edelopale. 

L. GOEBEL, GieBen: Radioaktive Zersetzungs- 
erscheinungen am Fluorit. 

H. SEIFERT, Berlin: Uber Struktur und Aufwach- 
sungen an Salzen des Typus RPF,. 

F. BERNAUER, Berlin-Charlottenburg: Vulkano- 
logische Beobachtungen auf den Liparischen Inseln. 

F. LAVES, Géttingen: Ebenenteilung, Raumteilung 
und Koordinationszahl. 

FR. BUSCHENDORF, Clausthal: Genetische und 
krystallographische Betrachtungen iiber einige rezente 
Barytbildungen. 

G. MENZER, Berlin: Uber die Krystallstruktur des 
Eulytins. 

C. SCHUSTERIUS, Berlin-Dahlem: Die Bestim- 
mung der Dimensionen der C10,-Gruppe in Perchloraten 
durch absolute Intensitätsmessungen. 


Abteilung: Geographie (gleichzeitig Deutsche Geo- 
graphische Gesellschaft). 


Septembr 15 Uhr: Hörsaal des Ge 
Instituts der Universität 
S. PASSARGE, Hamburg: Das Problem wissen- 
schaftlicher Landschaftsbeschreibungen und deren Be- 
deutung für die geographischen Einzelwissenschaften und 
Nachbarwissenschaften. Eines der wichtigsten Probleme 


Wontagq, den 8 gra phischen 





Deutsche Mineralogische Gesellschaft. — Abteilung: Geographie. 


der geographischen Wissenschaften ist in der Gegen- 
wart das Problem von geniigenden 
Landschaftsbeschreibungen. Dieses wird z. B. in sehr 
origineller Form und ausführlich von GRANO behandelt. 
Es sollen in dem Vortrag die verschiedenen Methoden 
landschaftskundlicher Beschreibung gebracht und dar- 
gelegt werden, daß eine wissenschaftliche Landschafts- 
beschreibung die Aufgabe hat, bis in alle Einzelheiten 
mit Hilfe von Zeichnungen, Kartenskizzen und Photo- 
graphien die charakteristischen Wesenszüge festzulegen. 
Es wird dann gezeigt, daß eine solche, wissenschaft- 
lichen Ansprüchen genügende Landschaftsbeschreibung 
nicht nur für die verschiedenen geographischen Einzel- 
wissenschaften, sondern auch für die Nachbarwissen- 
schaften, namentlich für Botanik, Zoologie, Völker- 
kunde, Nationalökonomie, Klima- und Bodenkunde 
eine grundlegende Bedeutung besitzt. 

FRENZEL, Hamburg: Landschaftskunde des Elb- 
sandsteingebirges. 

W. WRAGE, Hamburg: Lassen sich die Grundsätze 
landschaftskundlicher Darstellung auf das Wattenmeer 
übertragen? Es soll in dem Vortrage gezeigt werden, 
daß sich die Grundsätze landschaftskundlicher Dar- 
stellung auch auf das Wattenmeer anwenden lassen, 
das in mancher Hinsicht von den Landschaften des 
festen Landes abweicht. Als Beispiel wird ein be- 
stimmtes Wattgebiet kurz besprochen. Andere Watt- 
landschaften werden zum Vergleich herangezogen. Die 
Hauptergebnisse landschaftskundlicher Betrachtung der 
Wattengebiete werden erwähnt und die Bedeutung einer 
derartigen Biologie, 
Wasserbau und Landgewinnung kurz angedeutet. Als 
Anschauungsmittel Kartenskizzen, Photo- 
graphien und schematische Zeichnungen verwandt. 

K. O. BORNER, Hamburg: Die Bedeutung der 
Landschaftskunde fiir die prahistorische Forschung, er- 
läutert an den Verhältnissen im Ratzeburger Seengebiet. 
Ein wichtiges Problem der Landschaftskunde ist das 
Verhältnis von Landschaft und Mensch, das sich in 
der prähistorischen Forschung als umfassende Abhängig- 
keit von der vorzeitlichen Landschaft darstellt. In dem 
Vortrage wird die Rekonstruktion der Urlandschaft um 
Ratzeburg auf landschaftskundlicher Grundlage ver- 
sucht werden, um ein Bild von der Lebensgestaltung 
und Charakterentwicklung des vorgeschichtlichen Men- 
schen zu gewinnen. 


wissenschaftlich 


Betrachtungsweise für Geologie, 


werden 


Dienstag, den 9. Septembar, 15 Uhr: Hörsaal des Geographischen 
Instituts der Universität. 


A. MARKOW, Königsberg: Die wirtschaftliche 
Rayonierung der Sowjetunion. Seit der Revolution 
vom Oktober 1917 ist es in Rußland Mode geworden, 
von der wirtschaftlichen Rayonierung des Landes zu 
Sie ist zu einem Arbeitsproblem aller Staats- 
sich 
Ein- 


sprechen 
und öffentlichen Organe geworden und befindet 
im Gegensatz zu’ der 
teilung Rußlands, die Peter I 
Die damalige Einteilung Rußlands war rein fiskalischer 
Natur bildete die Einteilung Rußlands in 
wenige Gouvernements eine Art Vorarbeit zu einer all- 
Volkszählung, um die Steuerfähigkeit der 
Bevölkerung festzustellen. Erst im Laufe des 19. Jahr- 
hunderts hat sich die Wissenschaft der Rayonierung 
Rußlands nach administrativen 
Gebieten Jahre 
Ein- 
teilung bestehen, welches auf administrativ-polizeilichen 


administrativ-territorialen 
durchzuführen begann. 


Später 
gemeinen 
wirtschaftlichen und 


Aber es bleibt bis zum 
administrativ-territorialen 


angenommen 
1917 das System deı 
und Fiskalprinzipien aufgebaut war. Sie entsprach da- 
len wirtschaftlichen Bedingungen und 
Nach der 


her keineswegs 


den neuen Aufgaben der Staatsverwaltung. 











Abteilung: Geographie. — Abteilung: Allgemeine Botanik. 1081 


Revolution und Übernahme der Regierung durch die 
Bolschewisten wurde der Versuch unternommen, eine 
wirtschaftliche Rayonierung der Sowjetunion durchzu- 
führen, die in engem Konnex mit der gesamten Wirt- 
schaftspolitik des jetzigen Rußlands und seiner Plan- 
wirtschaft steht. Die bolschewistische Regierung ging 
von dem Standpunkt aus, daß die Zahl der Gouverne- 
ments, die bis zum Jahre 1917 101 betrug, unbedingt 
verringert werden müßte. Die neue Wirtschaftspolitik 
hat eine weitere Vereinfachung und Verbilligung des 
außerordentlich angeschwollenen Apparates im Auge. 
Territorien, welche verschiedenen administrativen Ge- 
bieten zugeteilt wurden, aber wirtschaftlich zueinander 
gravitieren, müssen auch zusammengelegt und nicht 
künstlich auseinandergerissen werden. Die neue Ein- 
teilung des russischen Reiches soll nunmehr nach der 
Konzentrierung der Industrie, nach der Konzentrierung 
der technischen Kulturen, nach der Gravitierung der 
Bevölkerung zu kleinen industriellen Punkten erfolgen. 
Auch der Zustand der Kommunikationswege und eben- 
falls die Größe der Bevölkerung und die nationale Zu- 
sammensetzung derselben darf nicht außer acht ge- 
lassen werden. Das Rayonierungssystem des jetzigen 
Rußlands ist nicht ein interressortliches der einzelnen 
Behörden, sondern trägt allgemein staatlichen Charak- 
ter, sucht alle Gebiete der Wirtschaft oder Verwaltung 
zu ergreifen und will organisch die Theorie mit der 
Praxis in Einklang bringen. Die Frage der Rayonierung 
wird im jetzigen Rußland in engste Verbindung mit 
der Frage der Elektrifizierung des gesamten russischen 
Reiches gebracht. Bei Besprechung der einzelnen 
Rayons resp. Gebiete werden die nationalen Eigen- 
schaften und Eigentümlichkeiten sowie die klimati- 
schen, geologischen und Bodenverhältnisse der betref- 
fenden Rayons berücksichtigt, wobei sich ergibt, daß 
Rußland bei seiner Rayonierung von anderen Gesichts- 
punkten ausgehen muß als das Ausland. 

B. PLAETSCHKE, Königsberg: Landschaftskunde 
des nordöstlichen Kaukasus. Am Nordostabhange des 
Kaukasus sind drei voneinander scharf geschiedene 
Landschaften zu unterscheiden, die an drei ebenso klar 
ausgeprägte Höhenstufen gebunden sind. Es sind dies: 
1. die niederen, aus weichen tertiären Gesteinen be- 
stehenden, laubwaldbedeckten Vorberge, bis 1200 m 
hoch; 2. das ausgedehnte, durchschnittlich 2500 m 
hohe, kahle Kalkgebirge, das sich unvermittelt aus den 
Vorbergen erhebt und am Nordrande leicht verkarstet 
ist; 3. das Hochgebirge der dunkeln alten Tonschiefer 
mit alpinem Charakter. Von entscheidendem Einfluß 
auf die Ausgestaltung des Landschaftsbildes sind die 
klimatischen Gegensätze zwischen dem feuchten Außen- 
rande und den trockenen inneren Gebirgsgegenden. 
Entsprechende Unterschiede bestehen zwischen den 
verschiedenen Landschaften auch in kultureller Be- 
ziehung. In den Vorbergen hat russischer Hausbau 
und russische Siedlungsanlage Eingang gefunden. Im 
Kalkgebirge wohnt man in flachdachigen Häusern; die 
Siedlungen sind terrassenartig am Berghange angelegt. 
In den Hochgebirgstälern, in denen die Blutrache noch 
besonders stark herrscht, bilden die festungsartigen 
Gehöfte mit Wehr- und Wohntürmen einen charakte- 
ristischen Zug im Landschaftsbilde. Die enge Ver- 
bundenheit zwischen Landschaft und Kulturentwick- 
lung läßt sich jedenfalls im Nordostkaukasus besonders 
gut beobachten. 

W. KRIEG, Hamburg: Das Problem wirtschafts- 
geographischer Karten auf landschaftskundlicher Grund- 
lage, erläutert an dem Meßtischblatt Tann i. d. Rhön 
und der Pyrenäenhalbinsel. Der in einer wirtschafts- 
geographischen Gesamtkarte darzustellende Tatsachen- 


schatz ergibt sich aus dem Inhalt des wirtschaftsgeo- 
graphischen Gebietes: Darstellung und kausale Er- 
gründung der Wechselbeziehungen zwischen der Natur 
und dem wirtschaftenden Menschen. Keineswegs dür- 
fen, wie es zumeist der Fall ist, in der Karte die Elemente 
der Landschaft fehlen oder zurücktreten, zugunsten 
Daten des Handels und des Wirtschaftslebens. Viel 
mehr bilden sie einen integrierenden Bestandteil des 
Kartenbildes. Zur Darstellung des ganzen Komplexes 
wird eine neue Methode der Kartierung angewandt, 
die von der bisher üblichen Darstellungsweise wesent- 
lich abweicht. Es wird versucht zu zeigen, daß durch 
diese Methode sowohl eine Erweiterung des Karten- 
inhaltes als gleichzeitig auch eine Hebung der Über- 
sichtlichkeit des Kartenbildes erzielt werden kann. 

G. TITTELBACH, Hamburg: Landschaftskundlicher 
Überblick über die Insel Tenerife und das Problem des 
Landschaftsblockes. Tenerife gilt schon seit Alex. 
v. HuMBOLDT als das Beispiel für die Einwirkung verti- 
kaler Erhebung auf klimatische und pflanzengeogra- 
phische Faktoren. Die landschaftskundliche Betrach- 
tung, die jene Faktoren mit den topographisch-geo- 
logischen vereint, läßt vier Landschaften erkennen: 
das selbständige Anagagebirge im Nordosten der Insel, 
die Nord-, die Südabdachung des Piks und das zentrale 
Caldera-Hochgebirge. Sie werden in dem Vortrag cha- 
rakterisiert. — Die gewaltige Erhebung auf kleinem 
Raum schafft eine reiche landschaftliche Gliederung. 
Klimatische Unterschiede bestehen noch zwischen klei- 
nen Landschaftseinheiten. Salzsteppen- bis Wüsten- 
klima einerseits, Waldklima andererseits herrscht in 
verschiedenen Teilen der Fußstufe, so daß man zur 
landschaftskundlichen Charakterisierung Tenerifes ohne 
den Begriff des ‚„Landschaftsblockes‘‘ nicht auskom- 
men kann. 


Abteilung: Allgemeine Botanik. 
Mittwoch, den 10. September, 15 Uhr: Hörsaal des Botan. Instituts 
der Universität, Besselplatz 3. 


C. MEZ, Königsberg i. Pr.: Der Königsberger 
Stammbaum des Pflanzenreichs. Vorgelegt werden die 
beiden aufeinanderfolgenden Fassungen des Stamm- 
baums von 1924 und 1929, demonstriert durch die bei- 
den lithographischen Tafeln. Es werden die Unter- 
schiede besprochen und besonders auf die neu erfolgten 
serodiagnostischen Ausarbeitungen der Phaeophyceales, 
Rhodophyceales und Musci frondosi hingewiesen sowie 
die Einfügung zahlreicher Familien in anderen Ver- 
wandtschaftsgruppen gezeigt. Anschließend werden 
morphologisch - entwicklungsgeschichtliche Begrün- 
dungen für die serologisch gefundenen Abzweigungen 
des Stammbaums gegeben. Begründung des Anschlusses 
der Schizophyceales an die primären Bakterien; Be- 
gründung der Ablehnung der Flagellaten als Stamm- 
formen der Familien der höheren Algen; Abzweigung 
der Äste der Heterokonten, der Phaeophyceen und der 
Rhodophyceen von den Ulotrichales; Weiterentwick- 
lung der Polyergidales zu den Oomyceten; Anschluß 
der Hepaticae an die Chlorophyceales; Anschluß der 
Ranales an die niederen Pinaceae; Anschluß der Ro- 
sales an die Ranales; Ursprung der Centrospermae; 
Ursprung des Columniferen-Astes; Begründung der 
Polyphylie der Sympetalae. 


H. ZIEGENSPECK, Königsberg i. Pr.: Diagram- 
matik des Columniferenastes der Dikotylen. Es soll 
an der Hand von stehenden und laufenden Lichtbildern 
versucht werden, die Entwicklung der Diagrammatik 
des ganzen Astes klarzulegen, wie er sich aus einer Ent- 
wicklung aus Proparietalen zu Malvales, Gruinales, 











Abteilung: Allgemeine Botanik. — 


1082 


Euphorbiales, Terebinthinales, Rhamnales und Ericales 
ergibt. 

FR. STEINECKE, Königsberg i. Pr.: Entwicklungs- 
reihen innerhalb des Heterokonten-Astes der Algen. 
Die an fädige Chlorophyceen anschließenden Heterokon- 
ten stellen mit ihren Deszendenten denjenigen Algenast 
dar, der die weitgehendsten Reduktionen aufweist. 
Innerhalb der Heterokontae kommt es zu einem Verlust 
des Fadenverbandes und zu einem Verharren im Cysten- 
zustand oder im beweglichen Schwärmerzustand. Diese 
höheren Heterokonten sind der Ausgangspunkt für 
eine Anzahl von Entwicklungsreihen. Die Diatomeae 
sind als Zygocysten aufzufassen; die pennaten Diato- 
meen haben als Kinozygocysten eine besondere Art der 
Bewegung ausgebildet. Die anderen Entwicklungs- 
reihen stellen die als Flagellaten bezeichneten einzelligen 
beweglichen Algen dar. Diejenigen Flagellaten sind 
als primär zu betrachten, die Chromatophoren führen 
und zeitweise in den palmelloiden Zustand zurück- 


gehen. Die farblosen Formen mit heterotropher Er- 
nährung sind dagegen abgeleitet. Derartige abge- 


leitete Flagellaten bilden in den verschiedenen Unter- 
ästen den Übergang zu animalischen Formen. Das 
Tierreich ist danach als polyphyletisch anzusehen. 

K. KONOPKA, Königsberg i. Pr.: Die Rolle des 
Zellkerns bei Sekretion, Verdauung und Reizbewegung 
von Drosera. Die bei experimentellem Eingriff in den 
Tentakelköpfchen zu beobachtenden karyologischen 
Phänomene, wie Verlagerung, Kontraktion, Amöboidie, 
Membranlosigkeit, Herausbildung von Chromosomen 
und Chromatinschleifen, Abbau der Nucleoli und der 
bisher fälschlicherweise mit Prochromosomen bezeich- 
neten kleinen ‚‚Randnucleolen‘‘ deuten auf einen deter- 
minierenden Einfluß der Kerne hin, denen z.B. im 
Drüsengewebe vor allem die Funktion, Fermente bzw. 
Profermente zu bilden, zufallen wird. Auch bei den 
Krümmungsbewegungen, die in erster Linie auf 
Schwankungen der Turgescenz bzw. Permeabilitat 
beruhen, ist den Kernen ein überragender Einfluß bei- 
zumessen. Eigenartige Reizerscheinungen weisen auch 
die Kerne der ungestielten Trichome auf, welchen offen- 
bar die Bedeutung von Hydatoden zukommt. Verschie- 
dene Anzeichen lassen klar erkennen, daß der Pollen 
eine natürliche Nahrungsquelle für Drosera bildet. Be- 
achtenswert erscheint die Tatsache, daß die Tracheiden 
des Drüsenkopfes bekernt sind. 

G. FLIEGEL, Königsberg i. Pr.: Die Kuhnschen 
Bakteriophagen. Pu. KuHun veröffentlichte 1919 
Beobachtungen, die ihn zur Annahme eines in den 
Bakterien lebenden Parasiten bestimmten. Er nannte 
ihn Pettenkoferia und stellte über den Entwicklungs- 
zyklus des Parasiten eine Hypothese auf, nach der 
mikroskopisch noch sichtbare Körnchen in 
den Bakterienleib eindringen, sich vermehren und ihn 
Die Pettenkoferien verlassen das ausgefres- 
sene Stäbchen, um sich zu amöbenartigen Gebilden, den 
A-Formen, zu entwickeln, die über Cystenbildungen zu 


winzige 


zerstören 


dem körnchenförmigen Ausgangsstadium zurück- 
führen Die Königsberger Schule MEZz-ZIEGENSPECK 
übernahm diese Anschauungen und erweiterte aufGrund 


eines umfangreichen Tatsachenmaterials die Kunnsche 
Hypothes« M 
ubtilis und my 
Azotobacter und L 


Koch untersuchte hauptsächlich Bac. 
Vortragender Bact. coli, WILKE 
BorM einen Stickstoffbindner 


coides 


aus 


Alnus. Die Ergebnisse veranlaßten uns, in den Petten 
koferien einen den Myxomyceten nahestehenden 
Organismus zu erblicken Wie in Diapositiven von 


Mikrophotogrammen in 30— 1300facher Vergrößerung 
konnte Vortragendeı 


Wirtsverlassen 


werden wird Vorgänge 


gezeigt 


festhalten, die als mit anschließender 





Abteilung: Vererbungswissenschaft. 


Bildung großer Symplasmen und darauffolgende Frucht- 
körper- und Dauerformbildung gedeutet werden können. 
W. GAUGER, Königsberg i. Pr.: Bakterielle Vor- 
gänge in Wildböden. Dünen, Heiden, Wälder und 
Moore OstpreuBens wurden in verschiedenen Typen 
auf Vorhandensein und Lebenstätigkeit von Boden- 
bakterien Stickstoff-Schwefel- und Kohlenstoff- 
kreislaufes geprüft, speziell von Azotobacter, Nitri- 
fizierern und Denitrifizierern, Bac. chitinivorus, Sulfat- 
reduzierern und Schwefelbakterien, Zersetzern organi- 
scher stickstofffreier Substanzen und von Säurebildnern. 
Die Beziehungen zwischen den betreffenden boden- 
bakteriologischen Tatsachen und der Physiognomie 
der ostpreußischen Wildböden wurden erörtert, die 
teilweise autotrophe Ernährung mykotropher Pflanzen 
und manche sukzessionsbiologischen Dinge erklärt. 
Auch die Entstehung von Bodensäure ist in erster Linie 
als bakterieller Vorgang anzusehen und wurde auf die 
Zersetzung organischen Materials zurückgeführt. 

H. ZIEGENSPECK, Königsberg i. Pr.: Die Typen 
der deutschen Hochmoore. Es soll an Hand von 
Standortuntersuchungen versucht werden, zu einer 
Einteilung der Hochmoore zu gelangen. Neben anderen 
ist ein sehr wesentlicher Faktor die Beschattung. Viele 
mehr mesotrophe Sphagnen können diese im Gegensatz 
zu den Lichtsphagnen nicht vertragen. Die meso- 
trophen Sphagnen bedürfen mehr der natürlichen 
Feuchtigkeitszufuhr von außen. Es muß daher die 
Hochmoorbildung im Waldschatten zu einem Still- 
stande kommen. Die Folge ist ein Reiserwald, der einen 
„JIrockenhorizont‘ ergibt. Mit dem Fallen der Bäume 
durch Verarmen des Bodens und infolge fehlender Ver- 
jüngung kommen die Lichtsphagnen heraus. In Wech- 
selwirkung mit Wollgras bilden sie Bulte, die den 
Reisern des Calluna neue Besiedlungsmöglichkeit geben. 
Ist die Beschattung durch diese stark, so sterben die 
Sphagnen und wir erhalten das atlantische Heidemoor. 
Das Ende ist ohne Trockenzeit ein Grenzhorizont. Wenn 
infolge von Kahlfrösten die Reiser (Calluna) leiden, dann 
fehlt diese Verheidung bzw. kann sich nur schwächlich 
ausbilden, um extremen Klimaschwankungen zum 
Opfer zu fallen. Wir haben das lebendige Hochmoor 
ohne nennenswerte Heidebildung. Das Hochmoor ist 
das subatlantische. Kommt ein Klimasturz von at- 
lantischem Klima zu subatlantischem, so bildet sich 
ein Grenzhorizont aus, ohne daß damit der Beweis einer 
subborealen Trockenzeit geliefert wäre. Wir müssen also 
vier Trockenhorizonte in Mooren unterscheiden: 
1. Reiserwald, 2. Moorheide, 3. Wirkung von Brand- 
kultur der Umgebung auf das Moor, 4. Trockenzeit- 
horizont. 


Abteilung: 


des 


Vererbungswissenschaft (gemeinsam mit 


Abt. Botanik und Abt. Zoologie). 


Montag, den 8. September, 15 Uhr: Hörsaal IX der Universitit. 





A. BLUHM, Berlin-Dahlem: Über erbliche und nicht- 
erbliche Beeinflussungen der Nachkommenschaft durch 
vaterlichen Alkoholismus. Material: 32 300 
Albino-Mäuse Alkoholisierung nur Ausgangs- 
männchens mittels subcutaner Injektion von 0,2 ccm 
ı5proz. Alkohol. Geprüft wurden die Lebensdauer 
(Überleben bestimmter Altersstufen), das Wachstum, 
die Fruchtbarkeit, Mißbildungen und Degenerationen. 
fiir 
Sauglingssterblichkeit. 


insgesamt 


des 


Ausschlaggebend Beurteilung war 
die den Alk. F, 
deutlich, bei den Alk. F, etwas größer als bei den Kon- 
trollen. In Alk. F, schlug sie in Untersterblichkeit um, 
die bis zu F Trotzdem konnte 
verschiedenen Ergebnis deı reziproken Kreuzungen in 
on Der 


die genetische 


Sie war bei 


3 andauerte aus dem 


7 auf eine Erbschädigung geschlossen werden. 











Abteilung: Vererbungswissenschaft. 1083 


Umschlag, der auch in F, der Kreuzungen auftrat, 
wird, da Auslese und verschiedene Wurfgröße ihn nicht 
genügend erklären, auf eine Abwehrreaktion zurück- 
geführt, die das geschädigte Spermium im Ei auslöst, und 
bei der es im Laufe der Generationen zu einer Anreiche- 
rung von Abwehrstoffen im Plasma kommt (Dauer- 
modifikation). Sie ist spezifisch, nur auf Darmkatarrhe 
gerichtet. Die vorgeburtliche und die Sterblichkeit 
an Lebensschwäche wurde bei den Alk.-Nachkommen 
bis zu F, größer; zwischen 3 und 8 Wochen, wo Darm- 
katarrhe noch eine größere Rolle spielen, etwas geringer 
(Abwehrreaktion), später wieder größer. Allgemeines 
Wachstum und das einzelner Organe bei Alk.-Nach- 
kommen etwas verzögert. Sehr viel mehr Unfruchtbare 
und sehr viel geringere Fertilität; aber gleiche Fekun- 
dität der Fruchtbaren. Kein Unterschied bezüglich der 
Mißbildungen und leichteren Degenerationen; aber 
viel mehr ausgesprochen Verkiimmerte. Nach Ab- 
lehnung anderer Möglichkeiten wird als Sitz der 
Schädigung das X- und Y-Chromosom des Ausgangs- 
männchens neben dem Plasma angenommen. 

A. MÜNTZING, Landskrona (Schweden): Chromo- 
somenvermehrung in Galeopsis-Kreuzungen und ihre 
phylogenetische Bedeutung. Die Galeopsis-Arten speciosa 
Mill. und pubescens Bess. haben die haploide Chromo- 
somenzahl 8. Die morphologisch nahestehenden Arten 
Tetrahit L. und bifida Boenn. haben die doppelte 
Zahl 16. Kreuzungen zwischen den diploiden und 
tetraploiden Arten geben keine lebensfähigen Bastarde. 
Die Kreuzung pubescens x speciosa lieferte in F, unter 
anderem eine triploide Pflanze, die morphologisch 
Tetrahit sehr ähnlich war. Durch Rückkreuzung mit 
der einen Elternart, pubescens, wurde eine tetraploide 
Pflanze, die aus den Genomen der diploiden Eltern- 
arten synthetisiert war, erhalten. Diese Pflanze ist 
aus der Vereinigung einer unreduzierten triploiden 
weiblichen Gamete und einer haploiden männlichen 
hervorgegangen. Die genetischen, zytologischen und 
morphologischen Beziehungen dieser Pflanze zu den 
tetraploiden Arten Tetrahit und bifida werden dis- 
kutiert. 

E. OEHLER, Miincheberg (Mark): Die Ausnutzung 
von Species- und Gattungskreuzungen in der Weizen- 
und Roggenziichtung. Es wurden die Méglichkeiten der 
Kreuzungen der verschiedenen Weizenarten unter- 
einander, der Weizenarten mit Roggen, sowie der Arten 
der Gattung Aegilops mit solchen von Weizen und Rog- 
gen besprochen und auf ihre Ausnutzung für praktische 
Zwecke hingewiesen. Bei allen besprochenen Kreuzun- 
gen wurde besonders auf die zur Kreuzung verwendeten 
Ausgangsarten und Rassen hingewiesen, da die Ansatz- 
verhältnisse je nach Rasse sehr verschieden sein können. 
Die erhaltenen Bastarde wurden morphologisch genau 
beschrieben und ihre Fertilitätsverhältnisse eingehend 
erörtert. Die F, Pf, aus Artkreuzungen zwischen ver- 
schiedenchromosomigen Eltern sowie aller Gattungs- 
bastarde sind im männlichen Geschlecht völlig, im 
weiblichen größtenteils steril, Rückkreuzungen mit den 


Eltern haben in seltenen Fällen Erfolg. Es konnten aber 
schon in großer Zahl F, und F,-Pflanzen aus Weizen- 
Roggen, sowie Aegilops-Weizenkreuzungen gewonnen 
und ihre morphologischen wie Fertilitätsverhältnisse 
genau untersucht werden. Die cytologischen Verhält- 
nisse der Getreideart wie Gattungsbastarde wurden 
ebenfalls besprochen. Ein großes Demonstrations- 
material, namentlich von F,—F,-Bastarden zwischen 
Weizen und Roggen, sowie Aegilops x Weizen konnte 
vorgezeigt werden. 

P. KOENIG, Forchheim: Dauerpräparate für 
Pflanzenzüchtung und Krankheitsforschung. Die erste 
Anregung zur Herstellung von Dauerpräparaten für 
Pflanzenzüchtung und -krankheiten gab ein alter 
ungarischer Atlas mit genauer Wiedergabe der natür- 
lichen Formen von Tabakblättern, mit naturgetreuen 
Farben und mit Einzeichnung von Krankheitsmerk- 
malen. Die Herstellungsweise war sehr teuer und um- 
ständlich, Vereinfachung und Verbilligung des Verfah- 
rens daher erwünscht. Herstellung von Violettbildern 
durch Anfärben der Blattfläche und nachheriges Pressen 
befriedigten nicht. Die ersten Einpressungen natür- 
licher Blätter in Kupferdruckpapier mit einer Vulkani- 
sier- und auch einer Stempelpresse bei Beheizung 
stellte unser Herr REISER her. Sie brachten befriedi- 
gende Ergebnisse. Schöne natürliche Blattpräparate 
wurden mit einer Präparierungspresse (Golddruck- 
presse) mit (durch Gas oder elektrische Kraft) heizbaren 
Platten erzielt. Die natürlichen Farben der Blätter — 
gleichgültig ob grün, gelb, rot oder braun — blieben 
erhalten. Auch die durch Pilze, Bakterien usw. hervor- 
gerufenen Verfärbungen wurden bis in die feinsten 
Einzelfärbungen wiedergegeben. Ich kenne kein Ver- 
fahren, das die Krankheitsbilder so naturgetreu wieder- 
gibt. Die für die Züchtungskunde wichtigen Formen der 
Blätter bleiben getreu erhalten, so daß diese natür- 
lichen Präparate noch nach vielen Jahren in allen 
Abmessungen zu Nachprüfungen verwendet werden 
können und als Züchtungsurkunden von Wert sind. 
Eine weitere für rote und braune Tönungen, besonders 
für Tabakblätter brauchbare Bildherstellungsmethode 
wurde auf Anregung unseres Herrn ScHorr dadurch 
gewonnen, daß das Verfahren ‚Rapid‘, das sonst zur 
Herstellung von Plänen in der Architektur dient, auf 
die Wiedergabe von Blättern angewandt wird. Es ist 
durch Anwendung dieses Verfahrens möglich, große 
Blätter in Naturgröße in dunkelrot und natürlich braun 
zum Preise von 8 und ı2 Pfg. je Bild herzustellen. Das 
eine Verfahren ermöglicht also, die Formen und Farben 
des natürlichen Blattes zu erhalten, das andere Ver- 
fahren gibt die Form als Bild wieder. Schließlich haben 
wir einen Beleuchtungsapparat gebaut, der es erlaubt, 
das Nervensystem bis in die kleinsten Einzelheiten, die 
auch von der empfindlichsten photographischen Platte 
nicht mehr sichtbar gemacht werden, zeichnerisch auf- 
zunehmen. Nervenzeichnungen, von Dr. RAVE ausge- 
führt, werden vorgeführt, ebenso nach Photographien 
mit Tiefenzeichnung sowie kolorierte Photographien. 





Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter: Dr.«Sng. e. h. DR. ARNOLD BERLINER, Berlin W 9. 
Verlag von Julius Springer in Berlin W 9. — Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig